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Geoffenbart der ehrwürdigen Dienerin Gottes, Maria von Jesus zu Agreda
Die Menschwerdung des Sohnes Gottes
Um das unergründliche Geheimnis der Menschwerdung zu beschreiben, schwinden meine schwachen Kräfte, meine Zunge verstummt, meine Worte erstarren, meine Seelenkräfte werden machtlos und mein Verstand ist wie gehemmt und betäubt, wenn ich ihn auf das göttliche Licht richte, das mich leitet und unterweist. Man erkennt in diesem Licht alles ohne Täuschung, man versteht ohne Umschweife. Ich sehe darin, wie unfähig ich bin, wie leer die Worte sind und wie unzulänglich die Ausdrücke, um die Gedanken über ein Geheimnis vollständig wiederzugeben, das Gott selbst und das größte Wunderwerk seiner Allmacht in sich schließt. Ich sehe in diesem Geheimnisse die wunderbare Harmonie der göttlichen Vorsehung und Weisheit, mit der Gott es von Ewigkeit her angeordnet und vorbereitet und seit Erschaffung der Welt im Auge gehabt hat. Alle seine Werke und Geschöpfe benützt er als Mittel, dass Gott auf die Erde niedersteige und Mensch werde.
Ich sehe, wie das ewige Wort, um vom Schoße seines Vaters niederzusteigen, als passendste Zeit und Stunde die stille Mitternacht der Unwissenheit der Menschen wählte und abwartete, als die ganze Nachkommenschaft Adams im Schlafe der Vergessenheit und Unkenntnis des wahren Gottes begraben und versunken war und niemand den Mund öffnete, um Gott zu bekennen und zu preisen, ausgenommen einige wenige seines Volkes. In der ganzen Welt herrschte Stillschweigen und dichte Finsternis während einer langen Nacht von ungefähr fünftausend und zweihundert Jahren. Ein Jahrhundert und ein Geschlecht folgte dem andern, jedes in der Zeit, die von der ewigen Weisheit vorausbestimmt war, damit alle ihren Schöpfer erkennen und gleichsam mit Händen greifen könnten. Alle Menschen waren ihm ja so nahe, denn "in ihm leben wir, bewegen uns und sind wir" (Apg 7,30). Da jedoch der klare Tag des unzugänglichen Lichtes nicht erschien, wandelten die meisten wie Blinde, sahen und fühlten zwar die Geschöpfe, fanden und erkannten aber nicht die Gottheit, sondern gaben sich den sinnlichen und verächtlichen Dingen der Erde hin.
Endlich kam der glückliche Tag, an dem der Allerhöchste, über die langen Jahrhunderte der tiefen Unwissenheit hinwegsehend, sich den Menschen offenbarte und ihre Erlösung begann, indem er im Schoße der heiligsten Jungfrau die menschliche Natur annahm. Um jedoch besser zu erklären, was mir darüber geoffenbart wurde, muß ich zuvor von einigen Geheimnissen sprechen. Der Glaube lehrt, dass die drei göttlichen Personen in ihrem Wesen, in ihrer Weisheit, ihrer Allmacht und in allen übrigen Vollkommenheiten eins sind. Wie sie sich gleich sind in Würde und unendlicher Vollkommenheit, so sind sie dies auch in ihrem Wirken. Alle drei vollbringen dieselben Werke, weil sie ein und derselbe Gott sind und eine Weisheit, einen Verstand und einen Willen haben. Wie also der Sohn weiß, will und wirkt, was der Vater weiß und will, ebenso weiß, will und wirkt auch der Heilige Geist das nämliche wie der Vater und der Sohn.
Alle drei Personen führten daher das Werk der Menschwerdung mit dieser Ungeteiltheit und derselben Tätigkeit aus, obwohl nur die Person des Wortes allein in hypostatischer Vereinigung die menschliche Natur annahm. Darum sagen wir, dass der Sohn vom ewigen Vater gesandt worden ist, von dessen Verstand er hervorgeht, und dass sein Vater ihn gesandt hat durch die Wirkung des Heiligen Geistes. Da also die Person des Sohnes auf die Welt kommen wollte, um Mensch zu werden, brachte er, ehe er vom Himmel niederstieg - Ohne den Schoß seines Vaters zu verlassen -, einen Vorschlag und eine Bitte im göttlichen Rate vor. Er zeigte nämlich seine vorhergesehenen Verdienste auf und bat um das Fiat (=Es geschehe) des Vaters, damit derselbe die Erlösung des Menschengeschlechtes annehme durch die Werke seines heiligsten Leidens und der Geheimnisse, die er in der neuen Kirche und dem Gesetze der Gnade vollbringen wollte.
Der ewige Vater gewährte ihm alles, was er für die Menschen vorgeschlagen und erbeten hatte. Er selbst empfahl ihm seine Auserwählten als sein Erbe. Darum sagt unser Heiland durch den heiligen Johannes, dass jene, die sein Vater ihm gegeben, nicht verloren gehen. Denn er hat sie alle bewahrt, ausgenommen Judas, den Sohn des Verderbens (Joh 18,9; 17,12). Ein anderes Mal sagte er, dass niemand eines seiner Schäflein seiner Hand oder der des Vaters entreißen werde. Das würde für alle Menschen gelten, wenn sie sich bemühten, die Erlösung wirksam zu machen. Niemand ist von der göttlichen Barmherzigkeit ausgeschlossen.
Dies alles ging - nach unserer Vorstellung - im Himmel auf dem Throne der allerheiligsten Dreifaltigkeit vor sich, ehe das Fiat der seligsten Jungfrau gesprochen wurde. Im Augenblicke, da der Eingeborene des Vaters in ihren jungfräulichen Schoß niederstieg, bewegten sich die Himmel und alle Geschöpfe. Weil alle drei göttlichen Personen untrennbar vereinigt sind, kamen sie gemeinsam mit der Person des Wortes herab, das allein Fleisch annehmen sollte. Zugleich stieg das ganze himmlische Heer nieder, voll Glanz und unüberwindlicher Stärke. Es war nicht nötig, den Weg zu bahnen, weil Gott alles erfüllt, an jedem Orte gegenwärtig ist und weil nichts ihn hemmen kann. Die materiellen Himmel huldigten ihrem Schöpfer und bewiesen ihm Ehrfurcht. Alle elf öffneten und teilten sich mit den niederen Elementen. Die Sterne strahlten in neuem Licht, die Sonne, der Mond und die Planeten beschleunigten ihren Lauf im Dienste ihres Schöpfers, um bei diesem größten Wunderwerke gegenwärtig zu sein.
Die Menschen wurden dieser ungewohnten Bewegung aller Geschöpfe nicht gewahr, teils weil es Nacht war, teils weil der Herr wollte, dass sie allein den Engeln bekannt werde. Beim Schauen so tiefer und ehrwürdiger Geheimnisse priesen sie Gott mit neuer Bewunderung. Nur dem Herzen von einigen Gerechten flößte Gott in dieser Stunde eine ungewohnte Bewegung und außerordentliche Freude ein. Sie wurden dadurch zum Nachdenken angeregt, zu neuen und großen Gedanken über den Herrn. Einige vermuteten infolge göttlicher Eingebung, dass diese ungewöhnliche Empfindung durch die Ankunft des Messias zur Erlösung der Welt verursacht sei. Alle aber schwiegen, weil durch göttliche Fügung ein jeder glaubte, diese außerordentlichen Empfindungen und Gedanken allein gehabt zu haben.
Auch die übrigen Geschöpfe erfuhren diese Erneuerung und Änderung. Die Vögel erhoben sich mit außerordentlich freudigem Gesang. Kräuter und Bäume dufteten lieblicher und die Früchte wurden vortrefflicher. Auch die übrigen Geschöpfe empfingen in ihrer Art eine geheime Belebung. Der heilige Erzengel Michael wurde in die Vorhölle gesandt, den Seelen die frohe Botschaft zu bringen. Sie wurden dadurch mit Trost erfüllt und lobten den Herrn. Nur in der Hölle war neuer Schmerz und neues Weh. Als das ewige Wort aus der Höhe niederstieg, fühlten die bösen Geister eine gewaltige Kraft der göttlichen Allmacht, die gleich den Wogen des Meeres über sie hereinbrach und sie alle in die unterste Tiefe jener finstern Abgründe ward, ohne dass sie wiederstehen oder sich erheben konnten. Nachher kamen sie mit Gottes Zulassung wieder herauf auf die Welt und forschten überall nach, ob ein neues Ereignis stattgefunden habe, dem ihre Erschütterung zuzuschreiben sei. Aber sie konnten die Ursache nicht entdecken, obwohl sie einige Beratungen darüber hielten. Der Allmächtige verbarg ihnen das Geheimnis der Menschwerdung und die Weise der Empfängnis des Gottmenschen. Erst bei dessen Tode am Kreuze erfuhren sie, dass Christus wahrer Gott und Mensch sei.

Der heilige Erzengel Gabriel trat in die Kammer, wo die heiligste Jungfrau betete. Er war begleitet von unzähligen Engeln in menschlicher Gestalt. Alle strahlten je nach ihrem Range in wunderbarer Schönheit. Maria blickte den heiligen Erzengel mit höchster Bescheidenheit und Zurückhaltung an und nur so viel, als hinreichte, um ihn als einen Engel des Herrn zu erkennen. Als sie ihn erkannt hatte, wollte sie sich in ihrer gewohnten Demut vor ihm verneigen. Der Himmelsfürst aber ließ es nicht zu. Vielmehr verbeugte er sich vor ihr als seine Königin und Herrin, in der die göttlichen Geheimnisse seines Schöpfers anbetete. Dadurch anerkannte er zugleich, dass sich von diesem Tage an die alte Zeit und Gewohnheit ändere, nach der die Menschen vor den Engeln sich verneigten, wie Abraham getan hat. Indem die menschliche Natur in der Person des Wortes zur Würde Gottes erhoben, wurden die Menschen als Kinder Gottes und Brüder der Engel angenommen, wie der Engel dem heiligen Evangelisten Johannes beteuerte, als er dessen Anbetung zurückwies (Apok 19,2).
Dann grüßte der heilige Erzengel seine und unsere Königin und sprach: "Ave gratia plena, Dominus tecum, benedicta tu in mulieribus" - "Gegrüßt seist du, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen". Beim Vernehmen dieses neuen, englischen Grußes erschrak Maria, ohne jedoch verwirrt zu werden. Dieses Erschrecken hatte zwei Ursachen. In ihrer tiefsten Demut betrachtete sich Maria als die geringste von allen Menschen. Während sie so gering von sich dachte, hörte sie sich als die Gebenedeite unter allen Frauen begrüßen. Darüber geriet sie in Erstaunen. Da sie diesen Gruß hörte und in ihrem Herzen erwog, gab ihr Gott der Herr zu erkennen, dass er sie zu seiner Mutter erwähle. Darüber erschrak sie noch mehr. Darum sprach der Engel weiter: "Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade gefunden bei Gott. Siehe, du wirst einen Sohn in deinem Schoße empfangen und gebären, und du wirst ihm den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und der Sohn des Allerhöchsten genannt werden". Darauf folgten die übrigen Worte der Heiligen Schrift (Lk 1,30-32).
Maria allein konnte unter allen bloßen Geschöpfen ein so großes und einziges Geheimnis nach Gebühr würdigen und hochschätzen. Da sie dessen Größe erkannte, war sie erstaunt und betroffen. Doch sie wandte ihr demütiges Herz zum Herrn, der ihre Bitten nicht abschlagen konnte, und flehte in ihrem Innern um neues Licht und neuen Beistand, um sich in einer so schwierigen Angelegenheit zu entscheiden. Der Allerhöchste ließ sie bei der Verwirklichung dieses Geheimnisses in dem gewöhnlichen Zustande des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, indem er die anderen Gaben und inneren Erleuchtungen aufhob. In dieser Verfassung fragte sie den heiligen Erzengel Gabriel, wie der heilige Lukas berichtet: "Wie soll dies geschehen, da ich keinen Mann erkenne?" Zu gleicher Zeit stellte sie dem Herrn innerlich das Gelübde der Keuschheit vor, das sie abgelegt, und die Verlobung, die Seine Majestät mit ihr gefeiert hatte.
Der Erzengel Gabriel antwortete ihr: "Herrin, für Gottes Allmacht ist es leicht zu bewirken, dass du Mutter werdest, ohne einen Mann zu erkennen. Der Heilige Geist wird kommen und in wunderbarer Weise mit dir sein, und die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten, dass aus dir geboren werden könne der Heilige der Heiligen, der Sohn Gottes heißen wird. Auch deine Base Elisabeth hat in ihrem unfruchtbaren Alter einen Sohn empfangen, und dies ist schon der sechste Monat seit ihrer Empfängnis. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Der bewirkt, dass eine Unfruchtbare empfange und gebäre, kann auch bewirken, o Herrin, dass du seine Mutter werdest und zugleich allzeit Jungfrau bleibest und dass deine Reinheit eine noch größere Weihe empfange. Dem Sohne, den du gebären wirst, wird Gott den Thron seines Vaters David geben, und sein Reich wird ewig sein im Hause Jakobs. Du kennst die Weissagung des Isaias, dass eine Jungfrau empfangen und einen Sohn gebären werde, der Emanuel, das ist "Gott mit uns", heißen soll. Diese Weissagung ist untrüglich, und sie wird sich in deiner Person erfüllen. Auch kennst du das große Geheimnis des Dornbusches, den Moses brennen, aber nicht verbrennen sah. Das deutet hin auf die Vereinigung der zwei Naturen, ohne dass die göttliche die menschliche verzehrt und dass die Mutter des Messias empfangen und gebären werde ohne Verletzung ihrer jungfräulichen Reinheit. Erinnere dich auch, o Herrin, an die Verheißung, die Gott dem Patriarchen Abraham gegeben hat, dass seine Nachkommen nach ihrer Knechtschaft in Ägypten im vierten Geschlechte in dieses Land zurückkehren werden. Das tiefe Geheimnis dieser Verheißung war, dass der menschgewordene Gott in diesem vierten Geschlechte durch deine Vermittlung das ganze Menschengeschlecht aus der Sklaverei Satans erlösen werde. Jene Leiter endlich, die Jakob im Schlafe sah, war ein deutliches Vorbild des königlichen Weges, den das Wort Gottes im menschlichen Fleische eröffnen soll, damit die Menschen zum Himmel empor- und die Engel zur Erde niedersteigen. So soll auch der Eingeborene des Vaters auf die Erde herabkommen, um mit den Menschen zu verkehren und ihnen die Schätze seiner Gottheit mitzuteilen, indem er sie an den Tugenden und Vollkommenheiten seines unveränderlichen, ewigen Wesens teilnehmen läßt".
Auf diese Weise belehrte der himmlische Bote die heiligste Jungfrau, damit sie durch den Glauben an die Hl. Schrift und an die unendliche Macht Gottes ihre Furcht ablege. Da jedoch Maria die Engel an Weisheit, Klugheit und aller Heiligkeit übertraf, hielt sie mit ihrer Antwort noch zurück, um sie voller Überlegung zu geben. Maria erwog, dass von ihrer Antwort nichts Geringeres abhänge als das Worthalten der heiligsten Dreifaltigkeit, die Erfüllung der göttlichen Verheißungen und Prophezeiungen, das wohlgefälligste und würdigste aller Opfer, das Eröffnen der Pforten des Paradieses, der Sieg und Triumph über die Hölle, die Erlösung des ganzen Menschengeschlechtes, die Genugtuung und Ersatzleistung an die göttliche Gerechtigkeit, die Gründung des neuen Gesetzes der Gnade, die Seligkeit der Menschen, die Freude der Engel, kurz alles das, was in dem großen Geheimnisse der Menschwerdung eingeschlossen ist.
Welch ein großes, staunenswertes Wunder, dass der Allerhöchste diese Geheimnisse in die Hände einer demütigen Jungfrau legte und dass alles von ihrem "Fiat" - "Es gescheh" - abhing. Dies alles hat der Herr mit Würde und Sicherheit der Weisheit und dem Starkmut dieser Frau überlassen können, da sie bei ihrer hochherzigen und erhabenen Gesinnung sein Vertrauen nicht enttäuschen konnte. Die göttlichen Tätigkeiten in seinem Innern bedürfen der Mitwirkung der Geschöpfe nicht. Anders ist es mit den Werken nach außen (ad extra), deren größtes und ausgezeichnetstes die Menschwerdung ist. Dieses wollte Gott nicht vollziehen ohne die Mitwirkung und freie Zustimmung der seligsten Jungfrau. Mit ihr und durch sie wollte er allen seinen Werken nach außen diese Vollendung geben, und wir sollten diese Wohltat der Mutter der Weisheit, unserer Wiederherstellerin Maria, von Herzen danken.
Sie betrachtete und durchschaute das weite Feld (Sprichw 31, 16-18) der Würde einer Mutter Gottes, das sie mit einem "Fiat" erkaufen sollte. Sie bekleidete sich mit übermenschlicher Stärke, fühlte und sah, wie gut dieses Angebot und dieser Tausch mit Gott war. Sie "achtete auf die Wege" seiner verborgenen Wohltaten und schmückte sich mit "Kraft und Anmut". Nachdem sie bei sich selbst und mit dem himmlischen Boten Gabriel die Größe dieser erhabenen, göttlichen Geheimnisse erwogen und das volle Verständnis der Botschaft erlangt hatte, wurde ihr reinster Geist ganz in Bewunderung, Ehrfurcht und höchste, feurigste Liebe zu Gott versenkt. Durch die Gewalt dieser hocherhabenen Anmutungen und Gemütsbewegungen wurde wie in natürlicher Folge das reinste Herz Mariens so stark zusammengedrückt, dass drei Tropfen seines reinsten Blutes aus ihm träufelten. Aus diesen drei Tropfen wurde im reinsten Schoße Mariens der Leib Unseres Herrn Jesus Christus durch die Kraft des Heiligen Geistes gebildet. So hat also das Herz der reinsten Jungfrau Maria wahrhaft und wirklich durch die Macht seiner Liebe die Materie dargeboten, aus der die heiligste Menschheit des Wortes zu unserer Erlösung gebildet wurde. Zu gleicher Zeit sprach Maria mit unvergleichlicher Demut, das Haupt ein wenig geneigt und die Hände gefaltet, jene Worte, die der Anfang unserer Erlösung waren: "Ecce ancilla Domini, fiat mihi secundum verbum tuum". "Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Worte."
Beim Aussprechen dieses "Fiat", für Gott so lieblich und für uns so heilbringend, geschahen in einem Augenblicke vier Dinge: Erstens wurde der heiligste Leib Unseres Herrn Jesus Christus gebildet, zweitens seine heiligste Seele erschaffen, und zwar wie die anderen Seelen, drittens vereinigten sich Seele und Leib, um seine vollkommenste Menschheit zu bilden, viertens vereinigte sich die Gottheit in der Person des Wortes mit der Menschheit. Durch diese persönliche Vereinigung der Menschheit mit der Gottheit vollzog sich die Menschwerdung, und so ward Jesus Christus, der wahre Gottmensch, unser Erlöser, gebildet. Dies geschah am Freitag, dem 25. März, beim Anbruch der Morgendämmerung, zur nämlichen Stunde, da unser Vater Adam erschaffen worden war im Jahre 5199 nach Erschaffung der Welt, wie die römische Kirche, vom Heiligen Geiste geleitet, im Martyrologium zählt.
Im Augenblicke, als der Allmächtige die Feier der persönlichen Vereinigung des ewigen Wortes mit der menschlichen Natur im reinsten Brautgemache der heiligsten Jungfrau beging, wurde sie zur beseligenden Anschauung in einer intuitiven und klaren Vision Gottes erhoben. Sie erkannte in ihm die erhabensten Geheimnisse. Namentlich wurden ihr die geheimnisvollen Zeichen klar, die sie auf ihrem Schmucke trug, desgleichen auch jene der Engel.
Das göttliche Kind wuchs natürlicherweise im Mutterschoße Mariens wie die anderen Kinder. Doch war es frei von den Unvollkommenheiten der übrigen Adamskinder in jenem Zustande und an jener Stätte. Denn Maria war von den Schwächen, die nicht zum Wesen der Lebensmitteilung gehören, sondern eine Folge der Sünde sind, ganz und gar frei. Wie die menschliche Natur unseres Erlösers auf natürliche Weise genährt wurde, so wurde die Gottheit durch die heroischen Tugenden seiner Mutter besonders durch die Liebe erfreut. Während andere Mütter ihren Kindern für deren Wachstum unvollkommenes Blut geben können, gab Maria das reinste, wesenhafteste und zarteste, weil sie es kraft der Affekte der Liebe und anderer Tugenden mitteilte. Ebenso verhielt es sich mit dem, was sie genoß. Sie wußte, dass sie Speise nahm, um den Sohne Gottes und ihrem Sohne Nahrung zu geben. Darum aß sie unter heroischen Akten, dass die Engel staunten, wie in so gewöhnlichen menschlichen Handlungen so große Verdienste und für den Herrn so hohes Wohlgefallen sich finden konnten.
Mit der Würde einer Gottesmutterschaft erhielt Maria so große Privilegien, dass alles, was ich bisher gesagt habe oder noch sagen werde, deren Erhabenheit nicht im geringsten wiedergibt. Meine Zunge kann sie nicht aussprechen. Selbst die gelehrtesten und weistesten Männer werden keine Worte finden, sie auszudrücken. Die Demütigen jedoch, die Gott lieben, werden dies durch das eingegossene Licht erkennen und durch den inneren Geschmack, womit solche Geheimnisse erfaßt werden. Durch die besondere und neue Gegenwart in ihrem Schoße war Maria - der Himmel und der Tempel der allerheiligsten Dreifaltigkeit - ganz umgestaltet und Gott ähnlich geworden. Auch ihr armes Häuschen und ihr Betkämmerchen waren zu einem neuen Heiligtum des Herrn geweiht worden. Die Engel aber, die Zeugen dieses Wunders waren, priesen den Herrn mit neuen Lobliedern und mit unnennbarem Jubel und lobten ihn im Verein mit der seligsten Jungfrau sowohl in ihrem eigenen Namen als im Namen des Menschengeschlechtes, das die größten seiner Erbarmungen und Wohltaten noch gar nicht kannte.
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