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In Gottes Vaterhand
entnommen aus: In Gottes Vaterhand, von A.M.Weigl
Tief ergriffen vom Glauben an den Vater-Gott
Das war der heilige Franz von Assisi
Wenn Bruder Franz in jener Nacht, von der uns Thomas von Celano berichtet, gleichsam mit jedem Atemzug, mit jedem Pulsschlag seufzte und flehte "Mein Gott und mein alles", so war das die Seelenstimmung eines wirklichen Heiligen: Gott! Nur Gott! Überall Gott! Und alles, was irgendwie von diesem Gott trennen könnte, muß weg, radikal weg, auf jeden Fall, für immer! Der Heilige erstrebt die totale gänzliche Abkehr von all dem, was nicht Gott ist und nicht zu Gott führt. "Franziskus litt großes Herzeleid und hatte keine Ruhe, bis er in die Tat umsetzte, was er in seinem Herzen beschlossen ." So sieht der Mensch aus, der verzehrt wird vom Gedanken, nichts zu unterlassen, was Gott verherrlicht, nichts zu tun, was Ihm die Ehre rauben könnte:
Tiefste Ehrfurcht, heilige Anbetung vor diesem Herrn und Gott! Ja, mehr noch: Kindlich dankbare Liebe zu diesem Gott-Vater. Totale Hingabe an Ihn.
"Mein Vater bist Du!" (Ps 88, 27)
"Der Geist der Kindschaft läßt uns rufen: Abba, Vater!" (Röm 8, 15)
Unvergeßlich bleibt jede Szene, wo Franziskus vor allen bekannte: "Hört mich und vernehmt es wohl: Bisher habe ich Pietro Bernadone meinen Vater genannt...Von nun an will ich nicht mehr sagen: Padre Pietro Bernadone, sondern einzig: Vater unser, der Du bist im Himmel". Von der Stunde an wurde es hell in Franzens Seele: Der Vater und immer wieder der Vater! So wie Jesus, genau wie Jesus: nur der Vater! Jeder Pulsschlag, jeder Atemzug, jeder Schritt, jedes Wort, alles gar alles im Vater, für den Vater. Weil der Vater es so will! Der erste und der letzte Beweggrund: der Vater! - Die Welt des Heiligen ist eben die Welt des Glaubens. Für ihn entscheiden die Worte des Buches Gottes, nicht irgend welche persönlichen Ansichten. Gott ist Vater - wir Seine Kinder.
Als Franz seine Brüder aussandte, hielt er keine Aussendungspredigt fein durchdacht und sprachlich geschliffen. Nein! Nur eines gab er ihnen mit auf den Weg: den Vater: "Brüder, werft eure Sorgen auf den Herrn. Er wird euch erhalten" (Ps. 54, 23)
Der Vater wird schon sorgen
Sonst wäre Er gar nicht Vater! Und es war Franziskus heilig ernst dabei. Er wußte aus dem Heiligen Buch "Der Geist selbst bezeugt es unserem Geiste, dass wir Kinder Gottes sind" (Röm 8, 16): Kinder Gottes, Söhne Gottes - und deswegen nennt Franz ganz spontan jene, die ihm nachfolgen, einfach "Brüder", "Schwestern".
Er lebt ganz aus dem Glauben heraus. Was Christus bedingungslos fordert, das erfüllt er. "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen" (Matth 18, 3). Ganz eindeutig. Das Wesen des Kindes aber ist: das Einfache, Gläubige, Vertrauensvolle, Unbekümmerte, Wahrhafte und Reine - das aber leider bei den reifen Menschen oft verschüttet oder zerstört ist. Und doch: Werden wie Kinder! Alles in die Hände des Vaters werfen und - die Augen schließen! Das kannst du nicht. Das kann ich nicht, das kann nur Er, der Heilige Geist vollbringen, "den der himmlische Vater denen gibt, die Ihn darum bitten" (Luk 11, 13). Darum immer wieder um den Heiligen Geist rufen und sich führen lassen von Ihm. Das tat Bruder Franz.
Seine Zuflucht war und blieb das Gebet
"Beim Gehen und Sitzen, beim Essen und Trinken war er ins Gebet versunken", so sagt sein Biograph. Er verwirklichte die Mahnung Jesu: "Betet allezeit und lasset nicht ab!" (Luk 18, 11). Nur der betende Mensch wird Kind vor Gott. Dieses echte Kindsein vor Gott und diese vertrauende Kindesliebe zum Vater kann nicht "erstudiert" werden, sondern will erbetet werden. Durch Beten lernt man kindlich glauben, demütig glauben, dankbar glauben und wie Franziskus "keine Heimsuchung des Geistes mit Nichtbeachtung übergehen." - - "Wenn er eine neue Geisteseingebung verspürte, dann empfing er die Gnade nie vergebens" (Thomas von Celano). Immer wieder griff er auch zur Heiligen Schrift, aber nur "demütig", nicht anmaßend - denn "das Heilige Buch ist eigentlich nicht zu "lesen", sondern zu "beten", wie Bruder Franz meinte. Wie war doch Franziskus ein treues Kind seines himmlischen Vaters, Ihm vertrauend, Ihm hingegeben, und darum ein echter "Bruder Immerfroh", auch inmitten aller Schmerzen und Drangsale.
Nur wer Kind ist im Herzen, kann Tiere und Blumen so lieben, wie es St. Franziskus getan. Nur wer Kind ist in der Seele, kann mit all diesen Geschöpfen Gottes reden wie mit Brüdern und Schwestern. Sind sie nicht alle aus Gottes Vaterhand geworden? Das Größte aber ist dieses, diese Liebe des heiligen Franziskus hat zeugende Kraft bis zum heutigen Tag. Seit über 700 Jahren gibt es Franziskus-Jünger und Franziskus-Schwestern in aller Welt, die seine Kindlichkeit, seine Einfalt, sein Gottvertrauen und seine Gottesliebe leben und verwirklichen in einer zum Teil verkommenen Welt.
Was unser himmlischer Vater kann
Das läßt Er uns ein wenig ahnen in Seiner Schöpfung. Hier ein Beispiel von Millionen von Wundern: Die "Lichtmaschine" in den Blättern der Pflanzen und Bäume. Von der Wissenschaft wird sie Photosynthese genannt. Die grüne Schicht an den Blättern (das Chlorophyll) ist befähigt, bestimmte Wellenlängen der Sonnenstrahlung aufzunehmen und zum Aufbau äußerst komplizierter Verbindungen aus der Kohlensäure der Luft und den einfachen anorganischen Stoffteilchen (den Molekülen) zu verwenden, welche eine Pflanze mit ihren Wurzeln aus dem Erdreich aufnimmt. So entstehen in den Blättern Zucker, Fette, Eiweiß.
Als Kinder schon haben wir uns oft gefragt: Wie kommt soviel Zucker und süßer Saft in die Kirschen, Pflaumen, Weintrauben? Auf der Hochzeit zu Kana hat der Herr gewöhnliches Wasser in den köstlichen Wein verwandelt. Billionenfach verwandelt Gott in den grünen Blättern durch die geheimnisvollen Kräfte des Sonnenstrahls das Wasser aus dem Erdboden und die erdhaften Stoffe des Bodens und den Stickstoff und die Kohlensäure in der Luft in die süßen Säfte der vielen so schmackhaften Beeren und Früchte. Und in das bekömmliche Fleisch der Früchte. Wieviel Weisheit, technisches Können und Liebe zu uns, Seinen Kindern, baut doch der liebe Gott, unser herrlicher "himmlischer Brotvater" hinein in jede Erdbeere, Himbeere, Tomate, Banane, Aprikose, Birne, auch in jede Blüte, aus deren Blütenstaub die Bienen aus den süßen Honig bereiten!
Keine Wissenschaft der Welt,
keine Technik wird je auch nur eine Kirsche herstellen können, in ihrer gewachsenen Schönheit, in ihrem Aroma, ihrem herrlichen Geschmack, in ihrer Bekömmlichkeit für die menschliche Gesundheit. Und dazu obendrein der Kern, der die Kraft enthält, ganze Wälder, ganze Länder mit neuen Kirschbäumen anzubauen...!
Man könnte sagen: Wie schon jede Pflanze, jeder Baum ein Wunderwerk ist, so ist wieder jedes einzelne Blatt eine ganz genial angelegte Fabrik in Mini-Format. Und zwar Zuckerfabrik, Eiweiß-Fabrik, Fabrik zur Herstellung der verschiedensten Fette, sogar Farben-Fabrik. Alle diese kostbaren Stoffe werden im Blatt erzeugt durch die Einwirkung des Sonnenlichtes und dann zum Aufbau der Pflanze, des Baumes und der Früchte verwendet. Mit Recht bewundern wir die ungeheuer kompliziert und sinnvoll konstruierten Maschinen- und Apparateanlagen eines modernen Fabrikbetriebes. Aber wo ist der Wissenschaftler, der Ingenieur und Konstrukteur einer Fabrikanlage, die so klein ist wie ein Blatt an einem Kirschbaum, an einer Erdbeerstaude und die so präzis, so vollkommen in jeder Beziehung so viele Stoffe in bester Quälität erzeugt und wo der ganze "Betrieb" so still läuft, so ganz ohne den gefürchteten, nervenzermürbenden Lärm menschlicher Fabriken? Großen Kummer haben heute alle Regierungen und alle Besitzer von technischen Anlagen wegen der unvermeidlichen Abfallstoffe, die den Boden, das Wasser und die Luft in lebenbedrohender Weise vergiften. Wohin mit dem "Müll", den Giften, mit denen man einfach nichts mehr anfangen kann...?
Der moderne Mensch
sollte in seiner Ausweglosigkeit zum "Himmel-Vater" gehen und bei Ihm sich Lösungen erbitten und zeigen lassen. Jedes Blatt beweist, dass Er für jeden Fall ideale Lösungen wüßte. Wie göttlich-genial ist doch die Frage der Abfall-Stoffe in jeder "Blatt-Fabrik" gelöst: Das am meisten anfallende "Abfall-Produkt" in jeder "Blatt-Anlage" ist der Sauerstoff. Und gerade dieser Stoff ist für Menschen und Tiere eines der wichtigsten Lebenselemente. Ohne den Sauerstoff, den die Pflanzenwelt täglich in gewaltigen Mengen herstellt und abgibt, sozusagen als "Müll", könnte kein Lebewesen existieren. Alle die Billionen und Trillionen Lebewesen auf der Erde - einschließlich Menschen - können nur leben, weil die geheimnisvollen, unzähligen "Lichtmaschinen" in den grünen Blättern ununterbrochen dieses "Wandlungswunder" vollbringen, aus den Stoffen der Erde, dem Stickstoff und Kohlenstoff der Luft die Nahrungsstoffe herstellen, die alle Lebewesen brauchen, und weil sie "nebenbei" die Luft mit dem Stoff immer wieder erfüllen, ohne den alle Lebewesen in wenigen Augenblicken ersticken müßten, nämlich den Sauerstoff. Würde die Pflanzenwelt nicht so fleißig ununterbrochen mit dem Kohlenstoff und Stickstoff der Menschen- und Tierwelt und der modernen Technik aufräumen, dann wären auch schon längst alle Lebewesen dem Erstickungstod und der Vergiftung anheimgefallen. - Unter Verwendung der Stoffe aus der Erde, aus der Luft bereitet der allmächtige Vater durch die Kraft der Sonnenstrahlen jedes Jahr 200 Milliarden Tonnen Früchte und organische Substanzen als Nahrungsnachschub - das tägliche Brot - für Menschen und Tiere.
Wahrhaftig, wir haben einen herrlichen Vater. Kein menschlicher Verstand vermag auszudenken, was dieser kann! - Und wie bescheiden unser lieber himmlischer Vater dabei ist! Seit hunderttausenden von Jahren gibt es Menschen, und erst in den aller-allerletzten Jahren hat der himmlische Vater durch unsere Wissenschaftler uns Einblick gegeben in diese unfaßbaren Wunder Seiner Weisheit, Seiner Allmacht und väterlichen Fürsorge für alle Seine Geschöpfe, besondern für Seine Kinder, uns Menschen...Aber
das Wunder aller Wunder
liegt in geistigen Bereich. Der himmlische Vater hat die Menschen nach Seinem Ebenbild erschaffen - mit Verstand und freiem Willen - und ihnen Anteil an Seinem geistigen, unsterblichen Sein gegeben. Sein göttliches Leben sollten sie allezeit in sich tragen. - Welch unfaßbares Geheimnis! Als aber die Sünde dieses göttliche Leben auslöschte, hat dann Seinen Sohn in die Welt gesandt, und ihn dem schmachvollen Sühnetod am Kreuze überliefert, damit alle die Möglichkeit haben, in die Liebe des Vaters wieder zurückzukehren und das Vaterhaus zu erreichen. Und gleichsam als Unterpfand dieser Liebe vollzieht der göttliche Sohn das höchste Wunder der Verwandlung von Brot und Wein in Seinen allerheiligsten Leib und in Sein Blut. Nehmt hin und esset, das ist Mein Leib! - Nehmt hin und trinket, das ist Mein Blut!" Hinter diesen Worten liegt die ganze Allmacht Gottes, die ganze geheimnisvolle, drängende Liebe Gottes, aber auch - das ganz fürchterliche Gericht Gottes. Der Mensch hat die freie Entscheidung für oder gegen diese Liebe seines Gottes. Wohin gehst Du?
(Pfr. Fischl)
Gott macht alles gut
Pater Hugo Lang OSB, der bekannte Rundfunkprediger, erzählt aus seiner Seelsorgspraxis: "Ich war gebeten, die Frau eines Kunstmalers mit den heiligen Sterbesakramenten zu versehen. Als ich die Wohnung betrat, blieb der Mann auf seinem Stuhle sitzen und machte gar keine Miene, das heilige Sakrament oder den Priester zu grüßen. Es war nicht Zeit, sich darüber auch nur zu wundern, denn die Kranke schien am Ende ihrer Kräfte. Immer wieder seufzte nun diese: "Mein armer Mann", und auf die Frage des Priesters, warum sie sich um ihn, der doch gar nicht liebenswürdig schien, so sorgte, antwortete sie: "Er ist völlig blind seit Jahren und hilflos wie ein kleines Kind. Wer wird für ihn sorgen, wenn ich nicht mehr bin? Er hat keinen Menschen auf der weiten Welt, hat auch keine Rechte auf die öffentliche Fürsorge." Da bat ich im Herzen dem Alten meine Verwunderung ab. Beim Abschied sagte ich zu ihm, dem keine falsche Hoffnung gegeben werden durfte: "Der liebe Gott wird es recht machen." Da richtete er seine weit offenen Augen auf mich und antwortete mit aller Seelenruhe: "Hochwürden, der liebe Gott macht überhaupt alles recht."
Tags darauf ist die Frau gestorben. Auf die Trostworte: "Jetzt müssen Sie das Kreuz eben tragen", kam die ebenso ruhige Versicherung: "Ich kanns tragen." In Wahrheit wußten weder er noch ich noch irgendeiner der Nachbarn Rat. Als er vom Begräbnis nach Hause zurückgeleitet war und die Einwohner ihm noch Gesellschaft leisteten, ging die Glocke. Vor der Tür stand eine vornehme Dame mit der Frage, ob sie den alten Herrn sprechen könnte. Man sagte ihr, wie ungelegen sie komme, und klagte ihr die arge Not. Da bestand die Dame auf dem Wunsch, eingelassen zu werden. Und siehe: Sie war aus dem fernsten deutschen Osten gekommen, nach ihrem Onkel zu fragen, den sie längst tot geglaubt hatte. Vor einer Erholungsreise nach dem Süden hatte sie im Speicherkram auf einer zerrissenen Briefhülle die Adresse gefunden. Ohne Beruf im Leben stehend, hatte sie sich stets nach einer schönen Aufgabe gesehnt. Nun hatte Gott die Hilfsbereite dem Hilfsbedürftigen genau zur rechten Stunde gesandt. Noch waren dem frommen Alten einige Jahre sorglosen, wohlverdienten Abendfriedens geschenkt.
(P. Hugo Lang OSB)
Die wunderbare Heilung einer Priestermutter
Es hat sich zugetragen in Malavicina, einem kleinen Ort in der Provinz von Mantua. Oliva Sudiro Sanotto, eine Frau von 80 Jahren, Mutter eines Priesters und eines Arztes, wurde durch ein Wunder geheilt von einem schrecklichen Ausschlag, der ihr seit 42 Jahren Beine, Arme und Gesicht zerstörte und sie so furchtbar entstellte, dass sie einer Aussätzigen glich. Alle Heilversuche waren erfolglos geblieben, und das trotz der liebevollen und ausdauernden Fürsorge ihres Arztsohnes, trotz vieler Aufenthalte in Krankenhäusern und Kliniken. Das wurde vor gut zwei Jahren anders: Eine Schwerkranke ging damals zu Bett - eine völlig Gesunde stand morgens auf.
Die plötzliche wunderbare Heilung ereignete sich im September 1968. Die Beteiligten wollten sie damals aber nicht gleich einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geben, sondern abwarten, bis das Urteil der Ärzte, die Analysen, die Röntgenbefunde, die Nachuntersuchungen sichere Gewißheit über das Verschwinden der Krankheit bringen würden. Jetzt gibt es für sie keinen Zweifel mehr. Die Zeugnisse der Professoren, der Ärzte, der Krankenschwestern, die Oliva Sudiro, während ihrer Krankheit behandelten und sie nach ihrer Heilung gesehen und untersucht haben, besagen einstimmig, dass nur ein wunderbares Eingreifen der Kranken die Gesundheit hat wiedergeben können.
Pater Gerhard Hermes besuchte die Geheilte und berichtet darüber in der Januar-Nummer 1971: "Der Fels".
Wir trafen die Geheilte im Pfarrhaus von Malavicina, wo sie mit ihrem Sohne, dem Pfarrer des Ortes, lebte. "Meine ganze Geschichte", so sagte sie in ergreifender Schlichtheit, "ist in der Tatsache enthalten, dass ich 42 Jahre krank war und niemand mich heilen konnte. Die Madonna hat es in einer einzigen Nacht fertig gebracht. Ich selbst bin immer noch wie benommen davon; es kommt mir unglaublich vor, dass an mir ein wirklich und wahrheftiges Wunder geschehen sein soll."
"Die Krankheit", so fuhr sie fort, "begann 1927, wenige Tage nach der Geburt meines jüngeren Sohnes Alessandro, der Arzt geworden ist. Wie ich mir sie zugezogen habe, weiß ich nicht. Vielleicht habe ich mich übernommen, habe mich an die Arbeit gemacht, bevor ich von der Geburt ganz erholt war, vielleicht habe ich mir eine Ansteckung geholt. Ich weiß es nicht. Zuerst begannen die Hände anzuschwellen, dann das Gesicht und die Beine. Die Haut bedeckte sich mit Pusteln, die eine starke Rötung hervorriefen und ein schier unerträgliches Jucken. Das Blut zirkulierte nicht richtig. Die Haut wurde voll Eiter und löste sich in Fetzen auf. Die Beine bedeckten sich mit eiternden Wunden. Ich mußte sie ständig verbinden, weil alles verschmutzt wurde. Wir sind arme Leute. Wir hatten kein Geld für den Doktor, und außerdem hatte ich keine Zeit, im Krankenhaus zu liegen. Ich arbeitete weiter und versuchte es mit Kräutersalben, die mir die alten Bauersleute empfahlen; mit Hausmitteln, die mir wohl mehr geschadet als genützt haben. Die schlimmste Zeit war der Sommer. Die Hitze verschärfte das Jucken und die Schmerzen. Ich hatte schlaflose Nächte, in denen ich kaum das Stöhnen unterdrücken konnte. Morgens erschöpft von der Folter, konnte ich ein wenig einschlafen. Aber vierzig Jahre hindurch gelang er mir nie, eine Nacht durchzuschlafen, ja nicht einmal mehrere Stunden.
Tagsüber mußte ich hinaus zur Feldarbeit. Ich hatte einen Sohn im Seminar, und die Pension mußte bezahlt werden. Auch der Jüngere hatte zu studieren angefangen, er wollte Arzt werden. Wir konnten uns das eigentlich gar nicht leisten, aber ich wollte seinen Träumen nicht im Wege sein. Darum mußte schwer geschafft werden, um das nötige Geld beizubringen. Die Feldarbeit, bei der die Wunden dem Staub und der Sonne ausgesetzt waren, vermehrte die Schmerzen und verschlimmerte die Krankheit. Während des Sommers verlor ich die Nägel an den Zehen und oft auch die Fingernägel. Die Aufschwellung des Gesichtes und die Wunden verschlossen mir die Augen, so dass ich oft nicht mehr sehen konnte. Einzig der Glaube an Gott hat mir geholfen, all das zu überstehen. Wenn ich heute daran zurückdenke, dann begreife ich nicht, wieso ich das überlebt habe, ohne verrückt zu werden.
Als mein Sohn Arzt geworden war, begann er sich meines Falles anzunehmen.
Er brachte mich zu Spezialisten, ließ mich in den Krankenhäusern unterbringen, aber kein Doktor konnte mir irgendeine Linderung verschaffen. Ich kam immer im selben Zustand nach Hause. Während der letzten Jahre kam dann noch die Zuckerkrankheit hinzu, und so war jede Hoffnung dahin, dass meine Wunden sich je schließen und heilen würden. Eines Morgens entdeckte die Pflegeschwester, dass sich von meinen Füßen Fetzen von Fleisch ablösten. An den Händen zeigten sich bald die gleichen Erscheinungen. An den Fingerspitzen konnte man die Knochen sehen. Alles in allem, ich war wie eine Aussätzige, und ich konnte mich nicht mehr vor die Tür wagen.
Im September 68 besuchte mich ein Bruder vom Orden des heiligen Kamillus, den ich kannte; er wohnte im gleichen Ort. Mich in dieser schrecklichen Lage zu sehen, ging ihm so zu Herzen, dass er kaum ein Wort hervorbrachte. Ein paar Tage später, dann schickte er mir ein Fläschchen Wasser und ließ mir sagen, dass es wundertätiges Wasser von der Madonna von Montichiari sei. Davon hatte ich nie etwas gehört, aber da ja alle Mittel versagt hatten und das Leiden unerträglich war, entschloß ich mich, er zu versuchen.
Am Abend vor dem Schlafengehen goß ich das Wasser auf die Wunden an den Beinen, auf das Gesicht und die Hände. Dann legte ich mir die Verbände wieder an und ging zu Bett. Ich war darauf gefaßt, die Nacht wie gewohnt zu verbringen, halb wahnsinnig von dem Jucken und Beißen. Aber nein, ich weiß nicht, wie es geschah, ich schlief ein und erwachte vom Klang des Aveläutens. Ich setzte mich auf. Es war das erste Mal seit 40 Jahren, dass ich die Nacht in tiefem Schlaf verbrachte. Ich weckte meinen Mann und sagte ihm, was passiert war. "Ich fühle mich besser", sagte ich ihm, "ich will aufstehen und zur Messe gehen". "Du gehst mir nicht aus dem Bett", erwiderte er. "Du weißt doch, dass du dich nicht auf den Beinen halten kannst." Aber ich wollte aufstehen. Eine geheimnisvolle Macht trieb mich dazu an. Ich setzte die Füße auf den Boden und richtete mich auf. Ich fühlte mich wohl. Mein Mann sah verwundert zu mir auf. Ich kleidete mich an und ging in die Kirche zur ersten heiligen Messe.
Ich fühlte, dass etwas Seltsames in mir vorgegangen war. Ich konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und meine kranken Beine anzusehen. Die Messe war eben zu Ende, da zog ich mich auf mein Zimmer zurück und nahm die Verbände ab.
Mit ungeheurem Staunen sah ich, dass die Wunden fort waren, die Verletzungen vernarbt, der Eiter, das Blut, der Gestank, alles war weg. Ich nahm die Binden auch von den Händen und Armen und stellte die gleiche wunderbare Heilung fest. Ich ging vor den Spiegel und sah, dass auch das Gesicht ganz normal war. Ich rief meinen Mann und meinen Sohn, und auch sie stellten voll Erstaunen fest, was geschehen war. "Es war die Madonna, es ist ein Wunder", so wiederholte ich immer wieder, aber ich konnte nicht begreifen, dass so etwas mit mir vor sich gegangen war."
Oliva Sudiro ist mit ihrer Geschichte zu Ende; sie zeigt mir ihre Hände und ihre Arme. Sie sehen völlig normal aus. Auch ihr Gesicht ist frei von jeder Spur der furchtbaren Flechte, die es vierzig Jahre hindurch entstellt hat.
(P.Hermes, "Der Fels" 1/1971
Die Mutter trocknet die Tränen
Mariens Mutterliebe gehört allen. Wenn sie nach dem Willen Gottes auch nur einzelne Wunderheilungen - aller Welt sichtbar - im Namen ihres Sohnes wirkt, so ist sie doch die große Schmerzensheilerin und Trösterin.
Wie viele Tränen hat die Mutter der Barmherzigkeit, die Helferin der Christenheit schon getrocknet! Wieviel trocknet die beste aller Mütter Tag für Tag; trocknet die Tränen, die wir in heißer Liebe nach Gott weinen. Sie sind die wertvollsten. Und gleich nach ihnen kommen jene Tränen, die wir aus ebenso brennender Liebesreue vergießen gleich Magdalena am Stamme des Kreuzes. Und dann kommen die Tränen des Mitleides mit der Not des Nächsten, die Tränen der Trauer über gottgefügte Trennung. Und nicht zuletzt trocknet sie mit gütiger Mutterhand unsere Tränen der Ratlosigkeit, der irdischen materiellen Not, der Heimatlosigkeit, des Kummers, ja, der Verzweiflung. Sagt nicht die beste aller Mütter auch zu uns: "Kind, von nun an heilt es." - Hast nicht auch DU es schon erfahren?
Das Lourdes-Erlebnis der Fürstin von Monaco
Sie hat eine märchenhafte Karriere gemacht und gehört zu den berühmtesten und meist beachteten Frauen unserer Zeit. Aber wenn man Monacos Landesmutter Gracia Patricia fragt, welches ihr schönstes, ihr frohestes Erlebnis war, dann erwähnt sie nicht ihre Hochzeit oder die Geburt ihrer drei Kinder Carolina, Albert und Stefanie, sondern sie sagt: "Ich bin glücklich und dankbar dafür, dass ich die Heilung von Anna Spainani erleben durfte." Die streng gläubige Katholikin Patricia erinnert sich gerne daran, was sie für die hübsche dunkelhaarige Französin tun konnte.
Die 18-jährige Anna Spainani war vergnügt und lustig, als sie im Sommer 1960 mit ihrem Verlobten zu einem Ausflug startete. Auf einer schnurgeraden Straße geschah das Unfaßbare in Sekundenschnelle: Ein Lastkraftwagenfahrer verlor die Kontrolle über sein Fahrzeug. Er prallte auf das Motorrad von Anna und ihrem Verlobten auf.
Während die Ärzte im Spital um das Leben der Vollwaisen rangen, wurde ihr Bräutigam zu Grabe getragen. Er war den schweren Verletzungen erlegen. Als Anna Spainani schließlich aus dem Krankenhaus entlassen wird, ist sie ein gebrochener Mensch. Man hat sie gerettet, aber sie weiß nicht, wofür. Der Mann, den sie liebte, ist tot. Und sie wird sich nie mehr richtig bewegen können. Sie ist von den Hüften ab gelähmt. Völlig verzweifelt findet sie Aufnahme bei ihrer Schwester in Cap d´Ail an der Cote d´Azur. Schließlich wird sie in die Poliklinik "Prinzessin Cracia" in Monte Carlo eingeliefert, wo man hofft, ihren Zustand durch intensive Heilgymnastik bessern zu können. Acht Monate bemühen sich die Spezialisten um das junge Mädchen, dann geben auch sie auf.
Sie können Anna nicht mehr helfen.
Und sie sagen ihr das auch. "Wenn Sie jemals wieder laufen können, dann muß wirklich ein Wunder geschehen..." Anna ist zwar religiös, aber auf Wunder wagt sie nicht zu hoffen. Sie verläßt das Haus ihrer Schwester und zieht in ein Heim. Jeden Tag läßt Anna sich von den Schwestern in die Kirche von Notre-Dame von Laghet bringen, um die heilige Messe mitzufeiern.
Die Wende kündigt sich am 20. Mai 1961 an. Pater Guichardaz zelebriert wie üblich die Messe, als einer schlanken, blonden Frau das junge Mädchen im Rollstuhl auffällt. Jene ist die Fürstin Gracia Patricia, die unerkannt am Gottesdienst teilnimmt.
Als die Gläubigen das Gotteshaus verlassen, geht sie auf Anna zu und erfährt vom traurigen Schicksal des Mädchens. Sie fragt, wie es ihr gehe, und Anna erwidert, was ihr die Ärzte gesagt hatten: Dass sie nie mehr ein normales Leben führen und nie mehr normal werde gehen können. Es sei denn, ein Wunder käme.
"Waren Sie schon in Lourdes, Anna?"
"Ich auch nicht, Anna. Aber wir werden beide in diesem Jahre eine Wallfahrt nach Lourdes machen. Wir wollen beide beten und ein Wunder erhoffen. Und zu den Schwestern gewendet sagt sie: "Bitte, veranlassen Sie das Nötige, damit Anna mit nach Lourdes kommt. Die Kosten trage ich." Anna ist überglücklich, sie hat schon oft von Wunderheilungen in Lourdes gehört. Aber solche Wunder sind selten, äußerst selten.
1. Juli 1961: Der Wallfahrtszug aus Monaco trifft auf dem Bahnhof in Lourdes ein. Anna Spainani wird mit einem Strecksessel aus dem Zug getragen, wie zwei Dutzend andere auch. Man führt sie alle gleich zur Grotte, man badet sie in den Piszinnen, und sie nehmen am Gottesdienst teil. Anna ist müde von der Reise und schläft an diesem Abend rasch ein.
Fürstin Gracia konnte nicht mit dem Wallfahrtszug mit nach Lourdes kommen, weil sie Besuch in Philadelphia bei ihrer Mutter weilte. Aber sie richtete es so ein, dass sie einen Tag darauf, am Morgen des 2. Juli in Lourdes eintrifft. Sie begibt sich sofort zu Anna Spainani und trifft sie bei der Grotte von Massabielle.
Am Nachmittag des gleichen Tages ist noch eine Andacht, und während des Gebetes spürt Anna eine eigenartige Wärme in ihren Gliedern. Als man sie wieder wegführen will, steht sie auf und geht unter maßlosem Staunen aller langsam dem Ausgang zu. Ganz allein. Vor dem Ausgang wendet sie sich noch einmal dem Altar zu, kniet nieder und betet. Tränen laufen ihr über die Wangen. Der erste Weg führt Anna in das Hotel der Fürstin Gracia. Sie wird von einer Schwester des monegassischen Hilfswerkes "Bonnes soeurs" begleitet.
Als Gracia sie erblickt, aufrecht stehend, ohne Krücken, eilt sie ihr entgegen und schließt sie in die Arme. Auch sie kann nicht verhindern, dass ihr die Tränen über die Wangen laufen. "Man darf im Leben nie verzagen, nie verzweifeln", sagt ihr Gracia leise, aber strahlend vor Freude. - Heute ist Anna verheiratet und glückliche Mutter zweier gesunder Kinder. Sie erfreut sich bester Gesundheit.
("Neue Bildpost" 42/1970
Maria ist eine immer helfende Mutter, aber erschütternd ernst ruft sie an all ihren Erscheinungsorten zur Buße und Umkehr. Die Zeit der Leichtfertigkeit im Glauben müßte endlich aufhören! Wer jetzt noch schläft, hat den Weckruf Gottes verschlafen und verschläft seine eigene Seligkeit.
GOTTES VATERHAND ZÜCHTIGT UND PRÜFT ZUM SEGEN SEINER KINDER
"Unbegreiflichkeiten Gottes?"
Wie viele "Warum" steigen täglich zum Himmel empor? Wer von uns ist nicht selbst schon stammenld, ratlos oder weinend diesen Unbegreiflichkeiten Gottes gegenübergestanden? Wie schwer wird es uns, zu begreifen, dass die Liebe des Vaters auch schlagen und schwer verwunden kann, dass sie selbst auch durch Seine Gerechtigkeit zu uns spricht! Gottes Gerechtigkeit muß züchtigen. Wir wissen es aus den mannigfachen Strafgerichten des Alten Bundes (Sindflut, Sodoma, Vertreibung des Volkes Israel aus der Heimat). Schreien nicht auch heute die Sünden zum Himmel? Das geistige Chaos unserer Tage (Schamlosigkeit, Unglaube, Gottlosigkeit, Verhaftung in das rein Irdische) hat einen Grad erreicht, dass man sich fragt: Ist da überhaupt noch ein Funke Christentum vorhanden? Gott läßt darum so viele Katastrophen durch satanische Mächte zu, Überschwemmungen, Feuersbrünste, Blitz und Hagelschlag, Mißernten, Krankheiten und auch Kriege, damit der Hochmut der Menschen nicht ins Unermeßliche steige und in der Stunde der Not auch eine Stunde der Besinnung komme, wo der Weg zu Gott neu gefunden werden kann.
Diese Heimsuchungen
- welch ein ernstes Wort - können sehr weh tun. Es ist manchmal, als wenn Gott auf all unser Beten nicht mehr hören würde. Gott schweigt. Wie oft werden wir uns der absoluten Abhängigkeit von Ihm bewußt. Seine Gerechtigkeit muß züchtigen, um zu heilen, Seine Weisheit muß prüfen, um uns zu heiligen. Die Zulassungen und Prüfungen Gottes sind Aufforderungen zu noch größerer Liebe und Treue Ihm gegenüber. Die Seele reift in der Glutsonne der Liebe Gottes. "Leiden ist die beste Schule der Liebe Gottes", so sagte die heiligmäßige Schwester Blandine Merten (begraben in Trier). Wenn der Vater die Tiefe unserer Liebe zu Ihm erproben will, dann macht Er es mit dem Senkblei des Leids. Er lotet ganz tief, sehr tief und macht es uns oft nicht leicht. Gottes Gnade aber hilft uns all das Schwere, Unbegreifliche tragen und ertragen; und zwar im Glauben. ("Selig, weil du geglaubt hast."), durch das "Ja-Sagen" zum Willen Gottes, durch das "Fiat" Mariens, durch das kindlich starkmütige Vertrauen und durch die Liebe ("Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Besten."). "Unsere ganze Sicherheit liegt darin, zu wollen, was Gott will, der uns besser kennt und besser liebt als wir uns selbst" (Theresia von Avila).
Und noch ein Wichtiges: Je mehr sich die Menschheit von Gott entfernt, um so mehr liefert sie sich der Einflußgewalt der Dämonen aus. Da müssen Seelen sühnend einspringen, stellvertretend für andere, um
das Böse "gut - zu - sühnen".
Die sühnende, stellvertretende Liebe, vereint mit Jesus, hilft retten. Viele sind berufen - alle, die das Zeichen der Taufe auf der Stirne tragen -, aber wenige mühen sich. Sie denken nicht einmal daran, dass sie eine unsterbliche Seele haben, die nach Gott als ihrem Ursprung verlangt. Gottes Erbarmen und Liebe aber ist so groß, dass sie jeden retten will, jeden heimführen ins Vaterhaus. Darum dürfen wir uns nicht wundern, dass der Vater im Himmel gerade den Guten oft schwere Kreuze auferlegt. Das ist ein Geheimnis sühnender, rettender Liebe. Allerbeste Menschen sind oft die größten Kreuzträger. Gute Familien werden nicht selten von namenlosem Leid heimgesucht. Der Schlüssel dafür heißt: heilige Sühne für die Rettung der Seelen. Liebe und Vertrauen retten sie.
Ihr lieben heiligen Engel helft uns, die züchtigende Liebe des Vaters im Gedanken der Sühne immer mehr zu begreifen und erkennen; helft uns in der Kraft des Sohnes, alles Leid zu bejahen und Gott darzubringen gleich Maria, die ihr "Fiat" mit ihrem siebenfach durchbohrten Herzen gesprochen.
Glauben und Liebe müssen erbetet werden
Dostojewski hing mit leidenschaftlicher Liebe an Christus, aber die Idee und Person des Vatergottes machte ihn unruhig und verwirrt, und bis zum Ende seines Lebens kam er nicht damit zurecht.
Auch ein Mann wie Kierkegaard trug schwer an der Vorsehung und ihrer Weltlenkung. Er sagte einmal von sich: "Ab und zu werde ich in ein finsteres Loch gesteckt: da krieche ich umher in Qual und Schmerz. Ich sehe nichts und finde keinen Ausweg." Als reifer Mann erkennt er allerdings: "Ich bekam einen Begriff von der göttlichen Vaterliebe, dem einzig Unerschütterlichen im Leben, dem wahren archimedischen Punkt." Einem verkrüppelten Vetter von ihm gibt er einmal den Rat: "Vergiß vor allem nicht die Pflicht, dich selbst zu lieben; laß dir dadurch, dass du gewissermaßen aus dem Leben herausgenommen bist und dass du in den törichten Augen einer geschäftigen Welt etwas Überflüssiges bist; laß dir dadurch nicht die Selbstachtung rauben: als ob in den liebevollen Augen einer allweisen Vorsehung dein Leben, wenn es in Innerlichkeit vollbracht wird, nicht die gleiche Bedeutung und Gültigkeit hätte, wie das jedes andere Menschen und sogar erheblich größere Bedeutung als das Hasten mit der Vergeudung des Lebens und dem Verlust seiner selbst."

Mannhaftes Gottvertrauen
Pater Siegward, der bekannte Schweizer Bauernseelsorger, kann die Wahrheit folgender Begebenheit bezeugen. Er kennt die Leute persönlich.
Es war bei einem Lawinenunglück in der Schweiz. Die Lawine hatte in den Bergen Haus und Hof ins Tal hinuntergerissen, hatte fünf kleine Kinder begraben, einen Burschen, der den Stall besorgte, eine Tochter, die im Frühling diesen jungen Burschen heiraten wollte. Sieben weiße Särge! Zwölf Stück Vieh waren im Schnee erstickt. Nicht genug des Leids.
Die Mutter lag krank im Spital, der Vater war beim Milität. Menschlich gesprochen hatte der Herrgott diesem Bauern alles weggenommen. Diese Trauerbotschaft mußte der Vorgesetzte dem Bergbauern_Soldaten mitteilen. Aus Sorge, diese Prüfung könnte für den Mann zu schwer sein, sagte er ihm zuerst: "Gebt mir den Karabiner!" Dann teilte er es ihm mit.
Der Bauer konnte kein Wort reden, suchte dieses Furchtbare hinunterzuwürgen und sagte dann langsam im größten Schmerz: "Das Gewehr gebe ich nicht aus der Hand. Ich bin Katholik. Ich glaube an den Herrgott. Der Harr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen, der Name des Herrn sei gebenedeit!" - Der Vater im Himmel lohnte sein Vertrauen. Heute steht eine neue Bergheimat da. Der Himmel schenkte ihm noch drei Kinder.
(Pater Siegward OMCap)
In der Nähe von Kevelaer ist es passiert
Wallfahrer waren auf dem Wege zur Muttergottes. Sie gingen linker Hand der Straße, sangen und beteten. Da nimmt der Wind einer Wittfrau das Gedächtnisbild ihres verstorbenen Mannes aus dem Buche und wirft es auf die Straße. Die Frau will das Bild retten, greift zur Straßenmitte hin nach dem Bilde. Da kommt gerade ein Fernlastzug und zermalmt sie. Mitten auf dem Wege zur Mutter, das Herz in Andacht und voll Vertrauen zur immerwährenden Hilfe. - Welche Tragik!
So viele Leute glauben, wenn sie mit dem lieben Gott oder auch mit einem Heiligen auf gutem Fuß stehen, dann müßte sich das Leben einigermaßen harmonisch abwickeln. Dann dürfte es kein Leid geben. Dem ist nicht so. Sagt nicht der göttliche Kreuzträger, der Schwerstes an Leib und Seele erlitten: "Wer Mein Jünger sein will, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge Mir nach!" - Gleichsam hinein in die dunkle Leidensnacht, die Er erlitten. Was der Vater von uns erwartet, ist die Bereitschaft, Seinen Willen zu tun und anzunehmen, was immer er auch für uns bedeuten mag: Verlust, Krankheit, Verlassenheit, Hilflosigkeit, Verzicht, Tod. Wie wenige Seelen haben den lebendigen Glauben, dass alles Geschehen von Gott zu unserem Heil gewirkt sei. Es geht uns wohl allen wie jenem braven, in seinen Jugendjahren erblindeten Edelmann, der mir gestand: Anfangs meinte ich, dem lieben Gott sagen zu müssen: "Ich kann Dich nicht mehr lieben ob dieses großen Kreuzes"; dann aber beugte ich meinen Willen liebend dem Seinen - und das hat mich innerlich sehend gemacht.
"Er entriß mein Leben dem Untergang"
Erschütternder Bericht eines ehemaligen KZ´lers
Julius Ludwig, der heute USA-Staatsbürger ist und ein angesehener Schriftsteller, berichtet voll tiefer Dankbarkeit aus seinem Leben:
Als Deutscher in Oberschlesien geboren, gehörte ich zu jenem Teil des Landes, der im Oktober 1921 von den Alliirten dem polnischen Staate zugeteilt wurde. Das Leben im damaligen Polen war sehr opferreich. Es gab große Arbeitslosigkeit; das polnische Volk aber war tief fromm und bekenntnisfreudig. Das religiöse Leben blühte und entfaltete sich vor allem in der katholischen Aktion. Ich durfte in der katholischen Jugendbewegung mitarbeiten. In Wort und Schrift trat ich für die katholischen Belange ein. Es war ein erfolgreiches Wirken. Allein im polnischen Oberschlesien waren 250000Mitglieder der katholischen Aktion tätig.
Mitten in dieses blühende Wachstum religiösen Lebens schlug der 2. Weltkrieg wie ein Blitz aus heiterem Himmel. In der Nacht zum 1. September 1939 ließ Hitler Polen mit Waffengewalt überfallen und Oberschlesien sofort dem groß-deutschen Reich angliedern.
Jetzt begann eine grausame Verfolgung
der aktiven polnischen Katholiken. Alle führenden Katholiken wurden sofort verhaftet und in die Konzentrationslager gesteckt; die männlichen kamen nach Sachsenhausen, die weiblichen nach Ravensbrück. Nicht weniger als 70 angesehene Hochschulprofessoren der Jahrhundert alten Universität Krakau wurden damals in das KZ Sachsenhausen eingeliefert; nur 40 haben es noch lebend verlassen.
Ich selbst wurde am 27. September 1939 verhaftet und in Sachsenhausen eingeliefert, sodann war ich in Oranienburg, Mauthausen und Gusen, fünfeinhalb Jahre vielen schrecklichen Schikanen ausgesetzt. Sommer wie Winter wurden wir Häftlinge um 4.25 Uhr geweckt, Wehe, wenn wir nicht gleich aus den Betten sprangen; nicht selten wurden dann Säumige von den SS-Männern mit Gummiknüppeln geschlagen. Um 6 Uhr war Appell auf dem großen Platz, dann Abmarsch zu unseren Arbeitsplätzen. Ich arbeitete im Klinkerwerk, wo 5000Häftlinge Frondienst leisteten.
Unsere Verpflegung war recht armselig und unzureichend: Morgens Gries- oder Mehlsuppe ohne Brot, manchmal bitterer schwarzer Kaffee aus Bucheckern. Mittags gab es eine Schüssel Kohlsuppe, Rüben- oder Dürrgemüse. Abends ein Pfund Schwarzbrot, etwas Marmelade und ein Blättchen Blutwurst.
Die schwere pausenlose Arbeit in der Tongrube, dazu eine Kost ohne Fett und Eiweiß zehrten die Kräfte auf, meine Beine wurden dick, ich konnte mich kaum mehr vorwärts schleppen. Meine Kameraden trugen mich zum Appellplatz, damit ich mitgezählt werden konnte. Schließlich kam ich ins Revier (Krankenabteilung). Ein krimineller Häftling, im Beruf Kellner, machte einmal bei mir einen chirurgischen Eingriff; ein Arzt, deren zwei mit mir die Loren im Klinkerwerk schoben, durfte es nicht. Schon war ich vier Monate im Revier, da kam vom Kommandanten des Lagers der Befehl, alle Unheilbaren mit einer Phenolspritze zu töten. Auf die Frage des dazu beauftragten Mithäftlings, wie es mir ging, antwortete ich lächelnd: "Ich danke, heute ein paar Strichlein besser". Da sagte er zum Kollegen, einem deutschen Kommunisten: "Lassen wir´s sein, der Hund krepiert in dieser Nacht sowieso".
So bekam ich die Todesspritze nicht.
Am nächsten Morgen lagen zehn meiner Kameraden, denen man die Spritze gegeben hatte, tot im Bette. Ich blieb am Leben. - Dank der gütigen Vorsehung.
Von Sachsenhausen kam ich in das Lager Oranienburg. Dort arbeiteten 8000 Häftlinge in den sogenannten Heinkel-Flugzeugwerken. Vom Herbst 1943 an begannen die Bombardierungen dieser Arbeitshallen durch alliierte Flugzeuge. Beim Alarm mußten wir sofort in unsere Bunker. Das waren unsere Schlafstellen. Am 17. April 1944 durften wir beim Alarm nicht in unseren Bunker, er war bereits voll von Kapos, Blockältesten, Kriminellen und anderen Häftlingen und es geschah, dass gerade an diesem Tag der Bunker zwei Volltreffer bekam. 300 der Kapos und Häftlinge verbrannten bei lebendigem Leibe. Wir haben sie hernach verkohlt aus dem Bunker gezogen. Welche Fügung! Gerade an diesem Tag durften wir nicht in den Bunker hinein. Kapos haben uns mit Stöcken buchstäblich aus dem sicheren Tod ins Leben getrieben. Welch eigenartiger Methoden bedient sich manchmal der himmlische Vater!
Als die Russen Anfang des Jahres 1945 mit Feuer und Panzern gegen Brandenburg anrückten, wurden viele Häftlinge nach Mauthausen abgeschoben. Auch ich war darunter. Am 4. März 1945 kam ich ausgemerkelt und ausgehungert im Viehwagen dort an. Das Lager dort war überfüllt, sodaß wir zu dritt in einem Bett schlafen mußten. Drei Transporte vor uns ließ der unmenschliche Kommandant Ziereis alle dort ankommenden Häftlinge furchtbar quälen, bevor er sie auf die Baracken verteilte. Er ließ sie im Waschraum mit warmen Wasser berieseln und dann nackt auf den Appellplatz jagen, wobei sie im Februar bei 15-20 Grad Frost stundenlang stehen mußten. Hunderte dieser armen Menschen brachen unter dieser schrecklichen Tortur tot oder schwerkrank zusammen. Die Toten kamen ins Krematorium, die Kranken bekamen Phenolspritzen, dass sie starben. Von 800 Häftlingen aus einem einzigen Transport blieben nur 230 am Leben. Ein Häftling, der diese Tortur überlebte, erzählte mir, dass er bei diesen schrecklichen Frostqualen immerzu gebetet habe: Jesus, Maria, Josef, rettet mich". So hatte ihn seine gute Mutter gelehrt, in jeder Lebensgefahr die heiligsten Namen anzurufen. "Ich war", so erzählte er mir, "nahe dem Zusammenbruch, denn die SS-Männer trieben uns nicht nur einmal nackt vom warmen Bad in die winterliche Kälte, sondern ein zweites und ein drittes Mal erst in die warme Brause, dann in den erstarrenden Frost." Dieser Häftling überlebte all diese schreckliche KZ-Martern und lebt jetzt in Polen. Mit Gottes Hilfe durfte auch ich die Mördergrube von Mauthausen überstehen. Ich kam dann nach Gusen. Vor Hunger und Elend trugen mich kaum mehr die Füße.
Ich betete viel im die Kraft von oben.
Eines Tages bat ich den Blockschreiber um Zuteilung zu einer Arbeit. Er gab mir einen Besen, um den Appellplatz zu fegen. Ich tat´s, so gut ich konnte. Gott hat sich dieser Fegearbeit bedient, um mich zum dritten Mal vom sicheren Tod zu erretten; denn an diesem Samstag mußten alle Häftlinge vor dem Block antreten. SS-Männer musterten uns und wiesen die einen zur Linken, die anderen zur Rechten. Ich wußte nicht, was diese Musterung bedeuten sollte. Nun rief der Blockschreiber: Ich will mir den Block nochmals besichtigen. Als er vor mir stand, sagte ich ihm: "Kamerad, ich habe heute gearbeitet, ich habe den Platz gefegt." Daruafhin machte er eine Handbewegung, zeigte auf die Gruppe zur rechten und sagte: "Gehe dorthin". So ging ich von links nach rechts, ohne zu wissen, dass ich vom sicheren Tod ins Leben ging. Ich kam nämlich auf einen anderen Block: Alle aber, die dort links standen, wurden in der Nacht mit Gas vergiftet. Davon erfuhr ich erst später, da solche Geheimnisse im Lager geheimgehalten wurden. Wie hat Gott mein Vertrauen belohnt!
Endlich, am 5. Mai 1945 brachten uns die amerikanischen Soldaten die ersehnte Freiheit.
Tiefer Dank gegen Gott erfüllte meine Seele. Der Herr hat buchstäblich das Wort des Psalmensängers wahr gemacht: "Er hat mein Leben vor dem Untergang bewahrt." Nach meiner Befreiung aus dem Konzentrationslager kam ich über Regensburg nach Straubing. Zum Dank für die Vatersorge Gottes schaltete ich mich sofort in das katholische aktive Leben ein. Ich half in drei Pfarreien die katholische Mission gründen und arbeitete für die hohen Ziele der Marien-Ritter-Bewegung. Meinen Lebensunterhalt verdiente ich als Dolmetscher und Sekretär der UNRRA (der internationaler Hilfsorganisation für Verschleppte).
Als diese Organisation ihre Hilfe einstellte, wanderte ich nach Amerika aus (1951). Ich fand Arbeit in einer großen Handelsfirma in Detroit. Meine Freizeit gehörte der intensiven Arbeit in der katholischen Männerbewegung. Für die 400000 polnischen aktiven Mitglieder hielt ich im Detroiter Rundfunk WJLB periodisch religiöse Vorträge. Jede Rundfunkstation in Amerika muß jede Woche sieben Stunden religiösen Fragen widmen, sonst würde sie die staatliche Lizenz verlieren. Ich nützte diese Gelegenheit reichlich.
Als ich nach 30 Jahren als amerikanischer Staatsbürger meine polnische Heimat besuchte, wurde ich von den Behörden sowie von meinen Landsleuten sehr gut aufgenommen. Wiederholt baten mich dort Bischöfe und Priester, über religiöse Themen zu sprechen. Ich tat es in vielen Kirchen und Sälen. Manchmal war ich am Sonntag sieben Mal auf der Kanzel.
Als katholischer Laie sprach ich über 23 religiöse Themen, immer in überfüllten Kirchen. An Pfingsten 1968 durfte ich zu 200000 katholischen Männern und Jungmännern der Diözese Kattowitz auf dem Kalvarienberg in Piekary in Gegenwart des Bischofs sprechen.
Bei dieser Kundgebung ist es polnischer Brauch, die Opfergaben der einzelnen Stände zum Altar zu bringen: Mit den Hüttenarbeitern, die Eisenstäbchen brachten, mit den Bauern, die Lebensmittel überreichten, mit den Handwerkern und ihre Opfergaben, durfte ich als Vertreter der Intelligenz meine zwei Bücher, die ich geschrieben habe, auf den Altar legen. All diese Gaben brachte dann der Bischof als Opfergaben dar.
Nachdem mein polnisches Visum abgelaufen war, verließ ich Polen und machte eine notwendige Kur in Bad Hall (Österreich) und ließ mich dann im sogenannten Mühlviertel in Lembach nieder. Hier in Österreich kann und darf ich als katholischer Laie ebenfalls viel wirken in Versammlungen und auch auf der Kanzel. In einer Zeit, in der Satan seinen heißen Atem immer verderblicher in alles Geschehen bläst, heißt es immer tapferer und opferbereiter in einer Linie mit Christus zu stehen. Ich weiß, der Herr hat mich aus Verfolgung und Todesnot errettet, damit ich Sein wunderbares Walten vor aller Welt bekennen und preisen darf. Ihm sei Dank!
(Julius Ludwig, Schriftsteller)
Pater Josef Kentenich, der Gründer der Schönstattbewegung - ein heiligmäßiger Priester und Apostel unserer Tage (gestorben 15. 9. 1968) verfaßte im Konzentrationslager Dachau unter anderem folgende kurze, inhaltstiefen Zeilen als Morgengebet:
Lass allezeit an uns geschehen,
Was Du für uns hast vorgesehen!
Wir kennen nur ein einziges Sehnen:
Führ uns nach Deinen weisen Plänen.
Pater Kentenich war wie wenige in seinem Leben vom Vater-Gott Gedanken erfüllt und ist einer der treuesten Künder dieses großen Gedankens geworden.
Warum verhindert Gott nicht die grausamen Verfolgungen, KZ´s und Kriege?
Ich stelle die Gegenfrage: Warum verhindert Gott nicht die täglichen Sünden? Aus ihnen ballt sich das Gewitter der Kriege zusammen: Aus dem Neid, Streit und Haß in den Familien, Gemeinden und Nachbarländern. Ich frage tiefer: Warum schlägt Gott den Menschen nicht die Sünde aus der Hand, wenn sie Böses tun wollen? Weil er die Menschen frei erschaffen hat und den freien Willen des Menschen wahrt und berücksichtigt. In der vernunftlosen Natur wirken eherne Gesetz, die der Freiheit keinen Raum lassen. Beim Menschen aber lehnt Gott den Zwang ab. Er läßt den Menschen den freien Willen, bis in dessen letzte und kleinste Entscheidung, damit sich der Mensch bewähre in Liebe. Bewährung ohne freie Entscheidung ist unmöglich. Liebe ohne Freiheit gibt es nicht. Hielten alle Menschen in Liebe die Gebote Gottes, es gäbe kein Verbrechen, keinen Krieg mehr.
Beispielloses Leid in einem Priesterhaus
Um so größere Treue zu Gott
Der orthodoxe rumänische Schriftsteller Virgil Gheorghiu erzählt 1965 in seinem Buch: "Von fünfundzwanzig Uhr bis zur Ewigkeit" unter anderem aus seiner Kindheit:
Mein Vater war ein orthodoxer Pfarrer in der Gemeinde Petrodava in den Ostkarpathen; er hatte mich bei meiner Geburt nicht beim Standesamt des Dorfes angemeldet. Die Gendarmen waren darum gekommen um ihn zu verhaften, und ins Gefängnis zu werfen. Es war in meinem Lande eine furchtbare Gefahr, geboren zu werden - eine tödliche Gefahr für das Kind, ich habe es erst später erfahren. Wieso kam das alles?
Fünf Jahrhunderte lang erduldete mein Volk die Besetzung durch die Türken - die Moslems. Nachdem diese das Land erobert hatten, ließen sie die Einwohner über die Klinge springen. Dann plünderten sie das Land. Sie steckten die Städte und Dörfer in Brand und richteten furchtbaren Schaden an. Nach einiger Zeit merkten sie, dass immer noch Einwohner da waren, die sich während des Massakers verborgen hatten und die jetzt aus ihren Verstecken hervorkamen.
Die Türken versammelten die Überlebenden und fragten sie, ob sie ihren Glauben wechseln und Moslems werden wollten. Die Abtrünnigen würden große Vorteile genießen, ja mehr noch als Vorteile: Sie würden Bürger des Ottomanischen Reiches werden.
Dann erklärte man den besiegten Rumänen, dass sie auch Christen bleiben könnten wie bisher. Es war an ihnen, zu entscheiden. Wenn sie jedoch Christen blieben, dann müßten sie einen äußerst harten Tribut zahlen, einen Tribut, der vier-, fünf-, oder sogar zehnmal so hart war. Wirklich zahlten sie zweimal, dreimal, zehnmal den Tribut an Honig, in Getreide, in Pferden, in Schafen, in Früchten, in Gold, in Kupfer und in Silber; vor allem aber bezahlten sie den furchtbaren, den erschreckenden Tribut des Blutes, den die türkische Besatzungsmacht verlangte. Das waren die Christenkinder - kleine Jungen, die sie zu Janitscharen oder Eunuchen machten, und kleine Mädchen, die sie zu Haremsdamen oder Soldatendirnen machten. Das unbesiegbare Elitekorps der türkischen Armee - die Janitscharen -, aufgestellt im Jahre 1330 und aufgelöst im Jahre 1825, bestand ausschließlich aus Christenkindern, die von den christlichen Ländern als Tribut gezahlt worden waren. Jede Mutter bei uns mußte früher oder später den furchtbaren Tribut des Blutes bezahlen, in dem sie dem Machthaber ihr eigenes Kind hingab.
Das wurde fünf Jahrhunderte lang ständig von meinem Volke so gehalten, ohne dass es sich je der Erfüllung entzog, nur um christlich bleiben zu können. Für dieses schreckliche, schlimme und schmutzige Geschäft, die Kinder von der Mutterbrust zu reißen, wählten die Türken Verwalter unter dem internationalen Lumpengesindel von Byzanz. Dieses Amt von Eintreibern von Kindern und Schätzen für die "Hohe Pforte" in den untergeworfenen Ländern wurde an den Meistbietenden verkauft. Wer es erstand, der trug für die Zeit seines Amtes den Prinzentitel. Bis zur Zeit meiner Großeltern verheimlichte man die Geburt alles moldauischen Kinder. Man verheimlichte sie, um die Neugeborenen vor der Kastrierung, der Sklaverei, der Prostitution oder vor dem Tode zu retten, ganz wie zur Zeit der Geburt unseres Herrn Jesus Christus. Jede Mutter bei uns mußte das Neugeborene auf den Arm nehmen und in die Wälder fliehen, um es zu retten, ganz wie die Theotokos, die heilige Mutter Gottes, unsere hochverehrte Liebe Frau das Jesuskind auf den Arm nahm und nach Ägypten floh: denn der Befehl des Herodes lautete dahin, dass jedes Kind unter zwei Jahren geköpft werden soll. In meinem Lande war jahrhundertelang jede Geburt begleitet von dem gleichen Befehl, den der Engel bei der Geburt Jesu Christi gab: "Steh auf, nimm das Kind und Seine Mutter und flieh!" Jede Minute ihres Daseins lebten diese Menschen in Gefahr: Gefahr der Sklaverei und des Todes. Zur selben Zeit machte ich als Kind eine andere furchtbare Entdeckung:
Mein Vater, der mich immer sehr liebte, mein verehrungswürdiger Vater war sehr, sehr arm. Er war von einer Armut, die man sich anderswo überhaupt nicht vorstellen kann; einer Armut, wie die der Füchse, der Wölfe und der Eichhörnchen, die nur ihren Leib und einen armseligen Bau haben, aus dem sie noch dazu oft verjagt werden. Ich bekam in der Folgezeit noch fünf Brüder und Schwestern. Wir waren sechs Kinder. Es gab jedoch bei uns niemals 6 Paar Schuhe noch sechs Mäntel oder sechs Hüte. Wir benützten einen einzigen Mantel für sechs, ein oder zwei Paar Schuhe für sechs, einen oder zwei Hüte für sechs. Wir Kinder konnten niemals alle sechs zusammen aus dem Pfarrhaus hinausgehen, denn wir hatten niemals Kleidung für alle sechs. Wir gingen abwechselnd aus dem Hause, niemals zur gleichen Zeit.
Damit wir Kinder durch unsere Bedürftigkeit, unsere Not und unseren Hunger nicht verdrossen würden und damit wir nicht ein Gefühl der Minderwertigkeit gegenüber den anderen Kindern bekämen, die zu essen hatten und Hüte, Schuhe und Mäntel besaßen, und damit wir in unserem furchtbaren Schmerz und unserer erschreckenden Armut gut und folgsam blieben, las die Mama Presbythera, unsere verehrungswürdige Mutter, die Dichterin, uns täglich die Geschichte Jobs vor. Das war ein äußerst gutes, augenblicklich wirkendes Mittel gegen alles Elend und alle Leiden. Gegen alle Schmerzen las die Mama Presbythera uns die Leiden Jobs vor. Zweimal täglich, dreimal täglich, fünfmal täglich. Alle Tage. So litt Job mit uns und wir mit ihm. Wir verglichen unsere Leiden mit denen dieses heiligen Mannes. Wir kannten Job besser als alle anderen Wesen auf Erden und im Himmel. Job wohnte die ganze Zeit bei uns im Pfarrhaus. Er gehörte zu unserer Familie.
Die Leute arbeiteten alle weit, sehr weit vom Dorf in den Wäldern. Sie waren Holzhauer. Denn im Dorf gab es nichts zu tun, sie waren sehr arm. Mein Vater besaß weder Grund und Boden noch einen Obstgarten, noch Vieh, noch ein Haus. Von Zeit zu Zeit erhielt er vom Staat ein Hungergehalt. Gewöhnlich vergingen fünf, sechs, vierzehn, zwanzig Monate, ohne dass man ein Gehalt erhielt.
Als mein Vater 30 Jahre alt war, hatte er weißes Haar. Mit dreißig Jahren war mein Vater ein alter Mann. Die Zähne fielen ihm aus. Das Elend war daran schuld, die Unterernährung, die Anstrengung.
Aber sein Blick wurde im Gegenteil von Jahr zu Jahr schöner, lichtvoller, strahlender, so intensiv, dass sein Haupt davon umleuchtet war wie von einem Heiligenschein. Die Kraft Gottes trug ihn, erhielt ihn.
Ich sah etwas Außergewöhnliches:
Wenn mein Vater etwas ansah, dann erhellte er es mit seinem Blick wie mit Scheinwerfern. Als ich das sah, wurde ich mir zum erstenmal bewußt, dass die Heiligen die Welt erleuchten und heiligen, wenn sie sie anschauen. "Was schaust du?" fragte mein Vater, als er sah, wie ich ihn betrachtete. "Du leuchtest wie eine Ikone", erwiderte ich errötend. Mein Vater lächelte.
(Kanisiusverlag, Freiburg/Schweiz)
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