Willkommen

 

Gott gibt dem Volke Israel auf dem Sinai die zehn Gebote
 
 
 
 
Nach vielen Mühseligkeiten und Kämpfen kamen die Israeliten, im dritten Monate nach dem Auszuge aus Ägypten, in die Wüste Sinai an den Gott geheiligten Berg Horeb. Hier lagerten sie sich dem Berge gegenüber, und hier war es, wo sie ein Jahr lang verblieben, um im Gesetze und im Dienste Gottes unterrichtet und Zeugen der herrlichen Offenbarungen Jehova´s  zu werden.
Moses bestieg den Berg und der Herr sprach zu ihm: "Wenn Israel meine Stimme hört und meinen Bund haltet, so sollt ihr Mir zum Eigentum sein unter allen Völkern, ein priesterliches Königreich, ein heiliges Volk. So geh´ hin zum Volke, und heilige sie heute und morgen; denn am dritten Tage wird der Herr herabkommen vor allem Volke. Dem Volke aber sollst du ringsum Schranken setzen; denn Jeder, der den Berg berührt, soll des Todes sterben."
Als nun der Morgen des dritten Tages herangebrochen war, da fing es an zu rauchen und zu donnern und zu blitzen, und eine dichte Wolke umhüllte den Berg. Aus der Wolke aber ertönte Posaunenschall, allgewaltig und furchtbar wie zum Weltgerichte! Und Moses führte das Volk aus dem Lager, Gott entgegen, an den Fuß des Berges. Da erscholl die Stimme des Herrn vom Berge her und sprach:
 
 
I. "Ich bin der Herr dein Gott. Du sollst keine fremden Götter neben Mir haben, und kein geschnitztes Bild dir machen, um es anzubeten; denn Ich bin der Herr dein Gott, ein starker und eifersüchtiger Gott, der die Missetat der Väter an den Kindern strafet bis ins dritte und vierte Geschlecht bei denen, die Mich hassen - und der Barmherzigkeit tut bis ins tausendste Glied bei denen, die Mich lieben und meine Gebote halten.
 
II.  Du sollst den Namen des Herrn deines Gottes nicht eitel nennen.
 
III. Gedenke, dass du den Sabbat heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten; aber am siebenten sollst du kein Geschäft tun, weder du, noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Vieh. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht, aber am siebenten ruhte Er; darum segnete Gott den Sabbattag und heiligte ihn.
 
IV. Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf dass du lange lebest, und es dir wohlergehe im Lande, das der Herr dir geben wird.
 
V. Du sollst nicht töten.
 
VI. Du sollst nicht ehebrechen.
 
VII. Du sollst nicht stehlen.
 
VIII. Du sollst kein falsches Zeugnis reden.
 
IX. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hausfrau.
 
X. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut."
 
Unter Zittern und Beben vernahm das Volk die Stimme des Herrn, und schaute im Rauchen des Berges, im Gewittersturm und im Schall der Posaunen die furchtbare Majestät des Allerhöchsten. Deshalb sprach es zu Moses: "Rede du mit uns, und wir wollen hören; der Herr aber rede nicht mehr mit uns, wir möchten sonst sterben." - Nun stieg Moses abermals auf den Berg und nahte sich dem Dunkel, worin Gott war, und der Herr gab ihm noch mancherlei Vorschriften, gottesdienstliche, sittliche und bürgerliche Gesetze.
Moses aber tat alle Worte des Herrn den Söhnen Israels kund; da antworteten sie mit lauter Stimme und sprachen: "Alle Worte, die der Herr gesagt hat, wollen wir tun." - Und Moses schrieb alle Worte des Herrn in das Buch des Bundes; dann errichtete er einen Altar unten am Berge zum Brandopfer und zwölf Denksteine nach den Stämmen Israels, und las das Buch des Bundes vor allem Volke. Als aber das Volk den Bund des Herrn beschworen, da nahm er das Blut der Opferkälber: Die Hälfte goß er über den Altar, und mit der anderen Hälfte besprengte er das Volk und sprach: "Das ist das Blut des Bundes, den der Herr mit euch geschlossen."
 
Erwäge und betrachte nun, jene Gesetzgebung von Sinai. War das, was der Herr daselbst befahl, etwas Neues? O nein! Schon im Paradiese hatte Gott dieses Gesetz dem Menschen ins Herz geschrieben. Allein durch die Bosheit der Menschen war diese ursprüngliche göttliche Schrift im menschlichen Gewissen verwischt und unleserlich geworden. "Darum - schreibt sankt Augustin - ward ihnen auf Sinai auch äußerlich wieder vor Augen gehalten, was sie innerlich im Gewissen schauen sollten; und indem Gottes Stimme von aussen an das Ohr drang, ward der Mensch in sein Inneres zurückgetrieben."
Hieraus folgt, dass dieses Gesetz des Herrn nicht nur für die Söhne Israels, sondern für alle Zeiten und alle Völker Geltung hat. Nur die vorbildlichen, gottesdienstlichen Verordnungen, d.h. das Ceremonalgesetz ist im Neuen Bunde, wo die alttestamentlichen Vorbilder erfüllt sind, aufgehoben; das Sittengesetz vom Sinai aber bleibt ewig in Kraft. Darum sprach der göttliche Lehrmeister: "Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben, sondern es zu erfüllen und zu vervollkommnen."
Und wie hat Christus das alttestamentliche Gesetz vervollkommnet? Durch die Liebe! - Das Gesetz, auf Sinai unter Donner und Blitz und furchtbarem Posaunenschall den zitternden Söhnen Israels gegeben, war mehr auf die Furcht gegründet und betraf hauptsächlich das äussere Tun und Lassen der Menschen. Der Stifter des neuen Bundes aber verkündete sein Gesetz nicht von der steilen Anhöhe eines stolzen Gebirges, sondern vom Kreuze herab! Der Gottessohn, der in unendlicher Liebe zu den Menschen unsere Natur angenommen, und noch sterbend seine Arme ausgespannt hält, um alle Menschen drinn aufzunehmen - dessen Haupt gesenkt ist, um uns den Friedenskuss zu bieten - dessen Herz durchstochen ward, um den Sündern die Flammen seiner unendlichen Liebe und Barmherzigkeit zu offenbaren: das ist der Gesetzgeber des Neuen Bundes! Und was er verlangt, ist vorzugsweise der innere Gehorsam, ein liebentflammentes menschenfreundliches Herz, reine Gedanken und eine unschuldige Gesinnung: ein Gehorsam im Geiste und in der Wahrheit.
Das ist die Vollendung des alten Gesetzes - und auch die Vollendung des alten Bundes. Denn jenes Blut der Opferkälber, das zwischen dem Altare und dem besprengten Volke, d.h. zwischen Gott und den Menschen geteilt wurde zur Besiegelung des gegenseitigen Bundes, das war nur ein schwaches Vorbild des hochheiligen anbetungswürdigen Blutes Christi, in welchem der Neue Bund besiegelt und mit welchem ebenfalls - zum Zeichen des Bündnisses zwischen Gott und den Menschen - teils der heilige Altar des Kreuzes, teils der Erdboden der Menschen besprengt wurde. Darum ruft freudig der Völkerlehrer: "Jenes war ein Sinnbild der gegenwärtigen Zeit; denn nicht durch das Blut von Böcken und Stieren, sondern mit seinem eigenen Blute ist der Mittler des Neuen Bundes, Christus unser Hoherpriester, ins Heiligtum eingegangen, und hat eine ewige Erlösung gefunden." (Hebr. 9)
 
Nach dem feierlichen Abschlusse des Alten Bundes nahm Moses seinen Bruder Aaron und Nadab und Abiu nebst siebzig aus den Ältesten Israels, und sie stiegen auf den Berg und schauten den Gott Israels in seiner Herrlichkeit: da war es unter seinen Füssen wie ein Kunstwerk von Saphirgesteinen und wie der Himmel, wenn er klar ist. Im Anblicke des Herrn ward ihr Herz entzückt und sie hielten ein Freudenmahl. - Moses aber stieg auf die Spitze des Berges, und verblieb daselbst vierzig Tage und vierzig Nächte ohne Speise und Trank. In dieser Einsamkeit und geheimnisvollen Unterredung mit Gott erhielt er die Unterweisungen des Herrn über den Bau der Stiftshütte, über die Einrichtung des Gottesdienstes und die zwei steinernen Gesetzestafeln, auf welche der Finger des Herrn die zehn Gebote wunderbar eingegraben hatte zum immerwährenden Gedächtnis des Bundes.
Inzwischen aber - o Unbeständigkeit des menschlichen Herzens! - verfielen die Kinder Israels in eine überausschwere Sünde: sie gossen ein goldenes Kalb und beteten es an und aßen und tranken und tanzten um das Götzenbild. Als Moses dieses sah, ergrimmte er voll heiligen Zornes und warf die Tafeln aus seiner Hand, zum Zeichen, dass Israel den Bund des Herrn gebrochen habe. Darauf vernichtete er das Götzenbild vor ihren Augen, und ließ mehrere tausend Götzendiener mit dem Schwerte niederhauen. - Als aber der Herr diese Sühnung sah und das flehentliche Gebet seines Dieners Moses hörte, da erbarmte Er sich wiederum des Volkes, und Er erneuerte seinen Bund, und gab dem Moses zwei andere steinerne Tafeln, auf welche Er seine Gebote geschrieben hatte.
 

Musik    



nach oben