Willkommen

 

Geoffenbart der ehrwürdigen Dienerin Gottes, Maria von Jesus zu Agreda
 
Christus, unser Herr, wird von Maria, der Jungfrau, zu Bethlehem, in Judäa geboren
 
 
 
 
 
 
Der Palast, den der höchste König der Könige und Herr der Herren bereitet hatte, um seinen ewigen, für die Menschen Fleisch gewordenen Sohn in der Welt zu beherbergen, war die ärmste, elendeste Höhle, in die sich Maria und Joseph zurückgezogen hatten, nachdem sie von den Herbergen ebenso wie von dem natürlichen Mitleid eben dieser Menschen ausgeschlossen worden waren. Dieser Platz war so verächtlich, dass trotz der Überfüllung der Stadt Bethlehem mit Fremden sich niemand herbei ließ, dorthin zu gehen. Den Meistern der Demut und Armut, Christus, unserem Herrn, und seiner reinsten Mutter, genügte er. Darum hat die Weisheit des ewigen Vaters ihnen diese Höhle vorbehalten und sie durch den Schmuck der Einsamkeit, Armut und Entblößung zum ersten Tempel des Lichtes eingeweiht, zum Hause der wahren Sonne der Gerechtigkeit, die für jene, die geraden Herzens sind, aus Maria, der strahlenden Morgenröte, aufgehen sollte mitten in der nächtlichen Finsternis, dem Sinnbild der Sünde, welche die ganze Welt bedeckte.
Maria und Joseph traten also in diese Höhle ein. Im Lichtglanz der sie begleiteten Engel sahen sie zu ihrem großen Troste und unter Tränen der Freude, dass die Höhle verlassen war, wie sie es wünschten. Die beiden heiligen Wanderer knieten daher nieder, um den Herrn zu lobpreisen und ihm für diese Wohltat zu danken. Sie wußten wohl, dass sie ihnen durch die geheimen Ratschlüsse der ewigen Weisheit gewährt worden war. Maria, die Himmelskönigin, hatte aber eine besonders tiefe Erkenntnis dieses Geheimnisses. In dem Augenblick, als sie den Fuß in diese Höhle setzte und dieselbe dadurch heiligte, wurde sie so von innerer Wonne überströmt, dass ihr ganzes Wesen erhoben und belebt wurde. Sie bat den Herrn, er möge mit freigebiger Hand allen Bewohnern der nahen Stadt Bethlehem es vergelten, dass diese sie von ihren Häusern weggewiesen und ihr dadurch zu dem großen Glück, das in dieser armseligen Hütte ihrer wartete, verholfen hatte. Diese Höhle bestand ganz aus natürlichen, unbehauenen Felsen, ohne jede Einrichtung oder künstliche Veränderung, so dass sie in den Augen der Menschen nur zu einem Zufluchtsort der Tiere sich eignete, während der ewige Vater sie zum Obdach und zur Wohnung seines eigenen Sohnes bestimmt hatte.
Die heiligen Engel, die die Ehrenwache ihrer Königin und Gebieterin bildeten, stellten sich nun wie die Leibgarde im Palaste des Königs in geordneten Reihen auf. Sie zeigten sich auch dem heiligen Joseph in sichtbarer, menschlicher Gestalt. Zur Erleichterung seines Kummers war es geziemend, dass auch er bei diesem Anlass sich einer solchen Gnade erfreute, indem er diese arme Höhle mit den Reichtümer des Himmels so schön geziert sah. Sein Herz wurde gestärkt, ermutigt und vorbereitet auf die Ereignisse, die an diesem so verächtlichen Ort in jener Nacht nach Gottes Willen geschehen sollten. Die große Königin, die über das zu feiernde Geheimnis bereit unterrichtet war, schickte sich an, die Höhle, die in Bälde ein Königsthron und heiliger Gnadenort sein sollte, mit eigenen Händen zu reinigen. Sie selbst wollte keine Übung der Demut unterlassen, ihrem eingeborenen Sohn aber sollte jener Akt der Verehrung und Huldigung nicht entgehen, den sie ihm unter diesen Umständen durch Ausschmückung seines Tempels vorläufig erweisen konnte.
Wegen der erhabenen Würde seiner Braut bat Joseph Maria dringend, ihn doch dieses Geschäft zu überlassen. Er begann selbst den Fußboden und die Winkel der Höhle zu reinigen. Maria ließ es sich indes nicht nehmen, die Arbeit mit Joseph zu teilen. Angesichts einer so standhaften Demut ihrer Königin waren die heiligen Engel gleichsam beschämt und leisteten in heiligem Wetteifer ihr Hilfe. Sie reinigten und säuberten in kürzester Zeit die Höhle, so dass sie ganz rein und mit Wohlgeruch erfüllt war. Dann zündete der heilige Joseph Feuer an, wozu er das Erforderliche mitgebracht hatte. Da es sehr kalt war, näherten sich Maria und Joseph dem Feuer, um sich ein wenig zu wärmen. Dann genossen sie in unaussprechlicher Freude ihrer Herzen von dem armen Mundvorrat, den sie bei sich hatten. Die Himmelskönigin war wegen der nahe bevorstehenden Geburt des göttlichen Kindes so sehr in dieses Geheimnis versenkt, dass sie nur aus Gehorsam gegen ihren Bräutigam etwas aß.
Nach dem kurzen Dankgebet besprachen sie sich noch ein wenig über die Geheimnisse des menschgewordenen Wortes, und nun erkannte die weiseste Jungfrau, dass die Stunde der gnadenreichen Geburt gekommen sei. Sie bat daum ihren Bräutigam, er möge sich zurückziehen, um ein wenig auszuruhen, denn es war bereits spät in der Nacht. Joseph gehorchte seiner Braut und bat sie, ein Gleiches zu tun. Zu diesem Zweck richtete er mit den Kleidern, die sie bei sich hatten, eine ziemlich geräumige Krippe zurecht, die auf dem Boden stand und den Tieren diente. Während Maria auf dieser Lagerstätte etwas Ruhe suchte, zog sich der hl. Joseph in eine Ecke des Eingangs zurück, wo er betete. Es währte nicht lange, da wurde er vom Geiste Gottes heimgesucht. Eine überaus liebliche, ungewohnte Kraft versetzte ihn in Verzückung. Darin wurde ihm alles geoffenbart, was während der Nacht in dieser Höhle vorging, denn er kehrte erst in dem Augenblick zum Gebrauche der Sinne zurück, als ihn die himmlische Braut rief. Dies war der Schlaf, den Joseph in jener Stunde genoß, ein Schlaf, weit tiefer und seliger als der Schlaf Adams im Paradiese.
Zu gleicher Zeit wurde auch die Königin der Schöpfung durch eine mächtige Stimme des Allerhöchsten aufgerufen und eine wirksame, süße Kraft erhob sie über alles Erschaffene. Sie empfand ganz ungewohnte Wirkungen der Allmacht Gottes. Diese Ekstase war eine der merkwürdigsten und wunderbarsten ihres heiligen Lebens. Der Allerhöchste verlieh ihr immer höhere Erleuchtungen und Gnaden, um sie endlich zur klaren Anschauung der Gottheit zu führen. Nach diesen Vorbereitungen lüftete sich der Schleier: Maria sah Gott in klarer, unverhüllter Anschauung, und sie schaute ihn in solcher Herrlichkeit und mit solcher Fülle der Erkenntnis, dass weder ein Engel noch ein menschlicher Verstand es erklären oder vollkommen fassen kann. Sie erhielt aufs neue die Erkenntnis der Geheimnisse der Gottheit und Menschheit ihres heiligsten Sohnes. Überdies wurden ihr noch andere, in dem unerschöpflichen Lichtquell des göttlichen Herzens verborgene Geheimnisse geoffenbart. Mir fehlen aber die Worte, die hinreichend, geeignet und treffend genug wären, um zu sagen, was ich über diese Geheimnisse im göttlichen Lichte geschaut habe. Der Reichtum und die Überfülle machen, dass ich arm werde an Worten.
Nun erklärte der Allerhöchste seiner jungfräulichen Mutter, es sei die Zeit gekommen, dass er das Heiligtum ihres Schoßes verlasse und in die Welt eintrete. Er teilte ihr auch die Art und Weise mit, wie dies geschehen sollte. Ferner erkannte Maria in dieser Vision die Gründe und erhabensten Ziele dieser geheimnisvollen Geburt, im Hinblick auf Gott als auch auf die Geschöpfe. Sie warf sich zur Erde nieder und brachte dem Herrn in ihrem und aller Geschöpfe Namen die schuldige Ehre, Verherrlichung, Danksagung und Lobpreisung dar für diese unaussprechliche Erbarmung und Herablassung seiner unermeßlichen Liebe. Sie erflehte von Gott neues Licht und neue Gnade, um das menschgewordene Wort nähren, in würdiger Weise bedienen, pflegen und erziehen zu können. Diese Bitte brachte die Mutter mit der tiefsten Demut vor. Sie achtete sich dieses Amtes, welches selbst die höchsten Seraphim nicht gebührend auszuüben vermöchten, für unwürdig. Weil sie sich aber vor dem Angesichte des Allerhöchsten so erniedrigte und ganz vernichtete, erhöhte sie der Herr und übertrug ihr aufs neue den Titel einer Mutter Gottes, mit dem Auftrag, als wahre, rechtmäßige Mutter dieses Amt auszuüben und ihn als den Sohn des ewigen Vaters und zugleich als den Sohn ihres eigenen Mutterschoßes zu behandeln.
Maria war unmittelbar vor der Geburt über eine Stunde in dieser Verzückung und klaren Anschauung Gottes gewesen. In demselben Augenblicke, als sie aus der Verzückung zurückkehrte, schaute sie, wie sich der Leib des göttlichen Kindes anschickte, das Heiligtum des Mutterschoßes zu verlassen. Diese Bewegung des Kindes verursachte aber der jungfräulichen Mutter keinen Schmerz. Im Gegenteil, sie erfüllte sie mit neuer, unaussprechlicher Wonne und brachte in ihrer Seele und in ihrem jungfräulichen Leibe erhabene, göttliche Wirkungen hervor. Maria war dem Leibe nach so vergeistigt, so schön, so glänzend, dass sie keinem menschlichen, irdischen Geschöpfe mehr glich. Ihr Antlitz strömte Lichtstrahlen aus, einer Sonne gleich. Ihr Angesicht war sehr ernst, voll wunderbarer Majestät. Ihr Herz war ganz in Liebesglut entzündet. Sie kniete an der Krippe, die Augen zum Himmel erhoben, die Hände vor der Brust gefaltet. Ihr Geist war in Gott verzückt, ihr ganzes Wesen in Gott umgestaltet. Am Schlusse der genannten Verzückung schenkte Maria der Welt den Eingeborenen des Vaters, ihren eigenen Eingeborenen, unseren Erlöser, Jesus, der wahrer Gott und Mensch ist. Es war Mitternacht, an einem Sonntag, in dem Jahre, mit dem die römische Kirche ihre Zeitrechnung beginnt.
Da über den Hergang der Geburt, soviel ich weiß, Meinungsverschiedenheit herrscht, der Gegenstand selbst aber sehr erhaben und dadurch ehrwürdig ist, habe ich die Erkenntnis meinen Obern und Gewissensführern dargelegt. Darauf wurde mir im Gehorsam befohlen, diese Geheimnisse noch einmal im himmlischen Lichte zu erforschen und Maria, meine Mutter und Lehrmeisterin, sowie auch die heiligen Engel über einige Besonderheiten zu fragen. Ich erkannte nochmals das nämliche, und es wurde mir erklärt, dass die Geburt in folgender Weise stattgefunden habe.
Am Ende der vorerwähnten Anschauung und Verzückung gebar Maria, die Sonne der Gerechtigkeit, den Sohn des ewigen Vaters, und ihren Sohn ganz makellos, schön, strahlend und rein, und zwar so, dass er sie in ihrer jungfräulichen Unversehrtheit und Reinheit noch mehr vergöttlichte und heiligte. Ohne den jungfräulichen Schoß zu öffnen, ging er aus ihm hervor wie die Strahlen der Sonne, die das Kristallglas durchdrungen, ohne es zu zerbrechen, vielmehr es noch schöner und glänzender machend. Ich will das nicht weiter ausführen. Es genügt zu wissen, dass bei der Empfängnis und Geburt des menschgewordenen Wortes von der Natur alles genommen wurde, was wesentlich und notwendig dazu gehörte, damit man von Christus in Wahrheit sagen könne, er sei empfangen, als Sohn aus der Substanz seiner allzeit jungfräulichen Mutter erzeugt und geboren worden. Alles andere aber, was für die Empfängnis und Geburt nicht wesentlich war, muß von Christus, unserem Herrn, sowie von seiner heiligsten Mutter ausgeschlossen werden, und zwar nicht bloß das, was mit der Sünde, der Erbsünde oder der aktuellen Sünde zusammenhängt, sondern auch vieles andere, was nicht notwendig war, damit die Himmelskönigin in Wahrheit die Mutter unseres Herrn und dieser in Wahrheit ihr sohn, von ihr geboren, genannt werde. Denn jene Folgen der Sünde oder der Natur gehörten nicht wesentlich zur heiligsten Menschheit unseres Herrn und ebensowenig zu seinem Amte als Erlöser und Lehrer. Wenn aber etwas für diese drei Zwecke nicht notwendig ist, und wenn andererseits das Freisein davon zur größten Glorie Jesu Christi und seiner heiligsten Mutter gereicht, so müssen beide als davon frei betrachtet werden. Und was die Wunder betrifft, die zu diesem Zwecke notwendig waren, so darf man um dieselben nicht feilschen, wo es sich um den Urheber der Natur und der Gnade und um diejenigen handelt, welche seine würdige Mutter war und dazu auserlesen, geziert und jederzeit mit Auszeichnungen und Zierden der Gnade bereichert wurde. Denn der Allmächtige hat sie zu allen Zeiten mit Gnaden und Geschenken bereichert und alles an ihr getan, was für ein bloßes Geschöpf möglich war.
Dieser Wahrheit gemäß tat es ihrer göttlichen Mutterschaft keinen Eintrag, dass Maria bei der Empfängnis und Geburt durch die Wirkung des Heiligen Geistes Jungfrau war und allzeit Jungfrau blieb. Freilich hatte die Natur dies Vorrecht ohne eie Sünde verlieren können; doch dann hätte die Mutter Gottes einer so kostbaren und einzigen Auszeichnung entbehrt. Damit dem nicht so sei hat ihr heiligster Sohn ihr diese durch seine Allmacht verliehen.
Das göttliche Kind verließ also den jungfräulichen Mutterschoß allein, ohne von irgendeiner materiellen oder körperlichen Wirkung begleitet zu sein. Es kam glorreich und verklärt zur Welt. Die unendliche Weisheit Gottes hatte im Augenblick der Geburt die Glorie der heiligsten Seele auf den Leib des göttlichen Kindes überströmen lassen und ihm die Gaben der Glorie mitgeteilt, wie dies später auf dem Tabor in Gegenwart der drei Apostel geschehen ist. Dieses Wunder war nicht erforderlich, um Mariens Jungfräulichkeit unversehrt zu bewahren. Gott hätte auch durch andere Wunder bewirken können, dass die Mutter Gottes bei der Geburt des Kindes Jungfrau blieb. Es war aber der Wille Gottes, dass die seligste Mutter ihren gottmenschlichen Sohn beim ersten Anblick verklärt schaue, damit die weiseste Mutter durch den Anblick ihres göttlichen Kindes von jener tiefen Ehrfurcht durchdrungen würde, und dass sie auf dem Wege der Erfahrung neue Erkenntnisse und Gnaden erhalte über die Erhabenheit, Majestät und Größe ihres Sohnes. Der andere Zweck dieses Wunders war, die Treue und Heiligkeit der Gottesmutter zu belohnen, damit ihre keuschen Augen, die sich ihrem heiligsten Sohne zulieb für alles Irdische geschlossen hatten, ihn gleich bei seiner Geburt in so großer Glorie erblickten und mit dieser Wonne den Lohn ihrer unverletzten Treue empfingen.
Der heilige Evangelist Lukas berichtet, die jungfräuliche Mutter habe ihren erstgeborenen Sohn nach seiner Geburt in Windeln gewickelt und in eine Krippe gelegt. Wer ihn, nachdem er den jungfräulichen Schoß verlassen, in die Hände Mariens gelegt habe, sagt der Evangelist nicht, weil es nicht zu seinem Plan gehörte. Die Vollzieher dieser Handlung waren aber die beiden erhabenen heiligen Himmelsfürsten Michael und Gabriel. Sie waren bei dem Geheimnis in menschlicher Gestalt gegenwärtig, und in dem Augenblick, da das menschgewordene Wort mit eigener Kraft den jungfräulichen Mutterschoß durchdringend, ans Licht trat, nahmen sie es, in geziemender Entfernung weilend, mit unaussprechlicher Ehrfurcht in ihre Hände auf. Und ähnlich wie der Priester dem Volke die heilige Hostie zur Anbetung zeigt, so hielten die beiden himmlischen Diener der Mutter Gottes ihr in Glorie strahlendes Kind vor Augen. Dies alles geschah aber in ganz kurzer Zeitspanne. Als die heiligen Engel das göttliche Kind seiner Mutter entgegenhielten, schauten Sohn und Mutter einander an, wobei die Mutter das Herz des Kindes mit Liebe verwundete und zugleich selbst in Verzückung geriet. Dann sprach der König des Himmels, noch auf den Händen der Himmelsfürsten getragen, zu seiner Mutter: "Mutter, werde mir ähnlich. Für das menschliche Leben, das du mir gegeben, will ich dir ein neues, erhabeneres Leben der Gnade verleihen, ein Leben, welches zwar das eines bloßen Geschöpfes bleiben, allein dem meinigen, der ich Gott und Mensch bin, durch vollkommene Nachahmung ähnlich sein soll." Die weiseste Mutter antwortet: "Ziehe mich! So wollen wir dir nacheilen, dem Geruche deiner Salben nach" (Hohel 1,3). Hier gingen nun viele Geheimnisse des Hohenliedes in Erfüllung. Zwischen dem göttlichen Kinde und seiner jungfräulichen Mutter fanden die dort berichteten Zwiegespräche statt, wie: "Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein, und sein Verlangen gaht nach mir. Siehe, du bist schön, meine Freundin, und deine Augen sind Taubenaugen. Siehe, du bist schön, mein Geliebter." - Noch viele andere geheimnisvolle Dinge geschahen damals, die ich aber übergehe, weil ich sonst dieses Hauptstück über Gebühr ausdehnen müßte.
Bei den Worten, die die heiligste Mutter aus den Munde ihres geliebten Sohnes vernahm, wurden ihr zugleich die inneren Akte seiner heiligsten, mit der Gottheit vereinigten Seele sichtbar, damit sie dies nachahme und ihm auf diese Weise ähnlich werde. Dies war eine der größten Gnadenauszeichnungen, die die treueste, glückseligste Mutter von ihrem gottmenschlichen Sohn erhielt. Von da an war er das lebendige Vorbild, welches sie in ihrem eigenen Leben abprägte, und zwar mit aller Ähnlichkeit, die zwischen ihr, einem bloßen Geschöpf, und Jesus Christus, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist, möglich war. Zu gleicher Zeit erkannte und fühlte die Himmelskönigin die Gegenwart der heiligsten Dreifaltigkeit und hörte die Stimme des ewigen Vaters, welcher sprach: "Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe" (Matth 17,5). Inmitten so erhabener Geheimnisse ganz in Gott ungewandelt, antwortete Maria: "Ewiger Vater, höchster Gott, Herr und Schöpfer des Weltalls, gib mir aufs neue die Erlaubnis und deinen Segen, um den Ersehnten der Völker in meine Arme aufzunehmen, und lehre mich, als Mutter und treue Dienerin, deinen göttlichen Willen zu erfüllen!" Darauf hörte sie eine Stimme, welche sprach: "Nimm deinen eingeborenen Sohn in deine Arme, pflege ihn und wisse, dass du ihn mir aufopfern mußt, wenn ich dies von dir verlange. Nähre ihn als Mutter, und ehre ihn als wahren Gott!" Darauf erwiderte die Mutter: "Sieh hier das Werk deiner Hände. Schmücke mich mit deiner Gnade, damit ich ihm würdig diene. Möge es keine Verwegenheit sein, dass ein niedriges Geschöpf seinen Herrn und Schöpfer auf den Händen trage und ihn mit Milch nähre."
Nun hob das göttliche Kind das Wunder der Verklärung auf, oder vielmehr, es setzte jenes Wunder fort, das die Gaben der Glorie seinem heiligsten Leibe vorläufig noch entzog und sie in seiner Seele zurückhielt. So zeigte sich das göttliche Kind in seinem natürlichen, leidensfähigen Zustand. Seine reinste Mutter betete es in tiefer Demut und Ehrfurcht auf den Knien an und empfing es in dieser Stellung aus den Händen der heiligen Engel. Da sie es nun in ihren Händen sah, sprach sie zu ihm: "Meine süßeste Liebe, Licht meiner Augen, Leben meiner Seele, sei willkommen in dieser Welt, du Sonne der Gerechtigkeit, um die Finsternis der Sünde und des Todes zu verbannen. Wahrer Gott vom wahren Gott, erlöse deine Diener. Alles Fleisch möge das Heil schauen. Nimm mich zu deinem Dienste an und ersetze meine Unfähigkeit, dir zu dienen." Darauf wandte sich die weiseste Mutter an den ewigen Vater, um ihm ihren Sohn aufzuopfern: "Allerhöchster Schöpfer der ganzen Welt, siehe hier den Altar und das deinen Augen wohlgefällige Opfer! Schaue mit Barmherzigkeit auf das Menschengeschlecht! Verdienen wir auch deinen Zorn, so ist es doch jetzt Zeit, dass die Gerechtigkeit ruhen und die Barmherzigkeit ihre Größe zeigen möge. Deswegen hat sich das göttliche Wort mit dem sündigen Fleisch bekleidet (Röm 8,3) und ist der Bruder der Menschen geworden. Auf diesen Titel hin erkenne ich sie als meine Kinder und bitte für sie aus dem tiefsten Grunde meines Herzens. Allmächtiger Herr, du hast mich zur Mutter deines Eingeborenen gemacht, ohne dass ich es verdiente, denn diese Würde überragt alle Verdienste der Geschöpfe. Aber ich verdanke sie zum Teil auch den Menschen, weil sie die Veranlassung meines unaussprechlichen Glückes geworden sind. Um ihretwillen bin ich ja Mutter des Wortes, das leidensfähiger Mensch und Erlöser aller geworden ist. Ewiger Vater, nimm meine Wünsche und Bitten an."
Die Mutter der Barmherzigkeit, wandte sich auch an alle Menschen: "Nun mögen die Betrübten sich trösten, die Traurigen sich freuen, die niedergeschlagenen Mut fassen, die Verwirrten sich beruhigen, die Toten auferstehen, die Gerechten sich freuen, die Heiligen jubeln,die himmlischen Geister neue Wonne empfinden, die Propheten und Patriarchen in der Vorhölle sich trösten! Alle Geschlechter mögen den Herrn loben und preisen, der seine Wunder erneuert hat. Kommt, kommt, ihr Armen! Nahet euch ihr Kleinen und fürchtet euch nicht; denn ich halte den in meinen Händen als ein sanftes Lamm, der Löwe genannt wird, den Allmächtigen, der schwach geworden, den Unüberwindlichen, der überwunden ist. Kommet zum Leben. Nahet eurem Heile! Eilet zur ewigen Ruhe, denn ich habe dies für alle in Händen! Umsonst werdet ihr es empfangen, ohne Neid teile ich es aus! Seid nicht träge, seid nicht schweren Herzens, o Menschenkinder! Du aber, süßes Gut meiner Seele, erlaube mir, von dir den Kuss zu empfangen, nach dem alle Geschöpfe sich sehnen" (Hohel 1,1). Bei diesen Worten näherte die glückliche Mutter ihre heiligen und keuschesten Lippen dem göttlichen Kinde, es mit zärtliche Liebe zu liebkosen, wie es als wahres Kind solches von seiner Mutter erwartete.
Indem Maria das Kind auf ihren Armen hielt, war sie gleichsam der Altar oderTabernakel, vor dem die zehntausend Engel in menschlicher Gestalt ihren menschgewordenen Schöpfer anbeteten. Und da auch die allerheiligste Dreifaltigkeit bei der Geburt des fleischgewordenen Wortes in besonderer Weise gegenwärtig war, war der Himmel sozusagen von seinen Bewohnern verlassen; denn der ganze himmlische Hof hatte sich zur heiligen Grotte begeben, um den Schöpfer in seinem neuen, fremden Gewande anzubeten. Dann stimmten die heiligen Engel zu seinem Preise jenen neuen Lobgesang an: "Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind!" (Luk 2,14). Sie wiederholten ihn voll Staunen über die großen Wunder, die sie sahen, sowie über die unaussprechliche Weisheit, Gnade, Demut und Schönheit einer zarten Jungfrau von fünfzehn Jahren, die die würdige Bewahrerin und Dienerin so erhabener Geheimnisse war.
Nun war es Zeit, dass sie ihren Bräutigam rief. Dieser war in einer hohen Verzückung, in der ihm alle Geheimnisse dieser hochheiligen Geburt geoffenbart wurden. Nun sollte er mit seinen Sinnen das menschgewordene Wort sehen, berühren, anbeten und ehren, bevor ein anderer Sterblicher dies tun durfte. Er war ja zum treuen Verwalter dieses so erhabenen Geheimnisses auserwählt. Er trat aus der Ekstase, und das erste, was er erblickte, war das göttliche Kind in den Armen seiner jungfräulichen Mutter. Da betete er es mit tiefster Demut unter Tränen an. Er küßte seine Füße mit so großer Freude und Bewunderung, dass er das Leben darob verloren hätte, wenn es ihm nicht durch Gottes Allmacht erhalten worden wäre. Nachdem der hl. Joseph das Kind angebetet hatte, bat Maria das Kind um Erlaubnis, sich setzen zu dürfen, denn bisher war sie gekniet. Der hl. Joseph reichte ihr die mitgebrachten Windeln. Mit unaussprechlicher Ehrfurcht, Andacht und Sorgfalt wickelte Maria das Kind. Dann legte sie es auf göttliche Eingebung in die Krippe, wie der heilige Evangelist Lukas sagt (Luk 2,7). Sie hatte zuvor ein wenig Stroh und Heu hineingelegt. Dann kam auf göttliche Fügung ein Ochs von den naheliegenden Gefilden in raschem Laufe herbei. Er nahte sich dem Eselchen, das der Himmelskönigin als Lasttier gedient hatte. Maria befahl den Tieren, ihrem Schöpfer Anbetung und Huldigung darzubringen. Sie warfen sich gehorsam vor dem Kinde nieder, erwärmten es mit ihrem Hauch und leisteten ihm so die Huldigung, welche die Menschen ihm verweigerten. Auf wunderbare Weise erfüllte sich die Prophezeiung: "Es kennt der Ochs seinen Eigentümer, und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber kannte ihn nicht, und sein Volk verstand es nicht" (Js 1,3).
 

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