Tradition

 
Wir haben schon die verheerende Entthronung der Wahrheit und des Wertes besprochen, die der historische Relativismus enthält. Wir haben auch hervorgehoben, dass diese geistige Krankheit unter progressistischen Katholiken ziemlich weit verbreitet ist. Jetzt möchten wir die paradoxe Tatsache aufdecken, dass der historische Relativismus die Geschichte ihres Wesens und ihres Sinnes beraubt. Einerseits wollen die Vorkämpfer des historischen Relativismus die Geschichte zum letzten Maß aller Dinge machen; sie möchten sie verabsolutieren. Es ist z.B. unter progressistischen Katholiken modern geworden, von der "Verantwortlichkeit der Geschichte gegenüber" zu sprechen. (Unsere Verantwortlichkeit gegenüber Gott wird dabei irgendwie in den Hintergrund geschoben). Aber andererseits hat die Entthronung der Wahrheit und die Leugnung aller objektiven Werte die Zerstörung der Tradition zur Folge. Und das heißt jeden Sinn der Geschichte leugnen.
Die Tradition aufzugeben kommt der Auflösung der Geschichte gleich, denn Geschichte setzt Tradition voraus. Der Vergleich, den man oft zwischen dem Leben einer individuellen Person und der Geschichte der Menschheit gezogen hat, kann vielleicht helfen, Licht auf die wesenhafte und unentbehrliche Rolle zu werfen, die der Tradition in der Geschichte zukommt. Wenn ein Mensch nicht die Fähigkeit besäße, die Vergangenheit zu bewahren, sondern ausschließlich vom gegenwärtigen Augenblick gespeist würde, so würde sein Leben aller Kontinuität entbehren; er wäre keine Person mehr. Eine Geschichte seines Lebens wäre unmöglich. Es gibt keine Geschichte von Hunden und Katzen. Geschichte kann es nur von Personen geben.
Tradition hat in der Geschichte der Menschheit eine ähnliche Funktion wie die Kontinuität in der Lebensgeschichte einer individuellen Person. Darüber hinaus erhält die Kontinuität im Leben des Individuums ihre tiefe Bedeutsamkeit allein durch die Tatsache, dass es grosse Wahrheiten und hohe Werte gibt, die, wenn sie einmal erschlossen worden sind, fordern, dass man beharrlich an ihnen festhält. Gäbe es keinen anderen Wert als den, "zeitgemäß" zu sein, so würde daraus in analoger Weise folgen, dass die Überlieferung von Wahrheit, von Idealen oder von kulturellen Schätzen bedeutungslos wäre und deshalb Geschichte keinen Sinn haben könnte. Kierkegaard drückt das so aus: "Wenn der Augenblick alles ist, ist der Augenblick nichts."
Sinnvolle Geschichte erfordert, dass es eine Überlieferung von Einsichten und Kunstwerken gibt, die zeitlos sind, d.h. die in ihrer Bedeutsamkeit, ihrer Wahrheit und ihrem Wert jenseits der Zeit liegen. Die Bedeutung der Tradition entspringt aus der Tatsache, dass es Dinge gibt, die eine Botschaft für den Menschen aller Zeiten enthalten, Dinge, die niemals veralten können auf Grund des Wertes, den sie in sich selbst besitzen, und auf Grund ihrer Wahrheit. Keine gültige und fruchtbare Tradition könnte jemals unabhängig von solchen zeitlosen Beiträgen existieren, wie denen eines Plato, Aristoteles, Augustinus, Dante, Shakespeare, Cervantes, Phidias, Michelangelo, Bach, Mozart, Beethoven usw... Sie sind immer zeitgemäß auf Grund ihrer Zeitlosigkeit, denn zeitlos sein heißt nicht: keine Beziehung zur Zeit haben, sondern vielmehr: gültig sein zu allen Zeiten.
Doch die progressistischen Katholiken, die behaupten: "Wir haben die Vergangenheit zu lange geliebt", unterhöhlen durch ihren Angriff auf die Tradition nicht nur den Sinn der Geschichte, sondern sie verraten oft auch eine bedauerliche historische Unwissenheit. Sie übertragen die menschliche Verantwortlichkeit Gott gegenüber auf die Geschichte. Aber wenn "Verantwortlichkeit der Geschichte gegenüber" irgeneinen Sinn haben soll, so versäumen diese progressistischen Katholiken, ihrer "Verantwortung" gemäß zu leben, indem sie entweder dilettantische Urteile über historische Fakten fällen, oder die Geschichte umdeuten, um ihren Vorurteilen Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Es gibt z.B. eine moderne Argumentation, die so lautet: Den Christen in vergangenen Jahrhunderten mangelte es an Liebe zu den Menschen und sie liebten nur Gott, während umgekehrt Atheisten, obwohl sie Gott ablehnten, die Menschen geliebt haben. Es ist schwer zu sagen, ob in dieser Behauptung die Unkenntnis der Geschichte auffallender ist oder die Doppeldeutigkeit der Verwendung der Begriffe "Atheisten" und "Christen". Jeder, der auch nur irgendetwas über die zweitausend Jahre christlicher Geschichte weiß, ist mit der Tatsache vertraut, dass die Liebe zu Christus in einer einzigartigen Liebe zu den Armen, den Leidenden und Kranken erblühte; dieselbe sieghafte Liebe bekundete sich auch darin, dass Christen sogar ihren Feinden verziehen.
Haben diese "modernen" Katholiken, die aus der Geschichte ihren Gott gemacht haben, niemals eine Biographie des hl. Franz von Assisi, des hl. Johannes von Gott oder des hl. Vinzenz von Paul gelesen? Haben sie niemals etwas von den heroischen Opfern von Missionären gehört, die sich nicht ausschließlich um das Seelenheil der Heiden kümmerten, sondern die auch Hungrige speisten und Kranke pflegten (obwohl das erstere ein viel tieferes Interesse für ihre Mitmenschen verriet, als alle Sorge um deren irdische Wohlfahrt). Haben diese Katholiken, die so begierig sind, die Vergangenheit der Kirche anzugreifen, nie etwas von der Tatsache gehört, dass die Spitäler von Ordensleuten "erfunden" worden sind und Jahrhunderte lang ausschließlich von ihnen besorgt wurden? Haben sie nie gehört, dass sogar die Montes pietatis von Ordensleuten eingeführt worden sind, oder dass der Orden der Trinitarier zu dem Zweck gegründet wurde, Christen zu befreien, die in der Gefangenschaft von Moslems waren? Niemand, der ohne Vorurteile die Kirchengeschichte studiert, kann leugnen, dass alle, die wirklich das Christentum lebten, eine glühende und erhabene Liebe zu ihren Nächsten hatten und sogar zu ihren Feinden und Verfolgern. Ihre Liebe floß aus dem Wesen ihrer Heiligkeit, ihrer Umgestaltung in Christus. Sie stand immer im Zentrum der Lehre der Kirche. Diese Caritas war etwas vollkommen Neues, der heidnischen Welt Unbekanntes. Und es war gerade diese Liebe, die unzählige Heiden bekehrte.
Dass vielen Christen diese Nächstenliebe fehlte, kann niemand leugnen. Aber war dies so, weil sie statt dessen Gott liebten, oder weil sie schlechte Christen waren und Gott nicht genügend liebten, weil sie nicht genug in Christus umgestaltet waren, weil sie in der Tat mittelmäßige Christen waren? Die zweitausend Jahre christlicher Geschichte brachten einen Strom der Nächstenliebe und heroische Taten der Liebe zu den Menschen hervor. Und die Geschichte zeigt, dass diese Caritas in den Menschen je nach dem Maß ihrer Gottesliebe, ihrer Hingabe an Christus zu finden war. Da zu allen Zeiten die meisten Christen in ihrer Liebe zu Gott lau waren und versäumten, den Lehren Christi gemäß zu leben, litt ihre Liebe zum Nächsten an derselben Unvollkommenheit.
Die andere Hälfte des Argumentes, die besagt, dass die Atheisten in ihrer Menschenliebe hervorgeleuchtet haben, ist ebensowenig mit einem Beweis zu belegen. Die Nationalsozialisten gestern und die Kommunisten heute sind die radikalsten Atheisten und vielleicht die radikalsten Hasser Christi, die jemals existiert haben. Und es wird in der Tat schwer möglich sein, in dem Mord an sechs oder sieben Millionen Menschen durch die deutschen Nationalsozialisten, oder im Mord der Kommunisten an einem Mehrfachen dieser Zahl einen Beweis ihrer Menschenliebe zu sehen. Sind Konzentrationslager und die Beraubung aller persönlichen Rechte der Menschen Merkmale einer besonderen Menschenliebe?
Wir wollen hier sicherlich nicht behaupten, dass jede Art von Atheismus notwendig solche Grausamkeiten zur Folge hat. Die Geschichte zeigt auch, dass es viele Atheisten gegeben hat, die ein wohlwollendes Interesse für ihre Mitmenschen bezeugt haben. Aber es ist keineswegs sicher, dass dieses wohlwollendes Interesse (das sich übrigens vollkommen von der christlichen Nächstenliebe unterscheidet) aus ihrem Atheismus stammt. Zu behaupten, dass die moderne Bemühung um soziale Gerechtigkeit ein Ausfluss des Atheismus ist, bloß weil viele Vorkämpfer humanitärer Bewegungen waren, heißt die Tatsache ignorieren, dass auch viele gläubige Katholiken, Protestanten und Juden an diesen Bewegungen teilnahmen.
Die erhöhte Wirksamkeit und Fruchtbarkeit caritativer Organisationen, die die moderne Wissenschaft möglich macht, kann kaum als Symptom einer größeren Menschenliebe betrachtet werden. Der institutionelle Charakter der modernen caritativen Organisationen, die leicht dazu führen, die intime persönliche Hingabe an den Nächsten zu zerstören, die für die Caritas in früheren Zeiten bestimmend war, ist eindeutig kein Zeichen der erhöhten Nächstenliebe unserer Zeit. Wir haben in Kap. 10 als einen positiven Zug unserer Zeit hervorgehoben, dass besonders unter der Jugend heute oft ein grosser Idealismus herrscht, eine Bereitschaft, Menschen in entfernten Ländern zu helfen. Sosehr also solche caritativen Organisationen zu begrüßen sind und auch ein der modernen Entwicklung der Technik und Wirtschaft angemessener Ausdruck der Nächstenliebe sein können, so können sie doch niemals den weit über jede organisatorische Tätigkeit hinausreichenden persönlichen Kontakt und die Zuwendung zum Nächsten ersetzen. Es wäre ein vollkommenes Missverständnis sowohl der tieferen Formen der Not des Mitmenschen als auch der Tiefe und des sittlichen Wertes der Nächstenliebe, wenn man irgendwie glaubte, die volle persönliche Liebe zum Nächsten mit ihrem glorreichen sittlichen Wert ließe sich je durch organisatorische Tätigkeiten ersetzen oder fände in ihnen einen hinreichenden Ausdruck.
Doch in diesem Zusammenhang kommt es uns vor allem darauf an, den grundsätzlichen Unterschied zwischen dem humanitären Wohlwollen von Atheisten und der erhabenen christlichen Caritas zu sehen, von der der hl. Apostel Paulus spricht. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, muss den Unterschied erfassen, der zwischen der Haltung eines hl. Franziskus, der den Leprakranken umarmte, und dem humanitären Eifer mancher zeitgenössischer Atheisten besteht.
Viele progressistische Katholiken halten sich für sehr objektiv und demütig, wenn sie die schwarze Seite der Geschichte der Kirche unterstreichen - d.h. das Versäumnis vieler, dem Ruf Christi gemäß zu leben: Schließlich klagen sie ja doch ihre eigene Kirche an! In Wirklichkeit jedoch ist ihre Haltung gar nicht das demütige mea culpa des Confiteor, sondern ein arrogantes vestra culpa; denn diese Katholiken haben die Solidarität mit der 'Kirche von gestern' aufgegeben. Folglich ist ihre Verurteilung der Vergangenheit unter dem Schein der Selbstanklage pharisäisch.
Wir leugnen nicht, dass die menschliche Geschichte der Kirche - wie jede menschliche Geschichte - ihre schwarzen Seiten hat. Wir möchten nur darauf dringen, dass man zugeben muss, wenn man eine objektive Sicht der Geschichte haben möchte, dass die Lehre der Kirche immer implizit alle Missbräuche verurteilt hat, die ihre Glieder eingeführt haben. Es gab Sünder in der Kirche gestern, es gibt Sünder in der Kirche heute. Doch die Kirche selbst, in ihrer göttlichen Lehre und ihren heiligen Sakramenten, in denen Gott selbst gegenwärtig ist und sein heiliges Leben spendet, steht glorreich unbefleckt mitten in einer Geschichte da, die von menschlicher Schwäche, Irrtümern. Unvollkommenheiten und Sünden befleckt ist. ("Alle Widersprüche verschwinden, sobald man versteht, dass die Glieder der Kirche sündigen, sicherlich, aber insofern sie die Kirche verraten; dass die Kirche deshalb nicht ohne Sünder ist, aber ohne Sünde." ... "Die Kirche als Person übernimmt die Verantwortung für die Buße, nicht für die Sünden. ... Die Glieder der Kirche, Laien, Kleriker, Priester, Bischöfe und Päpste, die der Kirche nicht gehorchen, sind für die Sünden verantwortlich, doch nicht die Kirche als Person...
Man vergisst, dass die Kirche als Person die Braut Christi ist, "die Er sich durch Sein eigenes Blut erkauft hat." Apostelgeschichte 20, 28.")
Und was die Geschichte der Kirche von der andern menschlichen Einrichtungen unterscheidet und ihren göttlichen Ursprung bezeugt, ist das Wunder der Schar von Heiligen, die sie im Lauf ihrer Geschichte hervorgebracht hat. 
Wir haben in "Graven images: Substitutes for true morality" ausführlich von der Natur der Tradition gehandelt. Dort haben wir den grundsätzlichen Unterschied zwischen der Tradition der Kirche, die auf der göttlichen Offenbarung beruht, und allen bloß menschlichen Traditionen behandelt. Die Offenbarung des Alten Testaments und die Selbst-Offenbarung Gottes in Christus stellen eine einzigartige Quelle göttlicher Wahrheit dar, die der Kirche von Gott anvertraut worden ist. Die einzigartige Natur dieser übernatürlichen Tradition drückt sich klar in der Tatsache aus, dass Identität mit der göttlichen Offenbarung, die den Aposteln anvertraut worden ist, das entscheidende - wenn auch nicht einzige - Argument für die Wahrheit jedes Dogmas ist.
(An dieser Stelle sei die Lehre der Kirche über das Verhältnis zwischen heiliger Tradition, absoluter, ewiger Wahrheit und Geschichte ausführlicher zitiert. Vgl. "Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung":
7. "Was Gott  zum Heil der Völker geoffenbart hatte, das sollte - so hat er in Güte verfügt - für alle Zeiten unversehrt erhalten bleiben und allen Geschlechtern weitergegeben werden. Darum hat Christus der Herr, in dem die ganze Offenbarung des höchsten Gottes sich vollendet 'vgl. 2 Kor 1,20; 3,16-4, 6', den Aposteln geboten, das Evangelium, das Er als die Erfüllung der früher ergangenen prophetischen Verheißung selbst gebracht und persönlich öffentlich verkündet hat, allen zu predigen als die Quelle jeglicher Heilswahrheit und Sittenlehre und ihnen so göttliche Gaben mitzuteilen. Das ist treu ausgeführt worden, und zwar sowohl durch die Apostel, die durch mündliche Predigt, durch Beispiel und Einrichtungen weitergaben, was sie aus Christi Mund, im Umgang mit Ihm und durch Seine Werke empfangen oder was sie unter der Eingebung des Heiligen Geistes gelernt hatten, als auch durch jene Apostel und apostolischen Männer, die unter der Inspiration des gleichen Heiligen Geistes die Botschaft vom Heil niederschrieben.
Damit das Evangelium in der Kirche für immer unversehrt und lebendig bewahrt werde, haben die Apostel Bischöfe als ihre Nachfolger zurückgelassen und ihnen 'ihr eigenes Lehramt überliefert'. Diese Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift beider Testamente sind gleichsam ein Spiegel, in dem die Kirche Gott, von dem sie alles empfängt, auf ihre irdischen Pilgerschaft anschaut, bis sie hingeführt wird, Ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, so wie Er ist 'vgl. 1 Jo. 3,2'. 
8. Daher musste die apostolische Predigt, die in den inspirierten Büchern besonders deutlich Ausdruck gefunden hat, in ununterbrochener Folge bis zur Vollendung der Zeiten bewahrt werden. Wenn die Apostel das, was auch sie empfangen haben, überliefern, mahnen sie die Gläubigen, die Überlieferungen, die sie in mündlicher Rede oder durch einen Brief gelernt haben 'vgl. 2 Thess. 2,15', festzuhalten und für den Glauben zu kämpfen, der ihnen ein für allemal überliefert wurde 'vgl. Jud. 3'. Was von den Aposteln überliefert wurde, umfasst alles, was dem Volk Gottes hilft, ein heiliges Leben zu führen und den Glauben zu mehren. So führt die Kirche in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selbst ist, alles was sie glaubt.
Diese apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heilige Geistes einen Fortschritt: es wächst das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen, 'vgl. Lk. 2,19, 51' durch innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben; denn die Kirche strebt im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen.
Die Aussagen der heiligen Väter bezeugen die lebenspendende Gegenwart dieser Überlieferung, deren Reichtümer sich in Tun und Leben der glaubenden und betenden Kirche ergießen. Durch dieselbe Überlieferung wird der Kirche der vollständige Kanon der Heiligen Bücher bekannt, in ihr werden die Heiligen Schriften selbst tiefer verstanden und unaufhörlich wirksam gemacht. So ist Gott, der einst gesprochen hat, ohne Unterlaß im Gespräch mit der Braut Seines geliebten Sohnes, und der Heilige Geist, durch den die lebendige Stimme des Evangeliums in der Kirche und durch sie in der Welt widerhallt, führt die Gläubigen in alle Wahrheit ein und lässt das Wort Christi in Überfülle unter ihnen wohnen 'vgl. Kol. 3,16'.
9. So ergibt sich, dass die Kirche ihre Gewissheit über alles Geoffenbarte nicht aus der Heiligen Schrift allein schöpft...
10. Die Aufgabe aber, das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes verbindlich zu erklären, ist nur dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut, dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi ausgeübt wird. Das Lehramt ist nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm, indem es nichts lehrt, als was überliefert ist, weil es das Wort Gottes aus göttlichem Auftrag und mit dem Beistand des Heiligen Geistes voll Ehrfurcht hört, heilig bewahrt und treu auslegt und weil es alles, was es von Gott geoffenbart zu glauben vorlegt, aus diesem einen Schatz des Glaubens schöpft. Es zeigt sich also, dass die Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche gemäß dem weisen Ratschluss Gottes so miteinander verknüpft und einander zugestellt sind, dass keines ohne die anderen besteht und dass alle zusammen, jedes auf seine Art, durch das Tun des einen Heiligen Geistes wirksam dem Heil der Seelen dienen.
21. Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst, weil sie, vor allem in der heiligen Liturgie, vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlass das Brot des Lebens nimmt und den Gläubigen reicht. In ihnen zusammen mit der Heiligen Überlieferung sah sie immer und sieht sie die höchste Richtschnur ihres Glaubens, weil sie von Gott eingegeben und ein für alle Male niedergeschrieben, das Wort Gottes selbst unwandelbar vermitteln und in den Worten der Propheten und der Apostel die Stimme des Heiligen Geistes vernehmen lassen.")
Selbst die historische, kulturelle Tradition der Kirche - trotz ihrer gänzlichen Verschiedenheit von der übernatürlichen - ist auch von jeder anderen kulturellen oder ethnischen Tradition verschieden. Die Schätze, die von der Kirche im Lauf der Jahrhunderte hervorgebracht wurden, sind ein Ausfluss des heiligen Lebens der Kirche - Beweise dieses Lebens. Das Thema der Werke der kulturellen Tradition der Kirche ist nicht eine Idee oder ein Mythos oder ein Schönheitsideal, sondern Christus, der Gottmensch und die Geschichte der Erlösung der Menschen! Wir denken hier nicht an Elemente, die auf eine bestimmte Epoche relativ sind, besondere Bräuche oder kanonische Vorschriften, sondern an die Schätze der christlichen Kultur und des christlichen Geistes, die aus dem heiligen Leben der Kirche selbst entsprungen sind. Wir denken an den Gregorianischen Choral, an die Hymnen und Rhythmen, die in einzigartiger Weise die Welt Christi ausstrahlen. Erwähnen wir z.B. die Liturgie der Karwoche, die Tenebrae, das Exsultet und die Allerheiligenlitanei, das Veni Creator spiritus, das Veni Sancte Spiritus, das Dies irae, das Stabat mater oder die Hymnen des heiligen Thomas von Aquin; denken wir an alle wunderbaren Kirchen: an San Vitale in Ravenna, die Hagia Sophia, San Marco in Venedig, das Baptisterium in Florenz, die Kathedrale von Chartres, St. Peter in Rom und unzählige andere. Sie sind unersetzliche Elemente des kulturellen Lebens der Kirche.
Doch von einem religiösen Gesichtspunkt aus erhält die kulturellen Tradition der Kirche noch einen völlig neuen Aspekt - eine Dimension der Gemeinschaft und Verbundeheit, die ein wesentliches Element des christlichen Ethos und unseres christlichen Glaubens ist. Es ist spezifisch christlich, dass sich die Gemeinschaft in Christus nicht nur auf die lebenden Glieder des Mystischen Leibes erstreckt, sonden auch auf jene, die im Fegefeuer oder im Himmel sind. Deshalb muss es für jeden echten Katholiken ein tief bewegendes Erlebnis sein, dieselben Gebete beten zu dürfen, die die heilige Kirche jahrhundertelang gebetet hat.
Der katholische Gemeinschaftsgeist erstreckt sich nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit. Wenn man fragt: "Wer sind unsere wirklichen Zeitgenossen?" im tiefsten Sinn des Wortes, dann sollten wir antworten: Die Heiligen aller Zeiten, von einem hl. Petrus bis zu einem PiusX., von Maria Magdalena bis zu Maria Goretti, und alle Heiligen der Zukunft. Das ist deshalb so, weil die Heiligen eine lebendige Botschaft von letzter Bedeutung für jeden einzelnen darstellen, eine Botschaft, die die Wirklichkeit der Erlösung durch Christus und die Veränderung des Antlitzes der Erde durch die Herabkunft des Heiligen Geistes am Pfingsttag beweist.
Nein, wir haben die Vergangenheit nicht zu lange geliebt. Wir können die glorreiche Vergangenheit der heiligen Kirche niemals genug lieben - vom Augenblick ihrer Geburt zu Pfingsten bis zu unseren Tagen. Obwohl wir alle menschlichen Gebrechlichkeiten beklagen, die sich an ihr zeigen, alle Einflüsse, die von der weltlichen Stadt, die in die Kirche einzudringen sucht, auf sie ausgeübt werden, so können wir trotzdem nicht genügend über das Wunder staunen, das die Existenz der Kirche verkörpert:
"Unam petii a Domino et hanc requiram: ut inhabitem in domo Domini omnibus diebus vitae meae."
"Eines nur erbat ich mir vom Herrn, nur dies will ich begehren: im Haus des Herrn zu weilen alle Tage meines Lebens."
(entnommen aus: "Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes", von Dietrich von Hildebrand, Imprimatur, Regensburg den 23. Oktober 1968)
 

 

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