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 Vermählung Maria mit Joseph

Geoffenbart der ehrwürdigen Dienerin Gottes, Maria von Jesus zu Agreda 

 

Der Allerhöchste befiehlt der heiligsten Jungfrau, in den Ehestand zu treten. Ihre Antwort auf diesen Befehl. 

Als Maria dreizehn und ein halbes Jahr alt war, empfing sie eine neue abstraktive Vision der Gottheit. Man kann als bestimmt annehmen, Maria sei auf die Probe gestellt worden, ähnlich wie der Patriarch Abraham, als Gott ihm befahl, seinen geliebten Sohn Isaak, das einzige Unterpfand seiner Hoffnungen, zum Brandopfer darzubringen. Gott stellte den Gehorsam Abrahams auf die Probe, um ihn zu belohnen. So wurde auch Maria in dieser Vision von Gott auf die Probe gestellt, indem er ihr befahl, den Ehestand zu wählen. Wir sehen hieraus, dass die Urteile Gottes  unbegreiflich, seine Wege unerforschlich und seine Gedanken ganz und gar über die unsrigen erhaben sind. So weit der Himmel über der Erde steht, ebenso weit waren die Gedanken Mariens vom Ratschlusse Gottes entfernt. Sie hatte ja in ihrem ganzen bisherigen Leben keinen andern Wunsch und Vorsatz gehabt, als unvermählt zu bleiben, soweit das von ihrem Willen abhinge. Deshalb hatte sie schon ganz frühzeitig das Gelübde der Keuschheit abgelegt und es immer und immer wieder erneuert.
Als Maria in den Tempel gebracht wurde, hatte der Allerhöchste mit ihr jene feierliche Verlobung gehalten, von der früher die Rede war. Er hatte das Gelübde der Keuschheit angenommen und durch die glorreiche Gegenwart aller Engel bekräftigt. Sie, die reinste Taube, hatte sich von jedem Verkehr mit Menschen losgemacht. Keine Aufmerksamkeit, keine Sorge, keine Hoffnung, keine Liebe für irgend etwas Erschaffenes beschäftigte sie. Sie war darum ganz umgestaltet in die keusche und reine Liebe jenes höchsten Gutes, das nie vergeht. Sie wußte gar wohl, dass sie, wenn sie Ihn liebe, noch keuscher, wenn sie Ihn berühre, noch reiner, wenn sie Ihn empfange, noch jungfräulicher sein werde. In dieser vertrauensvollen Verfassung nun traf sie der Befehl des Herrn, einen irdischen Bräutigam und Mann zu nehmen. Näheres wurde ihr einstweilen noch nicht mitgeteilt. Welches Befremden, welche Verwunderung wird also ein solcher Befehl in dem unschuldigsten Herzen dieser himmlischen Jungfrau hervorgebracht haben, die in der sicheren Hoffnung lebte, niemand andern zum Bräutigam zu haben als nur Gott, der nun eben diesen Befehl erteilte! Das war eine Prüfung, schwerer als die Prüfung Abrahams; denn die Liebe Abrahams zu Isaak war nicht so groß wie die Liebe der heilgsten Jungfrau Maria zur unverletzlichen Keuschheit.
Die weiseste Jungfrau aber hielt bei diesem unerwarteten Befehle mit ihrem Urteil zurück. Vollkommener als Abraham hoffte sie gegen die Hoffnung (Röm 4,18) und sprach zum Herrn: "O ewiger Gott, dessen Majestät unbegreiflich ist, Du hast Himmel und Erde erschaffen und alles, was darin enthalten ist. Du gibst den Winden das Gewicht, setzest dem Meere die Grenzen, und alles Erschaffene ist Deinem Willen unterworfen. Du kannst mit mir ganz nach Deinem Wohlgefallen verfahren, ohne dass ich meinem Dir gemachten Versprechen untreu werde. Und wenn es Dir, mein höchstes Gut und mein Herr, nicht mißfällt, so beteuere und bekräftige ich aufs neue, dass ich mein ganzes Leben in Keuschheit hinbringen und Dich zum Herrn und Bräutigam haben will. Und weil es mir, Deinem Geschöpf bloß zukommt, Dir zu gehorchen, so bedenke ich, dass es Dir, meinem Bräutigam, zusteht, meine menschliche Schwachheit aus der Verlegenheit zu ziehen, in die Deine heilige Liebe mich versetzt." Maria war, wenigstens im niederen Teile der Seele, etwas bestürzt, wie dies auch später bei der Botschaft des heiligen Erzengels Gabriel der Fall war. Dies hinderte doch nicht den ganz heldenmütigen Gehorsam, den sie bisher geübt hatte und mit dem sie sich ganz in die Hände des Herrn übergab. Gott antwortete ihr: "Dein Herz betrübe sich nicht, Maria. Deine Hingabe ist mir wohlgefällig. Mein mächtiger Arm ist an keine Gesetze gebunden; Mir kommt darum die Sorge zu für das, was für dich am geeignetsten ist."
Nur mit dieser Verheißung des Allerhöchsten kehrte die seligste Jungfrau aus der Vision in ihren gewöhnlichen Zustand zurück. Wegen der Ungewissheit und der Hoffnung, die der Befehl und die Verheißung Gottes in ihr hervorgerufen hatten, geriet sie in Sorge. Der Herr wollte sie auf diese Weise gleichsam nötigen, ihre Tränen zu verdoppeln und immer neue Akte der Liebe, des Vertrauens, des Glaubens, der Demut, des Gehorsams, der reinsten Keuschheit und anderer Tugenden zu erwecken. Während Maria mit diesen Ängsten sich beschäftigte, redete Gott im Traume zu dem Hohepriester Simeon, und befahl ihm, die Vermählung Marias, der Tochter Joachims und Annas von Nazareth, vorzubereiten; denn Er schaue auf sie mit besonderer Sorgfalt und Liebe. Simeon bat hierauf den Herrn, Er möge Seinen Willen näher zu erkennen geben. Der Herr befahl ihm, die übrigen Priester und Gesetzeslehrer zu versammeln und ihnen zu erklären, dass diese Jungfrau an keine Verehelichung denke. Weil aber herkömmlicherweise die erstgebornen Töchter den Tempel nicht verlassen, ohne sich zu verehelichen, so sei es ganz in der Ordnung, dass sie dem gegeben werde, den ihr Gesamturteil für den Würdigsten hielte.
Simeon vollzog den Befehl Gottes versammelte die andern Priester teilte ihnen den Willen Gottes mit. Er gab ihnen Kunde von dem Wohlgefallen Seiner Majestät an dieser Jungfrau Maria. Weil diese im Tempel verweile und Waise sei, so komme es ihnen allen zu, für sie zu sorgen und ihr einen  Bräutigam zu suchen, der einen so edlen, tugendhaften und sittenreinen Jungfrau würdig sei. Zudem seien die Personen selber, das Vermögen, der Stand und die übrigen Eigenschaften von großer Bedeutung. Auch fügte er noch bei, Maria von Nazareth habe durchaus kein Verlangen nach einer Vermählung. Es gezieme sich aber nicht, dass sie unvermählt den Tempel verlasse, da sie eine Waise und Erstgeborene sei.
Hierauf wurde dies in der Versammlung der Priester und Schriftgelehrten verhandelt. Auf himmlische Anregung und Erleuchtung hin faßten alle miteinander folgenden Beschluß: Da Gott selbst schon Seinen Willen geoffenbart habe, sei es geziemend, durch Bitten von Ihm die Bezeichnung des Mannes zu erflehen, mit dem Maria vermählt werden solle. Er müsse der Familie und dem Geschlechte Davids angehören. Sie setzten einen Tag fest, an dem alle unverheirateten Männer dieses Geschlechtes, die sich damals in Jerusalem aufhielten, sich versammeln sollten. Es war gerade jener Tag, an dem Maria das vierzehnte Lebensjahr vollendet hatte. Weil sie ihre Einwilligung dazu geben mußte, so ließ Simeon sie vor sich kommen und teilte ihr mit, was er und die übrigen Priester beschlossen haben.
Die weiseste Jungfrau, deren Antlitz vor jungfräulicher Scham errötete, gab mit großer Bescheidenheit und Demut dem Priester folgende Antwort: "Soviel es, mein Herr, von meinem Willen abhängt, habe ich gewünscht, beständig die Keuschheit zu bewahren und mich Gott im Dienste dieses heiligen Tempels zu weihen, als Ersatz für die großen Wohltaten, die ich hier empfangen habe. Niemals habe ich an den Ehestand gedacht oder danach verlangt. Das ist meine Neigung. Du aber, mein Herr, der du die Stelle Gottes vertrittst, sollst mir anzeigen, was nach Seinem heiligen Willen geschehen soll." Der Priester sprach hierauf: "Meine Tochter, der Herr wird deine heiligen Begierden annehmen. Erwäge aber wohl, dass keine unter den Töchtern Israels sich jetzt dem Ehestand entzieht, solange wir den Messias noch erwarten. Darum wird jede, die Kinder in unserem Volke hinterläßt, glücklich und selig gepriesen. Auch im Ehestand kannst du Gott wahrhaft und vollkommen dienen. Wir wollen beten und Gott anflehen, dass Seine eigene Hand jenen Bräutigam aus dem Stamme Davids bezeichne, der Seinem göttlichen Willen am meisten gefällt. Flehe auch du, dass Gott auf dich herniederschaue und uns alle leite."
Dies geschah neun Tage vor der letzten Entscheidung. Während dieser Zeit vermehrte die heiligste Jungfrau ihre Gebete zu Gott, indem sie mit unaufhörlichen Tränen und Seufzern Ihn wiederholt anflehte, es möge Sein heilgster Wille vollzogen werden. An einem dieser neun Tage erschien ihr der Herr und sprach zu ihr: "Meine Braut, sei nicht unruhig und traurig. Ich merke auf dein Bitten und werde alles ordnen. Von Meinem Licht wird der Priester geleitet werden. Ich werde mit eigener Hand einen Bräutigam für dich bezeichnen, der die Ausführung deiner heiligen Begierden nicht hindern, vielmehr durch Meine Gnade dich darin unterstützen wird. Meine Macht ist unbeschränkt. An Meinem Schutze und Meiner Hilfe wird es dir nicht fehlen."
Maria erwiderte: "O höchstes Gut, Du kennst am besten das Verborgene meines Herzens. Darum bewahre mich keusch und rein, o mein Bräutigam, wie ich auf Deine Eingebung hin und aus Liebe zu Dir zu leben verlangt habe. Gedenke, o mein Herr und Gott, dass ich ein niedriges, schwaches und armes Geschöpf bin. Wenn ich mich darum im Ehestande schwach erweise, dann werde ich Dir und meinem Verlangen untreu. Darum, o Herr, bestimme Du es, wie ich das vorgesteckte Ziel sicher erreiche, und lass Dich nicht davon abhalten, weil ich diese Gnade nicht verdient habe. Denn bin ich auch ein unnützer Staub, so werde ich Dich doch anrufen und auf Deine unermeßliche Barmherzigkeit hoffen."
Die reinste Jungfrau wandte sich ebenso auch an ihre heiligen Schutzengel, die sie doch an Heiligkeit und Reinheit überragte. Wiederholt eröffnete sie ihr geängstigtes Herz. Eines Tages redeten dies heiligen Geister Maria so an: "O du Braut des Allerhöchsten, diesen Ehrentitel mußt du genau erwägen und auch Gottes Liebe zu dir. Darum beruhige dein Herz; denn eher werden Himmel und Erde vergehen, als dass Seine Verheißungen nicht in Erfüllung gehen. Es geht deinen Bräutigam an, was immer dir begegnen wird. Wie Er mit Seinem mächtigen Arm die Elemente und alle Kreaturen regiert, so kann Er auch die Gewalt der tobenden Stürme hemmen und der Heftigkeit ihrer Wirkungen Einhalt tun, so dass das Feuer nicht brennt und die Erde die Schwerkraft verliert. Seine erhabenen Ratschlüsse sind verborgen und heilig, Seine Anordnungen sind gerecht und wunderbar. Die Geschöpfe können sie nicht begreifen, sondern müssen sie ehrfurchtsvoll anbeten. Will darum Gott, dass du Ihm im Ehestand dienst, so wird es für dich besser sein, dass du in diesem Stand Ihm wohlgefallest als dass du in einem andern Ihm mißfallest. Darum verlaß dich mit aller Zuversicht auf Seine Verheißungen."
Durch diese Ansprache der Engel wurde Maria beruhigt. Zugleich aber bat sie diese, ihr Schutz zu gewähren, während sie abwartete, was der Herr nach Seinem göttlichen Wohlgefallen über sie verfügen werde.
 
Lehre der Himmelskönigin
Meine Tochter, die Urteile Gottes sind überaus unerforschlich; und keine Seele soll sie erforschen, weil sie diese nicht zu ergründen vermag. Der Herr befahl mir, den Ehestand anzutreten, hat aber das Geheimnis damals noch verborgen gehalten. Es geschah alles in dieser Weise, dass dadurch die Geburt meines Sohnes vor den Augen der Welt als ehrbar erscheine, denn man sah das in meinem Schoße fleischgewordene  Wort für den Sohn meines Bräutigams an. Ebenso konnte das Geheimnis dem Luzifer und seinem Anhang verborgen bleiben. Diese waren gegen mich heftig ergrimmt und suchten ihren maßlosen Zorn an mir auszulassen. Als Luzifer sah, wie ich ähnlich den anderen Frauen den Ehestand antrat, wurde er getäuscht, denn er hielt es für unvereinbar, einen Mann zum Gemahl zu haben und die Mutter Gottes selbst zu sein. Dadurch wurde er etwas beruhigt und hielt mit den Fallstricken seiner Bosheit inne. Überdies hatte der Allerhöchste hierbei noch andere Absichten, welche mir erst später offenbar wurden; damals aber wurden sie mir aus guten Gründen noch verborgen gehalten.
Wisse, meine Tochter, da mir der Herr das Geheimnis damals noch nicht eröffnete, war es für mich der größte Schmerz, den ich bis zu jenem Tag erfahren hatte, dass ich einen Mann zum Bräutigam nehmen müsse. Hätte Er in dieser Bedrängnis nicht selbst meine Kräfte gestärkt, indem Er mir einige wenn auch nur dunkle Hoffnung ließ, so wäre ich vor Schmerz gestorben. Du aber sollst aus dieser Begebenheit lernen, mit welcher Hingabe sich der Mensch dem göttlichen Willen überlassen und der beschränkte Verstand sich gefangen geben soll, ohne die erhabenen Geheimnisse Gottes ergründen zu wollen. Ergibt sich aus der Anordnung oder dem Befehl Gottes irgendeine Schwierigkeit oder Gefahr, so soll der Mensch auf Ihn vertrauen lernen und überzeugt sein, dass Gott diese nicht gibt, damit er verlassen werde, sondern damit er siegreich und triumphierend daraus hervorgehe. Der Mensch muss aber mit der Gnade Gottes mitwirken. Will aber jemand die göttlichen Ratschlüsse erforschen und lieber seinen eigenen Willen erfüllen als gehorchen und glauben, so raubt er seinem Schöpfer die Ehre und sich selbst das Verdienst.
Ich erkannte wohl, dass Gott über alle Geschöpfe erhaben sei und dass Er darum nur die Unterwürfigkeit des Willens verlange. Das Geschöpf vermag Ihm keinen Rat zu erteilen, sondern nur Gehorsam und Lob darzubringen. Allerdings geriet ich damals, weil ich die Jungfräulichkeit liebte, in große Betrübnis, da ich nicht wußte, was mir der Herr im Ehestande befehlen und anordnen werde. Doch dieser Schmerz und diese Betrübnis veranlaßten mich nicht zum vorwitzigen Nachgrübeln. Sie dienten vielmehr dazu, meinen Gehorsam erhabener und gottgefälliger zu machen. So muss auch dein Gehorsam sein. Gib dem Willen deines Bräutigams stets den Vorzug. Ebenso mußt du in jenen Dingen, die der Priester Gottes und deine Obern gutheißen, dich leiten lassen und darfst ihren Befehlen und den Einsprechungen Gottes nicht widerstehen.
 
 
Die Vermählung der heiligsten Jungfrau Maria mit dem heiligen und keuschesten Joseph
 
 
 
Am Tag, an dem Maria ihr vierzehntes Jahr vollendete, kamen alle aus dem Stamme Juda und dem Geschlechte Davids stammenden unverheirateten Männer, die sich damals in Jerusalem aufhielten, zusammen. Unter diesen war Joseph, gebürtig aus Nazareth. Er war damals dreiunddreißig Jahre alt, von schöner Körpergestalt, sanftem Aussehen und unvergleichlicher Bescheidenheit und Sittsamkeit. Namentlich war er vollkommen keusch in Gedanken und Werken, voll heiliger Neigungen und hatte schon in seinem zwölften Jahre das Gelübde der Keuschheit abgelegt. Er war mit der seligsten Jungfrau Maria im dritten Grade verwandt und führte ein ganz reines, vor Gott und den Menschen tadelloses Leben.
Als jene unverheirateten Männer im Tempel versammelt waren, verrichteten sie mit den Priestern ihr Gebet zum Herrn, damit Er sie alle durch Seinen heiligen Geist leite. Der Allerhöchste gab dem Herzen des Hohenpriesters den Gedanken ein, einem jeden der hier anwesenden Jünglinge einen dürren Zweig in die Hand zu geben. Alle sollten alsdann mit lebendigem Glauben Seine göttliche Majestät anflehen, er möge durch dieses Zeichen erkennen lassen, wen er zum Bräutigam Mariä bestimmt habe. Da der Wohlgeruch der Tugenden und der Sittsamkeit dieser Jungfrau, der Ruf von ihrer Schönheit, ihrem Vermögen und ihren Eigenschaften sowie auch dass sie eine Erstgeborene und die einzige aus ihrer Familie noch Lebende sei, ihnen allen bekannt war, so wünschte sich ein jeder von ihnen das glückliche Los, Maria zu seiner Braut zu erhalten. Nur der demütige Joseph hielt sich an sein schon früher abgelegtes Gelübde der Keuschheit erinnerte und aufs neue sich vornahm, dasselbe für immer zu beobachten, übergab er sich dem Willen und den Anordnungen Gottes. Dabei war er aber weit mehr als irgendein anderer mit Verehrung und Hochschätzung gegen die reinste Jungfrau Maria erfüllt.
Während nun alle Versammelten ihr Gebet verrichteten, erblühte allein der Zweig in der Hand Josephs und gleichzeitig schwebte eine ganz weiße, wunderbar glänzende Taube von der Höhe nieder über das Haupt dieses heiligen Mannes. Zu gleicher Zeit sprach Gott zu seinem Herzen die Worte: "Mein Diener Joseph, Maria wird deine Braut sein. Nimm sie mit Hochachtung und Verehrung zu dir. Sie ist mir wohlgefällig in meinen Augen, gerecht und überaus rein an Leib und Seele. Tue alles, was sie dir sagen wird!" Auf diese Erklärung und dieses himmlische Zeichen hin erklärten die Priester Joseph als den von Gott selbst erwählten Bräutigam der Jungfrau Maria. Diese aber ging, als sie zur Verlobung herbeigerufen wurde, einher, auserwählt wie die Sonne, schöner als der Mond (Hl 6,9), und schien ihrer Haltung nach den Augen aller eher ein Engel denn ein Mensch zu sein; so unvergleichlich groß war ihre Schönheit, Sittsamkeit und Anmut. Und dann verlobten sie die Priester mit Joseph, dem keuschesten und heiligsten aller Männer.
Maria, die selbst die Sterne an Reinheit übertraf, nahm unter Tränen und ernstem Angesicht wie eine Königin, die ebenso demütig wie majestätisch ist - denn alle diese Vollkommenheiten vereinigte Maria in sich -, von den Priestern Abschied und bat diese um den Segen und ebenso auch ihre Meisterin. Die Tempeljungfrauen bat sie um Verzeihung und dankte allen für die im Tempel ihr erwiesenen Wohltaten. Aus ihrem Angesicht leuchtete die tiefste Demut. Sie sprach nur sehr wenige, höchst weise Worte wie immer. Nicht ohne großen Schmerz schied sie vom Tempel; sie mußte ihn ja gegen ihre Neigung und ihr Verlangen verlassen. In Begleitung von einigen Dienern, die im Tempel die zeitlichen Geschäfte zu besorgen hatten und keine Priester waren, aber zu den angeseheneren gehörten, reiste sie mit ihrem Bräutigam Joseph nach Nazareth, der Vaterstadt dieses Brautpaares. Joseph war zwar da geboren; aber Gott hatte es gefügt, dass er nach Jerusalem gekommen war, um dort eine Zeitlang zu wohnen. Hier sollte ihm das Glück widerfahren, der Bräutigam der Mutter Gottes zu werden.
In Nazareth, wo Maria ihre Güter und das Haus ihrer Eltern hatte, wurden sie von Freunden und Verwandten mit Freude und Jubel aufgenommen. Nachdem Joseph und Maria diese natürlichen Verpflichtungen und die Gebräuche des Anstandes auf heilige Weise erfüllt hatten, blieben sie frei und ungestört in ihrem Hause. Es war bei den Juden gebräuchlich, dass die Brautleute zu Beginn ihres Ehestandes einige Tage hindurch ihre Gewohnheiten und Eigenschaften beobachteten, damit sie sich leichter aneinander gewöhnen konnten.
In diesen Tagen sagte der heilige Joseph zu seiner Braut Maria: "O meine Braut und Herrin, ich danke Gott für die Gnade, dass er mich ohne irgendein Verdienst zu deinem Bräutigam bestimmt hat. Denn ich achte mich deines Umganges für unwürdig. Gott, der den Armen nach seinem Wohlgefallen erhöhen kann, hat an mir diese Barmherzigkeit geübt. Darum wünsche ich, dass du, wie ich es von deiner Klugheit und Tugend hoffe, mir helfest, Ihm den schuldigen Dank dadurch abzustatten, dass ich mit aufrichtigstem Herzen Ihm diene. Deshalb werde ich dein Diener sein. In wahrer Hochschätzung bitte ich dich, du wollest selber meine große Mängel ersetzen. Sage mir also, o Herrin, deinen Willen, auf dass ich ihn vollziehe!"
Maria hörte mit demütigem Herzen und freundlichem Angesicht diese Worte und antwortete: Ich freue mich, dass Gott, der mich zum Ehestand bestimmen wollte, dich mir zum Bräutigam gegeben hat. Es ist offenkundig Sein Wille, dass ich dir diene. Wenn du es mir gestattest, so will ich meine Gesinnung und meine Gedanken aussprechen. Der Allerhöchste entflammte durch diese Worte das Herz des heiligen Joseph aufs neue mit Seiner göttlichen Liebe. Maria hatte ihre tausend Engel gebeten, ihr sichtbar zur Seite zu sein. Sie hatte nämlich stets eine natürliche Scheu, mit Männern allein zu reden. Bis dahin hatte sie nur mit dem Hohenpriester einige Male allein gesprochen.
Die heiligen Engel gehorchten dem Befehl ihrer Königin und standen ihr, jedoch nur ihr sichtbar, zur Seite. Und in dieser Umgebung antwortete sie: "Mein Bräutigam und Herr, wir müssen alles Lob und alle Ehre mit der größten Hochachtung unserem Gott und Schöpfer darbringen. Er ist unermeßlich in seiner Güte und unerforschlich in seinen Ratschlüssen. An uns Armen offenbarte Er seine Barmherzigkeit und Größe, indem Er uns zu Seinem Dienst erwählt hat. Schon in meinem zarten Alter habe ich, angetrieben durch die Macht der Wahrheit, mit der mir das göttliche Licht die Hinfälligkeit alles Sichtbaren offenbarte, mich Gott geweiht durch das ewige Gelübde, die Keuschheit des Leibes und der Seele zu bewahren. Ich bin Sein Eigentum und erkenne Ihn als meinem Bräutigam und Herrn an mit dem unerschütterlichen Vorsatz, Ihm treu die Keuschheit zu bewahren. Darum wünsche ich, dass du mir bei der Erfüllung dieses Vorsatzes hilfst. Im übrigen sollst du an mir eine treue Dienerin finden, die ihr Leben lang für das Deinige eifrig sorgen wird. Wir wollen uns so unserem Gott zu einem ihm wohlgefälligen Opfer darbringen, damit wir der ewigen Güter, die wir erhoffen, teilhaftig werden."
Durch diese Worte seiner heiligsten Braut wurde ihr keuscher Bräutigam Joseph mit innerlichem Entzücken erfüllt und antwortete: "Durch die Offenbarung deiner Gedanken und keuschen Vorsätze hast du, o meine Herrin, mein Herz durchdrungen und geöffnet. Ich wollte es dir nicht eher aufschließen, als bis ich das deinige kannte. Auch mich hat der Herr schon frühzeitig durch sein wahres Licht angetrieben, ihn mit aufrichtigem Herzen zu lieben. Und darum wisse, dass auch ich im Alter von zwölf Jahren dem Herrn in ewiger Keuschheit zu dienen versprochen habe. Jetzt bestätige ich dieses Gelübde aufs neue. In Gegenwart des Allmächtigen gelobe ich, dich nach Kräften zu unterstützen, dass du in aller Reinheit Ihm dienest und Ihn liebest, wie du es verlangst. Mit der Gnade Gottes will ich dein treuer Diener und Begleiter sein. Ich bitte dich, du wollest mein keusches Verlangen annehmen, mich als deinen Bruder betrachten und keine andere fremde Liebe jemals hegen als jene, die du Gott und nach Ihm mir schuldest." Bei diesem Gespräch bestärkte der Allerhöchste das Herz des heiligen Joseph in der Tugend der Keuschheit sowie in der heiligen und reinen Liebe zu seiner heiligsten Braut Maria, so dass er Maria in hocherhabenem Grade liebte. Die heiligste Jungfrau aber vermehrte diese Liebe in süßer Weise durch ihren überaus klugen Umgang, durch den sie das Herz ihres Bräutigams lenkte.
Maria und Joseph fühlten durch die göttliche Kraft, die in ihren heiligsten und keuschesten Seelen wirkte, unbeschreibliches Entzücken und Trost. Gott verlieh dem heiligen Joseph eine neue Reinheit und Oberherrschaft über seine Natur und deren Leidenschaften, so dass er ohne Widerstreben und ohne Begierlichkeit mit neuer und wunderbarer Gnade seiner Braut Maria und damit auch dem göttlichen Willen und Wohlgefallen zu dienen vermochte. Alsbald machten sie von den Gütern, die Joachim und Anna hinterlassen hatten, drei Teile. Sie gaben den ersten an den Tempel, worin Maria gewohnt hatte, den zweiten als Almosen an die Armen, der dritte aber wurde dem heiligen Joseph zur Verfügung überlassen. Maria behielt sich nur die eine Sorge vor, ihrem Bräutigam zu dienen und im Hause den Arbeiten zu obliegen. Vom Verkehr mit der Außenwelt und von Besorgungen und Einkäufe oder Verkäufe wollte sie nie etwas wissen.
In seiner Jugend hatte der heilige Joseph das Handwerk eines Zimmermanns erlernt, weil dieses ganz ehrbar und zum Erwerbe des Unterhalts geeignet ist; denn er war arm. Darum fragte er seine heilige Braut, ob es ihr angenehm sei, wenn er fortan dieses Handwerk betreibe, um dadurch ihr selber zu dienen und etwas zur Unterstützung der Armen zu verdienen. Maria war vollkommen einverstanden und bemerkte, dass sie nach dem Willen Gottes in Armut leben, die Armen lieben und nach ihrem Vermögen unterstützen sollten. Hierauf entstand unter diesen heiligen Brautleuten ein frommer Streit, wer der Vorgesetzte sein und dem anderen befehlen sollte. Doch in der Demut trug jene den Sieg davon, welche die Demütigste aller Demütigen war, die heiligste Jungfrau Maria, die nicht zugab, dass die natürliche Ordnung umgekehrt werde, nach welcher der Mann das Haupt ist. In allem wollte sie ihrem Gemahl untertänig sein. Nur eines bat sie sich aus, dass sie den Armen Almosen geben dürfte, was der heilige Joseph auch gerne bewilligte.
In diesen Tagen empfing der heilige Joseph ein neues Licht. In diesem nahm er die Eigenschaften seiner Braut wahr:ihre außergewöhnliche Klugheit, ihre Demut, ihre Reinheit und alle Tugenden,die sein Erkennen und Begreifen weit übersteigen. Er wurde dadurch aufs neue mit Bewunderung erfüllt und unterließ nicht, im höchsten Jubel seines Herzens den Herrn mit den feurigsten Anmutungen zu loben und ihm wiederholt zu danken, weil er ihm über all sein Verdienst eine solcheGefährtin und Braut geschenkt habe. Gott ordnete es so, dass Maria durch ihre Gegenwart und ihren Verkehr mit Joseph eine Ehrfurcht und Hochachtung einflößte, die sich durch keine Worte beschreiben läßt. Diese Ehrfurcht wurde im Herzen des heiligen Joseph erweckt durch den Strahlenglanz des göttlichen Lichtes, der aus dem Antlitz unserer Königin hervorleuchtete, sowie durch die unbeschreibiche Majestät, die ihr allezeit eigen war. Das Licht war viel stärker als bei Moses, da er vom Berge hinabstieg (Ex 34,30); denn Maria verkehrte länger und inniger mit Gott als Moses.
Hierauf hatte Maria eine Vision, in der Gott zu ihr sprach: "Siehe nun, Meine geliebteste und auserwählte Braut, wie treu Ich meine Worte jenen halte, die Mich lieben und fürchten. Darum entsprich auch du fortan Meiner Treue, indem du die einer Braut zukommenden Pflichten in Heilgkeit, Reinheit und gänzlicher Vollkommenheit erfüllst. Dazu wird dir die Lebensgemeinschaft mit Meinem Diener Joseph, den Ich mit dir verbunden habe, behilflich sein. Gehorche ihm nach Schuldigkeit und suche ihn zu trösten; so wirst du nach Meinem Wohlgefallen handeln." Hierauf erwiderte Maria: "Mein Herr, ich lobe und preise Dich wegen Deiner wunderbaren Ratschlüsse und Deiner Sorgfalt für mich. Mein Verlangen ist, Dir zu gehorchen und zu gefallen, wie es einer Magd geziemt. Verleihe mir dazu Deine Kraft und Deinen Segen; dann wird es mir sicher gelingen, Deinem Diener Joseph so zu gehorchen und zu dienen, wie Du, mein Herr und Schöpfer, es mir befiehlst."
Auf dieser Grundlage wurde die Ehe der heiligsten Jungfrau und des heiligsten Joseph begonnen. Vom achten September, dem Tag ihrer Vermählung, bis zum folgenden fünfundzwanzigsten März, an dem die Menschwerdung des göttlichen Wortes stattfand, lebten beide Brautleute beisammen. Der Allerhöchste bereitete beide auf die ihm entsprechende Weise zu dem Werke vor, für das er sie auserwählt hatte.
Ich vermag aber meinem Verlangen nicht mehr Einhalt zu gebieten, das überaus glückliche Los des heiligen Joseph zu verkünden. Ein solches war keinem von allen Menschen jemals zuteil geworden. Wie ist dir, o Mann Gottes, ein solches Glück zuteil geworden, dass von dir und keinem anderen Kinde Adams gesagt werden kann, Gott selbst sei dein, so ganz und gar dein, dass Er als dein einziger Sohn angesehen wurde und galt? Der ewige Vater hat dir seine Tochter übergeben, der Sohn seine wirkliche und wahre Mutter, und der Heilige Geist hat dir seine Braut anvertraut und dich zu seinem Stellvertreter gemacht. Die ganze heiligste Dreifaltigkeit hat dir ihre "Einzige", wie die Sonne "Auserwählte" anvertraut und als deine rechtmäßige Braut bezeichnet. O großer Heiliger, erfassest du deine Würde? Erkennst du deine Erhabenheit? Weisst du, dass deine Braut die Königin des Himmels und der Erde ist, du selber aber der Wächter über die unaussprechlichen Schätze Gottes? Erwäge, o heiliger Mann, dein Amt und erkenne es an, dass die Engel, selbst die Seraphim, wenn auch nicht von Neid, so doch von Bewunderung erfüllt sind und dein Los und das in deiner Ehe verborgene Geheimnis anstaunen. Nimm hin die Glückwünsche zu einem solchen Glück im Namen des ganzen Menschengeschlechts. Du bist der Herr und Gemahl jener, die an Größe nur von Gott übertroffen wird. Du bist reich und glücklich unter den Menschen und selbst unter den Engeln. Gedenke doch unserer Armut und unseres Elendes sowie auch meiner, des verächtlichen Erdenwürmleins. Ich wünsche, deine treue Dienerin zu sein und die Wohltaten und Gnaden deiner mächtigen Fürsprache zu erfahren.
 
Lehre der Himmelskönigin
Meine Tochter, mein Beispiel in dem Gott mir angewiesenen Ehestand widerlegt die Entschuldigung, womit jene Seelen, die in der Welt im nämlichen Stande leben, ihre Unvollkommenheiten beschönigen. Bei Gott ist nichts unmöglich, aber ebenso auch jenen nicht, die mit lebendigen Glauben auf ihn vertrauen und sich in allem seiner göttlichen Anordnung unterwerfen. Ich habe im Hause meines Bräutigams ebenso vollkommen gelebt wie im Tempel, denn mit dem Stande habe ich keineswegs auch die Gesinnung oder das Verlangen oder die Sorge um die Liebe und den Dienst Gottes geändert. Ich war auf alles noch mehr bedacht, damit ich es an keiner Pflicht als Braut fehlen lasse. Darum ist mir auch die göttliche Gnade mehr beigestanden, und die mächtige Hand Gottes hat alles meinem Verlangen entsprechend angeordnet und eingerichtet. Geradeso würde Gott auch mit allen anderen Menschen verfahren, wenn diese ihrerseits entsprechend handeln würden. Sie schieben aber die Schuld auf den Ehestand und täuschen sich dabei selber. Denn wenn sie nicht vollkommen und nicht heilig sind, liegt das Hindernis nicht am Stande; es entspringt vielmehr aus den eitlen und unnützen Sorgen und Kümmernissen, denen sie sich überlassen, indem sie nicht das Wohlgefallen Gottes suchen, ihr eigenes dem göttlichen vorziehen.
Gibt es für die Weltleute schon keine Entschuldigung, wenn sie die Vollkommenheit in der Tugend nicht erreichten, so kann man im Ordensstande noch viel weniger sich mit übertragenen Ämtern und Beschäftigungen ausreden. Halte dich niemals für verhindert, weil du das Amt einer Vorsteherin versiehst; denn Gott hat dir im Gehorsam dieses Amt übertragen. Darum darfst du auch an seinem Beistand und Schutze nicht zweifeln. Am selben Tage hat Er es auf sich genommen, dir die Kräfte und Hilfe zu verleihen, durch die du deinen Geist auf die Verpflichtungen einer Oberin und zugleich auf die besondere Vollkommenheit richten kannst, womit du deinen Gott und Herrn lieben sollst. Mache Ihn dir geneigt durch das Opfer deines Willens, indem du dich demütig und geduldig in alle Anordnungen Seiner göttlichen Vorsehung fügst. Denn widerstrebst du diesen nicht, so verspreche ich dir ganz sicher Seinen Schutz. Du wirst allezeit erfahren, dass die Macht Seines Armes jede deiner Handlungen vollkommen leitet und regiert.
 
 

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