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Die Ewigkeit

Die Ewigkeit ist ein Zustand der Unveränderlichkeit. In welchem Zustand die Seele hinüberkommt, sei es der Gnade, sei es der Ungnade Gottes, in diesem Zustand bleibt sie. Der Zustand der Gnade im Augenblick des Todes wird drüben zur Anschauung Gottes; der Zustand der Ungnade Gottes wird im gleichen Augenblick drüben zum Zustand der ewigen Strafe. Hiernieder sagt man gut und bös - drüben sagt man dafür einfach Himmel und Hölle. Somit wartet auf jeden Menschen, der noch hiernieder atmet, das große "entweder - oder", der Himmel oder die Hölle. Das ist die Lehre der Kirche. Gegen den Himmel und noch mehr gegen die Hölle hat sich von jeher der Unglaube aller Zeiten aufgemäumt. Worte über Worte türmt man auf gegen die beiden Ewigkeiten drüben. Aber glaube es, mit Worten, seien es Lästerworte, seien es Spottworte, hebt der Mensch weder den Himmel noch die Hölle aus ihren Angeln. Gott selbst, seine Allmacht, seine Weisheit, seine Majestät, seine Gerechtigkeit, ja seine Barmherzigkeit hat den ewigen Himmel und die ewige Hölle ins Leben gerufen. Sein Sohn hat uns Menschen diese gewaltige Wahrheit verkündet, und solange es ein Christentum geben wird, wird diese Lehre geglaubt, die selbst den heidnischen Völkern vor Christus nicht unbekannt war. - Vernimm, wie der Heiland selber so einfach als großartig sagt: "Die einen werden eingehen in das ewige Leben, die andern in die ewige Pein!" (Matth. 25,46). O, in jenem Augenblick, da er dies sagte, sah sein allsehendes Auge über alle Zeit hin bis ans Ende, und er sah zum voraus, die einen und die andern, sah die ganze Menschheit geteilt in zwei Teile; die einen sah er in den Himmel eingehen, den Haufen der andern in die Hölle stürzen. Er sah auch uns alle und sieht uns noch, er weiß, wo wir sein werden, bei den einen oder bei den andern. O mein Christ, so ist es also gewiss: entweder wirst du bei denen sein, die das dreimal Heilig singen, oder bei denen, die immerdar die Zähne knirschen (Matth. 25,30); entweder bei denen, welchen gesagt wird: "Kommet ihr Gesegneten" (Matth. 25,34), oder bei denen, die da hören: "Weichet ihr Verfluchten!" (Matth. 25,41). Es ist gewiss: wenn einmal Seele und Leib nicht hinübergetragen werden in die Lichtgefilde des Himmels, so werden sie von dem unheimlichen Totengräber der Unterwelt, dem Satan, begraben in der Hölle; entweder wirst du das unendlich Schöne sehen, Gott und die Engel droben, oder das unbeschreiblich Hässliche, die Missgestalten der Hölle; entweder wirst du wonnig einsinken in das Glorienlicht des Himmels, oder wird der Sturm der Finsternis dich hinabwirbeln in die Tiefe!
O Ewigkeit, du unermessliche Dauer, du undurchdringlicher Abgrund, du unendliche, wechsellose Zeit, an der jede Vorstellung, jede Rechnung scheitert, bei der es uns kalt überläuft - wie trostlos bist du, wenn man in dir ewig leiden muss; wie überherrlich, wenn man in dir ewig jubeln darf! Ewige Freude, ewiges Leid!
Aber begreifst du nun auch das Leiden Christi, o Seele? Begreifst du angesichts dieser zwei Ewigkeiten, warum der Heiland einst den Schmerzensweg für uns gegangen ist? Warum er sich hat verraten, verleugnen, von Gerichtshof zu Gerichtshof hat schleppen lassen? Ach, um der doppelten Ewigkeit willen! Wird es dir nun klar, warum er sich hat blutig geißeln lassen, warum er todesmatt sich den Kalvarienhügel hinaufgeschleppt hat? Ach für dich, wegen der zwei Ewigkeiten, der seligen und der unseligen! Warum er das Kreuz umfasst hat mit beiden Armen, warum er im Abenddunkel so totbleich, starr auf der Mutter Schoss gelegen? Ach, wieder wegen der zwei Ewigkeiten, um dich zu retten von der einen und dir zu erwerben die andere! Vor ihm stand beides, dein unermessliches Glück im Himmel, dein unermessliches Leid in der Hölle, und da hat er sich entschlossen, herabzukommen aus seiner unendlichen Herrlichkeit in diesen zeitlichen Tod. Er wusste es eben besser als wir, was das heisst, gerettet oder verloren sein auf immer. So viel Arbeit und Mühsal soll an uns doch nicht umsonst sein! Wäre die Ewigkeit in der Hölle oder im Himmel auch nur etwas Zweifelhaftes, etwas, was nicht gewiss, sondern nur möglich wäre, so müssten wir auch dann schon alles tun, um fromm zu leben. Es gibt ja manche Schwachgläubigen, sie würden sich so gerne einreden: ei, das sind Märchen, die man dir predigt in der Kirche! Aber dann kommt der andere Gedanke: es könnte am Ende doch so sein! Und dieser Gedanke lässt viele nicht los, so dass sie immer wieder horchen müssen, wenn von Himmel und Hölle die Rede ist. Ja, wenn es also auch nur möglich wäre, so würde dir doch die Klugheit raten, vorzubauen für diese möglicherweise schlechte Ewigkeit! Aber es ist gewisser als gewiss; wir wissen es durch den Glauben an die Unfehlbarkeit Gottes, dass es einen Himmel und eine Hölle gibt. Welcher Wahnsinn darum, sorglos zu sein! Welche Torheit, hiernieder in einem Sündenleben sozusagen schon die Anfänge der Hölle mit sich herumzutragen! Abgekehrt sein vor Gott, ist das nicht schon ein Dämmern und Dunkeln in der Seele als Vorspiel der ewigen Nacht in der Hölle? Das Kochen und Sieden der Leidenschaften in einem Menschenherzen, ist es nicht ein Vorauskosten der Höllenflammen (Luk. 16,24)? Die Gewissensbisse, sind sie nicht das erste Nagen des Wurmes, der nicht stirbt (Mark. 9,43)? Ja es ist so; denn wer Gott nicht zum Vater haben will, der muss schon hiernieder den Satan zum Zuchtmeister haben!
O, wenn in unserm jetzigen Leben etwas wäre, was da aussähe wie solch vorausgeworfene Schatten der ewigen Finsternis, o wenden wir uns zurück, solange es noch Zeit ist! Wie ist es doch so ganz anders bei einem Menschen, in dessen Leben sich schon die künftige Seligkeit abspiegelt! Gott im Herzen haben, ist das nicht für die Seele ein liebliches Morgendämmern des ewigen Tages, ein vielverheißendes Morgenrot, wo schon jetzt manch ein Strahlenblitz der künftigen Glorie hinschießt über die Seele? O wie tröstlich ist dieses Keimen der künftigen Seligkeit in einer Seele, dieses Vorauswehen der Frühlingslüfte einer andern Welt, wenn jetzt schon der Baum all seine Äste, sein Laub und sein Gezweige hinüberstreckt nach dem ewigen Lichte drüben, und jetzt schon in sich hineintrinkt die Erstlingsstrahlen der kommenden Sonne!
Die zwei Ewigkeiten werben um dich, ja sie ringen miteinander um dich, und jede will dich als ihre Siegesbeute davontragen.
Welche wird wohl gewinnen?
Das steht bei dir!
(entnommen aus: Das dreifache Reich Gottes, von Joseph Reiter, Pfarrer, Inhaber des päpstlichen Kreuzes "Pro Ecclesia et Pontifice", 1911)
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