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Der heilige Name "Maria"
Ich sehe Dich in tausend Bildern
MARIA lieblich ausgedrückt
doch kein´s von ihnen kann Dich schildern
wie meine Seele Dich erblickt.
Ich weiß nur, dass der Welt Getümmel
seitdem mir wie ein Traum verweht
und ein unnennbar süsser Himmel
mir ewig im Gemüte steht.
Acht Tage nach der Geburt Mariens versammelten sich ihre Eltern mit den Verwandten in dem bescheidenen Haus. Nach jüdischem Brauch sollte dem anmutigen Kind, das ihnen der Himmel auf ihr inständiges Bitten hin geschenkt hatte, in Gegenwart der ganzen Familie ein Name gegeben werden.
Wenn Gott auch nicht mit äußeren Wunderzeichen auf die Ankunft der allerseligsten Jungfrau aufmerksam gemacht hat, so hatte er doch seit aller Ewigkeit den hehren Namen ausgesucht, den die Mutter des Erlösers tragen sollte. Während Joachim und Anna mit freudiger Ungeduld auf die Erfüllung ihrer Hoffnungen warteten, hatte sie der Engel Gabriel, der große Bote der unendlichen Gnaden, besucht, um ihnen den gebenedeiten Namen zu offenbaren, den der Allerhöchste für ihre Tochter vorgesehen hatte.
Um die Wiege, in der die Himmelskönigin lächelte, kam es denn auch nicht zu langen Beratungen. Die Eltern der allerseligsten Jungfrau ergriffen als erste das Wort und brachten mit aller Entschiedenheit den Willen zum Ausdruck, ihrer Tochter den Namen "Maria" zu geben.
Gott hat in diesem süßen Namen so tiefe Bedeutungen versteckt, dass wir sie hier zum Thema unserer Betrachtungen machen wollen.
Die Exegeten erklären uns, dass Maria an erster Stelle Herrscherin bedeutet. Tatsächlich regiert die Unbefleckte Jungfrau glorreich über die Erde durch den Kult, den wir ihr zollen, und im Himmel durch den Glanz ihrer Macht und ihrer Schönheit. Ihr göttlicher Sohn wollte, dass sich die ganze Schöpfung dem Zepter ihrer Liebe unterwerfe.
Betrachtet jedoch, welch befremdliches Schauspiel uns diese unvergleichliche Königin während ihres sterblichen Lebens bietet. Scheint sie nicht die beiden widersprüchlichsten Extreme in sich zu vereinen? Mit der demütigsten Verborgenheit verbindet sie eine alles Verstehen übersteigende Größe.
Ihr braucht für diese Herrscherin keinen prunkvollen Palast zu bereiten, in dem unzählige Bedienstete aufmerksam ihre geringsten Wünsche vorwegzunehmen versuchen. Sie wohnt in Nazareth in einem weißen, am Hang eines Hügels stehenden Häuschen, das so wenig Komfort zu bieten hat, dass die Ärmsten unserer Tage wohl kaum darin wohnen würden. Diese enge Hütte mit zwei ungleich großen Räumen nimmt kaum fünfzig Quadratmeter ein. Darin wohnt sie mit Josef und Jesus, dem ewigen Gottessohn, der auch ihr Sohn ist, die gebenedeite Frucht ihres Leibes.
Womit aber ist diese unter allen Geschöpfen privilegierte Frau beschäftigt, während der Heiland mit seinem Stiefvater schwere Bretter hobelt? Sie kocht, wäscht und flickt, kümmert sich um die arme Wohnung. Eine wahrhaft befremdende Herrscherin: Sie sieht mehr einer demütigen Dienerin als einer großen Königin ähnlich. Aber sie verrichtet ihre bescheidene Arbeit mit soviel Liebe, dass der Duft ihrer wundersamen Tugend das Herz Gottes berauscht. Und von oben neigen sich die Engel voller Bewunderung, um diese unvergleichliche Herrlichkeit zu betrachten, die ihre eigene Glorie verblassen ließ.
Doch das ist noch nicht alles. Wir haben gesehen, wie reich Gott die Seele Mariens im Augenblick ihrer Unbefleckten Empfängnis ausgestattet hat. Von diesem Moment an hat die Jungfrau, der vom ersten Augenblick an der Gebrauch der Vernunft verliehen war, nie mehr aufgehört, in Gnaden und Tugenden zu wachsen, und zwar in einem Ausmaß, das unsere kleinlichen Berechnungen verwirrt. Daneben hat der Herr, der die Stirn der Heiligen mit dem Strahlenglanz der Wundertäter schmückt, gewiß auch seiner Mutter in höchstem Grade die Gabe geschenkt, Wunder zu vollbringen.
Dennoch hat die allerseligste Jungfrau bis zum Tag der triumphalen Himmelfahrt des Herrn kein einziges der großartigen Wunder vollbracht, die die Mengen zu begeistern pflegen. Jesus durchzog Palästina und heilte dabei Kranke und erweckte Tote zum Leben. Die Apostel, ja selbst Judas, trieben im Namen des Meisters Teufel aus. Maria aber blieb still in ihrem Häuschen und wenn sie manchmal den Worten ihres Sohnes gelauscht hat, so tat sie dies unbeachtet inmitten der zuhörenden Menge.
So lebt die Königin der Engel und der Menschen in der tiefsten Verborgenheit.
Gleichzeitig aber besitzt Maria die gewaltigste Autorität, die es je auf Erden gegeben hat. Der Kaiser von Rom lebt in einem prächtigen Palast und verfügt über Millionen von Menschen. Er ist kaum in der Lage, die ungeheure Zahl seiner Untertanen zu kennen: Seinem Gesetz gehorcht Europa, und ein Teil Asiens sowie ein Teil Afrikas sind seinem Zepter unterworfen. Auf Erden befiehlt Maria dagegen nur einem einzigen Menschen; doch dieser Mensch ist größer als alle Könige, glorreicher als alle Engel. Dieser Mensch ist der Gott, der die Welten allein mit seinem unendlichen Machtwort geschaffen hat. Da er ihr wahrer Sohn ist, schuldet Jesus Maria strikterweise Respekt, Liebe und Gehorsam.
Wir haben bereits erkannt, dass die Grundlage ihrer fast endlosen Güte in der Unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Jungfrau Maria zu suchen ist. Nun können wir in ihrer Gottesmutterschaft die Grundlage ihrer fast grenzenlosen Macht begrüßen.
Ihr wißt von dem ungeheuren Ansehen, das Gott im Himmel bestimmten privilegierten Seelen gewährt. Die heilige Theresia vom Kinde Jesu zum Beispiel hatte auf ihrem Sterbebett angekündigt, dass sie einen Rosenregen zur Erde schicken werde. Diese holdselige Voraussage bewahrheitet sich tagtäglich auf wunderbare Weise. Wenn der Herr einer einfachen, in der Blüte der Jugend gestorbenen Ordensfrau eine solche Macht verleiht, was wird er dann nicht für das höchste, tugendhafteste, schönste aller Geschöpfe tun, für die Frau, die in ihrem jungfräulichen Leib seinen göttlichen Körper geformt hat?
Prägen wir daher die Lehre der großen kirchlichen Tradition tief in unsere Herzen ein: Im Himmel verwirklicht Jesus die geringsten Wünsche seiner Mutter, so wie er einst auf Erden pünktlich jeden ihrer Befehle ausführte. Auf der Wundertätigen Medaille wollte Unsere Liebe Frau mit geöffneten Händen dargestellt sein, mit denen sie nicht einen Rosenregen, sondern Ströme der Gnade, des Lichts und heiliger Freude auf die Erde sendet. Wenn ihr sicher und schnell erhört werden wollt, ichtet euch an die Unbefleckte Jungfrau.
Der Name Maria bedeutet auch bitter.
Der Prophet Isaja hatte der Welt den künftigen Messias als Mann der Schmerzen geweissagt: virum dolorum. Maria, die vollkommenste Nachahmerin des Herrn, war die schmerzensreiche Jungfrau: Mater dolorosa.
Das Leiden ist der große Erlöser. Durch ihr Leiden schloß sich Maria unter dem Kreuz dem Werk unserer Erlösung an. Durch die im christlichen Geist ertragene Prüfung werden wir gerettet. Und es geschieht durch das Leiden, dass wir die Gnade der Erlösung für die Seelen erwirken können, die uns teuer sind.
Dies scheint eine harte Wahrheit zu sein; sie ist jedoch weniger schrecklich, als sie auf den ersten Blick aussieht. Der unendlich barmherzige und unendlich gute Gott, der uns den Schmerz schickt, gewährt uns mit diesem zusammen immer auch eine Kraft und manchmal sogar einen Trost und eine Wonne. In unserem Leben ist das Leiden der geheimnisvolle Vorbote der wahren Freude. Dieser Grundsatz leuchtet eindrucksvoll in der Geschichte der allerseligsten Jungfrau auf.
Während der Kindheit Jesu hatte Maria in ihrem Herzen unaussagbare Ängste auszustehen. Sie hat ihn in einem armseligen Stall das Licht der Welt erblicken sehen; sie vernahm die Unheil verkündende Prophezeiung des alten Simeon; sie mußte nach Ägypten fliehen, um ihren wertvollen Schatz dem mörderischen Ansinnen Herodes zu entziehen; sie verlor ihren Sohn in Jerusalem und fand ihn erst nach drei tränenreichen, angsterfüllten Tagen wieder; stets stand ihr das schreckliche Bild vor Augen, mit dem Isaja die Qualen des Messias vorhergesagt hatte. Und doch, welch unsagbarer Trost! Der Sohn wuchs in ihren Armen auf; er lebte in innigster Vertrautheit mit ihr zusammen; er erleuchtete ihre jungfräuliche Seele mit seinem göttlichen Lächeln; er ließ sie überreichlich die zärtlichsten Liebkosungen seiner unendlichen Liebe verspüren.
Während des öffentlichen Wirkens des Erlösers litt Maria noch mehr. Jesus verließ das kleine Haus, in dem sie so viele Jahre zusammen verbracht hatten. Sie sah ihn jedoch häufig und war manchmal auch bei seinen Triumphen zugegen. Wenn die Stimme des Meisters die Menge anzog, geriet das Herz Mariens in einen Rausch des Glücks.
Auf dem Kalvarienberg aber erlitt Maria ein schreckliches Martyrium. Sie sah ihren Sohn, für den sie mit soviel Hingabe gesorgt hatte, mit der Dornenkrone auf dem Haupt, blutüberströmt, ans Kreuz genagelt. Sie sah ihn mit dem Tod ringen und sterben. Sie wußte aber auch, dass schon bald die Stunde des endgültigen Sieges schlagen und Jesus am dritten Tag in unsterblicher Jugend auferstehen würde.
Nach der Himmelfahrt des Meisters verwandelte sich diese unsere Erde für Maria in eine grausame Einöde, denn nun nahm ihr Sohn nicht mehr an ihrem Leben teil wie vorher. Der Herr aber tat sich seiner Mutter kund und schenkte sich ihr in der Eucharistie.
Schließlich kam der Augenblick ihres überaus süßen Todes. Wie Jesus stieg auch die Unbefleckte Jungfrau in ihrem glorreich erstandenen Leib mit Triumph in den Himmel auf. Der schmerzliche Winter war nun vorüber: Für sie sollte nun der Frühling der Ewigkeit beginnen.
Welche Haltung sollte die christliche Seele angesichts des Schmerzes annehmen? - Voller Glauben und Demut.
Voller Glauben, weil der Schmerz eine Gottesgabe ist. Wer ihn richtig zu gebrauchen weiß, vermag durch ihn großen Nutzen gewinnen.
Mit Demut, weil wir sehr schwach sind. Wenn uns die Gnade nicht hilft, erliegen wir unter der Last der Prüfungen. Wenn der Herr uns diese schickt, sollten wir ihn auch um die nötige Kraft bitten, sie zu ertragen, sowie um die reichen Tröstungen, das uns jedes von der Vorsehung geschickte Leiden in Aussicht stellt.
Sollte man noch weiter gehen? Soll man sich Prüfungen herbeiwünschen? Soll man sie als eine besondere Gnade erflehen? - Seien wir ehrlich!
Heutzutage sind so viele fromme Werke im Umlauf, deren Übertreibungen gefährlich werden können. In ihnen werden zwar die Vorzüge des Schmerzes gerühmt, gleichzeitig vergessen sie aber, darauf hinzuweisen, dass der Verdienst allein der Gottesliebe zuzuschreiben ist; sie appellieren an die Seelen, sich Gott als Opfer darzubringen. Mit der Kirche gebe ich zwar gern zu, dass Gott manchmal Seelen auserwählt, um sie zu Opfern seiner Gerechtigkeit zu machen; das sind jedoch höchst seltene Fälle, selbst in der Heiligengeschichte. Niemand hat daher das Recht, sich zu außerordentlichen Prüfungen berufen zu glauben, es sei denn unser Herr hat seinen Willen mit aller Deutlichkeit und beträchtlicher Dauer kundgetan. Wer anders handelte, wer Gott freiwillig um Leiden bäte, legte einen wahnwitzigen Stolz, eine irrsinnige Unklugheit an den Tag. Franz von Sales, der sicher ein klarsehender Seelenführer war, bestand immer wieder auf dieser Anweisung. Wir sollen uns in der Ausübung unserer täglichen Pflichten heiligen und dem lieben Meister die Sorge überlassen, uns stets das zu schicken, was uns am dienlichsten ist.
Machen wir es uns zur Gewohnheit, häufig den Namen Mariens anzurufen. Gott hat diesem gebenedeiten Namen soviel Macht verliehen, dass er allein schon Wunder wirkt: Er vertreibt die Teufel, die entsetzt fliehen, wenn sie ihn hören; er verscheucht selbst die schlimmsten Versuchungen und versetzt die Seelen wieder in einen Zustand des Vertrauens und der Gelassenheit.
Der heiligen Brigitta hat die Jungfrau Maria einmal geoffenbart, dass sie selbst in der Todesstunde den Gläubigen beistehe, die während ihres Lebens oft ihren heiligen Namen angerufen haben.
Der heilige Johannes von Gott, der einen blühenden Orden gegründet hatte, lag auf dem Sterbebett. Er hatte bereits die Krankensalbung erhalten und wartete nun darauf, vor den höchsten Richter zu treten. Stets hatte er sich für diesen letzten Augenblick den Besuch der Unbefleckten Jungfrau erhofft; doch sie erschien ihm nicht, und der Heilige schien deshalb sehr entmutigt. Indessen nahm der Todeskampf seinen Lauf. Plötzlich aber verwandelte sich das Gesicht des Sterbenden. Die Himmelskönigin war ihm erschienen. Und mit mütterlichem Lächeln hatte sie gesagt: "Glaubst du denn wirklich, Johannes, ich sei fähig, meine frommen Diener in dieser Stunde allein zu lassen?" In den Armen Mariens tat er seinen letzten Seufzer.
(Auszug aus: Die Jungfrau Maria, von P. Thomas de Saint Laurent)
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