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Geoffenbart der ehrwürdigen Dienerin Gottes, Maria von Jesus zu Agreda
Das glorreiche Hinscheiden Mariae


Immer näher kam der im göttlichen Ratschlusse festgesetzte Tag, an dem die wahre und lebendige Arche des Bundes im Tempel des himmlischen Jerusalem aufgestellt werden sollte, und zwar mit größerer Pracht und lauterem Jubel, als einst ihr Vorbild durch Salomon im Heiligtum unter den Flügeln der Cherubim aufgestellt worden war (3 Kö 8,6). Drei Tage vor dem seligen Hinscheiden Mariae hatten sich die Apostel und Jünger zu Jerusalem im Abendmahlshaus eingefunden. Als erster kam der heilige Petrus an; ein Engel hatte ihn von Rom nach Jerusalem gebracht. Dieser Engel erschien ihm zu Rom und sagte, das Hinscheiden der heiligsten Jungfrau sei ganz nahe, er solle auf Befehl des Herrn dabei gegenwärtig sein. Danach trug er ihn von Italien in das Zönakulum, wo die Königin der Welt einsam in ihrem Betkämmerchen weilte. Die Kräfte ihres Leibes waren denen ihrer göttlichen Liebe etwas unterlegen, denn da Maria ihrem letzten Ziele so nahe war, übte die Liebe ihre Wirkungen mit größerer Kraft an ihr aus.
Maria kam an die Türe der Betkammer, um den Stellvertreter Christi zu empfangen. Sie warf sich auf die Knie nieder, bat um seinen Segen und sprach: "Ich sage dem Allmächtigen Lob und Dank, dass er meinen heiligen Vater zu mir sandte, damit er mir in meiner Todesstunde zur Seite stehe."
Nachher kam der heilige Paulus, dem die Königin entsprechend dieselben Ehrenbezeigungen erwies und auf gleiche Weise ihre Freude über seinen Besuch ausdrückte. Beide Apostel begrüßten Maria als Mutter Gottes, als ihre Königin und Herrin der Schöpfung. Ebenso groß wie ihre Ehrfurcht war auch ihr Schmerz bei dem Gedanken, dass sie zu ihrem seligen Hinscheiden gekommen waren. Nach diesen beiden kamen auch die übrigen Apostel an und die Jünger, welche noch am Leben waren, so dass drei Tage vor dem Tode Mariae alle im Speisesaal zugegen waren. Maria empfing sie mit tiefer Demut, Ehrfurcht und Zärtlichkeit und bat einen jeden von ihnen um den Segen. Diesen gaben sie ihr auch und begrüßten sie mit wunderbarer Ehrfurcht. Johannes sorgte für gastliche Wohnung und Bewirtung. Der heilige Apostel Jakobus der Jüngere half ihm dabei.
Einige der Apostel, die durch den Dienst der Engel herbeigeführt und von diesen bereits unterrichtet waren, wurden aufs tiefste ergriffen und vergossen reichliche Tränen, weil sie nun ihre einzige Stütze und Trösterin verlieren sollten. Andere von ihnen, namentlich die Jünger, wußten vom nahen Tod Mariens noch nichts. Sie hatten von den Engeln keine äußerlich wahrnehmbare Mitteilung empfangen, sondern nur innerliche Einsprechungen und einen lieblichen und Wirksamen Antrieb. Daraus erkannten sie, es sei der Wille Gottes, dass sie alsbald nach Jerusalem reisen sollten. Sie fragten darum Petrus und baten ihn um Aufklärung. Darauf ließ Petrus als Oberhaupt der heiligen Kirche alle Apostel und Jünger zusammenkommen und sprach: "Meine teuersten Söhne und Brüder! Der Herr hat uns aus einer sehr wichtigen und für uns höchst schmerzlichen Ursache von weit entfernten Gegenden nach Jerusalem berufen. Er will seine seligste Mutter, unsere Lehrerin, unser Trost und unsere Stütze, in Bälde auf den Thron der ewigen Glorie erheben. Wir sollen alle bei ihrem seligen und glorreichen Tod zugegen sein. Als unser Meister und Erlöser zur Rechten seines ewigen Vater aufgefahren ist, ließ er uns wohl auch als Waisen zurück. Doch hatten wir an seiner heiligsten Mutter eine Zuflucht und wahren Trost. Jetzt aber wird auch unsere Mutter und unser Licht uns verlassen. Welche Hilfe und welche Hoffnung wird uns nun bleiben, die uns auf unserer Wanderschaft aufrecht erhielte? Ich sehe keine andere als diese. dass auch wir mit der Zeit ihr nachfolgen werden."
Mehr vermochte der heilige Petrus nicht zu sagen. Tränen und Schluchzen erstickten seine Stimme. Auch die übrigen Apostel konnten lange Zeit hindurch nicht antworten. Sie seufzten aus tiefstem Herzen und brachen in Tränen aus. Als Petrus sich wieder gefasst hatte, fuhr er fort: "Meine Söhne, wir wollen jetzt zu unserer Mutter und Herrin gehen und bei ihr bleiben. Bitten wir sie, dass sie uns ihren heiligen Segen hinterlasse." Nun begaben sich alle in die Betkammer Mariae und fanden sie, wie sie auf einem Ruhebett kniete. Alle erblickten sie nun in himmlischem Glanze und von ihren tausend Schutzengeln umgeben.
Seit ihrem 33. Lebensjahr veränderte sich der jungfräuliche Leib Mariae, besonders auch ihr Angesicht, nicht mehr. Sie fühlte keine Wirkung des Alters. An Gesicht und Körper zeigte sich keine Runzel, sie fühlte sich nicht schwach, matt und abgemagert. Diese Unveränderlichkeit war ein der seligsten Jungfrau allein zugestandenes Vorrecht und entsprach der Standhaftigkeit ihrer reinsten Seele; andererseits war sie eine Folge der Bewahrung von der Erbsünde, deren Wirkungen sich auch in dieser Hinsicht weder auf ihren heiligen Leib noch auf ihre reinste Seele erstreckten.
Das Betzimmer Mariae war nun von den Aposteln, Jünger und einigen anderen Gläubigen angefüllt. Die Apostel Petrus und Johnnes hatten sich zu Häupten des Bettes aufgestellt. Maria blickte alle mit gewohnter Bescheidenheit und Ehrfurcht an und sprach zu ihnen: "Meine liebsten Kinder, erlaubet eurer Dienerin, in eurer Gegenwart meine demütigen Wünsche zu äußern." Petrus antwortete, dass alle mit Aufmerksamkeit ihre Worte hören und ihren Befehlen gehorchen wollten; nur möchte sie sich auf ihr Ruhebett niedersetzen. Petrus glaubte, Maria sei durch das lange Knien ermüdet; auch dachte er, die kniende Stellung sei wohl geziemend, wenn sie zum Herrn bete; um aber mit den Aposteln zu reden, solle sie, als Königin aller, sich setzen.
Maria, die Lehrerin der Demut und des Gehorsams, antwortete, sie wolle gehorchen und bitte nun alle um den Trost ihres Segens. Sie stieg vom Ruhebett herab, warf sich vor Petrus auf die Knie und sprach: "Mein Herr und Gebieter, ich bitte dich als Oberhirtin und Haupt der heiligen Kirche, du wollest mir in deinem und in ihrem Namen deinen heiligen Segen geben. Verzeihe mir, deiner Dienerin, dass ich dir in meinem Leben so wenig gedient habe. Gefällt es dir, so erlaube, dass Johannes meine beiden Oberkleider einigen armen Jungfrauen schenke, denen ich für ihre Liebe zu Dank verpflichtet bin." Dann warf sich Maria nieder und küßte unter Tränen die Füße des Stellvertreters Christi. Alle Umstehenden waren voll Verwunderung. Von Petrus ging sie zu Johannes. Auch vor ihm kniete sie nieder und sprach: "In Demut sage ich dir aufrichtigen Dank für die Liebe, mit der du dich meiner angenommen hast. Gib mir nun deinen Segen, damit ich hingehe zur ewigen Anschauung dessen, der mich erschaffen hat."
So fuhr die Mutter fort, Abschied zu nehmen. Die Apostel redete sie einzeln an, auch einige Jünger und zuletzt alle anwesenden Gläubigen. Sie stand auf und richtete folgende Worte an die heilige Versammlung: "Mein lieben Kinder und Gebieter! Ihr seid immer meinem Geist und meinem Herzen eingeschrieben gewesen. Ich habe euch allezeit geliebt mit jener Liebe und Zuneigung, die mein heiligster Sohn mir mitgeteilt hat. Ihn habe ich in euch geschaut als in seinen Auserwählten. Nach seinem heiligen und ewigen Willen gehe ich nun hin in die himmlische Wohnungen. Ich verspreche euch als Mutter, dass ihr mir im klaren Lichte der Gottheit gegenwärtig sein werdet. Ich empfehle euch die Kirche, meine Mutter. Seid besorgt um die Verherrlichung des heiligen Namens des Allerhöchsten, um die Ausbreitung seines Evangeliums. Schätzet immer hoch die Worte meines göttlichen Sohnes, pflegt das Andenken an sein Leben, Leiden und Sterben und die Befolgung seiner ganzen Lehre. O meine Kinder, liebet doch die heilige Kirche und liebet auch einander von ganzem Herzen durch jene Liebe und jenen Frieden, die euer Meister euch allezeit gelehrt hat! Und dir, Petrus, empfehle ich Johannes, meinen Sohn, und alle übrigen Apostel und Gläubigen."
Maria hörte auf zu reden. Ihre Worte durchdrangen wie Pfeile göttlichen Feuers die Herzen der Apostel und aller Anwesenden. Alle brachen in Tränen aus und warfen sich auf die Erde nieder. Mit ihnen weinte auch die Mutter Maria, solch bitterem Schmerz ihrer Kinder wollte sie nicht widerstehen.
Nach einiger Zeit redete sie die Anwesenden noch einmal an und bat, alle möchten ihr und für sie beten. Während dieser Stille stieg das menschgewordene Wort in unaussprechlicher Glorie vom Himmel herab, begleitet von allen Heiligen und unzähligen aus den Chören der Engel. Das Haus des Abendmahlsaales wurde mit Herrlichkeit erfüllt. Maria warf sich anbetend vor dem Herrn nieder und küßte seine Füße. Und hier, zu den Füßen ihres Sohnes liegend, erweckte sie nun den letzten und tiefsten Akt der Selbsterniedrigung und Demütigung ihres ganzen Lebens. Mehr als jemals ein Mensch nach begangener Schuld sich demütigte und demütigen wird, demütigte und erniedrigte sich Maria, das reinste aller Geschöpfe, die Königin der Himmel. Ihr allerheiligster Sohn gab ihr den Segen und sprach dann in Gegenwart der Seligen des Himmels zu ihr folgende Worte: "Meine liebste Mutter, nun ist die Stunde gekommen, in der du das sterbliche Leben und die Welt verlassen und eingehen sollst in meine und meines Vaters Herrlichkeit. Dort ist dir auf ewig der Sitz bereitet zu meiner Rechten. Wie ich bewirkt habe, dass du als meine Mutter frei und unversehrt von jeder Schuld in die Welt eintratest, so hat jetzt, da du die Welt verlässt, der Tod weder die Erlaubnis noch das Recht, dich zu berühren. Willst du nicht durch die Pforte des Todes gehen, so komm mit mir, damit du meiner Glorie teilhaftig werdest, die du verdient hast."
Maria antwortete mit freudestrahlendem Angesicht: "Mein Sohn und Herr! Ich bitte dich, lass deine Mutter und Dienerin wie die übrigen Kinder Adams durch die Pforte des leiblichen Todes unterworfen zu sein, den Tod erduldet. Es ist darum gerecht, dass ich, wie im Leben so auch im Tode dir ähnlich sei." Christus nahm das Opfer und den Willen seiner heiligsten Mutter an. Nun stimmten die Engel in himmlischer Harmonie einige Verse aus dem Hohenliede Salomons und andere neue Gesänge an, die von den meisten Anwesenden vernommen wurden. Über die Gegenwart Jesu hatten nur Johannes und einige andere Apostel besondere Erleuchtung. Alle übrigen empfanden in ihrem Herzen mächtige Gnadenwirkungen. Die Musik der Engel nahmen mit den äußeren Sinnen außer den Aposteln und Jüngern auch viele der anwesenden Gläubigen wahr. Auch verbreitete sich ein himmlischer Wohlgeruch. Er wurde wie die Musik selbst im Freien noch wahrgenommen. Das Haus des Zönakulums erfüllte sich mit wunderbarem Lichtglanz, den alle sehen konnten. Auch geschah es durch die Fügung des Herrn, dass viele Leute aus Jerusalem zusammenströmten, um Zeugen dieses großen Wunders zu sein; ja, die Strasse war von Menschen überfüllt.
Als die Engel ihre Musik anstimmten, ließ sich Maria auf ihr Ruhebett nieder. Ihre Hände waren gefaltet, die Augen unverwandt auf ihren heiligsten Sohn gerichtet. Sie glühte im Feuer seiner göttlichen Liebe. Als nun die Engel aus dem zweiten Kapitel des Hohenliedes die Worte sangen: "Steh auf, eile, meine Freundin, meine Taube, meine Schöne, und komm, denn der Winter ist vorüber" (Hl 2,10.11), sprach Maria dieselben Worte, die ihr heiligster Sohn am Kreuz gesprochen hatte: "In deine Hände, o Herr, empfehle ich meinen Geist" (Lk 23,46). Dann schloß sie ihre jungfräulichen Augen und verschied. Die Krankheit, die ihr Leben nahm, war die Liebe, nicht körperliches Unwohlsein. Der Liebestod erfolgte, als die göttliche Allmacht das wunderbare Einwirken aufhob, durch das sie die leiblichen Kräfte bisher stärkte, damit sie durch die Glut der Liebe nicht verzehrt würden. Sobald aber dieses wunderbare Einwirken aufhörte, zehrte die Liebe die Lebenssäfte auf. Damit erlosch das leibliche Leben.
Die reinste Seele Mariae stieg aus ihrem jungfräulichen Leibe empor zur Rechten ihres allerheiligsten Sohnes, wo sie, mit unermesslicher Glorie umgeben, auf den Thron erhoben wurde. Man bemerkte, wie die Musik der Engel sich nach und nach verlor; denn die Engel und Heiligen begleiteten ihren König und ihre Königin zum empyreischen Himmel.
Der hochheilige Leib Mariae, welcher der Tempel und das Heiligtum des lebendigen Gottes gewesen, war von Licht und Glanz übergossen. Er strömte einen so wunderbaren, himmlischen Wohlgeruch aus, dass alle Umstehenden entzückt und auch ergriffen waren. Die tausend Schutzengel Mariae aber blieben zurück, um den unendlich kostbaren Schatz des Himmels, den jungfräulichen Leib der Gottesmutter, zu behüten. Die Apostel und Jünger vergossen Tränen des Schmerzes und der Freue über die Wunder, die sie gesehen hatten. Sie waren eine Zeitlang wie verzückt. Dann aber sangen sie Hymnen und Psalmen, um ihre nunmehr hingeschiedene Mutter Maria zu ehren.
Dieses glorreiche Hinscheiden fand an einem Freitag nachmittags um drei Uhr statt, zur selben Stunde, in der ihr heiligster Sohn verschieden war. Es war der 13. August, 26 Tage bevor sie ihr 70. Lebensjahr vollendet hätte. Nach dem Tode Jesu Christi lebte sie noch 21 Jahre, 4 Monate und 19 Tage.
Beim Tod der Himmelskönigin ereigneten sich auch große Wunder. Die Sonne verfinsterte und ließ zum Zeichen der Trauer mehrere Stunden ihr Licht nicht mehr strahlen. Beim Abendmahlshaus sammelten sich Scharen von Vögeln und begannen klagend zu singen. Alle, die es hörten, wurden zur Trauer gestimmt. Ganz Jerusalem war in Bewegung. Viele bekannten laut die Macht Gottes und die Größe seiner Werke. Andere waren erstaunt und wie außer sich. Viele Kranke wurden herbeigeführt und alle erlangten die Gesundheit. Die Seelen im Fegfeuer wurden befreit. Das größte Wunder aber war dies: Zur nämlichen Stunde wie Maria starben in der Nähe drei Personen: ein Mann in Jerusalem und zwei Frauen in der Nachbarschaft des Zönakulums. Sie starben alle im Stande der Sünde und Unbußfertigkeit. Als sie vor dem Richterstuhl Christi standen, flehte Maria für sie um Barmherzigkeit. Sie kamen wiederum ins Leben zurück. Darauf besserten sie sich so, dass sie später in der Gnade starben und selig wurden. Dieses Vorrecht galt nur für jene drei, welche zur nämlichen Stunde in Jerusalem verschieden waren.
Lehre der Himmelskönigin
Ich wählte aus freiem Willen den Tod, um das Beispiel meines Sohnes nachzuahmen und ihm ähnlich zu werden. Weil ich ihn den Tod erdulden sah, so hätte ich der ihm schuldigen Liebe nicht entsprochen, wenn ich nicht auch den Tod angenommen hätte. Überdies hätte ich jene vollkommene Gleichförmigkeit mit der heiligsten Menschheit meines Sohnes, welche ich sehnlichst wünschte, bei weitem nicht erreicht, weil ich diesen Mangel später nie mehr hätte ersetzen können. Meine Seele hätte die Fülle jener Freude nicht genießen können, die ich jetzt darüber empfinde, dass ich gestorben bin wie mein Gott und Herr.
Meine Wahl des Todes war dem Herrn sehr wohlgefällig. Die Klugheit und Liebe, die ich dadurch zeigte, bereitete meinem gütigsten Sohn solche Freude, dass er mir zum Lohne ein außerordentliches Vorrecht verlieh. Alle meine Verehrer, die in der Todesstunde mich anrufen und den Herrn bitten, er möge im Hinblick auf mein seliges Sterben ihnen helfen, stehen in jener Stunde unter meinem besonderen Schutz. Ich werde sie vor dem bösen Feinde beschützen, ihnen beistehen und helfen, sie zuletzt vor den Thron der Barmherzigkeit Gottes führen und dort für sie Fürbitte einlegen. Falls sie aber schon vorher in dieser Gesinnung mich anrufen, wird Jesus ihnen reichliche Gnadenhilfen verleihen, um in größerer Reinheit zu leben. Darum, meine Tochter, sei du von heute an stets mit innigster Liebe und Andacht meines Hinscheidens eingedenk. Preise, verherrliche und lobe den Allmächtigen, dass er zu meinen Gunsten und zum Wohle der Sterbenden so verehrungswürdige Geheimnisse an mir wirken wollte. Dann wirst du den Herrn und mich bewegen, dass dir in der letzten Stunde unseren Schutz angedeihen lassen.
Der sicherste Bürge eines guten Todes ist ein gutes Leben, in em man das Herz von der Liebe zum Irdischen ganz und gar losschält. Die Liebe zum Irdischen drückt in der Todesstunde die Seele nieder. Sie hält sie in Ketten gefangen, so dass sie sich nicht über die Dinge erheben kann, die sie in ihrem Leben geliebt hat. O meine Tochter, wie wenig verstehen das die Menschen, und wie sehr handeln sie zuwider! Der Herr gibt ihnen das Leben, damit sie sich von den Wirkungen der Erbsünde frei machen, um ihnen in der Todesstunde nicht mehr unterworfen zu sein. Die unwissenden Kinder Adams aber verwenden ihre Zeit dazu, sich mit neuen Stricken und Fesseln zu beladen, um dann als Gefangene ihrer Leidenschaften und als Sklaven ihres tyrannischen Feindes zu sterben. Ich hatte in der Erbsünde keinen Teil. Ihre Wirkungen hatten auf meine Seelenkräfte keinen Einfluss. Dennoch lebte ich arm und ohne jede Anhänglichkeit an etwas Irdisches. In meiner Todesstunde habe ich gar wohl erfahren, was es um diese heilige Freiheit ist. Meine Tochter, achte auf dieses lebendige Beispiel. Mache dein Herz von Tag zu Tag immer mehr frei, dass du mit den Jahren von allem Sichtbaren losgeschält bist, damit, wenn dich der Bräutigam zur Hochzeit ruft, du nicht erst dich aufmachen musst, um Freiheit und Weisheit zu suchen, die du dann nicht mehr findest.
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