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Erschaffung der Welt
 
 
Der Allerhöchste erschuf die sichtbaren Dinge für den Menschen, die Engel und Menschen aber, damit sie ein Volk bilden, dessen Haupt das menschgewordene Wort sein sollte.
 
Die Ursache aller Ursachen war Gott, Er, der Schöpfer alles dessen, was Dasein hat. Gott wollte aber die Wunderwerke Seiner Allmacht beginnen, wann und wie es Sein freier Wille war. Den Anfang und Verlauf dieser Schöpfung erzählt Moses im ersten Kapitel der Genesis; und da der Herr mir hierüber seine Erleuchtung mitgeteilt hat, so werde ich hier das Nötige sagen, um die Werke und Geschehnisse der Menschwerdung des Wortes und der Erlösung von ihrem Ursprunge an zu erkennen.
Das erste Kapitel der Genesis beginnt wörtlich so "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Aber die Erde war wüst und leer. Finsternis war über dem Abgrund, und der Geist Gottes schwebte über den Gewässern. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah das Licht, dass es gut war und schied das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht; und es ward Abend und Morgen, der erste Tag" (Gn 1,1-5); usw.
 
 
An diesem ersten Tage, oder wie Moses sagt, "Im Anfang", schuf Gott Himmel und Erde; der "Anfang" aber bestand darin, dass der allmächtige Gott, in sich selbst unveränderlich verbleibend, gleichsam aus Sich selbst heraustrat, um außer Sich die Kreaturen zu erschaffen. Die Kreaturen haben damals angefangen, ein eigenes Dasein zu führen, und Gott hat gleichsam angefangen, Sich an Seinen Geschöpfen zu erfreuen, als an Werken, welche, ein jedes in seiner Weise, vollkommen waren.
Damit aber auch die Ordnung oder Aufeinanderfolge der Erschaffung eine höchst vollkommene sei, schuf Gott, bevor Er die geistigen und vernünftigen Geschöpfe ins Dasein rief, den Himmel für Engel und Menschen sowie die Erde, auf welcher die letzteren in sterblichem Leibe zuerst pilgern sollten. Beide Orte waren dem Zweck, für den jeder erschaffen war, so entsprechend und so vollkommen, dass David sagen konnte: "Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und das Firmament verkündet die Werke Seiner Hände" (Ps 18,2). Die Himmel offenbaren in ihrer Schönheit die Größe und Herrlichkeit Gottes; sie sind der Lohn, den der Herr Seinen Heiligen zum voraus bereitet hat. Das Firmament oder die Feste der Erde verkündet, dass es Geschöpfe, Menschen, geben werde, welche sie dereinst bewohnen und auf ihr zum Schöpfer wandeln sollen. Bevor aber der Allerhöchste die Menschen schuf, wollte er zuvor alles dasjenige erschaffen, was zur Erreichung ihres Zieles und zur Erhaltung des Lebens, das sie nach seinem Willen auf Erden zu führen hatten, notwendig war, damit sie sich in jeder Hinsicht verpflichtet sähen, Ihm zu gehorchen und Ihn als ihren Schöpfer und Wohltäter zu lieben, und seinen wunderbaren Namen und seine unendlichen Vollkommenheiten aus seinen Werken zu erkennen (Röm 1,20).
 
 
Von der Erde sagt Moses, sie sei anfangs wüst und leer gewesen; von dem Himmel sagt er dies nicht; denn im Himmel schuf Gott die Engel, und zwar in jenem Augenblick, den Moses mit den Worten andeutet: "Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht." Moses redet hier nicht bloß von dem körperlichen Lichte, sondern auch von den geistigen Lichtern, welche die Engel sind. Er spricht von ihnen nicht mit unverkennbaren Worten, sondern deutet sie nur an mit der genannten Bezeichnung, weil die Juden sehr geneigt waren, allen außerordentlichen Dingen, mochten sie auch an Würde weit unter den Engeln stehen, göttliche Weisheit zuzuschreiben. Das Sinnbild des Lichtes ist aber sehr geeignet, die Natur der Engel, und im nächsten Sinne auch die Erleuchtung und Gnade zu bezeichnen, mit der sie in ihrer Erschaffung begabt wurden.
 
 
Mit dem Lichthimmel schuf Gott gleichzeitig die Erde und im Mittelpunkt derselben die Hölle; denn im nämlichen Augenblick, da die Erde erschaffen ward, wurden durch göttlichen Willen in der Mitte der Erdkugel sehr tiefe und weite Räume gebildet für die Hölle, die Vorhölle und das Fegfeuer. In der Hölle ward zur Selben Zeit auch das materielle oder körperliche Feuer samt allem erschaffen, was jetzt zur Peinigung der Verdammten dient.
Der Herr trennte alsbald das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag, die Finsternis Nacht. Diese Trennung fand statt nicht bloß zwischen der natürlichen Tag- und Nachtzeit, sondern auch zwischen den guten und bösen Engeln. Den guten Engeln verlieh Gott das ewige Licht seiner Anschauung und nannte dieses Tag, ewigen Tag; die bösen Engel nannte Er Nacht der Sünde und schleuderte sie in die ewigen Finsternisse der Hölle, damit wir alle erkennen, wie die barmherzigste Freigebigkeit des Schöpfers und Lebendigmachers mit der strengen Gerechtigkeit des allerheiligsten Richters Hand in Hand ging.
Die Engel wurden im empyreischen Lichthimmel erschaffen, und zwar im Stande der Gnade, auf dass sie mit Hilfe deren die Glorie als Belohnung verdienten. Obwohl sie sich am Orte der Glorie befanden, schauten sie die Gottheit noch nicht von Angesicht zu Angesicht, bis jene, die dem göttlichen Willen gehorchten, sich dieses Glück mit der Gnade verdient hatten. So waren also sowohl dieheiligen Engel, als auch die abtrünnigen Geister nur ganz kurze Zeit in dem Stand der Prüfung. Die Erschaffung, die Prüfung und die Entscheidung geschahen nämlich in drei durch kurze Zwischenräume getrennten Momenten. Im ersten Moment wurden alle erschaffen und mit der Gnade und den Gaben des Heiligen Geistes ausgerüstet, so dass sie überaus schön und vollkommen waren. Auf diesen Moment folgte ein kleiner Zeitraum, in welchem allen der Wille ihres Schöpfers kundgetan und vorgestellt wurde. Es ward ihnen ein Gesetz und eine Vorschrift des Handelns gegeben, wonach sie ihren Schöpfer als ihren Herrn anerkennen und damit den Zweck, zu dem er sie erschaffen hatte, erfüllen sollten. In diesen Zeitraum nun fällt jener große, vom heiligen Johannes im zwölften Kapitel der geheimen Offenbarung beschriebene Kampf des heiligen Michael und seiner Engel mit dem Drachen und dessen Anhang. Die guten Engel verharrten in der Gnade und verdienten sich die ewige Seligkeit, die ungehorsamen aber empörten sich gegen Gott und verfielen dadurch der Strafe, die sie nun leiden.
Wenn auch in diesem zweiten Zeitraum sowohl wegen der natürlichen Beschaffenheit der Engel als kraft und göttlicher Allmacht sich alles in kürzester Frist hätte vollziehen können, so hat doch, wie ich erkannt habe, die göttliche Güte einige Zögerung gewährt, während der sie den Engeln alles gezeigt und vorgestellt hat, das Gute und Böse, das Wahre und Falsche, das Gerechte und Ungerechte, die Gnade und Freundschaft Gottes und umgekehrt die Bosheit der Sünde und die Feindschaft Gottes, der ewige Lohn und die ewige Strafe sowie der Untergang Luzifers und seines Anhangs. Die göttliche Majestät zeigte ihnen auch die Hölle mit ihren Peinen, und die Engel sahen alles; und weil ihre rein geistige, erhabene Natur fähig ist, alle erschaffenen, endlichen Dinge so zu erkennen, wie sie in sich selber sind (d.h. in ihrer Wesenheit), so hatten sie vor dem Falle aus der Gnade eine ganz klare Anschauung von dem Ort der Strafe. Den Lohn der Glorie erkannten sie noch nicht in genannter Weise, sie erkannten ihn aber auf andere Weise und hatten überdies die offenbare und ausdrückliche Verheißung desselben vom Herrn. Hiermit hatte der Allerhöchste Seine Sache gerechtfertigt, und was Er tat, war höchst billig und gerecht. Alle diese Güte und Gerechtigkeit von seiten Gottes reichte nicht hin, den Luzifer und seine Engel zurückzuhalten. Darum wurden sie als Verstockte gezüchtigt und in die Tiefe des höllischen Abgrundes geschleudert. Die guten Engel aber wurden in der Gnade und Glorie auf ewig befestigt. Dies alles geschah im dritten Moment, und damit war tatsächlich erwiesen, dass kein Geschöpf, sondern nur Gott allein von Natur aus unfähig ist, zu sündigen, da selbst ein Teil der Engel in ihrer erhabenen, mit so vielen Gaben der Erkenntnis und Gnade ausgerüsteten Natur zuletzt sündigten und verlorengingen. Wie wird es erst der menschlichen Schwachheit ergehen, wenn nicht die Allmacht Gottes sie beschützt und wenn der Mensch Gott gleichsam nötigt, ihn zu verlassen?
Ich wünschte noch zu wissen, aus welchem Beweggrund Luzifer und seine Genossen gesündigt und aus welcher Veranlassung und Gelegenheit es zu ihrem Ungehorsam und ihrem Fall gekommen ist. In dieser Hinsicht erkannte ich, dass sie der Verschuldung nach (secundum reatum) vielerlei Sünden begehen konnten, wenn sie auch nicht alle dem Akte oder der Tat nach begingen. Jene Sünden aber, die sie mit ihrem bösen Willen tatsächlich begingen, erzeugten in ihnen den Habitus, d.i. die Neigung zu allem Bösen, auch zu jenem, das sie selber nicht begehen konnten. Daher kommt es, dass sie zu Sünden letzterer Art die Menschen verleiten und sich freuen, wenn solche geschehen.
Was nun die böse innere Verfassung betrifft, in welcher sich Luzifer damals befand, so bestand diese in einer sehr ungeordneten Selbstliebe; diese aber entsprang daraus, dass Luzifer sich selber mit größeren Gaben und Schönheiten der Natur und Gnade ausgerüstet sah als die übrigen, unter ihm stehenden Engel. Bei diesem Anschauen seiner selbst hielt er sich zu lange auf, und das Wohlgefallen, das er an sich selber hatte, bewirkte, dass er in der Dankbarkeit, die er Gott als der einzigen Ursache all dessen, was er empfangen, schuldig war, träge und lässig wurde. Er schaute sich wiederum an, hatte aufs neue Wohlgefallen an seiner Schönheit und seinen Gnaden, schrieb sie sich selber zu und liebte sie als seine eigenen. Diese ungeordnete Selbstliebe bewirkte aber nicht bloß, dass er um dessentwillen, was er von einer anderen, höheren Kraft empfangen, sich selbst erhob, sondern sie trieb ihn auch an, nach anderen, fremden Gaben und Vorzügen, die er selbst nicht besaß, in heftigstem Neide zu begehren. Weil er diese aber nicht erlangen konnte, so faßte er einen tödlichen Hass und Zorn gegen Gott, der ihn aus nichts erschaffen hatte, und gegen alle Seine Geschöpfe.
Daraus entstanden dann Ungehorsam, Anmaßung, Ungerechtigkeit, Treulosigkeit, Gotteslästerung und selbst eine Art Abgötterei, da er die Ehrfurcht und Anbetung, welche Gott gebührt, für sich selber verlangte. Er schmähte die Größe und Heiligkeit Gottes, verlor den Glauben und die schuldige Treue, er wünschte, alle Geschöpfe zu vernichten, und schmeichelte sich vermessentlich, alles dieses und noch viel mehr ausrichten zu können. So ist sein Stolz "immer steigend" (Ps 73,23) und andauernd, obwohl "sein Übermut größer ist als seine Macht" (Js 16,6); denn in letzterer kann er nicht wachsen, hinsichtlich der Sünde aber "ruft ein Abgrund dem anderen zu" (Ps 41,8). Der erste Engel, welcher sündigte, war, wie wir aus dem vierzehnten Kapitel des Propheten Isaias wissen, Luzifer (Js 14,12), und dieser verführte die anderen, dass sie ihm folgten; darum wird der Fürst der bösen Geister genannt, nicht als wäre er dies seiner Natur nach (denn vermöge letzterer konnte er diesen Titel nicht erhalten), sondern mit Rücksicht auf die Sünde. Diejenigen aber, welche sündigten, gehörten nicht bloß einer Ordnung oder Hierarchie an, sondern aus allen Chören fielen Engel ab, und zwar viele.
Zur Erklärung dessen, was mir über die Ehre und Auszeichnung, welche Luzifer in seinem Stolze sich anmaßte, mitgeteilt worden ist, bemerkte ich folgendes: Da Gott in Seinen Werken "alles nach Mass, Zahl und Gewicht ordnet" (Weish 11,21), so beschloss Er in seiner Vorsehung, den Engeln unmittelbar nach ihrer Erschaffung, bevor sie sich noch verschiedenen Zielen zuwenden konnten, dasjenige Ziel zu offenbaren, für welches Er sie erschaffen und mit einer so erhabenen, ausgezeichneten Natur begabt hatte. Die Art, wie ihnen dies geoffenbart wurde, war folgende: Zuerst empfingen sie eine sehr klare Erkenntnis von der Wesenheit Gottes, wie Er eins ist in seiner Wesenheit und dreifach in den Personen; zugleich erhielten sie Befehl, Gott als ihren Schöpfer und höchsten Herrn, der unendlich ist in seiner Wesenheit und in seinen Vollkommenheiten, ihre Anbetung und Huldigung zu leisten. Gehorsam unterwarfen sich alle diesem Befehl, jedoch nicht alle in gleicher Weise. Die guten Engel gehorchten aus Liebe und Gerechtigkeit, indem sie ihren Willen gerne unterwarfen, das, was ihre Erkenntniskräfte überstieg, gläubig annahmen und das Befohlene mit Freude vollzogen. Luzifer aber unterwarf sich deshalb, weil ihm das Gegenteil als unmöglich erschien. Seine Unterwerfung geschah nicht aus vollkommener Liebe; denn er teilte seinen Willen zwischen sich und der untrüglichen Wahrheit des Herrn. Dieses bewirkte, dass er das Gebot etwas schwer und lästig fand und es nicht mit voller Liebe und aus Gerechtigkeit erfüllte, wodurch er sich selbst in eine Verfassung setzte, die seinen Ungehorsam herbeiführte. Die Schlaffheit und Zurückhaltung, womit er seine ersten Akte wirkte, beraubten ihn zwar nicht der Gnade, aber seine schlimme Verfassung nahm davon ihren Anfang, indem ihm eine gewisse Schwäche und Unentschiedenheit in der Tugend und im Eifer zurückblieb, und der Glanz seiner Schönheit verdunkelt wurde. Die Wirkung, welche dieser Rückfall Luzifers in ihm hervorbrachte, gleicht meines Erachtens jener Wirkung, welche eine überlegte läßliche Sünde in der Seele verursacht. Damit will ich nicht sagen, Luzifer habe damals schon läßlich oder gar schwer gesündigt. Er erfüllte ja das Gebot Gottes, nur erfüllte er es saumselig und unvollkommen, und mehr durch die Macht der Vernunft als durch die Liebe und den Gehorsam angetrieben; dies war sein erster Schritt zum Falle.
 
 
An zweiter Stelle offenbarte Gott den Engeln, dass er eine menschliche Natur, d.h. vernünftige Geschöpfe niederer Ordnung erschaffen wolle, damit auch sie Gott als ihren Schöpfer und als ihr ewiges Gut lieben, fürchten und ehren möchten. Er werde diese menschliche Natur durch große Gnaden auszeichnen, die zweite Person der allerheiligsten Dreifaltigkeit werde selbst die Natur annehmen und dieselbe kraft der hypostatischen Union mit der Gottheit persönlich vereinigen. Die Engel aber würden diese Person, nämlich den Gottmenschen, nicht bloß als Gott, sondern auch, sofern Er Mensch sein werde, als ihr Haupt anzuerkennen und Ihm Ehrfurcht und Anbetung zu leisten haben; sie sollten an Würde und Gnaden Ihm nachstehen und Seine Diener sein. Dabei ließ Gott die Engel erkennen, wie geziemend, wie billig, wie gerecht und vernünftig diese Unterwerfung sei, weil die Annahme der vorausgesehenen Verdienste des Gottmenschen ihnen die Gnade, die sie besaßen, sowie die Glorie, die sie besitzen sollten, verdient habe; auch seien sie zu Seiner Verherrlichung erschaffen worden, gleichwie auch alle übrigen Kreaturen zu Seiner Verherrlichung erschaffen werden sollten, weil Er der König der ganzen Schöpfung sein werde. Alle Geschöpfe, die fähig wären, Gott zu erkennen und zu genießen, sollten Sein Volk und gleichsam die Glieder Seines Leibes sein, um Ihn als Haupt anzuerkennen und zu ehren. Dann wurde den Engeln alsbald das Gebot gegeben, den Gottmenschen als ihr Haupt anzuerkennen.
Die gehorsamen, heiligen Engel unterwarfen sich alle diesem Gebote und leisteten mit der ganzen Kraft ihres Willens, mit demütigem, liebeglühendem Herzen vollkommenen Gehorsam. Luzifer dagegen, von Stolz und Neid getrieben, widersetzte sich und forderte auch die Engel, die ihm folgten auf, dasselbe zu tun. Sie taten es auch wirklich, schlossen sich ihm an und versagten den göttlichen Gebot den Gehorsam. Dafür versprach ihnen der Fürst der Finsternis, dass er ihr Haupt sein und eine von Christus unabhängige, gesonderte Herrschaft führen werde. So konnten also Neid, Hochmut und ungeordnete Begierlichkeit in einem Engel eine solche Verblendung hervorrufen, dass er die Ursache wurde, warum unzählige Engel mit der Pest der Sünde angesteckt wurden.
Nun erhob sich jener großer Kampf im Himmel, den der heilige Johannes in der Geheimen Offenbarung beschreibt (Offb 12). Die gehorsamen und heiligen Engel entbrannten nämlich von Eifer, die Herrlichkeit des Allerhöchsten und die Ehre des menschgewordenen Wortes, das sie im Gesichte geschaut, zu verteidigen und baten darum den Herrn um die Erlaubnis und gleichsam um seine Genehmigung, dem Drachen entgegentreten und wider ihn streiten zu dürfen. Diese Erlaubnis ward ihnen erteilt.
Hier muss ich noch ein anderes geheimes Ereignis erwähnen, das sich damals zutrug. Als allen Engeln der Befehl erteilt wurde, dem menschgewordenen Wort Gehorsam zu leisten, ward ihnen gleichzeitig noch ein anderes, drittes Gebot auferlegt, nämlich jene "Frau", in deren Schoss der Eingeborene des Vaters menschliches Fleisch annehmen sollte, als ihre Gebieterin anzuerkennen; diese Frau werde ihre Königin und die Herrin aller Geschöpfe sein; an Gaben der Gnade und Glorie werde sie alle Engel und Menschen übertreffen. Mit noch größerer Demut unterwarfen sich die guten Engel gehorsam diesem Gebot des Herrn und lobten und priesen die Macht des Allerhöchsten und seine Geheimnisse. Luzifer aber mit seinem Anhang erhob sich bei Eröffnung dieses Geheimnisses und des Gebotes in noch größerem Stolz und Hochmut. In höchster Wut forderte er, dass die Auszeichnung, das Haupt des ganzen Menschengeschlechtes und aller Engelchöre zu sein, ihm verliehen werde und dass, falls diese Auszeichnung an die hypostatische Union geknüpft sein solle, letztere in ihm geschehe.
Was die Unterwerfung unter die Mutter des menschgewordenen Wortes, unsere liebe Frau, betrifft, so widersetzte sich der Drache diesem Gebot unter schauerlichen Lästerungen. In unbändigen Zorn wandte er sich gegen den Urheber so großer Wunder, forderte Genossen auf und rief: "Ungerecht sind diese Gebote. Meiner Größe geschieht Unrecht. Darum werde ich die Natur, die Du, Herr, mit solcher Liebe ansiehst und mit solchen Auszeichnungen schmücken willst, verfolgen und vernichten. Zu diesem Zwecke werde ich alle meine Kraft und List aufbieten. Dieses Weib, die Mutter des Wortes, werde ich von der Höhe, auf die du sie erheben gedenkst, herunterstürzen, und dein Plan wird unter meinen Händen zunichte werden."
Solch schrecklicher Hochmut reizte den Zorn des Herrn, und Er sprach zu Luzifer: "Diese Frau, die du nicht ehren wolltest, wird dir den Kopf zertreten (Gen 3,15). Sie wird dich besiegen und deine Macht vernichten. Und wenn durch deinen Stolz der Tod in die Welt kommen wird (Weish 2,24), so wird durch die Demut dieser Frau das Leben und Heil der Sterblichen kommen. Diese werden den Lohn und die Krone empfangen, die du mit deinem Anhange verloren hast."
Kaum hatte der Drache den Willen und die Ratschlüsse Gottes vernommen, als er voll Zorn und Stolz antwortete und Drohungen gegen das ganze Menschengeschlecht ausstieß. Die guten Engel aber erkannten den gerechten Zorn des Allerhöchsten gegen Luzifer und die übrigen abtrünnigen Engel und kämpften gegen sie mit den Waffen des Verstandes, der Vernunft und der Wahrheit.
 
 
Nun geschah es, dass der Allmächtige ein anderes, höchst geheimnisvolles Wunder wirkte. Nachdem er nämlich allen Engeln das große Gehimnis der persönlichen Einigung (hypostatische Union) geistigerweise geoffenbart hatte, zeigte Er ihnen die heilige Jungfrau in einem Zeichen oder Bilde. Auf ähnliche Art stellte Gott den Engeln die reine menschliche Natur in einer höchst vollkommenen Frau vor, in welcher der mächtige Arm des Allerhöchsten sich wunderbarer zeigen wollte als in der Gesamtheit aller übrigen Geschöpfe. Denn in ihr legte er die Gnaden und Gaben seiner Rechten in unvergleichlich höherem Grade nieder. Dieses Zeichen, nämlich das Bild der Königin des Himmels und der Mutter des menschgewordenen Wortes, wurde allen Engeln gezeigt und geoffenbart, den guten und den bösen. Die guten waren bei diesem Anblicke von Bewunderung hingerissen und stimmten Loblieder an; von jenem Zeitpunkt ab begannen sie, bewaffnet mit brennendem Eifer und mit dem unüberwindlichen Schilde jenes Zeichens, die Ehre zu verteidigen. Der Drache dagegen und seine Verbündeten faßten einen unversöhnlichen Hass und Ingrimm gegen Christus und Seine heiligste Mutter. Nun folgte alles das, was im zwölften Kapitel der Geheimen Offenbarung beschrieben wird.
(Geoffenbart der ehrwürdigen Dienerin Gottes, Maria von Jesus zu Agreda)
 
 
 
 

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