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Der heilige Leib Mariae wird ins Grab gelegt
 
 
Die göttliche Allmacht verlieh durch eine besondere Wirkung der Vorsehung den Aposteln Trost und Stärke, damit ihre Herzen in ihrer Betrübnis wieder aufgerichtet würden. Weil es unmöglich war, den erlittenen Verlust in diesem Leben zu ersetzen, konnten sie keine Ruhe finden. Es war ihnen, als hätten sie keine Seele und keine Lebenskraft mehr, weil sie nun diese Hilfe und Gesellschaft entbehren mussten. Doch der Herr stand ihnen in ihrer Betrübnis bei und stärkte sie auf verborgene Weise durch seine göttliche Kraft, damit sie nicht allen Mut verlören, sondern für die Bestattung des heiligen Leibes und für alles andere, was die Umstände erheischten, sorgen könnten.
Die Apostel wählten ein neues Grab im Tale Josaphat, das durch wunderbare Fügung des Herrn daselbst bereitet war. Da der heiligste Leib des Herrn nach der Sitte der Juden mit kostbaren, wohlriechenden Salben zum Begräbnis einbalsamiert und dann in das Grabtuch eingehüllt worden war, glaubten sie, dass ein Gleiches auch mit dem jungfräulichen Leib der gebenedeiten Mutter geschehen solle. Hierzu riefen sie jene zwei Jungfrauen zu sich, die Maria während ihres Lebens gedient hatten und zu Erbinnen ihrer Oberkleider eingesetzt worden waren. Diese beiden sollten mit der höchsten Ehrfurcht und Sittsamkeit den Leichnam der Mutter Gottes salben und in das Leinentuch hüllen, damit er dann auf die Totenbahre gelegt werde. Mit großer Ehrfurcht und heiliger Scheu traten die beiden Jungfrauen in das Oratorium ein. Allein der Glanz, der den heiligen Leichnam umgab, hielt sie zurück und blendete sie so, dass sie ihn weder zu berühren noch anzuschauen vermochten, ja, dass sie nicht einmal seine bestimmte Lage zu entdecken imstande waren.
Die Jungfrauen verließen das Oratorium mit größerer Scheu und Ehrfurcht erfüllt als zuvor. Erregt und verwundert erzählten sie den Aposteln, was ihnen begegnet war. Die Apostel kamen zu der Überzeugung, dass es nicht erlaubt sei, die hochheilige Arche des Neuen Bundes zu behandeln wie einen gewöhnlichen Leichnam. Petrus und Johannes traten nun in das Oratorium ein. Sie sahen den Glanz und hörten zugleich eine himmlische Musik der Engel, welche sangen: "Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir!" Andere Engel sangen: "Jungfrau vor der Geburt, in der Geburt und nach der Geburt." Von jener Zeit an haben viele Gläubige der ersten Kirche diesen vom Himmel stammenden Lobspruch auf Maria als Gebet gebraucht. So kam dieses Gebet durch Überlieferung von jener Zeit bis auf uns. Seitdem die heilige Kirche es bestätigt hat, bekennen wir dadurch unseren Glauben.
Die beiden Apostel Petrus und Johannes waren vor Verwunderung über das, was sie über den heiligen Leichnam ihrer Königin gehört und gesehen hatten, längere Zeit hindurch still dagestanden. Dann warfen sie sich zum Gebete auf die Knie nieder und flehten zum Herrn, ermöge ihnen offenbaren, was sie zu tun hätten. Alsbald sagte ihnen eine Stimme: "Der heilige Leib darf nicht enthüllt und nicht berührt werden."
Die Apostel brachten die Totenbahre. Unterdessen wurde der Glanz etwas schwächer. Die beiden Apostel fassten jetzt voll Ehrfurcht das Heilgtum des jungfräulichen Leibes zu beiden Seiten am Oberkleide, hoben den Leib und legten ihn mit größter Behutsamkeit auf die Totenbahre. Sie fühlten keinerlei Schwere. Als der Leichnam auf der Totenbahre ruhte, minderte sich der Glanz noch mehr, und alle Konnten die Schönheit des jungfräulichen Angesichtes und der Hände sehen. Der Herr hatte es zum Troste aller Anwesenden so gefügt. Im übrigen aber bewahrte die göttliche Allmacht diesen heiligsten Leib, der Gottes Wohnung gewesen war, in solcher Weise, dass weder im Leben noch beim Tode irgend jemand etwas anderes davon sah, als was im menschlichen Verkehr gesehen werden musste, d.h. ihr sittsamstes Antlitz, an dem sie erkannt wurde, und ihre Hände, mit denen sie arbeitete.
So groß war die Sorge für die Sittsamkeit seiner heiligsten Mutter, dass Christus für seinen eigenen Leib weniger eiferte als für den seiner reinsten Mutter. In der Empfängnis, die unbefleckt und sündenlos war, hatte der Herr seine Mutter sich ähnlich gemacht; ebenso in der Geburt, insofern Maria nicht in der gleichen Weise wie andere Menschen geboren war. Bezüglich der Behütung ihres jungfräulichen Leibes aber tat er an ihr anders als an sich selbst. Sie war eben Jungfrau, er aber war ein Mann, welcher durch das Opfer seines Leidens die Welt zu erlösen hatte. Auch hatte die reinste Königin schon bei Lebzeiten den Herrn gebeten, er möge ihr bei ihrem Tode die Gnade erweisen, dass niemand ihren entseelten Leib sehe. Diese Bitte hatte der Heiland gewährt.
Danach trafen die Apostel die nötigen Vorkehrungen zum Begräbnis. Durch ihr Bemühen und den frommen Eifer der Gläubigen, deren es in Jerusalem viele waren, wurde eine große Menge Kerzen zusammengetragen. Mit diesen Kerzen geschah etwas Wunderbares. Wiewohl an diesem und den zwei folgenden Tagen alle angezündet wurden, brannte keine einzige ab oder wurde auch nur kleiner.
Damit diese und viele andere bei dem Begräbnisse Mariae von Gott gewirkten Wunder mehr bekannt würden, fügte es der Herr, dass zur Beerdigung seiner heiligsten Mutter fast alle Bewohner der Stadt zusammenkamen. Juden wie Heiden waren nahezu alle zugegen. Die Apostel hoben den hochheiligen Leib Mariae, den Tabernakel Gottes. Als Priester des Neuen Bundes nahmen sie den geheiligten Leichnam, den Gnadenthron aller Gnaden, die Bundeslade des Herrn, auf ihre Schultern. Nun bildete sich eine geordnete Prozession, die vom Zönakulum aus durch Jerusalem nach dem Tale Josaphat zog. Die sichtbare Begleitung bestand aus den Bewohnern Jerusalems, die unsichtbare aus dem himmlischen Hofe. Voran gingen die tausend Schutzengel der Himmelskönigin. Ihre himmlische Musik wurde von den Aposteln, Jüngern und vielen anderen vernommen und dauerte in wunderschönen Weisen drei ganze Tage lang. Viele Legionen anderer Engel stiegen mit den Altvätern und Propheten und mit den Heiligen Joachim, Anna, Joseph, Elisabeth, Johannes dem Täufer und vielen anderen vom Himmel herab. Der göttliche Heiland hatte sie gesandt, damit sie der Leichenfeier seiner heiligsten Mutter beiwohnten.
Mit dieser sichtbaren und unsichtbaren, himmlischen und irdischen Begleitung setzte sich der Zug mit dem heiligen Leichnam fort. Auf dem Wege aber geschahen viele Wunder. Alle herbeigebrachten Kranken wurden vollkommen geheilt. Viele Besessene erlangten die Befreiung. Die Teufel wagten nicht, so lange in den Besessenen zu bleiben, bis der heiligste Leib Mariae in ihre Nähe kam. Noch wunderbarer aber waren die zahlreichen Bekehrungen von Juden und Heiden. Bei dem Begräbnis der heiligsten Jungfrau Maria öffneten sich die Schätze der göttlichen Barmherzigkeit, so dass viele Seelen zur Erkenntnis Christi gelangten und ihn öffentlich bekannten als den wahren Gott und Erlöser der Welt und um die heilige Taufe baten. Die Apostel und Jünger hatten tagelang zu tun, um jene, die sich bei der Begräbnisfeier zum wahren Glauben bekehrt hatten, zu unterrichten und zu taufen. Die Apostel empfanden auch, während sie den heiligen Leichnam trugen, wunderbare Wirkungen göttlichen Lichtes und Trostes. Auch die Jünger nahmen, ihnen entsprechend, daran Anteil. Die Volksmenge staunte über den Wohlgeruch, der sich ringsum verbreitete, über die himmlische Musik, die sie hörten und über viele andere Wunderzeichen. Alle priesen Gott wegen der Macht und Größe, die er an diesem wunderbaren Geschöpfe geoffenbart hatte. Zum Beweise ihrer Ergriffenheit schlugen sie voll Reueschmerz an die Brust.
Endlich gelangte man im Tale Josaphat an, wo sich das Grab befand. Petrus und Johannes, die den himmlischen Schatz vom Ruhelager auf die Totenbahre gehoben hatten, nahmen ihn wiederum mit derselben Ehrfurcht und Leichtigkeit davon herab und legten ihn ins Grab. Sie bedeckten ihn mit Leinwand. Das Grab wurde der Gewohnheit gemäß mit einem Stein verschlossen. Hierauf kehrten die himmlischen Heerscharen in den Himmel zurück. Die tausend Schutzengel Mariae aber hielten weiter Leichenwache unter himmlischer Musik. Die Volksmenge verlief sich, und die Apostel und Jünger kehrten unter Tränen in das Zönakulum zurück. Der himmlische Wohlgeruch, den der Leib Unserer Lieben Frau ausgeströmt hatte, erfüllte das ganze Haus ein volles Jahr lang. In der Betkammer blieb er sogar viele Jahre spürbar. Dieses Heiligtum wurde fortan in Jerusalem eine Zufluchtsstätte für alle, die Hilfe in ihren Drangsalen und Nöten suchten und auch wunderbar fanden. Doch die Sünden der Bewohner Jerusalems waren schuldig, dass sie dieser unschätzbaren Wohltat nach einigen Jahren wieder beraubt wurden.
Im Zönakulum beschlossen die Apostel, dass einige von ihnen und von den Jüngern beim Grabe bleiben sollten, solange die himmlische Musik zu hören sei. Sie wollten alle das Ende dieses Wunders erwarten. Daraufhin unterrichteten und tauften die einen, andere eilten zum Grabe zurück, das übrigens in diesen Tagen von allen häufig besucht wurde, am meisten aber von Petrus und Johannes. Und kehrten sie auch hie und da zum Speisesaal zurück, so fanden sie sich doch sehr bald wieder dort ein, wo ihr Schatz und ihr Herz begraben lag. Nicht einmal die unvernünftigen Tiere fehlten beim Begräbnis ihrer Herrin. Als der heilige Leichnam beim Grabe ankam, flogen unzählige größere und kleinere Vögel heran und viele Tiere von Feld und Wald eilten herbei, die einen mit traurigem Gesang, andere mit Seufzen und Heulen, alle mit Zeichen des Schmerzes, als ob sie den Verlust spürten. Dagegen blieben etliche hartherzige Juden beim Tode der Retterin der Menschen gefühllos, wie sie es beim Tode ihres Erlösers und Lehrmeisters gewesen waren.
(Geoffenbart der ehrwürdigen Dienerin Gottes, Maria von Jesus zu Agreda)
 
 

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