Willkommen

 

Jesus am Ölberg

Bei stiller Nacht
Zur ersten Wacht
Ertönt ein banges Klagen;
Am düstern Ort
Im Garten dort
Begann ein Herz zu zagen
 
Es war der Herr,
Er litt so schwer.
Die Seele rang in Qualen,
In grosser Not,
Betrübt zum Tod,
Die Sündenschuld zu zahlen.
 
Zur Erde fällt
Der Herr der Welt,
Ihm will die Brust zerspringen;
Sein Schweiss wird Blut,
Ihm sinkt der Mut,
Er ruft mit Händeringen:
 
"O lass an mir,
Gefällt es Dir,
Den Kelch vorübergehen!
Doch, Vater, nicht,
Was mein Herz spricht,
Was Du willst, soll geschehen!"
 
Und dreimal fleht
Er im Gebet
Mit tiefbetrübtem Herzen;
Ein Engel kam,
Die Angst ihm nahm,
Stärkt ihn in seinen Schmerzen.
 
Durch die im Speisesaal vollbrachten wunderbaren Geheimnisse hatte Jesus das Reich begründet und geordnet, das ihm der ewige Vater nach seinem unabänderlichen Ratschlusse übergeben hatte. Nun verließ er den Saal. Zu gleicher Zeit verließ auch seine heiligste Mutter ihr Zimmer, um ihm entgegenzugehen. Sie begegneten einander, und beide Herzen wurden von dem scharfen Schmerzensschwerte zu gleicher Zeit so schmerzlich verwundet, dass es die Vorstellung aller Menschen und Engel übersteigt. Maria warf sich zur Erde nieder und betet ihn an. Der Herr aber blickte sie voll Majestät und kindlicher Liebe an und sprach zu ihr: "Meine Mutter, ich werde in der Trübsal mit dir sein; vollbringen wir den Willen meines ewigen Vaters und das Heil der Menschen!" Maria erbot sich zu diesem Opfer, bat um seinen Segen und kehrte in ihr Zimmer zurück. Von hier aus durfte sie durch die Gnade Gottes alles schauen, was vorging, damit sie bei allem in der ihr zustehenden Weise mitwirken könne. Der Herr des Hauses aber, der bei diesem Abschied zugegen war, bot infolge göttlichen Antriebes der Himmelskönigin sogleich sein Haus samt allem darin Befindlichen an, damit sie sich dessen bediene, solange sie in Jerusalem blieb, was sie mit demütigem Danke annahm. Die Schutzengel, die sie nun immer in sichtbarer Gestalt begleiteten, blieben bei ihr, ebenso einige von den frommen Frauen, die mit ihr gekommen waren.
Unser Heiland verließ das Zönakulum in Begleitung aller Männer, die dem doppelten Abendmahle und der Feier seiner Geheimnisse beigewohnt hatten. Viele aber verabschiedeten sich von ihm und schlugen andere Wege ein, um ihren Geschäftigen nachzugehen. Nur noch von den zwölf Aposteln begleitet, lenkte Jesus seine Schritte zum Ölberge. Judas vermutete, der Herr werde wie gewöhnlich die Nacht im Gebete zubringen. Diese Gelegenheit schien ihm sehr günstig. Jesus in die Hände der Schriftgelehrten und Pharisäer zu überliefern. Mit diesem unglückseligen Entschlusse entfernte sich Judas. Er ging etwas langsamer als die Übrigen, ohne dass diese es für den Augenblick bemerkten. Als er sie dann aus dem Auge verloren hatte, rannte er mit aller Eile seinem Verderben zu. Er war in großer Verwirrung, Angst und Bangigkeit, ein sicheres Zeichen von der Bosheit der Handlung, die er zu vollbringen sich anschickte. In dieser unruhigen Hast kan er, von seinem bösen Gewissen gequält, zum Hause der Hohenpriester gerannt. Luzifer aber bemerkte die Eile, mit der Judas auf den Tod Jesu hinarbeitete. Da er bereits vermutete, Jesus sei der wahre Messias, ging er dem Judas entgegen, und zwar in Gestalt eines sehr bösen, mit Judas befreundeten Mannes, der von dem Plan wußte. In dieser Gestalt redete Luzifer den Judas an, ohne von diesem erkannt zu werden. Er sagte, der Plan, seinen Meister zu verkaufen, habe ihm zwar anfangs gut geschienen wegen der Missetaten, die Judas ihm von Jesus erzählt habe. Jetzt aber habe er sich eines Besseren besonnen. Es scheine ihm ratsamer, Jesus den Hohenpriestern und Pharisäern nicht zu überliefern, denn er sei nicht so schlecht, wie Judas meine, jedenfalls verdiene er den Tod nicht. Sodann könne er sich vielleicht durch einige Wunder befreien. In diesem Falle aber würde Judas voraussichtlich in eine sehr missliche Lage geraten.
In solch listiger Weise wollte Luzifer, von neuer Furcht getrieben, seinen früheren Plan gegen Jesus rückgängig machen. Allein dieser neue boshafte Anschlag missglückte. Judas hatte freiwillig den Glauben verloren und teilte die ängstlichen Vermutungen Satans nicht. Deshalb wollte er es lieber auf den Tod seines Meisters ankommen lassen, als sich den Zorn der Pharisäer zuziehen. Von dieser Furcht und von seiner abscheulichen Habsucht beherrscht, achtete Judas nicht auf Luzifers Rat, obwohl er diesen für den Mann hielt, den er vorstellte. Da Judas zudem von der göttlichen Gnade verlassen war, wollte und konnte er sich nicht durch die Bemühungen Satans überreden lassen, von seinem Verbrechen abzustehen. Er ging zu den Hohenpriestern und meldete ihnen, er habe seinen Meister mit den anderen Jüngern am Ölberg verlassen. Es scheine ihm die günstige Gelegenheit, ihn in dieser Nacht gefangenzunehmen, natürlich mit Vorsicht, damit er ihnen nicht mit den ihm geläufigen Kunstgriffen entwiche. Die Hohenpriester waren hocherfreut und brachten bewaffnetes Volk zusammen, um alsbald zur Gefangennahme des unschuldigsten Lammes zu schreiten.
Unterdessen war Jesus bei seinen elf Aposteln, immer mit unserem Heile und dem Heile seiner Feinde beschäftigt, die auf seinen Tod ausgingen. O unerhörter, staunenerregender Wettstreit zwischen der höchsten Bosheit der Menschen und der unermesslichen Liebe und Güte Gottes! Hatte dieser Wettstreit zwischen dem Guten und Bösen schon mit dem ersten Menschen begonnen, so hatten diese Gegensätze jetzt den höchsten Grad erreicht. Denn jeder Teil tat zu gleicher Zeit und unter den Augen des anderen das äußerste, was ihm möglich war: die Bosheit der Menschen, indem sie ihrem Schöpfer und Erlöser Ehre und Leben nahm; unser Herr, indem er es für die Menschen mit unermesslicher Liebe hingab. Unter diesen Umständen konnte es, menschlich geredet, nicht anders sein, als dass die reinste Mutter hinblickte, um unter den Geschöpfen wenigstens eines zu sehen, in dem seine Liebe mit Wohlgefallen ruhen und die göttliche Gerechtigkeit Befriedigung finden konnte. In diesem reinen Geschöpfe allein sah der Herr sein Leiden und Sterben auf die würdigste Weise Frucht bringen. In dieser unermesslichen Heiligkeit fand die göttliche Gerechtigkeit einigen Ersatz für die Bosheit der Menschen. In dem treuesten, demütigsten und liebevollsten Herzen dieser erhabenen Königin wurden die Schätze der Verdienste Christi niedergelegt, damit kraft derselben die Kirche gleich dem Phönix aus der Asche erstehe. Dieses Wohlgefallen an der Heiligkeit seiner Mutter gab dem Heiland Mut und Kraft, um die Bosheit der Menschen zu überwinden. Er fand das geduldige Ertragen so vieler Qualen gut angewendet, weil er unter den Menschen seine liebevollste Mutter erblickte.
Maria schaute von ihrem einsamen Betzimmer aus alles, was vorging. Sie sah die Gedanken des verstockten Judas, wie er die Gesellschaft der Apostel verließ, Luzifer mit ihm unter der Gestalt seines Bekannten redete, wie er zu den Hohenpriestern kam und diese Anstalten trafen, um den Herrn in aller Eile gefangenzunehmen. Es übersteigt unser Vermögen zu beschreiben, welcher Schmerz das reinste Herz der jungfräulichen Mutter durchbohrte, welche Tugendakte sie angesichts solcher Verbrechen erweckte und wie sie bei all diesen Ereignissen sich verhielt. Es genügt zu sagen, Maria handelte in allem mit vollkommener Weisheit und Heiligkeit und zum höchsten Wohlgefallen der allerheiligsten Dreieinigkeit. Sie hatte Mitleid mit Judas und weinte über das ewige Verderben dieses verkehrten Jüngers. Sie leistete Ersatz für seine Missetat, indem sie durch Akte der Anbetung, Lobpreisung und Liebe den Herrn ehrte, den Judas durch schimpflichen und treulosen Verrat verkaufte. Sie war bereit, wenn nötig, für den Verräter sogar zu sterben. Sie betete für jene, welche die Gefangennahme und den Tod des göttlichen Lammes planten. Sie betrachtete diese als Pfänder, die um den unendlich hohen Preis eines so kostbaren Blutes und Lebens erkauft werden sollten. In diesem Lichte betrachtete Maria jene Seelen, nach diesem Lösepreis schätzte sie dieselben.
Unser Heiland ging über den Bach Cedron bis zum Ölberge und trat dort in den Garten Gethsemani ein. Hier sagte er zu den Aposteln: "Setzet euch hier und wartet, während ich mich ein wenig entferne, um zu beten. Betet auch ihr, damit ihr nicht in Versuchung fallet (Matth 26,36). Er hatte ihnen beim Abendmahle gesagt, dass sie sich in dieser Nacht alle an ihm ärgern würden, dass Satan sie anfallen werde, um sie zu sieben (Matth 26,31) und durch falsche Einflüsterungen zu verwirren. Dann ließ der Herr acht Apostel zurück und ging mit Petrus, Johannes und Jakobus weiter. Als er nun mit den dreien allein war, erhob er seine Augen zum ewigen Vater und lobpries ihn. Um die Prophezeiung des Zacharias zu erfüllen, verrichtete er sodann ein innerliches Gebet und erteilte dem Tode die Erlaubnis, dem Unschuldsvollen und Sündelosen zu nahen. Er gebot dem Schwerte der göttlichen Gerechtigkeit über dem "Hirten", über dem "Mann", der Gott und Mensch zugleich ist, sich zu schwingen, alle Strenge an ihm auszuüben und ihn bis zum Tode zu verwunden. Jesus bot sich aufs neue dem himmlischen Vater als Sühneopfer an, um von seiner Gerechtigkeit die Erlösung des ganzen Menschengeschlechtes zu erwirken. Er erlaubte den Peinen seines Leidens und Todes, den leidensfähigen Teil seiner heiligsten Menschheit zu treffen, und hob von nun an den Trost und die Erquickung auf die ihr von ihrem leidensunfähigen Teile zerströmen konnten, damit seine Leiden und Schmerzen den höchsten Grad erreichten. Der ewige Vater aber gewährte und genehmigte dies alles nach dem Willen der heiligsten Menschheit seines göttlichen Sohnes.
Dieses Gebet war eine Erlaubnis, die den bittern Leidensmeere die Türe öffnete, so dass es sich mit Gewalt in die Seele Christi ergießen konnte. So begann denn der Herr alsbald große Trauer und Beängstigung zu fühlen und sagte deshalb zu den drei Aposteln: "Meine Seele ist betrübt bis in den Tod" (Mk 14,34). Der Herr ließ zu, dass diese Traurigkeit den höchsten Grad erreichte, den sie gemäß der ganzen Leidensfähigkeit seiner heiligsten Menschheit auf natürliche und wunderbare Weise erreichen konnte. Er betrübte sich nicht nur in dem niederen Teile wegen des natürlichen Verlangens, das Leben zu bewahren, sondern auch im höheren Teile der Seele, weil er mit diesem den ewigen Untergang so vieler Seelen, für die er sterben sollte, in den unerforschlichen Urteilel der göttlichen Gerechtigkeit vorhersah. Letzteres war die Ursache seiner größten BEtrübnis. Der göttliche Heiland sagte nicht: "Die durch den bevorstehenden Tod verursachte Traurigkeit war nicht so groß. Der heiligste Wille Jesu war bereit, das natürliche Verlangen nach Erhaltung des Lebens zu unserer Belehrung zu überwinden, weil er bei der Verklärung auf dem Berge Tabor schon als Erdenpilger die Glorie des Leibes genossen hatte. Er hielt sich nämlich sozusagen für verpflichtet, zum Danke für diese Glorie zu leiden, damit das, was er empfangen hatte und was er abzahlte, miteinander im Verhältnis stehe und wir durch die drei Apostel, die Zeugen sowohl seiner Glorie als seiner Betrübnis waren, diese Lehre empfingen, was ihnen durch eine besondere Erleuchtung zu erkennen gegeben wurde.
Um seine unermessliche Liebe zu uns zu befriedigen, mußte der göttliche Heiland dieser geheimnisvollen Betrübnis erlauben, sich mit solcher Macht in seine Seele zu ergießen. Wäre sie nicht bis zum höchstmöglichen Grade gestiegen, so wäre seine Liebe nicht befriedigt gewesen, und man hätte nicht so deutlich gesehen, dass die vielen Wasser der Trübsal nicht vermochten, dieselbe zu löschen (Hohel 8,7). In dieser Traurigkeit des Herrn war noch ein anderes GEheimnis für die drei Apostel Petrus, Johannes und Jakobus enthalten. Unter allen Aposteln hatten sie die höchste Erkenntnis von der Gottheit und Würde ihres Meisters, seiner Lehre, seiner Heiligkeit und seiner Wundermacht. Um sie nun auch in dem Glauben, dass er wahrer, leidensfähiger Mensch sei, zu bestärken, sollten sie ihn als wahren Menschen Betrübt vor sich sehen. Überdies sollte die Kirche durch das Zeugnis dieser drei bevorzugten Apostel gegen die Irrtümer unterwiesen werden, die Satan betreffs der wahren Menschheit unseres Herrn später ausstreute. Endlich sollten wir Gläubigen alle in dieser Betrübnis des göttlichen Heilandes Trost finden, wenn Leiden uns heimsuchen und wenn Traurigkeit sich unser bemächtigt.
Nachdem die drei Apostel hierüber erleuchtet waren, sprach Jesus zu ihnen: "Wartet hier auf mich, wachet und betet mit mir". Darauf entfernte er sich ein wenig von den drei Aposteln, warf sich auf sein heiliges Angesicht zur Erde nieder und betete zu seinem ewigen Vater: "Mein Vater! wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber". Dieses Gebet verrichtete Jesus, nachdem er die Schmach seines Leidens angenommen, das Kreuz freiwillig umarmt und in seiner Menschheit auf alle Freude verzichtet hatte.
Der göttliche Heiland und der ewige Vater verhandelten nun die schwierigste Angelegenheit, die Jesus auf sich genommen hatte, nämlich die Erlösung der Menschen, die Frucht seines Leidens und Sterbens am Kreuze für die geheimnisvolle Vorherbestimmung der Heiligen. Jesus stellte bei diesem Gebete seine Qualen, sein kostbarstes Blut und seinen Tod dem ewigen Vater vor und opferte dies für alle Menschen auf, als überreichen Lösepreis für alle und für jeden einzelnen. Von seiten der Menschen aber stellte er dem himmlischen Vater alle Sünden, alle Treulosigkeiten, alle Undankbarkeit und Geringschätzung vor, durch welche die Bösen sein schmachvolles Leiden und Sterben an sich nutzlos machen und sich in die ewige Verdammung stürzen würden. Für seine Freunde und Auserwählten zu sterben, war unserem Erlöser lieb und wünschenswert. Überaus bitter und schmerzlich war es für ihn, zu sterben für die Verworfenen, weil bei ihnen der Endzweck seines Todes unerreicht blieb. Diesen Schmerz nannte der Herr einen "Kelch", der für den Heiland um so bitterer war, da er wußte, dass sein Leiden und Sterben für die Verworfenen nicht bloß fruchtlos sei, sondern dass es ihnen sogar zum Ärgernis und zu härterer Strafe gereichen werde.
In seinem Gebet am Ölberg bat Jesus seinen himmlischen Vater, es möge der überaus bittre Kelch, für die Verworfenen sterben zu müssen, an ihm vorüber gehen. Und da nun sein Tod unvermeidlich sei, möge doch kein einziger zugrunde gehen, weil ja die Erlösung für alle insgesamt überreich sei. Wenn aber die Rettung aller nicht möglich sei, unterwerfe er seinen heiligsten Willen dem Willen seines himmlischen Vaters. Dieses Gebet verrichtete unser Heiland mit Unterbrechung zu drei verschiedenen Malen. Er betete lange und unter Todesangst, wie es die Größe und Wichtigkeit der Sache erforderte. Nach unserer Vorstellungsweise fand dabei ein Wettstreit zwischen der heiligsten Menschheit Christi und der Gottheit statt. Seine Menschheit verlangte aus innigster Liebe zu den Menschen, seinen Brüdern, dass alle das ewige Heil erlangen sollten. Die Gottheit dagegen stellte vor, durch ihre erhabensten Ratschlüsse sei die Zahl der Auserwählten festgesetzt und der göttlichen Gerechtigkeit sei es unwürdig, die Gnade solchen zuzuwenden, die sie verachten und sich des ewigen Lebens freiwillig unwürdig machen. Dieser Wettstreit führte die furchtbare Todesangst Christi herbei.
Diese Todesangst wurde gesteigert durch die Größe seiner Liebe und durch den Widerstand, den er auf seiten vieler Menschen vorhersah. Jesus schwitzte in großen Tropfen Blut, dass es auf die Erde rann (Luk 22,44). Für die Gerechten und Heiligen erlangte er, dass ihnen die Frucht der Erlösung in überreicher Fülle zukommt und dass ihnen gar viele von jenen Gaben und Gnaden zugewendet werden, welche die Verworfenen von sich stoßen. So vereinigte sich dann der menschliche Wille Christi mit dem göttlichen und nahm das Leiden für alle Menschen an. Dadurch wurde das Heil des mystischen Leibes der heiligen Kirche geordnet und bewerkstelligt.
Um diesen göttlichen Ratschluss zu besiegeln, sandte der ewige Vater, als Jesus zum dritten Male betete, den heiligen Erzengel Michael, damit er ihm Antwort und Stärkung bringe. Der Engel konnte dem Herrn nichts sagen, was dieser nicht schon vorher gewußt hätte. Doch der göttliche Heiland hatte jeglichen Trost, der aus seiner Erkenntnis und Liebe auf seine heiligste Menschheit überströmen konnte, aufgehoben und diese dem Leiden im höchsten Grade überlassen. Als Ersatz erhielt er nun durch den heiligen Michael auf sinnlich wahrnehmbare Weise Trost und Stärkung, ähnlich wie wenn man durch Erfahrung kennenlernt, was man vorher auf anderem Wege wußte. Der heilige Erzengel stellte dem Herrn auf sinnenfällige Weise vor, dass diejenigen unmöglich selig werden können, die nicht selig werden wollen, dass ferner unter den Auserwählten seine heiligste Mutter sich befinde, die würdigste Frucht seiner Erlösung; dass die Erlösung Frucht bringen werde in den Patriarchen, Propheten, Aposteln, Martyrern, Jungfrauen und Bekennern, die sich alle in der Liebe zu ihm gar sehr auszeichnen und Wunderbares für die Ehre des Allerhöchsten vollbringen würden. Unmittelbar nach den Aposteln machte der Erzengel einzelne Heilige im besonderen namhaft, nämlich die Gründer und Stifter der verschiedenen Orden, einen jeden mit dem, was ihn besonders auszeichnet. Aber auch noch viele andere große und tiefe Geheimnisse nannte er dem göttlichen Heiland.
Jesus ging dreimal zu den Aposteln und ermahnte sie, zu wachen und zu beten, damit sie nicht in Versuchung fielen. Wenn Jesus das Gebet dreimal unterbrach, um für seine Schäflein zu sorgen, so ist damit deutlich gelehrt, dass die geistlichen Vorgesetzten dem Seelenheil ihrer Untergebenen alle anderen Geschäfte und Interessen unterordnen müssen. Damit man verstehe, wie sehr die Apostel jener Fürsorge des göttlichen Heilandes bedurften, bemerke ich folgendes: Nachdem der höllische Drache aus dem Speisesaal vertrieben und einige Zeit in den Abgrund der Hölle gebannt war, wurde ihm vom Herrn gestattet, wieder auf die Erde zu kommen, um dort aus Bosheit zu tun, was zur Ausführung der göttlichen Ratschlüsse dienen sollte. Darauf fielen alsbald eine Menge böser Geister den Judas an, um ihn von dem Verrate abzuhalten. Weil ihnen aber dies nicht gelang, kehrten sie sich gegen die übrigen Apostel. Sie vermuteten, der Herr habe ihnen im Speisesaal irgend eine große Gnade erwiesen, und Luzifer wollte diese kennen, um sie ihnen womöglich wieder zu rauben. Der Heiland schaute die grausame Wut des Fürsten der Finsternis und seiner Diener. Darum kam er als liebevoller Vater und wachsamer Oberhirte, um diese schwachen Kinder und Anfänger, seine Apostel, zu warnen. Er weckte sie auf und ermahnte sie, zu wachen und zu beten, um nicht in Versuchung zu fallen.
Die drei Apostel hatten sich von Traurigkeit und Überdruss überwinden lassen, in denen der Schlaf und die Mattigkeit sie übermannten. Ehe der göttliche Heiland sie aufweckte und anredete, betrachtete er sie und weinte über sie, da er sie durch ihre Nachlässigkeit und Schlaffheit gefesselt sah, während doch Luzifer so wachsam war, um sie zu verderben. Dann sprach der Herr zu Petrus: "Simon! du schläfst? Konntest du nicht eine Stunde mit mir wachen?" Darauf wandte er sich an alle und sagte: "Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet; denn meine und eure Feinde schlafen nicht wie ihr." Jesus wies den Petrus zurecht, weil dieser zum Oberhaupt aller anderen auserwählt war, weil er sich kurz zuvor durch die Beteuerung hervorgetan hatte, er werde für den Herrn sterben und ihn nicht verleugnen, und weil Petrus durch diese ernstlich gemeinten Vorsätze und Versprechungen mehr Gnaden verdient hatte, als die anderen. Denn der Herr züchtigt diejenigen, die er liebt; und gute Vorsätze sind ihm allzeit wohlgefällig, selbst wenn man nachher in der Ausführung zurückbleibt, wie dies dem feurigsten Apostel, dem heiligen Petrus, begegnete.
Maria war im Zönakulum mit den anderen heiligen Frauen geblieben. Sie schaute im himmlischen Lichte alle Handlungen und Geheimnisse ihres heiligsten Sohnes im Garten mit höchster Klarheit. Nichts blieb ihr verborgen. Zur nämlichen Zeit, als sich der Herr mit den drei Aposteln Petrus, Johannes und Jakobus zurückzog, verließ sie die übrigen Frauen mit der Ermahnung, zu wachen und zu beten, um nicht in Versuchung zu fallen. Sie nahm nur die drei Marien mit sich und begab sich in ein abgesondertes Gemach. Da sie sich nun mit diesen drei ihr am meisten vertrauten Frauen allein befand, flehte sie zum ewigen Vater, er möge ihr jeden Trost und jede Erquickung entziehen, welche sie hindern könnte, das Leiden ihres heiligsten Sohnes im höchsten Grade an Leib und Seele mitzufühlen. Sie bat, die Schmerzen der Wunden und überhaupt alle Martern, die Jesus leiden würde, an ihrem jungfräulichen Leibe mitempfinden zu dürfen. Diese Bitte wurde von der allerheiligsten Dreieinigkeit genehmigt. Dieses Mitleiden Mariens war so stark, dass sie hätte sterben müssen, wenn der Allerhöchste sie nicht wunderbar am Leben erhalten hätte. Diese von der Hand des Herrn ihr auferlegten Schmerzen waren gleichsam ebenso viele Unterpfänder der Erhaltung ihres Lebens und gewissermaßen ein Trost, weil es bei ihrer unermesslichen Liebe eine weit größere Pein für sie gewesen wäre, wenn sie ihren gebenedeiten Sohn hätte leiden und sterben sehen müssen, ohne sein Leid nach Verhältnis mit ihm teilen zu dürfen.
Während sich Maria mit den drei Frauen zurückzog, begann sie eine außergewöhnliche Traurigkeit und Angst zu empfinden. Sie sprach: "Meine Seele ist betrübt, weil mein geliebter Sohn und Herr leiden und sterben wird, ich aber seine Schmerzen und seinen Tod nicht mit ihm teilen darf. Betet, meine Freundinnen, damit euch nicht die Versuchung überfalle." Nach diesen Worten entfernte sich Maria ein wenig, um sich dem Gebete anzuschließen, welches unser Herr im Ölgarten verrichtete. Da sie den menschlichen Willen ihres Sohnes genau kannte, verrichtete sie ihrerseits ganz dasselbe Gebet wie ihr göttlicher Sohn. Auch kehrte sie in den nämlichen Zwischenräumen zu den Frauen zurück, um ihnen eine Ermahnung zu geben. Sie wußte, wie sehr der höllische Drache über diese Frauen ergrimmt war. Dann setzte sie wieder ihr Bitten und Flehen fort und fiel wie der Heiland wieder in Todesangst. Sie weinte über den Untergang der Verworfenen. Es wurden ihr über die ewige Vorherbestimmung, d. h. über die Auserwählung der Guten und die Verwerfung der Bösen, große Geheimnisse geoffenbart. Um dem Heiland der Welt in allem gleichförmig zu sein und in allem mit ihm zu wirken, vergoß auch Maria blutigen Schweiss. Auf Anordnung der allerheiligsten Dreieinigkeit wurde der heilige Engel Gabriel abgesandt, Maria zu trösten. Der Himmelsfürst stellte ihr den Willen des Allerhöchsten in denselben Worten vor, mit denen der heilige Michael zu ihrem göttlichen Sohne redete. Bei beiden war sowohl die Bitte als auch die Ursache des Schmerzes und der Betrübnis ein und dieselbe, so dass sie im Erkennen wie im Wirken verhältnismäßig ganz gleichförmig waren.
Bei dieser Gelegenheit wurde mir mitgeteilt, die weiseste Herrin habe in Voraussicht dessen, was ihrem geliebtesten Sohne bei seinem Leiden begegnen sollte, einige Linnentücher bereitgehalten. Sie sandte nun einige von ihren Engeln mit einem Linnentuche zum Garten, wo der Herr Blut schwitzte, damit sie sein ehrwürdiges Antlitz abtrockneten und reinigten. Aus Liebe zu seiner Mutter und zur Vermehrung ihrer Verdienste nahm Jesus diesen Beweis ihrer zarten Liebe an. Als die Stunde der Gefangennahme unseres Herrn kam, teilte die schmerzvolle Mutter dies den drei Marien mit. Da weinten und klagten alle bitterlich, namentlich Magdalena, die von besonders glühender Liebe entflammt war.
 
 
Lehre der Himmelskönigin
Meine Tochter, erwäge aufmerksam, welch große Sache die ewige Auserwählung oder Verwerfung der Seelen ist, da mein heiligster Sohn sich derselben mit solchem Eifer angenommen hat und da die Schwierigkeit oder vielmehr die Unmöglichkeit, alle Menschen zu retten und selig zu machen, ihm sein Leiden und Sterben so bitter gemacht hat. Darum hat er so viele Bitten an seinen ewigen Vater gerichtet. Die Liebe zu den Menschen hat ihn bewogen, sein kostbares Blut in reichlichen Schweisstropfen zu vergießen, aus Schmerz darüber, dass sein Tod nicht allen zum Heile dienen sollte, weil sich die Verworfenen der Teilnahme an den Früchten seines Todes durch eigene Schuld unwürdig machen. Mein Sohn hat seine Sache gerechtfertigt, da er allen das Heil erworben hat. Auch der ewige Vater hat seine Sache gerechtfertigt, da Er der Welt diese Erlösung geschenkt und sie einem jeden zugänglich gemacht hat. Dem freien Willen jedes einzelnen ist es anheimgestellt, nach Tod oder Leben seine Hand auszustrecken (Sir 15,17,18).
Wenn aber am Tage des Gerichtes niemand für seine Gleichgültigkeit und Torheit eine Entschuldigung finden wird, werden die Kinder der heiligen Kirche um so weniger eine solche finden, sie, die den Glauben an diese wunderbaren Geheimnisse erhalten haben und sich gleichwohl im Leben nur wenig von den Ungläubigen und Heiden unterscheiden. Glaube nicht, meine Tochter, es stehe umsonst geschrieben: "Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt" (Matth 20,16). Möge dieser Ausspruch dir Furcht einflößen! Ich nenne dich "meine Tochter" und "Braut meines Herrn". Deine Aufgabe sei keine andere als zu lieben und zu leiden. Damit du die Vollkommenheit erreichest, muss dein Gebet ein ununterbrochenes und unablässiges sein. Wache mit mir die ganze Zeit deines sterblichen Lebens. Dasselbe ist ja, mit der Ewigkeit verglichen, weniger als eine Stunde, ja weniger als ein Augenblick. In solcher Verfassung sollst du fortfahren, die Geheimnisse des Leidens meines heiligsten Sohnes zu beschreiben, sie mitzuempfinden und deinem Herzen einzuprägen.
 
(Geoffenbart der ehrwürdigen Dienerin Gottes, Maria von Jesus zu Agreda)
 

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