Willkommen

 
Der Reinigungszustand
 
 
Viele wirklich arme Seelen
werden wir einst drüben sehen,
die jetzt müssen noch verborgen
weinend vor der Türe stehen.
 
Flehend warten sie und schauen,
ob wir ihrer noch gedenken,
ob wir ihnen ein Gebetlein
oder auch ein Opfer schenken?
 
Wenn wir für die Armen Seelen
gern ein helfend Herz bewahren,
werden wir viel Heil gewinnen
und viel Unheil uns ersparen.
 
Gehn wir doch die gleichen Wege,
die sie einst vorangegangen,
gerne werden sie uns helfen,
dass wir besser hingelangen,
 
dass wir nicht im Ich ersticken,
sondern liebend aufwärts streben.
Wer viel liebt, wird Liebe finden
und sehr bald das ew´ge Leben.
 
 
Auf dem Weg zum Himmel ist auch eine Betrachtung über das Fegefeuer belehrend, damit wir die Gefahr nicht übersehen, selber dahin zu gelangen, wenn wir zu wenig Opfer bringen. Schauen wir auf zum Kreuze Christi und gedenken wir der Worte Jesu: "Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst; er nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben um meinetwegenwillen verliert, der wird es finden. Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden leidet? Oder was kann der Mensch als Entgeld für seine Seele geben? - Denn der Menschensohn wird in der Herrlichkeit seines Vaters kommen mit seinen Engeln und wird dann einem jeden vergelten nach seinen Werken." (Mt 16,24) - Wer der wahren Nachfolge Christi und dem Kreuze Christi auf dieser Welt ausweichen will, der muss mit dem Fegfeuer rechnen, denn "es wird einem jeden vergolten nach seinem Werken."
Das Fegfeuer ist ein Zustand, der nicht ewig dauert. Es ist ein Reinigungszustand, für manche kurz, für manche lang, oft sehr lange und furchtbar schmerzlich. Das Fegfeuer ist ein Zustand, den wir nicht mit Zeitbegriffen messen können. Aber weil wir auf dieser Erde alles mit Zeit bemessen, versuchen wir auch den Zustand im Fegfeuer zeitlich darzustellen.
Der brennende Schmerz im Fegfeuer ist das Heimweh nach der Liebe Gottes. Die Armen Seelen spüren das mehr als wir, dass wir alle nur in der Liebe Gottes glücklich sein können. Selig sind daher alle, die schon in dieser Welt möglichst zur Liebe Gottes heimfinden, indem sie viele Opfer der Liebe bringen. Wir werden auch unseren lieben Brüdern und Schwestern im Fegfeuer vom Himmel aus umso hilfreicher sein können, je mehr wir auf dieser Welt ihnen schon gerne Opfer geschenkt haben.
In der Heiligen Schrift gibt es keinen ausführlichen Bericht über das Fegfeuer. DArum wird es von den evangelischen Christen völlig verleugnet. - Im Buch der Makkabäer wird erwähnt: "Judas, der Makkabäer, veranlasste nach einer Schlacht von seinen Leuten eine Sammlung. Er brachte 2000 Silberdrachmen zusammen. Die schickte er nach Jerusalem, damit dort ein Sühneopfer für die Gefallenen dargebracht werde." (Mkk 12,42). Wenn er nicht an die Auferstehung der Gefallenen geglaubt hätte, wäre es überflüssig und töricht gewesen, für die Verstorbenen zu opfern und zu beten. - Wir können hier noch dazu überlegen: Ein Sühneopfer für Verstorbene ist nur sinnvoll, wenn ihnen damit geholfen werden kann aus einem Reinigungszustand, also aus dem Fegfeuer.
Es gibt auch ein Wort des Völkerapostels, das auf einen Menschen hinweist, der noch nicht vollkommen ist in seinen Werken, und dennoch, so schreibt er weiter: "Er selbst wird gerettet werden, aber wie durch Feuer." (1. Kor 3,15) Damit kann der Apostel das Fegfeuer gemeint haben, meinen manche Kirchenväter.
Jesus sagte einmal: "Wer ein Wort redet wider den Menschensohn, dem kann vergeben werden. Wer aber wider den Heiligen Geist redet, dem wird nicht vergeben werden, weder in dieser noch in der künftigen Welt." (Mt 12,13) Die Kirchenlehrer sagen, dieses Wort Jesu bezieht sich auf das Fegfeuer. Denn eine Vergebung in der künftigen Welt kann nur durch das Fegfeuer geschehen. Im Himmel ist eine Vergebung nicht nötig, und in der Hölle ist eine Vergebung nicht mehr möglich.
Erschütternd ist die Lehre der Kirche über das Fegfeuer. Alte Kirchenväter bringen darüber sehr ernste Ausführungen. Der hl. Ambrosius sagt: "Wir flehen Gott inständig an, er möge die Seelen der Verstorbenen von ihren anhaftenden Makeln des irdischen Lebens reinigen, damit sie aus der Wohnung ihrer Reinigung bald entlassen werden und das selige Glück im Himmel geniessen können." Bekannt ist auch der Ausruf des hl. Augustinus: "Herr, hier brenne, hier schneide, aber schone meiner in der Ewigkeit."
Das Allerseelenfest ist in der Kirche erst um 1000 in vielen Gegenden eingeführt worden. Um 1400 ist das Allerseelenfest für die ganze Kirche vorgeschrieben worden. Es wurden Jahrhunderte strenge Opfer gebracht für die Armen Seelen. Denken wir an die Ablässe, die für sie gewonnen werden konnten durch Beichte und Buße. Viele Stunden hatten wir als Beichtväter zu tun vor Allerseelen. Fast alle Gläubigen sind vor Allerseelen zur Beichte gekommen, um den Armen-Seelen-Ablass gewinnen zu können. - Und heute? - Gibt es kein Fegfeuer mehr? - Scheinbar nicht mehr. Es gibt ja auch keine Hölle mehr, wie man hört. - Arme, verführte Christenheit! Kann dich wenigstens noch ein Fegfeuer retten? -
Der große hl. Kirchenlehrer Thomas schreibt: "Nach dem Maße der Sünden, die auf Erden nicht in Liebe bereut oder abgebüßt worden sind und nicht durch das Opfer Christi getilgt worden sind, wird die Dauer des Fegfeuers und der Zustand der Reinigung bei allen Seelen sehr verschieden sein."
Die Erfahrung der Kirche und einzelner begnadeter Christen über das Fegfeuer ist unübersehbar und sehr reichhaltig. Es existiert in Rom ein bedeutendes Armen-Seelen-Museum, wo Eindrücke und Begegnungen mit Armen Seelen kundgetan werden.
Es gab zu allen Zeiten Erscheinungen von Armen Seelen. Auch heute erscheinen Arme Seelen, sogar häufig. Ich weiß, dass solche Ereignisse zur Zeit fast durchwegs als krankhafte Einbildungen abgeurteilt werden. Unser kritischer Rationalismus kann mit mystischen Vorgängen nichts mehr anfangen. Darum wird auch das Leben der Heiligen fast überall falsch gezeichnet, weil für die mystischen Beziehungen der Heiligen zum Ewigen kein Verständnis mehr da ist. Ohne ihre wunderbaren gnadenvollen Verbindungen zum Ewigen wären sie aber keine Heiligen geworden. Nur soziales Leben allein macht noch keine Heiligen. Sozial nennen sich die Kommunisten mehr als wir. Sind sie deshalb schon Heilige?
Am meisten werden wir uns wundern, wenn wir drüben sind und vieles besser erkennen, wie manche sonst verlorenen Seelen gerettet worden sind, weil jemand für sie Fürbitte eingelegt hat auf Erden. Die Seherin Alosia Lex, in Eisenberg, hat mir oft versichert, dass auf ihre Fürbitte viele vor der Verdammnis gerettet worden sind. Sie wusste das, weil ihr solche Seelen häufig aus dem Fegfeuer erschienen sind und ihr gedankt haben. Sie hat mir öfters gesagt, das sehe sie als großes Wunder der Barmherzigkeit Gottes an, dass Gott ihnen so gnädig ist, wenn jemand für sie bittet.
Wir hätten hier auf Erden Gelegenheit genug, uns das Fegfeuer zu ersparen. Denken wir nur an die große Liebe, mit der uns Jesus in der heiligsten Eucharistie in sein Leben aufnimmt. Könnten die Armen Seelen nur noch einmal kommunizieren, würde sich das ganze Fegfeuer leeren, denn sie würden mit solcher Liebe und Hingabe, mit solcher Demut und Ehrfurcht und Reue in das Leben Jesu heimgehen, dass sie völlig von allen Sündenmakeln gereinigt würden. Warum gehen wir nicht mit solcher Hingabe zur hl. Kommunion?
Der brennendste Schmerz der Armen Seelen ist ihr liebearmes Herz. Wir wollen noch einmal darauf hinweisen, dass ohne völligen Heimgang in die Liebe Gottes kein Mensch die ewige Seligkeit im Himmel erlangen kann. Wer in dieser Welt verkrampft bleibt in sein eigenes Ich und versumpft im Genuss dieser Welt, dessen Herz ist nicht frei für die einzig beglückende Liebe Gottes.
Die Gottesmutter wird sicher vom Himmel aus den Armen Seelen, die ja auch ihre Kinder sind, immer wieder Milderung bringen, soweit die Barmherzigkeit Gottes es zulässt. Vor allem wird sie versuchen, die Schlacken der Lieblosigkeit von ihnen wegzuwaschen mit dem kostbaren Blute ihres Sohnes, das ja auch durch ihr schmerzreiches Herz pulst. - Es gibt Priester, ich gehöre auch dazu, die nach der hl. Wandlung, beim Gedenken der Verstorbenen, der Himmlischen Mutter den Kelch ihres Sohnes aufopfern, damit sie die Armen Seelen damit trösten könne.
 
Aus Erinnerungen: Schau einer Armen-Seelen-Mutter
In meinem langen Priesterleben habe ich auch einige mystisch begnadete Christen kennengelernt, denen Arme Seelen erschienen sind. Ich will hier von einer Frau kurz berichten, sie später heiligmässig verstorben ist.
Sie war eine alleinstehende Witfrau, hatte auch keine Kinder. Ihr gehörte ein kleines Eigenheim mit einem genügend großen Obst- und Gemüsegarten, sodass sie in ihrer Bescheidenheit davon leben konnte. Sie wurde fast ständig von Armen-Seelen-Erscheinungen geplagt. Es war wirklich eine Plage. Die Armen Seelen baten um Opfer und immer noch mehr Opfer, damit sie ihnen aus ihrer Not helfen könne. Sie musste viele Nächte im Gebet verbringen und musste die Ernährung auf das Notwendigste beschränken.
Diese Frau sagte mir einmal: "Ich muss so viel Opfer bringen, weil mir die Armen Seelen so leid tun. Wer ihre Not und ihr Leiden sieht, der kann nicht anders als helfen. Die meisten Menschen haben keine Ahnung, was die Armen Seelen leiden müssen. Am meisten klagen sie, dass sie solches Heimweh haben, das in ihnen brennt wie Feuer. Wenn ich ihnen Opfer der Liebe schenke, kann ich ihnen Erleichterung bringen. Dann sind sie so dankbar. Oh ja, das muss man einmal erleben, wie dankbar die Armen Seelen sein können."
Einmal sagte sie mir etwas Erschütterndes, indem sie auf das Dorf im Tal hinunterzeigte: "Sehen Sie, Hochwürden, da unten die Höfe und die Häuser. Wenn ich da in der Früh zur Kirche hinuntergeh´, dann seh ich fast überall vor den Türen weinende Arme Seelen. Ich sehe sie so, wie sie einmal früher gelebt haben. Da sehe ich einen Bauern, noch mit der Sense neben sich. Da sehe ich eine Mutter, die auf eine einfache Bauernwiege hinschaut, natürlich leer. Aber da drinnen hat vielleicht das Kindlein gelegen, das jetzt längst erwachsen und verheiratet ist und gar nicht mehr an sie denkt. Da sehe ich eine Oma vor dem Spinnrad sitzen. Aber sie schaut so traurig, weil sie ganz vergessen ist, die einstige gute Oma, vergessen von ihren Kindern und Kindeskindern. Ich sehe auch Knechte und Mägde, als kämen sie gerade aus dem Stall oder aus der Scheune. Eigenartig ist jedesmal der Anblick und doch so schmerzlich für mich, weil sie alle so bitterlich weinen vor den Türen, weniger vor den Haustüren, glaub ich, mehr vor den verschlossenen Herzenstüren ihrer Hinterbliebenen."
"Diese Armen Seelen sind viel ärmer als Bettler, die unerhört vor der Türe stehen. - Und diese Armen Seelen dürfen sich nicht bemerkbar machen, in keiner Weise, auch nicht den eigenen Kindern gegenüber. Auch darf und durfte ich es ihnen nicht sagen, was ich da so oft schauen muss, dass viele ihrer verstorbenen Eltern und Großeltern und Verwandten und Bekannten vor der Türe stehen und weinen. Das will Gott nicht. Ich sage das jetzt nur Ihnen, Hochwürden. Sie sollen es wissen und sollen es später sagen, auch in Predigten."
Die Frau war über ihre Schauungen und Erlebnisse mit den Armen Seelen oft sehr traurig, auch weil sie niemandem etwas sagen durfte, nicht einmal dem zuständigen Herrn Pfarrer. Sie hatte das einmal versucht, dem Herrn Pfarrer alles zu erzählen. Der hat sie zuerst ausgelacht, und dann hat er ihr gedroht, er wolle von solchen Sachen nichts hören, sonst könne er ihr nicht mehr die Kommunion reichen, weil das ein böser Aberglaube sei, der mit der Kirche nichts zu tun habe. - So stand sie ganz allein mit dieser Plage der Armen Seelen. Aber damit könne sie den Armen Seelen mehr Opfer schenken, wenn sie ein solches Kreuz für sie tragen müsse, hat ihr eine Erscheinung gesagt.
 
Mir sagte diese Arme-Seelen-Mutter noch einmal: "Die Menschen, die da so dahinleben, als gäbe es nach dem Tode nichts, sind viel ärmer als die ärmste Armen Seelen. Die Armen Seelen sind trotz ihres Leidens gerettet und kommen einmal sicher in den Himmel. Aber solche, die keinen Glauben und keine Liebe haben, können nicht einmal mehr mit dem Fegfeuer rechnen. Denn um den Himmel, Hochwürden, ist es ernst, genau so ernst wie Jesus für uns am Kreuze gebüßt hat."
(von Pfarrer Hermann Wagner)
 

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