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Die Heiligung Mariens
 
 
 
Als Salomon dem Herrn auf dem Berg Moriah einen Tempel errichten wollte, brauchte er ganze sieben Jahre für den Bau. Er bediente sich der berühmtesten Handwerker des Orients und schuf ein Meisterwerk an Schönheit und Pracht.
Weite, mit großen Steinplatten ausgelegte Atrien umgaben das Heiligtum. Auf dem Bronzealtar wahrten die Leviten ein Feuer, das nie erlosch, als rührendes Symbol der göttlichen Liebe, die stets für uns brennt, ohne dass die Quellen seiner unendlichen Zärtlichkeit jemals versiegten. An dieser Stelle brachten die Priester die dem Allerhöchsten geweihten Opfer dar. Die Gläubigen wohnten den Zeremonien von weitem bei.
Jahwes Haus selbst war mit einem unerhörten Reichtum ausgestattet. Im Innern verschwanden die Wände völlig hinter der Zypressenholzverkleidung mit Einlegearbeiten aus Edelmetall. Siebenarmige Golgleuchter standen um zehn ebenfalls aus Gold gefertigte Tische, auf die die Opferbrote gelegt wurden. Hinter dem Purpurvorhang, der das Allerheiligste verbarg, bedeckten zwei Cherubin mit ausgestreckten Flügeln den Schatz Israels, die Bundeslade.
In diesem so gefürchteten Heiligtum, das der Hohepriester nur einmal im Jahr betrat, bewahrte das auserwählte Volk nichts als die Gesetzestafeln und einige Stücke Manna auf.
Nun hatte Gott beschlossen, selbst einen anderen Tempel zu bauen, dessen Würde seine alte Wohnstatt weit übertreffen sollte. Hier sollte das ewige Wort dem unseren ähnliches Fleisch annehmen und wollte für sich den Leib bilden, den es einst am Kreuz opfern und uns in der Eucharistie als Speise darbieten sollte.
Diesen Tempel hat der Höchste zu seinem hervorragendsten Wunderwerk gemacht: Er hat die Unbefleckte Jungfrau zu einer unvergleichlichen Vollkommenheit erhoben.
In diesem Kapitel werden wir die Heiligung Mariens betrachten. Und wenn wir auch die hohen Werke der Gnade niemals vollkommen verstehen werden, so können wir diesen Betrachtungen doch heilsame Lehren für die Leitung unserer Seelen entnehmen.
 
Die Theologen unterscheiden zwei Momente, zwei aufeinander folgende Schritte in der Heiligung Unserer Lieben Frau.
Der erste wurde im Augenblick ihrer Unbefleckten Empfängnis vollbracht. Die Seele der Gottesmutter ging aus der Hand des Schöpfers in schneeweißer Reinheit hervor. Gott stattete sie mit den seltensten Tugenden aus. Von diesem Augenblick an übertraf die Jungfrau im Glanz ihrer übernatürlichen Schönheit nicht nur den strahlendsten Engel, sondern alle Engel und Heiligen zusammen. Das war das erste Schmuckstück, das der Heilige Geist zu den Gaben für seine künftige Braut legte.
Diese bewundernswerten Schätze, die ihre erste Mitgift bildeten, hat Maria reichliche Früchte tragen lassen. Nichts ist für unsere Frömmigkeit bewegender und gleichzeitig auch schlichter als diese einzigartige Entsprechung unserer himmlischen Mutter gegenüber der Gnade von oben.
 
Sie hat nichts Außerordentliches zu tun versucht, um von Tugend zu Tugend aufzusteigen; sie strebte keine besonderen Aufträge an, wie sie die Vorsehung manchmal gewissen Seelen anvertraut: Bevor sie den Gruß des Engels vernommen hatte, hatte sie nicht einmal geahnt, dass sie die seit aller Ewigkeit auserwählte Jungfrau war; sie träumte nicht von heldenhafter Aufopferung, bei der sie das Blut ihrer Adern und ihres Herzens im Überfluss vergiessen würde. Sie überließ die Sorge für die eigene Zukunft vielmehr ganz dem himmlischen Vater.
 
Ihr inneres Leben lässt sich völlig auf eine doppelte Bewegung von Einfachheit und wunderbarer Kraft zurückführen. Sie stürzt sich in den Abgrund ihres Nichts und verschwindet darin. Und mit der gleichen Energie wirft sie sich mit ihrer ganzen Demut und Liebe Gott entgegen.
Jede einzelne ihrer Handlungen, selbst die gewöhnlichsten, tragen den Duft ihrer freiwilligen Erniedrigung und überschäumenden Liebe. In ihrem ganzen Leben wendet sie nicht eine Sekunde lang den Blick ab von ihrer ursprünglichen Kleinheit einerseits und von der unendlichen Schönheit andererseits. Nicht einmal der Traum unterbricht ihre Verdienste, denn auch ihm gibt sie sich aus Gehorsam hin, so dass sie wie die Braut im Hohenlied sagen kann: "Ich schlafe, doch mein Herz wacht." (Hl 5,2)
Wie sieht das Ergebnis dieser inneren Tätigkeit aus, die keinen einzigen Augenblick der Schwäche kennt? Die Seele Mariens nimmt unaufhörlich und immer schneller an Heiligkeit zu. Mit immer glühender Inbrunst weitet sich ihre Liebe aus und gleicht dabei den Feuerbränden, die der Wind über den sommerdürren Wäldern ausbreitet. Ihre angehäuften Verdienste erreichen ein Ausmass, das unsere Berechnungen nicht mehr abzuschätzen vermögen.
Denkt nur nicht, dass es für Maria leicht war, derartige Fortschritte in der Tugend zu machen. Natürlich, innere Versuchungen waren ihr fremd, denn die Unbefleckte Empfängnis behütete sie vor der Begehrlichkeit. Doch, wie ihr göttlicher Sohn auch, war sie dem Gesetz der Anstrengung unterworfen. Jesus wollte aus eigener Erfahrung die Müdigkeit kennenlernen, die uns manchmal mit Entsetzen erfüllt: Das Evangelium zeigt ihn vom Schlaf überwältigt im Boot liegen, während der Sturm tobt und die Wellen das Deck überspülen. Und wir sehen ihn auch ermüdet auf dem Rand des Jakobsbrunnens sitzen. Maria war nicht priviligierter als der Herr. Wir können mit aller Sicherheit annehmen, dass sie ihre unvergleichliche Heiligkeit nicht ohne Mühsal errungen hat.
Gott hat uns zwar nicht, wie die Mutter des menschgewordenen Wortes, vor der Erbsünde bewahrt, doch am Tag unserer Taufe hat er diese von unseren Seelen gelöscht. Und wenn wir Reue zeigen, verzeiht er uns und stellt im Busssakrament die alte Freundschaft wieder her.
Dem Beispiel Marias folgend, müssen wir diese Gaben des Himmels Früchte tragen lassen.
Wenn ihr in eurem inneren Leben Fortschritte machen wollt, dann ahmt diese doppelte Bewegung nach, die wir in der Seele der allerseligsten Jungfrau bewundern.
Fangt damit an, dass ihr euch selbst verachtet. Wenn es Gott zugelassen hat, dass ihr in schwere Sünde gefallen seid, so zieht aus dieser Demütigung Gewinn. Vergesst nie eure Schwäche, denn ihr habt sie auf schreckliche Art erfahren. Wenn euch aber der himmlische Vater vor der Todsünde bewahrt hat, seid noch demütiger. Der heilige Franz von Borgia stellte sich selbst noch tiefer als den Teufel; ohne die Hilfe der Gnade hielt er sich aller Verbrechen fähig.
Kommt sodann treu euren Standespflichten nach, denn dies ist der anbetungswürdige Wille Gottes.
Hier habt ihr in wenigen Worten das Geheimnis der Heiligkeit. Fern von diesem Weg erwarten euch nichts als Gefahren und Täuschungen.
 
Die zweite Heiligung Mariens dauerte mehrere Monate, nämlich von der Verkündigung bis zur Geburt des Herrn im Stall von Bethlehem. Infolge der innigen, anhaltenden Verbindung mit seiner Mutter wirkte Jesus noch unsagbarere Wunder der Gnade in ihr als die vorausgegangenen.
Wie hätte es auch anders sein können?
Aus den Evangelien wissen wir, dass allein schon die Gegenwart des Herrn äußerst wirkungsvoll war. Von ihm ging eine übernatürliche Kraft aus, die die Kranken heilte und die Seelen veränderte. Virtus de illo exibat et sanabat omnes. (Lk 6,19)
Eine arme, seit langem kranke Frau glaubte fest: "Wenn ich nur den Saum seiner Kleider berühren kann, wird mein Übel sofort verschwinden." Sie mischte sich unter allerlei Vorsichtsmassnamen unter die Menge, die den Meister umgab. Als sie schließlich in seine unmittelbare Nähe gelangte, berührte sie schweigend und unauffällig den Saum seines Mantels. Und schon war sie geheilt.
Maria Magdalena, die Sünderin, warf sich dem Meister zu Füßen, bedeckte sie mit Küssen, benetzte sie mit ihren Tränen. Durch die göttliche Berührung wurde der Strom ihrer Vergehen vom weitaus stärkeren Strom der Barmherzigkeit besiegt.
Diese Wirksamkeit der Gegenwart des Herrn beeinflusste nicht alle gleichmässig. Viele lebten während seines sterblichen Lebens mit Jesus zusammen, ohne dass die Gnade ihr Herz berührt hätte: Sie kannten eben den Meister schlecht, hatten keinen Glauben. In anderen wirkte die göttliche Gegenwart nach dem Grad ihrer inneren Verfassung.
Mit welcher Fülle musste sich dieser Einfluss Christi auf die Seele der Gottesmutter auswirken! In ihrem strahlenden Bewusstsein stieß er auf kein Hindernis, das sich seinem geheimnisvollen Wirken in den Weg gestellt hätte. Das Unbefleckte Herz Mariens war von makelloser Reinheit, ihr Glaube duldete kein Zögern, ihr Vertrauen war unerschütterlich, ihre Liebe ohne Grenzen. Während der neun Monate überflutete ein Ozean der Gnaden die allerseligste Jungfrau.
 
Jesus will auch in euer Herz kommen und in ihm das Werk eurer Heiligung vollbringen.
 
In der heiligen Eucharistie bringt er euch sein unendliches Leben, um in euch die heiligmachende Gnade zu vermehren. Er erwärmt euch mit den Strahlen seiner göttlichen Sonne, um in eurer Seele die übernatürlichen Tugenden aufblühen zu lassen. Er begiesst euch mit seinem kostbaren Blut, damit dieser wohltuende Tau das Feuer der Begierlichkeit in eurem Körper auslösche. Die Eucharistie ist das Brot der Engel, der Wein, der Jungfrauen aufkeimen lässt.
 
Die wahrhafte Gegenwart des Erlösers im Sakrament ist so wirksam wie einst seine sichtbare Gegenwart. Jesus hat damit, dass er in den Himmel auffuhr, nichts von seiner Macht und Liebe eingebüsst. Warum zieht ihr dann vielleicht so wenig Nutzen aus der heiligen Kommunion? Weil ihr dem göttlichen Wirken ein Hindernis in den Weg stellt.
 
Welches Hindernis ist das? - Ihr seid sicher bewusst genug, dass ihr die heilige Eucharistie nicht unwürdig empfangt. Es kann also nicht die Sünde sein, die sich in euch der Wirkung des Sakraments entgegenstellt.
 
Das wahre Hindernis ist der Mangel an Vertrauen. Ihr bedenkt nicht genug, welch unsagbaren Besuch ihr bekommt. Ihr betet nicht mit glühendem Glauben zum Herrn, mit dem heiligen Nachdruck, der sein Herz besiegt. Breitet in den kostbaren Minuten der Danksagung euer ganzes Elend vor seinen Augen aus. Führt ihm alles vor, ohne Ausnahme. Sagt ihm: "Ich glaube fest daran, dass du in dieser Fäulnis deine Tugenden aufkeimen lassen kannst. Ich bitte dich, ja ich wage sogar im Namen deiner Verheißung zu fordern: Verwandle meine Seele. Ich werde nicht aufhören, dich anzurufen, solange du nicht dieses Wunder der Güte in mir vollbracht hast."
Ohne Zweifel wird er euch das zur Antwort geben, was er schon einmal geantwortet hat: "Wie du geglaubt hast, soll dir geschehen." Sicut credidisti fiat tibi (Mt 8,13) Wenn euer Vertrauen gering ist, werdet ihr wenig erlangen; wenn euer Vertrauen gross ist, werdet ihr viel erlangen.
 
Vielleicht ist euer Glaube schläfrig geworden. Vielleicht plagen euch geheime Ängste. Betet zur allerseligsten Jungfrau, damit sie euch unerschütterliches Vertrauen zu dem in der heiligen Eucharistie wahrhaft gegenwärtigen Jesus eingibt.
Bittet sie im Namen ihrer mütterlichen Liebe um diesen Gefallen, im Namen der letzten Worte, die ihr sterbender Sohn vom Kreuz aus an sie gerichtet hat.
Was auch immer eure Schwächen, eure Schmerzen sein mögen, verlasst euch blindlings auf Gott, der euch so liebt, dass er sich für euch in der kleinen Hostie verborgen hält.
(entnommen aus: Die Jungfrau Maria, von P. Thomas de Saint Laurent)

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