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Die Heilige Schrift, das wichtigste Buch

 
 
 
 
 
Den Menschen wird die ganze Offenbarung Gottes im Alten und Neuen Bunde durch das unfehlbare, lebendige Lehramt der katholischen Kirche kundgetan. Die Quellen, aus denen dieses Lehramt schöpft, ist die Überlieferung, wie sie seit den Zeiten der Apostel unter dem Beistand des Heiligen Geistes auf ihre Nachfolger, die Bischöfe übergegangen ist, und die Heilige Schrift, die Sammlung jener Bücher des Alten und Neuen Bundes, welche unter Eingebung und Leitung des Heiligen Geistes geschrieben wurden und von der Kirche als Wort Gottes anerkannt sind. Von der Heiligen Schrift ist im vollsten Sinne wahr: sie ist das Wort Gottes. Nun kann es aber für den Menschen nichts Wichtigeres zu wissen geben, als was Gott gesprochen, und nichts Wichtigeres zu befolgen, als was Gott von ihm verlangt.
 
1. Gott hat sich den Menschen auf natürliche und übernatürliche Weise geoffenbart. Auf natürliche Weise offenbart er sich durch die Erschaffung und Regierung der Welt. Daraus erkennen wir zunächst nur, dass es einen Gott gibt und seine Allmacht und Weisheit. Das genügt aber dem Bedürfnisse der menschlichen Vernuft bei weitem nicht. Diese nötigt den Menschen zu fragen: Aber wozu hat Gott die Welt und insbesondere den Menschen erschaffen? Steht Gott immer noch mit den Menschen in Verbindung und in welcher? Stellt Gott Forderungen an den Menschen und welche? Und wenn Gott uns etwas vorschreibt oder verbietet, was wird geschehen, wenn wir gehorchen oder nicht gehorchen? Welches ist unsere Bestimmung, und wie können wir sie erreichen? In allen diesen Fragen wollte Gott selbst unser Lehrer sein und hat sie beantwortet durch die übernatürliche Offenbarung, wie der heilige Paulus sagt: "Mehrmals und auf vielerlei Weise hat Gott zu den Vätern geredet, zuletzt redete er in diesen Tagen zu uns durch seinen Sohn." (Hebr. 1,1-2). Diese übernatürliche Offenbarung nun ist außer der mündlichen Überlieferung niedergelegt in der Heiligen Schrift.
 
2. Was müssen wir nun von der Heiligen Schrift glauben? Wir müssen von ihr glauben, dass sie nicht nur ein glaubwürdiges, unverfälschtes Buch ist, sondern dass sie wahrhaft Gottes Wort ist. Hielte man die Heilige Schrift bloß für eine alte, ehrwürdige Urkunde, welche unverfälscht auf uns gekommen sei, so wäre dies noch viel zu wenig. In einer solchen Überzeugung vermag auch der Ungläubige auf dem Wege wissenschaftlicher Forschung zu gelangen. Ein Christ aber muss nicht nur fest und unbezweifelt an die Wahrheit der Heiligen Schrift, sondern auch an ihre Göttlichkeit glauben, dass sie nämlich unter besonderer Leitung und Eingebung des Heiligen Geistes geschrieben, somit das untrügliche Wort Gottes sei. Der Apostel Paulus nennt die Schriften des Alten Testaments eine "von Gott eingegebene Schrift" (2. Tim. 3,16), und der heilige Petrus sagt von den Weissagungen des Alten Bundes ausdrücklich, dass noch nie eine Weissagung durch menschlichen Willen hervorgebracht wurde, "sondern heilige Männer Gottes haben, getrieben vom Heiligen Geiste, geredet" (2. Petr. 1,2). Auch der Heiland selbst anerkennt die Heilige Schrift als Gottes Wort und beruft sich oft auf dieselbe für seine Person und göttliche Sendung: "Forschet in der Schrift, denn sie ist es, die von mir Zeugnis gibt" (Joh. 5,39). Das gleiche gilt in bezug auf die Schriften des Neuen Testaments. Ihre Verfasser berichten uns, was sie selbst im Umgange mit dem göttlichen Heiland gesehen und gehört haben. Dass sie aber die Wahrheit reden, bezeugt uns die Heiligkeit ihres Lebens und der Umstand, dass sie für ihre Lehre selbst das Leben geopfert. Und wenn dann Jesus zu den Aposteln sagt: "Ich werde euch den Heiligen Geist senden; dieser soll euch alles lehren und an alles erinnern, was ich euch gesagt habe" (Joh. 14,26), so gilt das besonders auch für die heiligen Schriftsteller, welche ja durch ihre Schriften in besonderer Weise die Lehrer der Völker wurden.
 
3. Wir halten aber die Heilige Schrift ganz besonders deswegen für Gottes Wort, weil die vom Heiligen Geiste erleuchtete katholische Kirche es uns bezeugt. Sie hat von den ältesten Zeiten her mit der ihr von Christus verliehenen Unfehlbarkeit auf allgemeinen Konzilien und durch Entscheidungen ihres Oberhauptes erklärt, welche Bücher zur Heiligen Schrift gehören und welche nicht. Ebenso sicher hat sie auch die Heiligen Schriften unverfälscht bewahrt, was auch wissenschaftlich nachgewiesen ist. Schon der heilige Papst Klemens, ein Jünger der Apostel Petrus und Paulus, nennt die Heilige Schrift "den wahren Ausspruch des Heiligen Geistes". Der heilige Gregor von Neocäsarea sagt: "Wenn das Evangelium oder eine apostolische Schrift gelesen wird, so achte nicht auf das Buch oder den Vorleser, sondern auf den vom Himmel herabredeten Gott." Der heilige Augustinus aber erklärt, er würde selbst dem Evangelium nicht glauben, wenn ihn nicht das Ansehen der Kirche dazu verpflichtete.
Wenn wir aber auf das Zeugnis der Kirche hin an die Göttlichkeit der Heiligen Schrift glauben, so ist der tiefste und letzte Beweggrund doch die Wahrhaftigkeit Gottes, der durch die Kirche spricht. Es verhält sich dabei wie mit einem Briefe des Königs, welchen uns in seinem Auftrage ein von ihm gesandter, zuverlässiger Diener überreichen würde mit der Versicherung, dass derselbe vom König komme und ganz von diesem selbst diktiert sei. Sicher würden wir den Inhalt dieses Briefes nicht als Ausspruch des überbringenden Dieners, sondern als Ausspruch des Königs selbst annehmen. Aber ohne den Diener wären wir nicht im Besitze des Briefes, noch wüßten wir, dass ihn der König selbst diktiert hat. Die heilige Kirche ist der Sendbote Gottes, unseres himmlischen Königs. Sie überreicht uns die Heilige Schrift mit der bestimmtesten Versicherung, der Inhalt derselben sei Gottes Wort, Gott selbst habe den heiligen Schriftstellern durch seinen Heiligen Geist eingegeben, was sie schreiben sollen. Wir haben demnach den Inhalt der Heiligen Schrift nicht als Wort der Kirche, sondern als Wort Gottes anzusehen und zu glauben. Der Kirche aber verdanken wir es, dass wir gewiss wissen, die Heilige Schrift sei nicht Menschen-, sondern Gottes Wort.
Wenn aber die Heilige Schrift Gottes Wort ist, so schulden wir ihr Achtung und Gehorsam.
 
4. Die ersten Christen hielten die Heilige Schrift so in Ehren, dass viele lieber den grausamsten Tod erdulden als sie den heidnischen Tyrannen, welche sie zum Verbrennen aufsuchen ließen, ausliefern wollten. "Es ist besser, mich zu verbrennen, als die göttlichen Schriften", antwortete der heilige Bischof Felix einem solchen Tyrannen. Der Diakon Euplus antwortete dem Richter: "Weil ich ein Christ bin, ist es mir nicht erlaubt, die Heilige Schrift auszuliefern. In ihr ist das ewige Leben; wer sie ausliefert verliert dasselbe." Die heiligen Kirchenväter sind unerschöpflich in der Anpreisung dieses göttlichen Buches. "Wie viele Tränen", ruft der heilige Augustinus aus, "preßten mir die Gesänge und Psalmen, welche in Deiner Kirche, o Gott, ertönten, aus den Augen!" Und an einer anderen Stelle: "Nichts rührt mich mehr auf Erden als Deine Stimme, o Gott, in den göttlichen Büchern Deiner Heiligen Schrift zu vermehren. Es ist für mich ein Vergnügen, das alle Freuden übertrifft." Der heilige Erzbischof Karl Borromäus las die Heilige Schrift nur auf den Knieen. Wie sehr verehrt die Kirche das Evangeliumsbuch bei der heiligen Messe! Bevor der Priester das Evangelium liest, fleht er tiefgebeugt zu Gott, dass er sein Herz und seine Lippen reinigen möge, wie er ehemals die Lippen des Propheten Isaias mit feuriger Kohle reinigte. Es wird nur auf der rechten Seite des Altares gelesen oder gesungen. Im Hochamte trägt der Levit das Evangeliumbuch auf der Brust, die Diener treten mit duftendem Weihrauch und brennenden Kerzen hinzu, der Diakon weiht es mit dem Rauchwerk und bietet es dem Priester zum Küssen dar. Alle Christen stehen beim Evangelium ehrerbietig auf und bezeichnen Stirne, Mund und Herz mit dem Kreuze; während der Lesung des Evangeliums wird vielerwärts geläutet. - Solche und ähnliche Zeichen der Ehrfurcht widmet die Kirche der Heiligen Schrift als dem Worte Gottes. Welche Strafen verdienen daher jene, welche die Worte der Heiligen Schrift zu Scherz und Possen missbrauchen oder sie nach eigenem Gutdünken verdrehen, bemängeln oder verwerfen! Die Heilige Schrift ist Gottes Wort.
Nun aber gibt es für uns Christen nichts Wichtigeres, nichts Kostbareres, als was Gott uns mitgeteilt hat. Alle Bücher der Welt, welche nur in irdischer Wissenschaft uns unterrichten, enthalten für uns nichts so Wichtiges und Schätzenswertes als die Heilige Schrift allein. Sie ist die Stimme aus der jenseitigen Welt, welche in das irdische Leben hineintönt und uns den Weg weist zu unserer ewigen Heimat. Wir werden am besten erkennen, wie sehr wir der Heiligen Schrift Achtung und Gehorsam schulden, wenn wir nur mit einigen Fingerzeigen auf das Wichtigste ihres Inhaltes hinweisen.
 
5. Denken wir uns eine arme Familie, deren Vater jahrelang in einem fremden Lande weilt. Dort erwirb er große Reichtümer für seine Kinder; sie sollen nun zu ihm kommen und dort glücklich sein. Wie werden sie sich freuen über jeden Brief des Vaters und besonders über die Einladung, um zu ihm zu kommen! Das ist für uns die Heilige Schrift. Sie ist gleichsam ein großer Brief Gottes an die Menschen, in dem er uns einladet zur ewigen Glückseligkeit und die Anweisung gibt über den Weg dorthin. Und um das Gleichnis weiter fortzuführen, denken wir uns, eines oder mehrere Kinder hätten den Vater schwer beleidigt und verdient, ihr ganzes Leben in Armut und Elend zuzubringen und den Vater nie mehr zu sehen. Nun aber kündet er ihnen an, er habe ihnen vergeben, sie sollen wie die anderen seine Erben sein und zu ihm kommen. Wie würden sich die Kinder über eine solche Nachricht freuen! Da haben wir nun wiederum Gottes Wort in der Heiligen Schrift, welches uns sündigen Menschen allen sagt, wir haben zwar verdient, von der ewigen Seligkeit ausgeschlossen zu werden; allein der Vater bietet uns durch seinen Sohn Jesus Christus Verzeihung an und läßt uns versichern, dass wir wieder zu Erben der ewigen Seligkeit eingesetzt sind. Saget nur, welches Buch der Welt enthält für uns köstlichere und trostvollere Wahrheiten?
Und du, mein Christ, hart bedrängt von zeitlicher Not und glaubst dich von aller Welt verlassen, schlage die Heilige Schrift auf, und sie versichert dich, dass dein Vater im Himmel, der für den Sperling auf dem Dache und die Lilie des Feldes sorgt, auch dich, sein Kind, nicht vergessen werde. Und wenn du ein schweres Kreuz trägst in Krankheit, häuslichen Sorgen oder Seelenleiden: dein Erlöser sagt dir in der Heiligen Schrift: auch der Menschensohn musste durch Leiden in seine Herrlichkeit eingehen (Luk. 24,26). Trag auch du dein Kreuz kurze Zeit, und es wird dich zur Seligkeit führen. Darin liegt für den Christen ein Trost, den kein menschliches Wort ersetzen kann.
Das erste und grösste Gebot, welches die Heilige Schrift uns gibt, heißt: "Liebe Gott über alles." Liebe also gebietet es uns, das Höchste und Seligste, was es gibt. Solltest du nicht leicht und gern gehorchen? Auch versichert die Heilige Schrift, dass auch Gott dich überaus liebe. Ist das nicht ein Grund zur größten Freude für dich? Die Heilige Schrift gebietet dir auch, den Nächsten zu lieben. Sollte dir das nicht ein angenehmes Gebot sein, viel angenehmer, als wenn sie dir gebieten würde, ihn zu hassen? Allen Menschen aber gebietet sie auch wieder, dich zu lieben und bei gegebener Gelegenheit dir Gutes zu tun. Welches Gesetzbuch der Welt enthält für dich so erfreuliche Gebote? Und wenn die Heilige Schrift von uns verlangt, dass wir zu Gott beten, die Gnadenmittel unserer Religion fleißig gebrauchen, die Verdienste Jesu Christi uns zuwenden, sollte ein solches Gebot nicht unsere höchste Beachtung verdienen und wir ihm nicht freudig gehorchen wollen?
Auch in ihren anderen Sittenlehren enthält die Heilige Schrift eine unerschöpfliche Quelle der tiefsten Weisheit, mehr als alle Bücher der Welt. - Geht nun aus dem Gesagten nicht das Bedürfnis und die Pflicht hervor für alle Christen, die Heilige Schrift durch eifriges Lesen, besonders durch Anhören der Predigt und Christenlehre kennen zu lernen? Was nützt alles irdische Wissen, wenn man über Gott, Religion und Ewigkeit unwissend ist? So schätzenswert auch irdisches Wissen ist, am Grabe verliert alles seinen Wert. Gottes Wort und Wahrheit aber bringt Früchte fürs ewige Leben.
Bedenken wir wohl, dass Gottes Wort in der Heiligen Schrift jene Gebote und Vorschriften enthält, zu denen Gott uns verpflichtet. Die Heilige Schrift ist das Gesetzbuch, nach welchem wir alle gerichtet werden. Wer sollte also das Gesetzbuch nicht kenen lernen wollen, nach welchem er gerichtet, nach welchem über seine Ewigkeit entschieden wird? Wer glaubt, er hätte den Worten der Heiligen Schrift oder den Lehren der Kirche, welche dieselben erklärt, nichts nachzufragen, sondern könne seine Religion und sein Gesetzbuch sich selber machen, der mag dann auch einmal, wenn er kann, sich für die Ewigkeit einen eigenen Richter bestellen. Weil aber das nicht möglich ist, so bedenken und beherzigen wir, was der heilige Johannes am Ende seines Evangeliums von der Heiligen Schrift sagt: "Dieses ist geschrieben, damit ihr glaubt, Jesus sei Christus, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen" (Joh. 20,31).
(entnommen aus: Das dreifache Reich Gottes, von Pfarrer Joseph Reiter, 1911)

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