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Bekenntnis eines Arztes
Die ergreifende Geschichte einer Familie
Bei guten Freunden lernte ich einen Arzt kennen. Ich kam öfter mit ihm ins Gespräch und gewann bald eine gewisse Hochachtung und Sympathie für ihn. Er hatte nicht nur die Bücher studiert. Er war auch in dem großen Buch des Lebens heimisch. Ein wahrer, echter Menschenfreund. Er sprach über soziale, wirtschaftliche und sittliche Fragen mit solcher Klarheit und Liebe, dass ich ihm meine Bewunderung nicht zu verbergen vermochte und sie rückhaltslos bekannte. Einmal sprachen wir über Ehefragen und das Ein- und Zweikindersystem. Diese Unterhaltung wird mir unvergessen bleiben.
"Sie wundern sich", sagte der Arzt, "dass ich als Mediziner so katholisch über alle diese Dinge denke. Ich bin Ihnen eine Aufklärung schuldig. Ich bin katholisch und stamme aus einer Familie, in der zehn Kinder großgezogen geworden sind. Dass ich da über das Ein- und Zweikindersystem anders denke, als man es heutzutage zu tun beliebt, werden Sie nunmehr verstehen können."
Mir wurde bei diesen Worten warm ums Herz, und mein Staunen wuchs. "Sehen Sie", fuhr der Arzt fort, "die wahrhaft katholische Ehe kommt heute mehr, als der einzelne denkt, aus der Mode. Aber das liegt im Zuge der Zeit: Genießen, ausleben! Aber nur nicht die von Gott und der Natur gezeichnete Pflicht erfüllen! Und darum geht die moderne Menschheit zugrunde." Ein Wort gab das andere. Immer offener und rückhaltloser äußerte sich der Arzt zu dieser Hauptfrage. Und schließlich sprach er von seinen Eltern. Mit heiliger Ehrfurcht! Ich erschauerte innerlich. Er schien mich vergessen zu haben. Was er sagte, wurde zu einem Hohenlied treu erfüllter Elternpflicht und dankbarer Kindesliebe.
"Ich stamme aus Ihrer Ecke. Einem Dorf. Die Eltern waren kleine Bauersleute. Nicht reich an irdischen Gütern, aber innerlich reicher als die meisten Menschen. Eine Gnade hatte ihnen der Herrgott in hohem Maße verliehen: Sie kannten ihre Ehe- und Elternpflichten. Und sie besaßen die heilige Kraft, diesen Pflichten ganz zu leben. Ich bin ihr viertes Kind. Ich habe mitangesehen, wie sich der Vater Tag um Tag, Jahr um Jahr mühte. Wenn im Dorf noch alle schliefen, dann ging er an die Arbeit. Und wenn die andern seine nimmerrastende Arbeitsfreude anstaunten, sagte er einfach: Ich muß mehr herbeischaffen. Ich habe mehr Kinder als ihr. - Abends konnte ich gewöhnlich erst spät einschlafen, denn ich war ein nervöses und zartes Kind.
Da sah ich manches, was den anderen Geschwistern verborgen blieb. Die Mutter war immer die letzte, die zur Ruhe ging. Und ich konnte mich als Junge nicht genug wundern, dass sie so lange an unseren Kinderbetten kniete und betete. Als ich sie einmal fragte: "Mutter, warum betest du so lange?", da lächelte sie: "Kind, ich muß viel beten. Ihr sollt einmal brave Menschen werden. Und das muß ich vom lieben Gott erbitten." Gerne betete sie auch zur lieben Gottesmutter, der Mutter allen Segens. Von ihrer Fürbitte erwartete sie viel. Sie liebte Maria.
Ich kann mich keines Tages entsinnen, wo wir nicht gemeinsam mit der Mutter das Morgengebet und mit der Eltern das Abendgebet verrichteten. Und vor dem Schlafengehen knieten wir vor unsere Eltern hin und empfingen ihren Segen. - Die lieben guten Eltern! Sie waren nur einfache, ungebildete Leute. Aber beschämen könnten sie heute eine ganze Welt von Bildung ob ihrer Herzensbildung und Herzensgüte.
Wir Jungen waren begabt. Und der Lehrer konnte sich nicht genug darin tun, unsere Anlagen und Fähigkeiten zu loben. Einmal lag ich wieder schlaflos. Da hörte ich den Vater in der naheliegenden Schlafkammer sprechen: "Die Jungen lernen gut. Die beiden Älteren sind nun schon bald drei Jahre auf dem Gymnasium. Der Pfarrer und der Lehrer drängen. Wir müssen das Opfer bringen und den Andreas - das war der dritte von uns - auch zur hohen Schule schicken." Die Mutter seufzte. "Lass nur, Mutter", sagte der Vater, "der liebe Gott hat uns schon immer geholfen. Gehungert haben wir bis jetzt noch nicht. Es wird schon alles werden. Und vielleicht besser, als wir es mit unserem schwachen Verstand denken. Weißt du, ein kleines Opfer will ich dieses Mal auch bringen: Mein Pfeifchen verschließe ich morgen in den Schrank - ich gewöhne es mir ein für allemal ab." Was der Vater einmal sagte, das galt. Das wußte ich schon damals als Zehnjähriger. Ich hörte die Mutter schluchzen. Heute weiß ich selbst nicht, wie es geschah. Aber hingelaufen bin ich zum Vater, hab´ ihn umarmt und ihm die schwieligen Hände gedrückt und gestammelt: "Vater! Lieber Vater!" - Die Mutter hat mich erschrocken ins Bett zurückgebracht und ist bei mir geblieben, bis ich einschlief.
Viele Jahre später habe ich die Seufzer der Mutter verstanden. Der Vater, der arbeitsfreudige und stets wohlgemute Mann, sah nirgend ein Hindernis und setzte sich über die Sorgen mit einem angeborenen Optimismus hinweg. Unsere Mutter nahm das Leben umso schwerer, und sie trug auch die Hauptlast in der Familie. Sie führte die Kasse. So wollte es der Vater. Was Wunder, dass sie, die kleine hagere Frau, manchmal recht kleinlaut und verzagt in die Zukunft schaute. Was wäre geworden, wenn sie nicht ihr unbegrenztes Gottvertrauen besessen hätte und eine große Liebe zur Mutter aller Mütter. Immer wieder schaute sie auf zu ihr und bat um ihre mütterliche Hilfe. - Und Maria half.
Seit jener Nacht ging ich dem Vater zur Hand, wo ich nur konnte, und wich nicht von seiner Seite. Die anderen Geschwister halfen auch mit. Sie ersparten der Mutter ein Dienstmädchen, dem Vater einen Knecht. Aber was bedeutete unsere Hilfe bei all den Lasten, die die Eltern trugen! Ich stehe noch immer wie vor einem Rätsel, dass die Eltern, diese einfachen Bauersleute, es fertig gebracht haben, uns alle studieren zu lassen. Ohne des Himmels Hilfe wäre es gewiß nicht möglich gewesen.
Im Dorf wurden die Eltern verehrt wie Heilige. Jeder schaute zu ihnen empor mit Ehrfurcht. Sie wurden die Berater des ganzen Dorfes. Was mein Vater sagte, das galt in der ganzen Gemeinde. Die drei ältesten Brüder sind Ordensleute geworden. Der Älteste starb vor vier Jahren als Bischof in China. Die drei nächsten Brüder, zu denen ich gehöre, wurden Ärzte. Die drei Schwestern Ordensfrauen und der jüngste Bruder Organist. Waren das nicht alles herrliche Gottesgeschenke für die Eltern? Als solche nahmen die Eltern auch ihr hohes Alter, das sie erleben konnten, ihre Gesundheit und Frische und das Glück ihrer Kinder hin.
Und am Lebensende erlebten sie noch eine Freude, die so groß und gewaltig war, dass mir die Worte fehlen, sie auch nur annähernd zu schildern. - Das war an einem Frühlingstag vor sechs Jahren, als sie ihre goldene Hochzeit feierten. Da kamen wir Geschwister alle heim: Der Franziskanerbischof aus China, die beiden Jesuiten und die eine Oberin aus Nordamerika, die beiden anderen Ordensfrauen, wir Ärzte und der Organist. Das war ein Wiedersehen! Das war eine Freude! Aber wozu verschwende ich meine Worte! Mit Worten läßt sich das nicht sagen. - Das ganze Dorf feierte mit. Als dann die greisen Eltern an ihrem Ehrentage zwischen ihren Kindern und Enkeln in die alte Dorfkirche schritten, da stand das ganze Dorf an der geschmückten Straße in Festtagskleidern - das ganze Dorf. Der Himmel schien sich mitzufreuen. Hell strahlte die Sonne vom klarblauen Himmel. Ein leiser Wind streute den weißen Blütenschnee der Obstbäume auf die Dorfstraße, die zum Blütenteppich wurde. Die Böller krachten, die Glocken jubelten. In stummer Ehrfurcht huldigten sie alle der treuerfüllten Pflicht - dem gottbegnadeten Lebenswerk der beiden Jubilare. Überwältigt von so viel Freude und Glückseligkeit erreichten die Eltern mit uns die Kirche.
Der älteste Bruder zelebrierte die heilige Messe und die beiden anderen assistierten ihm bei dem feierlichen Levitenamt. Der Bruder Musikus, ein gottbegnadeter Künstler, meisterte die Orgel und zwischen uns Brüdern und Schwestern schritten die Eltern, von der Fülle der Jahre gebeugt, schmale, aber edle, durch die Arbeit und Sorgen geadelte Gestalten, zum Tisch des Herrn. Da ging ein großes Schluchzen durch das Gotteshaus. Die ganze Gemeinde war tief ergriffen.
Als wir nachher daheim mit den Eltern saßen, genau auf denselben Plätzen wie in der Kindheit, da wischte sich die Mutter die Tränen aus dem verrunzelten Antlitz und sagte in ihrer lieben, bescheidenen Art: "O Gott, das ist zuviel Glückseligkeit, das ist zuviel Glückseligkeit, das verdienen wir nicht." "Lass nur", erwiderte der Vater, "der Herrgott hat es immer gut mit uns gemeint. Jetzt haben wir unser Lebenswerk erfüllt!" - "Noch nicht!" rief unser ältester Bruder aus. "Erst segnet uns noch, wie dereinst in unserer Kinderzeit!" - Und was nun geschah, war so überwältigend, dass wir alle ergriffen schluchzten wie kleine Kinder. - Da stand er, der greise Vater, hochaufgerichtet mit leuchtenden Augen, der Priester seiner Familie. Die gute Mutter, die Dulderin. Sie hoben ihre zittrigen Hände zum Segen. - "Gott segne Euch Kinder! - Amen." - Und wir knieten und empfingen alle ihren letzten Elternsegen.
Ein Jahr danach haben wir sie begraben - auch im aufkeimenden Frühling."
Der Arzt schwieg. Versunken in der Erinnerung. -
Es wehte in dieser Familie etwas vom Geist der Heiligen Familie in Nazareth.
(Johannes Lohmüller)
Im Tempel wiedergefunden
In unserer dem Wunderglauben einigermaßen abholden Zeit mag folgende wahre Begebenheit es schwer haben, Verständnis zu finden. Und doch ist sie wahr. Es war am Rosenkranzfest 1945. In der kleinen Kirche von Husum wurde ich Zeuge eines erschütternden Wiedersehens zwischen einem heimkehrenden Soldaten und seinen Eltern. Am nächsten Tag lernte ich die Familie näher kennen, und der Vater erzählte mir, noch ganz unter dem Eindruck der wunderbaren Fügung, die Vorgeschichte des Wiedersehens:
"Klaus, unser Ältester, wurde noch kurz vor Kriegsende Soldat, kam zum Einsatz an die Ostfront, wurde schwer verwundet und nach vielem Hin- und Hertransport in Greiz in Thüringen ins Lazarett eingeliefert. Wir erfuhren davon erst, nachdem Greiz von den Amerikanern und dann von den Russen besetzt und eine Verbindung unmöglich geworden war. Wir selbst kamen mit dem großen Flüchtlingszug über Mecklenburg nach Schleswig-Holstein und fanden hier in Husum eine Unterkunft. Unser Sohn aber blieb verschollen. War er inzwischen gesundet? War er vielleicht nach Rußland gekommen? Wir wandten uns an das Rote Kreuz, wir schickten die grüne Suchkarte ab - ohne Erfolg. So verging der Sommer in banger Sorge. Wir nahmen unsere Zuflucht zum Gebet. Meine Frau betete vor allem zum Heiligen Geist, dass er die Schritte unseres Sohnes lenken möge, ich betete täglich abends auf dem Heimweg nach dem Dienst zehn Ave Maria mit der Rosenkranzbetrachtung "Den du, o Jungfrau, im Tempel wiedergefunden hast". Auch opferten wir regelmäßig die sonntägliche Abendmesse in dieser Meinung auf. In dieser kniete ich gestern, als mir ein Soldat auffiel, der zur Kommunionbank schritt, er erinnerte mich an unseren Jungen. Als er zurückkam, sah ich, er war es wirklich. Ich sprang auf und führte Klaus zu seiner Mutter in unsere Bank - und schämte mich nicht, dass ich weinte.
Später hat Klaus dann uns alles erzählt. Er war aus dem Lazarett entlassen worden, wußte aber nicht, wohin er sich wenden sollte, um etwas über den Verbleib seiner geflüchteten Eltern zu erfahren. Alle seine Bemühungen waren ohne Erfolg, bis ihm am Geburtstag seiner Mutter, vor dem Marienbild einer Kirche, plötzlich der Gedanke kam, an eine Familie zu schreiben, mit der wir weitläufig bekannt waren. Diese Familie hatte von unserem Aufenthalt in Husum erfahren. Als Klaus nach mühseliger Fahrt am Sonntagabend am Husumer Pfarrhaus anklopfte, um dort die Wohnung seiner Eltern zu erfahren, erfuhr er, dass sie nebenan in der Kirche seien. - So ist unser Beten wunderbar erhört worden. Wir haben unseren Sohn buchstäblich "im Tempel wiedergefunden", und das am Abend des Rosenkranzfestes während der Abendmesse, die wir so oft für ihn aufgeopfert hatten.
(Dr. Hans Raßmann "Bote von Fatima 12/1965)
"O, Mama - wie schön!"
Edith, der Sonnenschein einer braven Familie, studierte in München im Angerkloster. Kaum 15-jährig, mußte sie statt in die Weihnachtsferien ins Krankenhaus. Ihr Zustand verschlimmerte sich; die Mutter wurde telegrafisch verständigt. Sie eilte von weit her ans Sterbelager ihres einzigen, geliebten Kindes. Die tapfere Mutter machte ihr todkrankes Kind selbst aufmerksam, dass es wahrscheinlich keine Hilfe mehr gäbe. Sie sagte: "Edith, daheim ist alles hergerichtet zur Christbescherung; das Christkind wollte dich reichlich beschenken; aber nun glaube ich, dass das Christkind selbst kommen will, um dich zu sich in den Himmel mitzunehmen."
Edith erschrak zuerst; doch nach einigen Minuten sprach sie: "Mutter, wenn das so ist, dann möchte ich eine Lebensbeichte ablegen." Die Mutter half ihrem Kinde zur Vorbereitung auf die Sterbesakramente. Mit wahrer Andacht empfing Edith den Heiland in der Wegzehrung, dann die heilige Krankensalbung und den Sterbeablaß. Als die heilige Handlung vorüber war, bat die heldenmütige Mutter den Priester - dieser hat es uns selber erzählt - ob sie nun selbst ihr Kind zum Sterben vorbereiten und ihm vorbeten dürfe. Sie tat das mit einer solchen Innigkeit und Glaubensstärke, dass alle Umstehenden zu Tränen gerührt waren. Als sie fertig war, rief sie, ihre Augen zum Himmel erhebend: "Liebe Muttergottes, bitte, hol du nun mein Kind ab, wenn es im Willen Gottes gelegen ist." - Im selben Augenblick erhob sich das sterbende Kind, schaute ganz verklärt und rief zur Erbauung aller Umstehenden: "O Mama! Wie schön! Die Muttergottes ist da und´s Jesuskind - und - sie holt - mich!" - Dann sank sie zurück und ihre Seele eilte mit Jesus und Maria zum ewigen Glück.
(Schwester Agnella)
"Maria ist die Schatzmeisterin der göttlichen Gnade. Als solche macht sie ihre Diener reich." (Albert der Große)
Wir beten
Wenn wir mit dem Tod einst ringen,
wollst, Maria, uns beispringen,
dass wir selig scheiden hin,
Jungfrau, Mutter, Königin!
Er lag tot - in der Hand das Marienbild
Es war irgendwo in Ostdeutschland in den letzten Monaten des Krieges. Wir hatten uns auf einem flachen Hügel, der vor der schwachen Hauptkampflinie in offenem Wiesengelände lag, eingegraben und bildeten einen vorgeschobenen Stützpunkt. Vor uns konnte man deutlich am Waldrand die russischen Stellungen erkennen.
Am zweiten Tag wurden wir durch einen russischen Angriff von unseren Linien abgeschnitten. Am dritten Tag ging ein Volltreffer in unsere Stellung und verwundete zwei Kameraden. In der folgenden Nacht entstand bei uns eine immer verzweifeltere Stimmung; wir hatten weder Wasser noch Verpflegung.
Ich entschloß mich, um ein Uhr nachts zu dem Tümpel hinauszukriechen, der im Niemandsland zwischen uns und den russischen Stellungen lag, um Wasser zu holen. Ich legte den Karabiner zur Seite und schnallte vier Feldflaschen am Koppel fest. Langsam und vorsichtig tastete ich mich vorwärts. Immer wieder hielt ich an und horchte gespannt in die Dunkelheit. Deutlich sah ich die drei Weiden am Rande des Tümpels als schwarze Schatten vor mir. Wenige Meter vor dem Tümpel spähte und horchte ich noch einmal in die Dunkelheit - dann kroch ich in die Mulde zum Wasser hinab. Vorsichtig füllte ich die erste und die zweite Feldflasche. Als ich auch die dritte angefüllt hatte, nahm ich einen Schluck - wie gut ist doch das Wasser!
Da glaubte ich ein Geräusch zu hören. Jäh fuhr ich auf. "Halt! Nix schießen, Kamerad, bitte!" sagte eine Stimme halblaut zu mir. Der Lauf einer russischen Maschinenpistole saß vor meiner Brust. Ich war wie gelähmt. Vor mir hockte ein großmächtiger Russe. Wir sahen einander an. Aus! Gefangen, schoß es mir durch den Kopf. Der Russe schien unschlüssig zu sein. Jetzt lehnte er seine MP zur Seite und tastete nach meinen Taschen. Aus der linken Brusttasche zog er mein Soldbuch und meine übrigen Papiere. Im Strahl einer Taschenlampe, die er gedeckt hielt, durchsuchte er meine Papiere. Er fand zwei Heiligenbildchen, die ich stets bei mir trug. Wie gebannt starrte er darauf. "Du nix Faschist, du Christ?" flüsterte er erstaunt. Ich nickte. Da gab er mir meine Papiere wieder zurück, bückte sich um meine vierte, noch leere Feldflasche, füllte sie und gab sie mir. Ich konnte nicht fassen, was hier mit mir geschah. Dann setzte sich der Russe neben mich und sagte im Flüsterton: "Oh, ich sprechen sehr viel gut deutsch! Warum du hier am Wasser?" "Wir kein Wasser und viel Durst", erwiderte ich. Er schien mir wohl den Hunger aus den Augen zu lesen, denn unvermittelt begann er wieder: "Du nix essen?" "Wenig Brot", sagte ich ausweichend.
Da kramte er aus seiner Tasche ein schönes Stück Brot, teilte es und forderte mich auf, zu essen. Wie es schmeckte! "Du haben Schnaps?" wandte er sich wieder an mich. "Ja, bei meinen Kameraden", antwortete ich. "Wann du auf Posten?" "Ich immer Posten!" - Wir einigten uns schnell: In der kommenden Nacht wollten wir uns um 23 Uhr wieder hier treffen; ich sollte Schnaps bringen, er Brot. Darauf gab er mir die Hand und kroch davon. Auch ich machte mich auf.
Groß war die Freude meiner Kameraden, als ich mit dem Wasser kam. Ich beschloß aber, ihnen von meinem Erlebnis vorläufig nichts zu sagen. Als es wieder Nacht wurde, wurde mir doch etwas angst. Vielleicht würde mich der Russe in einen Hinterhalt locken? Ich wagte die Sache aber trotzdem. Meine Kameraden und ich hielten vor Schwäche und Mutlosigkeit kaum mehr durch. Ich kroch hinaus. Wie in der vergangenen Nacht kam ich zum Tümpel. Der Russe wartete schon. Zuerst füllten wir die Feldflaschen mit Wasser. Dann fragte er mich: "Du Schnaps?" Ich nickte stumm und reichte ihm die Flasche. Er zog den Korken und hielt sie mir wieder her. Er war noch mißtrauisch, und so tat ich einen Schluck. Dann kostete er. "Gut!" meinte er anerkennend. Er gab mir ein großes Bündel mit Brot. Am liebsten hätte ich ihn umarmt. "Du noch Zeit?" fragte er. Ich nickte. Und plötzlich fragte er: "Du wirklich ehrlich Christ?" Ich lachte. Da begann er, mir aus seinem Leben zu erzählen: Nach der Revolution 1917 wurden seine Eltern, Adelige aus der Gegend von Petersburg, nach Sibirien verschleppt. Als man sie wieder freiließ, durften sie in der Nähe von Wladiwostok wohnen, wo er, Alex, 1921 zur Welt kam. Wie alle Kinder, sollte auch er in eine kommunistische Schule. Dagegen wehrte sich sein Vater, und es gelang ihm, Alex nach China in eine Missionsschule zu bringen, an der auch österreichische Patres wirkten. Alex wurde Christ, er lernte dort auch Deutsch. Später gelang es ihm, heimlich zu den Eltern zu gelangen und bei ihnen verborgen zu leben. Eines Nachts aber wurden seine Eltern verhaftet, ihn brachte man in eine kommunistische Erziehungsanstalt. Von seinen Eltern hatte er seither nie mehr etwas erfahren. Er arbeitete in einer Fabrik. 1943 wurde er Soldat.
Trotz der jahrelangen gottlosen Erziehung blieb er seinem Glauben treu; seine größte Sehnsucht war, einmal wieder mit einem Christen zusammenzukommen. Nun hatte er mich getroffen. Es schien uns wie ein Wunder. Schließlich bat er mich, zu erzählen, was sich in den letzten Jahren in der Kirche ereignet habe.
Ich erzählte ihm neben vielem anderen von der Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens, die Papst Pius XII. einige Zeit zuvor vollzogen hatte. Da das Weihegebet auf einem meiner Marienbildchen stand, beteten wir es gemeinsam. Nie werde ich vergessen, wie wir beide, zwischen den Fronten, als Soldaten feindlicher Armeen, im Lärm des Krieges, von einem abgegriffenen Zettel das Gebet lasen: "...Königin des Friedens...gib der streitenden Welt den Frieden der Waffen...und den Frieden der Seelen. ...Auch für die durch Irrtum und Zwietracht getrennten Völker bitten wir dich ... gib ihnen den Frieden..." Er bat mich um das Marienbild mit dem Gebet, und ich gab es ihm. Dann nahmen wir Abschied mit dem Versprechen, uns in der kommenden Nacht wieder zu treffen. Meine Kameraden faßten kaum, als ich mit dem Brot zurückkam. Aber auch jetzt schwieg ich. Gegen Morgen setzte schweres Artilleriefeuer ein. Dann stürmten die Russen vom Waldrand gegen unseren Stützpunkt vor. In unserem Abwehrfeuer brach ihr Angriff zusammen.
Gegen Mitternacht kroch ich durch das mit Trichtern übersäte Gelände zum Tümpel. Immer häufiger sah ich gefallene Russen. Als ich beim Tümpel ankam, war Alex noch nicht da. Alex kam nicht. Ich wurde unruhig. Langsam kroch ich zurück. -
Da lag wenige Meter vor der Mulde ein Gefallener. Ein seltsames Gefühl trieb mich an, näherzukriechen. Da erkannte ich Alex! Mit ausgebreiteten Armen lag er auf dem Rücken. Seine offenen Augen blickten zu den Sternen. In der einen Hand hielt er das Marienbild.
Lange lag ich neben meinem toten Freund. Dann kroch ich zurück. - Gott hatte ihm einen großen Wunsch erfüllt und ihn dann heimgeholt...
(Ein ehemaliger Soldat in "Altöttinger Liebfrauenbote", 9. 12. 1962)
Maria, Mutter, ich will ihn dir geben
Vater Etchegarry, ein baskischer Arbeiter, hat einen Sohn von dreizehn Jahren, der ihn zur Verzweiflung treibt. Nachsicht wie Strenge wandte er gegen ihn umsonst an. Nichts vermochte ihn zu bessern. Bösartig, halsstarrig wagt Martin - so heißt der Sohn - seinem Vater die Stirn zu bieten und seinem Ansehen zu trotzen.
"Folge mir!" sagt eines Tages der Vater. Er führt ihn zu einer kleinen Kapelle, die Unserer Lieben Frau geweiht ist und in zwei Kilometer Entfernung vom väterlichen Hof sich auf einem Felsen erhebt. Geradewegs geht er zum Altar, die Hand auf die Schulter seines Sohnes gestützt. "Mutter", sagt er, "ich will ihn dir geben. Mache aus ihm einen guten Christen, was ich bisher nicht fertig brachte. Lass ihn dein Kind sein. Beschütze ihn." Dann läßt der Vater sich auf die Knie nieder und setzt sein Gebet still fort. Tränen rollen über seine eingefallenen Wangen. Der Sohn aber steht unbeweglich dabei. Zunächst gleichgültig und frostig, dann verlegen, betrachtet er bald das Marienbild, bald seinen Vater, der mit solcher Inbrunst betet.
Doch, was geht in ihm vor? Alsbald beugt auch er die Knie. Das Gebet und die Tränen eines Vaters vermögen bei der Schmerzensreichen Mutter sehr viel. Während die flehentlichen Bitten des Vaters zum Himmel steigen, senkt sich auf den Sohn die Gnade der Reue. Die Stille des Heiligtums wird durch einen Seufzer gestört. Etchegarry zuckt zusammen. Hat ihn Unsere Liebe Frau schon erhört? Martin beginnt zu schluchzen. Seine Stirn lehnt sich gegen die Schulter des Vaters. "Vater, verzeihe mir! Verzeihe mir!" murmelte er. "O ja, ich verzeihe dir!" antwortet Etchegarry. Er faßt seinen Sohn bei der Hand und weist ihn hin auf die allerseligste Jungfrau. "Zeige dich ihrer würdig!"
Die Jahre vergehen. Martin zählt nun 17 Jahre. Seine Jugendfehler hat er gesühnt, seine Lebensführung ist vorbildlich geworden. "Vater", sagt er nach einer Woche schwerer Arbeit, "komm mit zu Unserer Lieben Frau." Diesmal ist es Martin, der mit festem Blick und erhobenem Haupte als erster die Kapelle betritt. Er kniet und betet mit erhobener Stimme: "Mutter, sage ihm, was du von mir wünschest. Zeige ihm den Platz, wohin du mich ziehst. Lass ihn begreifen, dass du mich ganz haben willst, dass ich ihn verlassen muß, um auf anderen Feldern zu säen als auf den unseren. Sage meinem Vater, dass du mich auserwählt hast, mich, der ich ganz unwürdig bin, ein Oblate der Gottesmutter zu werden." Da unterbricht Etchegarry mit seiner schweren Stimme den Sohn: "Was ich gegeben habe, nehme ich nicht zurück. Gehe, wohin dich die Mutter ruft, mein Kind. Gesegnet sei der künftige Priester des Herrn!"
(Nach Le Chardonnet aus: Léonart, Le ciel, assuré par Maria)
Mutter aller Mütter
Es war im Bunker an der Front
Ein milder Regen rieselte in die neuerwachte Lenzlandschaft. Im Bunker, um den es jetzt so herrlich grün geworden, saßen sie und plauderten in der Heiterkeit einer Freistunde. Alte Jugenderinnerungen wurden aufgefrischt. Dabei wurden natürlich auch immer wieder die Mütter erwähnt.
"Da har meine Mutter gesagt..." oder "wenn da Mutter nicht ein gutes Wort für mich eingelegt hätte..." Es gibt eben keine glückliche Kindheit, die nicht eng mit dem Begriff Mutter verknüpft wäre. Da meinte auf einmal einer: "Sicher haben doch die meisten von uns ein Bild ihrer Mutter bei sich. Die wollen wir hier einmal alle auf den Tisch legen - eine Mutterausstellung im Bunker!" lachte er.
Feldgraue Röcke wurden aufgeknöpft, Ledertaschen hervorgezogen oder unter den Papieren gekramt. Die Mehrzahl hatte ein solches Bild bei sich. Manchmal waren es auch Gruppenbilder der Familie, doch immer war die Mutter, wie in der Familie selbst, auch hier der Mittelpunkt. Da gab es jüngere und ältere Mütter, solche, die noch dunkle Haare hatten oder bereits ergraut waren oder gar weiße Scheitel zeigten. Aber fast alle hatten jenen mütterlich lieben Zug im Gesicht, der solch ein Antlitz für die Kinder unvergeßlich fürs Leben macht. Nur einer hielt sich ein wenig abseits, als die Kameraden sich über die verschiedenen Bilder beugten und dabei kleine Begebenheiten aus dem Leben ihrer Mütter berichteten. - "Na, Gerhard, hast du denn kein Bild deiner Mutter bei dir?" Der schüttelte den Kopf. "Meine Mutter starb bei meiner Geburt!" meinte er halblaut. - "Aber ich sehe ihn doch immer abends noch ein kleines Bild hervorholen!" "Heraus mit dem Bild - alter Duckmäuser, zeig her - wir wollen es auch sehen!" klang es durcheinander. Einen Augenblick zögerte der junge Soldat, dann knöpfte er entschlossen den Rock auf. "Es ist auch das Bild einer Mutter", sagte er leise. "aber jene Mutter, die seit dem Tode meiner eigenen die Mutterstelle bei mir vertreten hat!" - "Also hast du eine Stiefmutter, Gerhard?" erkundigten sich die anderen. Doch wieder schüttelte Gerhard den Kopf: "Seht selbst und urteilt!" Damit öffnete er eine kleine Ledertasche und legte ein Bild auf den Tisch, mitten unter die anderen Mütter. Neugierig beugten sich die Kameraden vor. Dann blickten sie einander erstaunt an. "Aber das ist doch - ja, ist das denn nicht die Mutter Gottes?" stellten sie verwundert fest. "Du sagtest doch etwas von Mutterstelle?"
Hoch reckte sich der junge Soldat auf. Tiefer Ernst lag auf seinem gebräunten Antlitz. "Dies Bild hat mir meine einzige Schwester gegeben und dabei gesagt: "Wir haben keine Mutter mehr, Gerhard - nun soll die Mutter Gottes auch die unsere sein!" Und das ist sie uns beiden allzeit gewesen, im Frieden und doppelt im Kriege. Denn ist die Gottesmutter nicht die Mutter aller Mütter?" - Für kurze Zeit war es ganz still im Bunker. Die Kameraden fühlten sich ergriffen von den schlichten Worten ihres Gefährten. "Du hast recht, Gerhard, Mutter bleibt Mutter! Und wenn man keine mehr hier auf Erden hat, so gibt es zum Glück eine im Himmel - die Mutter aller Mütter!"
(J. Adams)
Der Blutrosenkranz
28. September 1950. Ich werde diesen Tag nie vergessen. Die ganze Nacht hindurch feuerten die UN-Truppen ihre Geschosse vom Nam-San (Berg im Süden von Seoul) herunter, und die Kommunisten schossen hinauf. Die ganze Stadt war ein Feuermeer. Sie dröhnte vom fürchterlichen Geratter der Panzer. Ich war wie betäubt, ich glaubte, das Herz müsste mir versagen. In dieser Ausweglosigkeit zog ich den Rosenkranz hervor und begann, unsere Mutter flehentlich und bestürmend anzurufen.
Ich betete, ohne zu wissen, worum und wofür. Endlich ging die schreckliche, lärmerfüllte Nacht zu Ende. Ich ging an der Tong-kuk-Universität vorüber. Dort in dem Tale lagen UN-Soldaten und Nordkoreaner wild durcheinander. Wahrscheinlich waren die feindlichen Heere hier aufeinandergeprallt.
Die Mütter der jungen Soldaten werden Tag und Nacht beten und warten, dass ihre Söhne zurückkommen. Aber diese sind so elendig hier umgekommen, ohne Laut, ohne Worte. Sie liegen hier, welche ein Bild des Grauens! Nun richtete ich meinen Blick direkt vor mich. Ich erstarrte vor Entsetzen. Direkt mir vor den Füßen lag ein toter Nordkoreaner, ein Bein war wie abgesägt, das andere streckte er in die Luft, die Zähne hielt er zusammengebissen, die beiden Augen waren weit offen, die Zunge streckte er halb heraus, das erbrochene Blut klebte an seinen Lippen. Ein ekelerregendes, herzerbarmendes Bild. Daneben ein Neger, groß an Wuchs. Als ich genauer hinsah, stellte ich fest, dass er von der rechten Hand nur noch den Daumen und den kleinen Finger hatte, die drei mittleren Finger hatte er verloren. Aus der großen Wunder floß noch das Blut. Als ich näher hinzutrat, entdeckte ich mitten in diesem Grausen, dass er mit den beiden verbleibenden Fingern einen Rosenkranz festhielt. Ich kniete neben ihm nieder, legte ihn etwas gerade, wobei das noch vorhandene Blut quoll. Dann rief ich mit lauter Stimme auf englisch in sein Ohr: "Ich bin Priester! Ich bin Priester!" Er antwortete jedoch nicht.
Er atmete nur tief auf und ließ seine bereits eine einzige Blutkruste gewordenen Finger zur nächsten Perle des Rosenkranzes gleiten. Seine von Blut verschmierte Brust war noch warm. Ich schrie ihm nochmals ins Ohr, dass ich Priester sei. Mit seinem angeschwollenen rechten Auge starrte er mich an. Ich gab ihm sofort die Lossprechung, zog aus der Tasche das Krankenöl hervor, das ich immer bei mir trug, und salbte ihn auf der Stirne. Meine Finger waren nun auch ganz in Blut gebadet. Er lächelte und zeigte eine zufriedene Miene. Statt Worten zeigte er mir mit beiden blutigen Fingern den ebenso blutigen Rosenkranz. "Ave Maria...!", stammelte er mehrmals kraftlos. Die Hand fiel ihm auf die Brust. Er war tot.
Als ich dem unter so schrecklichen Umständen und doch so schön und heiligmäßig gestorbenen Neger die Augen zudrückte, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten: "Mutter! Hast du das Rufen dieses verblutenden Soldaten gehört? Mutter! Heilige Mutter Maria! Hast du das Schreien seiner Seele und seines Leibes gehört? Wenn du es gehört hast, musst du die Seele dieses Jünglings zu dir nehmen. Er ist so einsam in einem fernen, fremden Lande, an einem namenlosen Tag namenlos und grausam dahingesunken. Wische alle Tränen und alles Blut fort aus seinem Auge! Treibe fort von ihm jede Trauer und jeden Schmerz!" Ich sehe nochmals genau hin: Drei Finger sind weg, die zwei noch verbliebenen haben gerade das vierte Gesätz des Rosenkranzes zu Ende gebetet. Ich fasse den blutigen Rosenkranz und bete das fünfte Gesätz des glorreichen Rosenkranzes. Mit meinen Lippen bete ich die Ave Maria und durch die blutigen Finger des toten Soldaten lasse ich dabei den Rosenkranz gleiten, Perle für Perle. Da er für ewig von hier Abschied genommen hatte, betete ich seinen Rosenkranz stellvertretend zu Ende.
Glücklich dieser Soldat, der im Beten des Rosenkranzes, die Mutter anrufend, von hier Abschied genommen hat! Obwohl die Finger abgeschossen, bereits alles Blut verloren war, obwohl einsam und hilflos im Sterben liegend, hatte er beharrlich zur Mutter gebetet. Wir aber, die wir uns gesunder Glieder erfreuen und uns in keiner Todesgefahr befinden, rufen unsere Mutter nicht an. Wir gehen nicht zu ihr, zu unserer Mutter Maria. Im Gedenken an den schönen und heiligmäßigen Tod des Negersoldaten lasst uns andächtig und inständig den Rosenkranz beten! Wenn immer ich das Rosenkranzgebet beginne, kommt mir jene Szene wieder in den Sinn, wie der ganz von Blut verschmutzte Rosenkranz des schwarzen Soldaten durch meine Finger glitt.
"Mutter, hast du den verhallenden Ruf des Soldaten gehört? Höre unser aller Rufen! Neige gnädig dein Ohr und verlass uns nicht!"
Ein Gnadenwunder in Lourdes
Es war am Tag der Einweihung der Basilika Papst Pius X. durch den zukünftigen Papst Johannes XXIII. An diesem 25. März 1958 kniete in Lourdes ein vornehm gekleiderter alter Mann vor der Grotte. Seine Züge konnten eine gewisse Härte nicht verbergen, die manchmal Menschen eigen ist, die viel Leid erfahren und es widerwillig tragen.
Wenn er heute hier kniete, so um das Versprechen zu erfüllen, das er seiner sterbenden Frau gegeben hatte. Zu allem Unglück hatte er kürzlich vom Tod seines einzigen Sohnes erfahren, der in Algerien sein Leben lassen musste. Seit Jahren hatte das Schicksal Herrn Garnier nur harte Schläge zugeteilt. Die Bitterkeit, die er vor 15 Jahren erlebt hatte, traf ihn mit neuer Wucht.
Damals war er wegen unvorsichtigen Reden seines Freundes verhaftet worden, der dann bei den Gerichtsverhandlungen nicht den Mut fand, der Wahrheit die Ehre zu geben und bei seinen Verdächtigungen blieb. Diese Verleumdungen brachten Herrn Garnier für mehrere Jahre ins Gefängnis. Er verlor sein Vermögen, seine Stellung und seine Gesundheit. Für die Bitten und Gebete seiner Frau hatte er nur Spott und Hohn übrig, wenn sie zu ihm vom Verzeihen sprach. Er dachte nur an die Rache, die er für das empfangene Unrecht nehmen wollte.
Die Treue seiner Frau und ihre vollkommene Unterwerfung unter das, was sie den Willen Gottes nannte, bewogen ihn eines Tages zu dem Versprechen, bei seiner Haftentlassung eine Wallfahrt nach Lourdes zu unternehmen. Inzwischen hatte der Kummer seiner Frau das Herz gebrochen. Von diesem Tage an versuchte er, etwas mehr zu beten.
Heute aber wollte ihm das Beten nicht recht gelingen. Er lenkte seine Blicke etwas neugierig auf die Beter vor der Grotte. In seiner Nähe hielt eine Mutter, in Tränen, ein offensichtlich schwerkrankes Kind in den Armen. Dort kniete ein junges Ehepaar, das anscheinend seine Zukunft der Gottesmutter anempfahl.
Am meisten ergriff ihn ein junges Mädchen, das mit ausgebreiteten Armen in seiner Nähe vor der Grotte kniete, und ganz in sich versunken war. Alles in ihr schien bei der fürbittenden Allmacht um Hilfe zu rufen. Er Fühlte sich weniger verbittert bei diesem Anblick, und er betete sogar für dieses Mädchen um Erhörung in seinem schweren Anliegen, um Trost für das junge, sorgenvolle Herz.
In diesem Moment begriff er etwas von der Solidarität der Leidenden. Er erkannte, dass man sein eigenes Kreuz leichter trägt, wenn man an andere denkt. "Der eine trage des anderen Last" kam ihm in den Sinn, und er betete jetzt für alle Anwesenden, für alle Lebenden und Verstorbenen. Dann wohnte er den Messen bei, die im Laufe des Morgens in der Grotte gefeiert wurden.
"Wie auch wir vergeben!" - Nach der letzten hl. Messe begann ein Priester, laut den Rosenkranz vorzubeten. Ein Wort des Vaterunsers riß plötzlich die alte Wunde seines Herzens wieder auf: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben..." Nein, das konnte er nicht, er konnte dem nicht verzeihen, der ihm so schweres Unrecht angetan hatte.
Er verließ den Platz in der alten Verbitterung und wanderte während langer Stunden durch die belebten Straßen von Lourdes. Nach und nach wurde er etwas ruhiger, er war schließlich bereit zu verzeihen, aber der Urheber seiner großen Prüfung möge ihm nie mehr vor die Augen treten...das könnte er nicht ertragen. Diese Gedanken begleiteten seine Schritte in die neuerbaute Basilika, wo die Einweihungsfeierlichkeiten beendet wurden.
Er sah und hörte nichts von den Gesängen, er überließ sich seinem Schmerz, bis ihn ein Priester an der Schulter berührte und fragte: "Kann ich vielleicht etwas für Sie tun?..." Herr Garnier wehrte zunächst ab, doch sein Kreuz drückte ihn so schwer, dass er sich entschloß, dem Priester seine Seele bloßzulegen, die nach einer befreienden Beichte, einem Akt der Demut, ihr Gleichgewicht widerfand. Mit frohem Herzen kehrte er zur Grotte zurück.
Beim Verlassen der Grotte wandte er sich den Brunnen zu, die das Quellwasser verteilen. Hier bot ihm das Mädchen, das er bei der Grotte so innig hatte beten sehen, ein Glas Quellwasser an mit den Worten: "Lieber Herr, ihr Leid, das Sie heute morgen auf ihrem Gesicht trugen, hatte mich derart ergriffen, dass ich mein eigenes Leid vergaß, um für Sie zu beten."
"Und ich, mein Kind, hatte zur Gottesmutter gebetet, Sie zu erhören in dem, was Sie so inständig zu erflehen schienen."
"Ihnen verdanke ich vielleicht, dass ich heute Lourdes so zuversichtlich verlasse. Mein Vater leidet nämlich an Kehlkopfkrebs. Seine physischen Leiden sind aber nichts im Vergleich zu seinem seelischen Schmerz. Er hat nämlich durch falsche Anzeigen einen seiner Freunde ins Unglück gebracht. Von Gewissensbissen gemartert, hat er in einem Brief Abbitte geleistet, aber, ach, keine Antwort darauf bekommen. Und nun verzehrt er sich in der Verzweiflung, dass ihm dieser nicht verzeihen will. Um diese Gnade für ihn zu erlangen, kam ich nach Lourdes, und ich hoffe bestimmt, erhört zu werden. Aber was ist mit ihnen, mein Herr, Sie sind so blaß geworden?"
Herr Garnier konnte kaum sprechen: "Bist du also Jacqueline? Ich bin das Opfer deines Vaters." Das Mädchen wollte erschreckt fliehen. Doch Herr Garnier fügte hinzu: "Sei beruhigt, mein Kind, indem wir füreinander beteten, hat der Himmel deinen Wunsch erfüllt und mich von meinem Haß geheilt. Gehen wir zur Gnadenmutter, um ihr zu danken, und dann eilen wir zu deinem Vater, damit er seinen Freund wiederfinde, der von heute an nur Gutes tun will."
Sie betete den Rosenkranz und blieb als einzige am Leben
Am Josefstag (19.März) im Kriegsjahr 1945, erlebte die Stadt Landshut einen grossen Luftangriff. Viele Gebäude und die Franziskanerkirche wurden zerstört. Jedermann flüchtete in den nächsten Luftschutzkeller.
Doch etwa 30-40 Personen suchten Schutz unter einer Unterführung. Eine Luftmine löschte das Leben aller Zufluchtsuchenden aus.
Waren es wirklich alle, die dort unter dem Durchlass sterben mussten? Ein Soldat hielt Totenwache. Nach etwa drei Stunden glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Plötzlich regte sich etwas in der Mitte der Verstorbenen und eine Frau fragte ganz schüchtern den Bewacher, ob sie jetzt gehen dürfe.
Der Soldat wollte nun wissen, was sie solange getan habe. Da antwortete sie: "Ich betee den Rosenkranz." Sie merkte gar nicht, dass bereits etliche Stunden vergangen waren.
Diese Nachricht breitete sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Stadt aus.
Wollte die Mutter Gottes hier nicht allen zeigen, dass sie die Mittlerin aller Gnaden ist, wenn man sich vertrauensvoll an sie wendet?
"Die Madonna wird ihn retten"
Don Cafasso, der heilige Pfarrer von Turin und Beichtvater Don Boscos, hatte den Mörder Carlo Demichelis zum Galgen zu begleiten:
Es war am Morgen des 13. März 1856. Der Verurteilte hatte stets geflucht und die Sakramente verweigert. Don Cafasso nahm auf dem Arm-Sünder-Karren neben ihm Platz. Der Verbrecher saß teilnahmslos da. Beim Vorbeiziehen an der Kirche Al Carmine gab man nach altem Brauch dem Vorbeiziehenden den Segen mit dem heiligsten Sakrament. Der Mörder rührte sich nicht. Als der Karren durch die Via del Carmine fuhr, machte der Gefesselte beim Haus Nummer 8 eine tiefe Kopfverneigung. Dort war an der Wand ein Muttergottesbild angebracht, die sogenannte "Consolata". Von seiner Mutter war er im Bubenalter angehalten worden, vor dem Bild immer die Mütze abzunehmen. Der Verurteilte war willig wie ein Kind, und ehe der Karren an der Richtstätte angekommen war, war seine Seele mit Gott versöhnt.
(Sträter, Maria im Christenleben, Paderborn 1951)
Er konnte den Satz nicht mehr vollenden
Es war am 8. Juni 1975. Im Führergehäuse der 2000-PS-Lokomotive hatte sich der zitternde Zeiger des Geschwindigkeitsmessers auf die Zahl 70 eingependelt. Die Bahnstrecke zwischen den oberbayerischen Orten Schaftlach und Warngau glich mit ihren Schienen und Schwellen einer liegenden Riesenleiter.
Nach einer Reihe von tristen Regentagen hatten die Wetterfrösche, sowohl grünhäutige Tierchen als auch gelehrte Meteorologen, recht behalten: Mit einem kräftigen Hoch waren östliche Winde gekommen. Sie hatten den wolkenverhangenen Himmel blankblau gefegt.
Jetzt, da die Sonne mit ihrem Purpurgepränge sich dem westlichen Horizont allmählich näherte, waren gutgelaunte Menschen auf der Heimfahrt von Besuchen und Ausflügen. Die Reisenden hatten den Tag voll Licht und Glast genutzt, den Häuserschluchten Münchens zu entrinnen. Sie gedachten zufrieden der erholsamen Stunden, die ihnen geschenkt gewesen. Oder die Gedanken des einen oder anderen eilten schon den beruflichen Aufgaben der kommenden Woche voraus.
Solcherweise an Vergangenes oder Zukünftiges denkend erahnte niemand im mindesten, dass sein irdisches Dasein von einer zur anderen Sekunde zerrann wie die rieselnden Körner einer Sanduhr. Denn dieser und jener Reisende fuhr auf rollenden Rädern in den Tod.
Die Schiebetür eines Waggons wurde geöffnet. Ein rotglänzendes, breites Bandelier quer auf der Brust und mit einem barocken Bäuchlein behaftet, erschien der Schaffner. Er ging, in der Hand eine Kneifzange, durch den schmalen Mittelgang zwischen den beiden Bankreihen und wiederholte sein Sprüchlein: "Die Fahrkarte bitte."
Ein junger Mann hob den Blick von den noch nicht bekritzelten Feldern eines großen Kreuzworträtsels und zeigte seine Fahrkarte her. Sein blonder Bart und sein schulterlanges, gekräuseltes Haar ließen an das berühmte Selbstbildnis von Albrecht Dürer denken, das irgendwie von Nürnberg in den Madrider Prado gelangt war. "Wo hab ich mein Billet hingetan?" fragte sich selbst eine alte Frau, die dem Dürer-Doppelgänger gegenüber saß. Sie begann in einer Handtasche herumzukramen.
"Lassen Sie sich nur Zeit", sagte gemütlich der Schaffner. Allerlei Dinge kamen zum Vorschein: Taschentuch, Augengläser, Schlüsselbund, Personalausweis und endlich der Geldbeutel mit der Fahrkarte. Zugleich fiel ein Rosenkranz auf den Boden. An der Perlenkette hing ein Kreuz aus dunklem Ebenholz. Aus feinem Silberfiligran waren die Kugeln für die Vaterunser, die anderen aus bläulich-weißem Perlmutt.
Der junge Mann bückte sich und hielt den Rosenkranz in seinen Händen. "Als Kind hab ich auch ein solches Maskottchen gehabt", zog er einen spöttischen Vergleich mit albernen Amuletten, Glücksbringern und anderem Firlefanz, mit dem abergläubische Leute sich behängen. "Aber wer hat heut noch einen Ro..."
Das Wort kann nicht vollendet werden, denn in diesem Augenblick prallt der Zug in voller Fahrt mit einem anderen zusammen. Ein jäher Ruck reißt den jungen Mann von seinem Sitz. Das schreckliche Geschehen verwandelt das Innere des Waggons in eine Stätte der Zerstörung. Es tobt ein ohrenbetäubender Aufruhr von Geräuschen, ein Poltern, Bersten, Krachen, ein Klirren von zerbrochenen Fenstern. Der ganze Waggon wird von heftigen Stößen durchgerüttelt. Gepäckträger und Stützstangen verkeilen sich ineinander. Es ist, als sollte alles zertrümmert und zermalmt werden.
Da und dort sind stumme Gestalten. Ihnen kann nicht mehr geholfen werden. Sie sind auf eine weite Reise geschickt worden, von der es keine Rückkehr gibt.
Aus kurzer Bewusstlosigkeit erwachend, verspürt der junge Mann einen stechenden Schmerz in der Brust. Blut quillt aus einer klaffenden Platzwunde im Gesicht. Er hört die verzweifelten Hilferufe der Verletzten. Auch er kann sich einer wilden Angst nicht erwehren. Es ist die Furcht, sterben zu müssen. Noch umkrampfen seine Finger den Rosenkranz der alten Frau. Vor wenigen Minuten hat er ihn als lächerliches Maskottchen verspotten wollen. Jetzt aber beginnt er in seiner Not zu beten. Neununddreißig Menschen fielen jenem Eisenbahnunglück am Sonntag, dem 8. Juni 1975, zum Opfer.
Der junge Mann war nicht unter ihnen. Vier Wochen später wurde der Verunglückte, von einer Gehirnerschütterung und von inneren Verletzungen geheilt, aus einem Krankenhaus entlassen. Nicht wissend, ob sie noch am Leben war, begann er nach der alten Frau zu fragen und zu suchen. Seine Bemühungen hatten Erfolg. Er fand sie in einer Münchner Klinik. Innerlich gewandelt, gab er ihr mit Worten des Dankes den Rosenkranz zurück.
Ein weltberühmtes Marienwunder
Zu Saragossa befindet sich nahe der Basilika "Unserer Lieben Frau vor der Säule" eine Straße, genannt "Calle del Milagro", als Andenken an ein einzig schönes Marienwunder, worüber 20 Ikonographien und reichhaltige Dokumente bestehen als Folge der entsprechenden kanonischen Untersuchungen.
Es handelt sich hier um ein amputiertes Bein, das nach Jahren auf die Fürbitte Marias durch Engelshand neu aufgepfropft, neues Leben gewann, eine klare Antwort der Mutter Gottes an all die Ungläubigen, die behaupten: "Man hat noch nie eine echte und wahre Wundertat gesehen, z.B. ein abgeschnittenes Bein, das zu neuem Leben wiedererstand."
Das oben erwähnte Wunder belehrt uns eines Besseren. Miguel Juan Pellieer heißt der glückliche Auserwählte, der diese Wundertat Mariens am eigenen Körper erlebte. Es war um das Jahr 1636, als sich der 17jährige entschied, das Landgut seiner Eltern zu verlassen und nach Casteleon-de-la-Planta (Valencia) zu wandern, um bei seinem Oheim Jaime Polaseo Arbeit zu finden.
Mitte 1637 hatte er das Unglück, unter die Räder eines schwerbeladenen Fuhrwerkes zu kommen und sich das rechte Bein zu brechen. Sofort brachte man ihn in das Spital von Casteleon-de-la-Planta und später in das Krankenhaus von Saragossa, um Linderung und Heilung zu finden, denn das Bein schmerzte ihn sehr und eiterte beständig. Da aber keine Besserung eintrat, musste man ihm Ende Oktober 1637 das Bein amputieren. Der Arzt, Prof. Diego Millaruelo, kannte kein anderes Mittel mehr, um ihm das Leben zu retten, und so entschloß er sich zu dieser Beinabnahme. Das amputierte Bein wurde von seinem ersten Assistenten Juan Lorenzo Gareia und in Gegenwart mehrerer Zeugen auf dem Hospitalfriedhof beerdigt.
Nach einigen Monaten war die Beinwunde soweit verheilt, dass der arme Invalide auf Krücken das Spital verlassen durfte. Da er jedoch mittellos und auf sich allein angewiesen war, beschloß er, in Saragossa zu bleiben. Hier konnte er täglich zu Unserer Lieben Frau vor der Säule pilgern, die er so sehr verehrte, und hier konnte er auch bettelnd sein Brot verdienen. Man nannte ihn bald den hinkenden Bettler Unserer Lieben Frau del Pilar.
Jeden Morgen sah man ihn bei der wundertätigen Madonna, wo er innig betete, und seine Wunde mit Öl der ewigen Lampe bestrich. Eine dürftige Ruhestätte diente ihm als Nachtquartier in dem Hause eines mitleidigen Menschen, H. Domingo Martin. Dort entdeckten ihn später zwei Priester und einige Bekannte aus seiner Heimat. Sie überredeten ihn, wieder nach Hause zu fahren, und zwar auf einem Maulesel, den sie ihm zur Verfügung stellten. Betend und stets Maria seine Leiden aufopfernd fuhr er dann heimwärts über Fluentas de Ebro, Quinto und Samber de Calando. Es war im Jahre 1640. Die Seinen empfingen ihn mit großer Freude. Um ihnen jedoch nicht zur Last zu fallen, fuhr der arme Invalide jeden Tag bettelnd hinaus und brachte abends genügend Proviant mit nach Hause. Sein Hauptziel war aber stets die Madonna del Pilar, deren Bild er überall aufsuchte und wo er dann stundenlang verweilte.
Am 26. März des gleichen Jahres kehrte er tief ermüdet von seiner Bettelreise nach Hause zurück. Ganz erschöpft nahm er gegen 10 Uhr abends sein hölzernes Bein ab und legte sich mit Hilfe seiner Mutter auf ein improvisiertes Bett, denn sein Bett war von einem einquartierten Soldaten belegt. Nachdem er sein Abendgebet verrichtet und Maria mit einer Sonderbitte angefleht hatte, schlief er endlich todmüde ein.
Da jedoch die Mutter etwas unruhig war wegen ihres so ganz erschöpften Sohnes, ging sie noch um 11 Uhr schauen, ob der Mantel des Vaters, den man ihm als Decke gegeben hatte, ihn gut einhüllte. Da bemerkte sie zu ihrem größten Schrecken, dass zwei Füße sichtbar waren. Voller Angst und im Glauben, ein Soldat habe sich dort versteckt, reif sie ihren Mann herbei. Dieser versuchte die schreiende Mutter zu beruhigen, hob ganz bestürzt den Mantel empor. Er versuchte nun den Sohn zu wecken, was ihm erst nach vieler Mühe gelang. Nur langsam konnte er ihm beibringen, dass er wieder zwei Beine hätte.
Auf die verschiedenen Fragen antwortete der Sohn nur, er habe am Abend ganz innig Maria um die Gnade seiner Heilung angefleht und sei dann eingeschlafen. Während der Nacht habe er eine Art Schauung gehabt. Er sei in der Gnadenkapelle von Unserer Lieben Frau del Pillar von Saragossa gewesen und habe den Beinstumpf mit dem wunderbaren Öl der Marienlampe eingerieben. (Der Geschichtsschreiber Petrus Newrath, der das Wunder untersuchte, fügte noch hinzu: "Der Vater hat sofort ausgerufen: 'O mein Sohn, danke dem lieben Gott und Maria, denn die Himmelsmutter hat dir dein Bein wiedergeschenkt.'")
Das großartige Wunder verbreitete sich sofort von Mund zu Mund. Alles eilte herbei, um die Wundertat Marias anzuschauen. Prozessionsweise gingen sie dann mit dem noch hinkenden Miguel Juan Pellieer zur Kirche, um dort Gott und Maria für diese Gnade zu danken. Der Geheilte hatte nach drei Jahren sein altes Bein mit allerlei Wundmalen früherer Zeiten und dem neuen rötlichen Kreis des Zusammenheilens wiedererlangt. Die perfekte Gehfähigkeit kehrte jedoch erst nach und nach zurück. Eine kleine Zeitspanne war notwendig, bis er nach allerlei Übungen wieder wie früher gehen und laufen konnte. Es war jedoch wunderbar, wie das geheilte Bein in allen Teilen dem amputierten glich, das drei Jahre lang in der Totengruft gelegen hatte. Alle Ärzte, die es früher gesehen hatten, erkannten in ihm das frühere abgeschnittene Bein mit den gleichen Narben und Farben.
24 Zeugen meldeten sich zur Bejahung des wunderbaren Geschehens. Der Bischof Msgr. Apaolaza ordnete eine kanonische Untersuchung an, die bis April 1641 tagte. Sämtliche Ärzte äußerten dort ihre diesbezügliche Meinung. Der Erzbischof von Saragossa bestätigte das Ganze und proklamierte am 27. April 1641 die Echtheit des Wunders. Der Kardinal Retz und der Arzt Roger taten ein Gleiches. In den Archiven von Saragossa findet man sämtliche diesbezüglichen Dokumente, die als Kopie in der Dorfkirche von Calanda aufbewahrt werden.
Unter den 24 Gemälden, die das wunderbare Ereignis bildlich darstellen, befindet sich eines, das die Engel zeigt, wie sie das abgeschnittene Bein aus dem Grab erheben und es wieder an den Oberschenkel des Invaliden aufpfropfen. Ein weiteres Gemälde zeigt, wie König Philipp IV. in seinem Schloß zu Madrid in Gegenwart aller Hofherren und Hofdamen das geheilte Bein Miguels kniefällig betrachtet und die Wunde küßt.
Denkt man ernstlich nach über das Geschehen, so muss man gestehen: Hier sind drei Wunder zu verzeichnen:
1. die Konservierung des amputierten, unverwesten Beines,
2. dessen Wiederbelebung, und
3. das Aufpfropfen desselben auf den Beinstumpf.
Maria hatte großzügig und allseitig geholfen. Ihr sei Ruhm und Dank in Ewigkeit!
(Dr. Schons, OSB)
Beim Betrachten einer Kreuzwegstation wurde eine Mutter auf ihr Leid vorbereitet
Von einer mir befreundeten Familie möchte ich ein Ereignis berichten, das mich sehr bewegte:
Der einzige Sohn einer wohlhabenden Familie verunglückte vor einigen Jahren tödlich. Es war ein Sekundentod. Der Vater verkraftete diesen Schicksalsschlag gelassen, doch die Mutter war davon sehr getroffen. Wir alle rechneten damit, dass sie an diesem Leid zerbrechen würde, aber sie trug es mit einer bewundernswerten Stärke. Sie ist eine große Marienverehrerin, die sich aus dem Gebet und dem heiligen Messopfer ihre Kraft für den harten Alltag holt.
Einige Monate nach dem Unfall erzählte sie mir folgendes: "Ich war an dem schicksalsschweren Tag im Kloster in der Frühmesse. Ich kniete neben der Wand, an der die Kreuzwegstationen befestigt sind. Mein Platz war genau neben der vierten Station: Jesus begegnet seiner betrübten Mutter. Mein Blick fällt auf das Bildnis der Gottesmutter. Die Augen Mariens drückten einen so erschütternden Schmerz aus, wie ich es zuvor in meinem Leben noch nie empfunden hatte. In meinen Herzen konnte ich den Schmerz der Muttergottes fühlen. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich war von diesem Vorfall so ergriffen, dass ich den ganzen Tag immer wieder darüber nachdenken musste. Als dann am gleichen Abend die Polizei mit der Todesnachricht meines Sohnes kam, wusste ich sofort, dass ich jetzt den gleichen Weg wie Maria gehen musste. Ich wusste, das ist mein Kreuzweg, auf dem ich nicht allein bin. Die Gottesmutter ging damals den gleichen Weg und ich gehe ihn jetzt mit ihr!"
Zu der mir befreundeten Dame sagte ich dann: "Ich möchte mir das Kreuzwegbild einmal genau anschauen!" Auf meinen Vorschlag gab sie mir eine klare Antwort: "Sie werden sicherlich nichts sehen! Nach dem Begräbnis meines Sohnes bin ich einige Tage später nochmals in der Klosterkirche gewesen, um in die Augen der Gottesmutter zu schauen. Dieses Etwas, das mich so erschüttert hatte, war nicht mehr zu sehen. Es war ein ganz normales Bildnis geworden, wie jedes andere auch. Diesen Vorgang kann ich mir nicht erklären. Ich kann nur eines von mir ehrlich sagen, dass ich die Gottesmutter seit meiner frühesten Kindheit herzlich verehre."
Meine klare aber nachdenkliche Antwort war: "Sie sind sicherlich ein echtes Marienkind!" Ich habe diesen Bericht deshalb verfasst, dass alle, die die Muttergottes herzlich verehren, wissen sollen, dass sie in ihren Nöten nie allein gelassen werden. Der Kreuzweg ist immer voller Schmerzen, aber die Kraft ihn zu gehen, wird die gläubige Seele immer bekommen. So habe ich es auch bei meiner Bekannten erlebt.
(Oktober 1993)
Ich habe eine Mutter gefunden
Nennen wir ihn Horst Waßner. Er glaubte nicht an Wunder. Sein Skeptizismus gegenüber Dingen, die mit Vernunft nicht mehr zu erklären waren, paarte sich mit einer Abneigung gegen jede Art von Glauben schlechthin.
Mit 17 Jahren war er als Kriegsfreiwilliger bei einer Panzertruppe eingetreten. Kaum 19 Jahre alt, war er bereits Leutnant und galt als einer der besten Offiziere seiner Einheit. Eines Tages waren wir von einem Fliegerangriff überrascht worden, als wir gerade in der Garnisonsstadt neue Waffen abholen wollten. Der Angriff kam so schnell und unerwartet, dass wir uns nur noch in die Krypta einer Kirche retten konnten. Der Leutnant rannte durch den Raum, nervös, hastig, wie gejagt. Nur vor einer kleinen Pietá, dem einzigen Schmuck der in nüchternem Weiß gehaltenen Unterkapelle, blieb er mehrmals kurz stehen und betrachtete starr die Gruppe - die Mutter Gottes, die den Leichnam ihres Sohnes umfangen hielt.
Das Dröhnen der Motoren draußen war immer lauter geworden. Die Feindverbände schienen genau über uns zu sein. Plötzlich brach das Inferno herein. - Wir hatten uns alle auf den Boden geworfen; es ließ sich fast ausrechnen, wann wir unter den Trümmern begraben würden.
Plötzlich verebbte der Lärm und in die unheimliche Stille hinein sprach der Leutnant: "Komisch, die Statue sieht mich dauernd an!" Dann lachte er jäh und gellend auf: "Merkt ihr was, Kameraden? Ich werde durchgedreht, ich bekomme Angst!"
Dann begann der Angriff draußen von neuem. Wir kauerten uns in eine Ecke zusammen, nur der Leutnant lief wiederum rastlos auf und ab. "Wirklich, sie sieht mich dauernd an!" Er starrte auf die Marienstatue, lief in die linke Ecke, in die rechte Ecke. "Sie verfolgt mich mit ihren Blicken!" Dann griff er auf einmal zu und nahm die Statue von ihrem Platz. Wir vernahmen seinen wehen Ruf: "Mutter, hilf mir doch! Nimm die Qual von meiner Seele...!" -
Die letzten Worte gingen in den Krachen der einstürzenden Kirche unter. Steine lösten sich von der rissigen Decke, beißender Rauch nahm uns den Atem. Mit Mühe, zum Teil verletzt und blutend, retteten wir uns ins Freie, auch der Leutnant, den es schwer am Kopf erwischt hatte. Wir sahen erstaunt, dass er noch immer die Statue fest in seinen Armen umschlungen hielt.
"Jetzt glaube ich doch an Wunder", sagte er mir später. "Ich bin geheilt worden, sofort, nicht mit Vernunft erklärbar." - "Aber du warst doch verwundet!" - "Das macht nichts. Aber ich habe eine Mutter gefunden und durch sie meinen Glauben an Gott. Das ist ein Wunder, das größte Wunder, das es gibt." Ich blieb seinen Worten gegenüber etwas skeptisch. Ob sein Glaube wirklich standhielt?
Zehn Jahre sind seit dieser Zeit vergangen. Vor kurzem besuchte ich einen Marienwallfahrtsort. Beschauliche Mönche betreuten ihn. Vor dem Gnadenbild las gerade ein Pater die heilige Messe. Es gab keinen Zweifel, der Pater war der ehemalige Panzerleutnant Horst Waßner.
(Aus: "Maria erobert die Welt", Leutesdorf)
Ohne ihn könnt ich nicht
Das Kind im zweiten Bett vom Fenster war zehn Jahre alt, ein Mädchen, Anna hieß sie, viel zu ernst und nachdenklich für ihr Alter; aber daran war ihre Krankheit schuld, die Schmerzen, die wir nur lindern konnten, nicht heilen. Anna wurde für eine Operation vorbereitet, und ich versuchte ein paarmal, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Annas Schulkollegen schickten ihr Briefe und Bücher ins Spital, sie las viel, und so fragte ich sie nach ihren Lieblingsgeschichten aus. "Tierbücher", sagte sie. "Abenteuerbücher." - "Ich habe eine Tochter, die fängt auch schon an, eine Leseratte zu werden", erzählte ich. "Früher hab ich ihr jeden Abend vorlesen müssen. Aber jetzt schafft sie es schon allein. Sie geht in die zweite Klasse."
"Oh, da geht sie ja dieses Jahr zur Erstkommunion", sagt Anna. "Welche Bücher mag sie denn? Lustige, nicht?" Ich nannte ein paar Bücher, die ich fast schon auswendig kannte, weil ich sie so oft vorlesen musste. Anna lächelte ein wenig.
Einmal, als ich Nachtdienst hatte, schaute ich noch am Abend bei Anna vorbei. Die anderen Patienten in ihrem Zimmer waren Erwachsene. Ich ging von Bett zu Bett und sprach mit jeder Patientin. Ich sah, dass Anna irgend etwas in der Hand hielt, das sie unter der Decke verschwinden ließ, als ich näher kam. Ein kleines Stofftier, dachte ich. Irgendein kleiner Glücksbringer, den ihr ein Schulfreund geschenkt hat. Ich hoffte, sie würde ihn mir zeigen, dann wusste ich wieder, worüber ich mich mit ihr unterhalten konnte. Im Gespräch mit Kindern tat ich mich oft schwer, ich weiß nicht, warum.
Ich sagte zu Anna: "Na, was versteckst du denn da vor mir?" Sie schaute mich an, dann zog sie etwas unter der Decke hervor und hielt es mir hin. Es war ein kleiner Rosenkranz. Ich verwünschte mich im Stillen, dass ich sie gefragt hatte. Wenn sie beten wollte, so ging das niemand etwas an. "Ach so", sagte ich. "Na, ich wollte dich nicht stören, wirklich nicht." Sie lächelte über meine Verlegenheit. Sie sagte: "Im Oktober haben wir von unserem Religionslehrer jeder einen Rosenkranz bekommen. Jedem Kind in der Klasse hat er einen geschenkt. Viele haben gesagt: Was soll ich damit? Aber sie haben ihn doch eingesteckt, um den Lehrer nicht zu kränken." - "Das verstehe ich", sagte ich. "Der Lehrer hat uns auch erklärt, wie man den Rosenkranz betet", sagte Anna. "Ich habe mich daran gewöhnt, und jetzt bin ich froh, dass ich es weiß. Ohne ihn könnt ich nicht..." Sie stockte. Ich setzte mich auf ihr Bett und fragte leise: "Was könntest du nicht?" - "Das alles hier aushalten", flüsterte Anna und wurde rot. "Und wenn es so weh tut."
Ich sagte: "Ich überlege, ob ich dir stärkere Schmerztabletten geben soll. Wenn es zu arg wird, gebe ich dir eine Spritze." - "Gibt es auch Spritzen gegen die Angst?" fragte sie. Vor der Operation bekommst du eine Beruhigungsspritze", sagte ich. "Ja", sagte sie. "Aber alles übrige. Die Untersuchungen und alles. Ich weiß nie, was kommt." - "Ab jetzt fragst du mich alles, was du nicht verstehst", sagte ich. "Man hat Angst, wenn man nicht weiß, wozu etwas soll, wozu das gut ist. Ab jetzt erkläre ich dir alles!"
"Ich habe auch Angst, wie es nachher weitergehen wird", sagte Anna. "Wie lange ich hier sein werde. Wann ich wieder in die Schule gehen kann. Ob überhaupt." - "Das werden wir nach der Operation genau sehen", antwortete ich. Es war ein schwacher Trost, aber wenigstens keine Lüge. "Ich will dir nicht etwas versprechen, was wir dann nicht halten können." Ich streichelte ihre Hand, der kleine Rosenkranz rieselte über die Decke. Ich legte den Rosenkranz in ihre Hand zurück. Ich versuchte, mich zu erinnern, ob ich als Kind einen Rosenkranz gehabt hatte. Ich glaube nicht. Und jetzt, als Erwachsener, konnte ich mit solchen Dingen überhaupt nichts anfangen. "Na, also dann", sagte ich. "Versuch zu schlafen, und wenn die Schmerzen zu arg werden, läutest du."
In den nächsten Tagen bemerkte ich öfter, dass Anna mit ihrem Rosenkranz beschäftigt war. Sie gab sich keine Mühe, ihn vor mir zu verstecken. Einmal fragte ich sie, ob sie nette Lehrer habe. Sie erzählte vor allem von ihrem Religionslehrer. "Mit dem kann man reden, über alles. - Hat ihr Kind nette Lehrer?" Ich erzählte von einer Handarbeitslehrerin, die so schrecklich war, dass das Ganze schon wieder komisch war. Anna lächelte: "Und wen hat ihre Tochter in Religion?" - "Auch-auch einen ganz netten", sagte ich. Ich wollte ihr nicht sagen, dass ich meine Tochter überhaupt nicht für den Religionsunterricht angemeldet hatte, denn Anna schienen diese Dinge wichtig zu sein. "Den Rosenkranz wird sie erst später lernen", sagte Anna. "Jetzt lernt sie alles für die Erstkommunion. Dass Jesus unser Freund ist. Wie man etwas wieder gut machen kann. Dass man immer Vertrauen haben kann, egal, was kommt. Das lernt sie jetzt alles." - "Mm", sagte ich. Mir wurde schwer ums Herz. Ich sah, dass Anna bei ihren Rosenkranzgebeten immer wieder neue Kraft fand. Das konnte ich nicht leugnen, ich sah es!
Eines Tages erzählte ich meiner Frau von Anna. "Ja", sagte sie, "und unserem Kind gönnst du diese Chance nicht..." - "Welche Chance?" fragte ich, obwohl ich genau wusste, was sie meinte. "Dass es im Beten und Glauben Quellen für Kraft und Trost geben kann, auch wenn du nichts davon verstehst - verstehen willst", fügte sie hinzu. "Wie soll unser Kind einmal draufkommen? Jetzt könnte sie mit den anderen Kindern zum Erstkommunionunterricht gehen. Wenigstens wissen sollte sie, dass es das gibt: miteinander beten und feiern und eine Gemeinschaft haben - alles das nimmst du ihr weg! Aber deine kleine Anna im Spital bewunderst du! Ich wünsche mir, dass diese Anna recht oft mit dir redet..." Ich war sehr betroffen über das Gespräch. Ich dachte viel darüber nach. Jedesmal, wenn ich Anna blaß und matt in ihrem Bett liegen sah, fiel mir meine Tochter ein.
"Aber", sagte sie nach einiger Zeit zu meiner Frau, "aber wenn wir unsere Lori jetzt noch anmelden würden, müsste ich ja zum Pfarrer gehen und ihm alles erklären!" - "Das könnte ich dir abnehmen, dieses unangenehme Gespräch!" sagte meine Frau und lächelte. "Das kommt überhaupt nicht in Frage!" rief ich. "Du hältst mich für einen Drückeberger, nicht? Wenn überhaupt einer hingeht, dann bin ich es!"
Als Anna operiert war und wir Aussicht hatten, sie durchzubringen, ging ich und meldete Lori zur Erstkommunion an. "Meine Frau wird alles mit der Lori nachlernen, denn ich verstehe nichts davon", sagte ich zum Pfarrer. Und dann, weil er mich so nachdenklich anblickte, erzählte ich ihm von Anna.
"Wann werde ich wieder in die Schule gehen können?" fragte mich Anna, als sie von Schwestern gestützt vorsichtig die ersten Schritte versuchte. Das war im Februar. Ich schluckte, nahm meinen Mut zusammen und sagte mit fröhlicher Stimme: "Ganz bestimmt im nächsten Herbst." - "Da verliere ich ja ein ganzes Jahr!" sagte Anna erschrocken. "Du kannst, wenn es dir jetzt besser geht, im Spital lernen und die Prüfungen nachmachen", sagte ich. "Sowas ist möglich. Das habe ich mit klugen Kindern schon oft erlebt." Ich lachte sie an. "Aber fit musst du schon vorher sein. Schon im Mai, Anna. Da hat meine Tochter Erstkommunion, und wir möchten dich dazu einladen!" - "Mich? Zur Erstkommunion von Lori?" Anna staunte. Die beiden Schwestern sahen mich von der Seite an und staunten auch, aber das war mir jetzt gleich. "Ich werde dir erzählen, wieso wir dich so gern dabeihätten", sagte ich. "Aber jetzt nicht. Ich muss mir erst überlegen, wie ich dir das erzählen soll." Die Schwestern spitzten die Ohren, Anna merkte es und lächelte. "Wenn Sie wieder Nachtdienst haben", sagte sie. "Gut", sagte ich. - Mit Anna konnte ich reden, als wäre sie eine alte Freundin von uns. Jetzt war mir leichter.
(nacherzählt von Lene Mayer-Skumanz)
Die Wirkung des "Ave Maria"
Ein berühmter Sänger, als großer Star angehimmelt und vergöttert, wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Es war hoffnungslos. Er dämmerte meist dahin, was nicht ansprechbar und reagierte auch nicht auf die behutsame Annäherung des Kaplans, der dort als Krankenhausseelsorger tätig war. Bekümmert musste der Kaplan immer wieder seine Versuche, mit ihm ins Gespräch zu kommen, aufgeben.
Auch die Schwestern hatten keinen Erfolg. Sie seufzten: "Was hat der arme Mensch jetzt von seinem ganzen Ruhm, wenn er ohne Versöhnung mit Gott aus dem Leben gehen muss. Man weiß ja, wie solche Herren leben, sie machen sich die Moralgesetze selbst!"
Der Chefarzt, der sich sehr um seine Patienten kümmerte, ging spätabends noch einmal in das Zimmer dieses Mannes. In langen Berufsjahren hatte er die Erfahrung gemacht, dass manche Sterbende kurz vor dem Tode noch einmal klar zu Bewusstsein kommen. Daran dachte er jetzt, als er an das Bett trat, dem Sänger die Hand auf die Stirne legte und leise fragte: "Wie geht es Ihnen denn heute?" Da schlug dieser die Augen auf und flüsterte: "Ich glaube, es ist bald aus mit mir. Sie brauchen mir nichts vorzumachen, Herr Doktor!" "Das habe ich auch nicht in Sinn", sagte der Arzt. "Ich wollte nur fragen, ob ich Ihnen nicht den Kaplan schicken soll, damit Sie mit Gott ins reine kommen können."
Ja ja, schicken Sie ihn nur. Aber bald, sonst..." Der Chefarzt ging, und der Kaplan kam und fragte: "Sie wollen also schon die hl. Sakramente empfangen?" "Ja ja, wenn Sie glauben, dass Gott mich noch annimmt. Ich war kein Guter, und Gott soll so streng sein." "O nein, lieber Herr, Gott ist unendlich barmherzig, ganz besonders reumütige Sündern gegenüber." "Herr Pater, bei der Beichte müssen Sie mir helfen. Seit der ersten Beichte in meiner Kindheit war ich nie mehr im Beichtstuhl." "Keine Sorge, das machen wir zusammen."
Als die hl. Handlung vorüber war, lag der Sänger erschöpft, aber zufrieden in den Kissen. Der Kaplan sagte: "Sie haben Ihre Sache gut gemacht. Im Himmel herrscht nun große Freude ihretwegen. Nun sagen Sie mir noch eines, haben Sie all die Zeit Ihres Lebens wirklich nie gebetet? Zur Mutter Gottes auch nicht?"
"Gebetet? Nein. Nur einmal, bei einem Wohltätigkeitskonzert, habe ich ein 'Ave Maria' gesungen, ohne Honorar, und da habe ich wirkliche Verehrung gefühlt für die Madonna. Ja, ich bat sie sogar, für mich armen Sünder zu bitten - in der Stunde des Todes." "Daher also das Gnadenwunder Ihrer Bekehrung", sagte der Kaplan. Beim Ave-Läuten starb der Sänger.
(M.L. im 'Lieb-Frauen-Bote" (Südtirol) 1/1992)
Der Rosenkranz einer alten Afrikanerin
Auf einer Missionsstation gibt es viele Enttäuschungen, aber auch viele freudige Überraschungen. Die meisten Freuden, so scheint es mir, erlebt eine Krankenschwester.
Eines Nachmittags bekam ich eine Botschaft übermittelt: "Ich, Maria Vesa, Ihr Kind, bin krank. Kommen Sie doch, um mich zu sehen." Da ich gerade Zeit hatte und meine Patientin im Krankenhaus sich besser fühlten, setzte ich mich aufs Rad und fuhr mit einer afrikanischen Kollegin, einer einheimischen Schwester, nach Bango zu Maria Vesa.
Zuerst muss ich aber erzählen, wer Maria Vesa war. Als ich ihr das erste Mal begegnete, war sie schwerkrank. Mein Weg führte mich zufällig an ihrer Hütte vorbei. Da ich sie jammern und stöhnen hörte, ging ich in ihre Hütte hinein und schaute, ob ich ihr helfen könnte. Da sah ich eine alte, arme Afrikanerin neben dem Feuer liegen. Es war sehr kalt, und sie hatte keine Wolldecke. Nur ein paar Lumpen hatte sie um ihren Leib gebunden. Ihr 35 jähriger Sohn Matero kauerte in einer Ecke der Hütte. Welch eine Armut überall! Matero hatte Lungentuberkulose und war so abgemagert, dass man alle Rippen zählen konnte. Vesa hatte eine Lungenentzündung.
Da ich in meiner Medizintasche einige alte, warme Kleider hatte, gab ich Vesa einen Rock und eine Bluse. Die Freude der Frau war unbeschreiblich. Da sie scheinbar nicht mehr lange zu leben hatte, bereitete ich sie auf die Taufe vor. Sie wollte auf den Namen Maria getauft werden. Als ich nach dem Grund fragte, antwortete mir die alte Frau: weil Maria die Mutter eines so wunderbaren Sohnes gewesen sei. Das gefalle ihr. Also wurde sie auf den Namen Maria Vesa getauft. Mich nannte sie von da an ihre Mutter, dabei war sie ungefähr vierzig Jahre älter als ich. Täglich ging ich mein "Kind" besuchen und brachte ihr und Matero Medizin. Als Maria Vesa wieder gesund war, besuchte sie am Sonntag die hl. Messe. Da fünf Kilometer ein weiter Weg sind und ermüdend für alte Beine, kam sie alle vier Wochen. Nur ein Gebet konnte sie lernen: "Mein Gott, ich liebe Dich!" Das genügte. "Mein Kopf ist schwer und alt", meinte sie.
Monate vergingen. Da kam die Nachricht, Matero liege im Sterben. Pater L. Bockenhoff SJ, unser Stationsmissionar, besuchte ihn und bereitete ihn auf die Reise in die Ewigkeit vor. Auch ich ging öfters zu Matero. Einmal brachte ich ihm ein weißes Hemd mit. Er freute sich, zog es aber nicht an. "Das muss man mir anziehen, wenn ich sterbe, damit ich sauber vor Gott hintreten kann." Ich fragte ihn, ob er beten könne, und schon begann er:
"Mein Gott, ich bin ausgegangen von Dir. Lass mich wieder mit reinem Herzen zu Dir zurückkehren."
Erstaunt fragte ich ihn, wer ihn dieses Gebet gelehrt habe. "Das habe ich von mir selber gelernt, als ich so lange krank war. Das macht nachdenklich." Zwei Tage später starb Matero Augustino. Natürlich besuchte ich sein altes Mütterchen Maria Vesa, um ihr mein Beileid auszusprechen. Am Eingang des Dorfes stieg ich vom Rad und ging langsam auf ihre Hütte zu. Sie tanzte vor der Hütte und schrie immer wieder: "Jetzt sind alle meine Kinder tot! Kommt doch und schaut, ob ihr einen Schmerz findet gleich meinem Schmerz!" Ergriffen von ihrem Leid blieb ich stehen. Aber schon hatte sie mich erblickt, eilte auf mich zu und sang: "Mein Herz ist wieder froh, meine Mutter ist da!" Ganz unbeholfen sagte ich ihr einige Trostworte. Ich schenkte ihr einen Rosenkranz und erklärte ihr, dass ihr Schwager - ein alter Mann, der kurz vorher getauft worden war - ihr diesen beibringen solle.
Maria Vesa ließ mich eines Nachmittags wieder rufen. Als ich bei ihr ankam, saß sie draußen vor der Hütte. Freudestrahlend kam sie auf mich zu. Sie schien kerngesund zu sein. Überrascht fragte ich, warum sie mich denn habe rufen lassen. Ganz unschuldig antwortete sie: "Ich habe Heimweh nach meiner Mutter gehabt, das ist doch auch eine Krankheit." Ich erkundigte mich, wie es ihr mit dem Rosenkranzgebet gehe. Da wurde sie verlegen und meinte etwas kleinlaut, sie lerne es. Sie nahm den Rosenkranz, fing mit der richtigen Perle an und ließ eine nach der anderen durch die Finger gleiten, bis sie fertig war. Das dauerte eine ganze Minute. "Ja, aber was sagst du denn, wenn du die Perlen hältst?" fragte ich sie. Sie erwiderte: "Mein Schwager kommt jeden Abend, setzt sich zu mir ans Feuer und lehrt mich das Gebet. Aber mein Kopf ist zu alt. Er lernt nicht mehr. Zwei Worte jedoch weiß ich. Die sage ich dann immer!" - "Wie heißen die Worte?" forschte ich nach. "Maria, Jesus! Maria, Jesus!" sagte sie. "Wer ist Maria und wer ist Jesus?" fragte ich weiter. Sie wusste es. "Das ist die Mutter und ihr berühmter Sohn!" Das also war der Rosenkranz der alten Afrikanerin.
Ich dachte einen Augenblick nach. Mir gefiel dieser Rosenkranz, doch man sollte ihn etwas ergänzen. "Schau her, Maria, das ist schon recht. Sage immer: "Maria, Jesus. Und wenn du zur großen Perle kommst, dann sage nur: Ndi no Kudayi - Ich liebe euch!" Sie probierte es, und es gelang ihr. Und so beteten wir den Rosenkranz auf ihre Weise zusammen. Dann fragte sie: "Komm ich trotzdem in den Himmel, auch wenn ich den anderen, langen nicht beten kann?" - "Aber sicher! Die Mutter Gottes und ihr berühmter Sohn wissen schon, dass dein Kopf alt ist." Da kniete sie hin, nahm meine beiden Hände in die ihren, schaute mir in die Augen und sagte: "Wirklich, meine Mutter, wenn heutzutage Menschen sterben und kommen nicht in den Himmel, dann sind sie dumm. Es ist doch so leicht."
Weisheit einer alten Afrikanerin.
(Sr.M.Kiliana OP)
Der Rosenkranz eines Kommunisten
“Johannes, es geht dem Ende zu, man kann nichts mehr unternehmen. Ihre Mutter ist zu sehr erschöpft von der Arbeit, den Sorgen und der Übermüdung. Das Herz kann von einem Augenblick zum anderen stillstehen. Sie müssen lieb sein mit ihr während der letzten Minuten, die ihr verbleiben auf dieser Erde.”
Der Arzt nimmt seine Tasche, grüßt Johannes und seine Schwester Anna und verabschiedet sich von der Familie. Er steigt in sein Auto, um einen anderen Patienten aufzusuchen.
Maria fühlte ihren nahen Tod, rief Johannes und sagte: “Mein Sohn, höre gut zu, was ich dir noch sagen will, morgen ist es vielleicht nicht mehr möglich! Du weißt, wie viel ich für dich gearbeitet habe. Mein tiefster Wunsch war, dich einmal als Priester am Altar zu sehen. Du aber hast dich, wie dein Vater, voll und ganz der Parteipolitik ergeben, bist Kommunist geworden und glaubst nicht mehr an Gott. Du bekämpst seine Kirche und kämpfst für Gerechtigkeit nach deinen Ideen. Vergiß aber nicht, mein Sohn, dass Gott mächtiger ist als du und allein weiß, was gerecht und wahr ist. Er kennt die Bedürfnisse der Menschen, die er erschaffen hat.”
Seit langem glaubte Johannes nicht mehr an Gott, aber er liebte und achtete seine Mutter, die Frau aus dem Volke, die ihr ganzes Leben den ärmlichen Hof bearbeitet hatte, damit er, Johannes, Schulen besuchen und Feinmechaniker werden konnte. Alles verdankte er seiner Mutter, die ihr Leben hingeopfert hatte, um ihn und seine Schwester Anna aus der eigenen, tiefen Armut herauszuführen. Ihr Mann war bald nach dem Krieg nach einem Unglücksfall gestorben, und Maria war Witwe geblieben.
Maria gab ihren Sohn einen Wink, näher zu ihr zu kommen. Johannes trat an ihr Bett. Sie rang nach Atem, um ihm noch zu sagen: “Mein Sohn, ich hinterlasse euch nichts, denn ich bin arm. Ihr könnt mein Haus und den großen Garten verkaufen, wenn ihr Geld benötigt, aber dir, Johannes, vermache ich ein Erbe, das keinen Preis hat, und ich möchte, dass du es stets bei dir trägst.”
Sie griff unter ihr Kissen und zog einen Rosenkranz aus Olivenholz mit einem fluoreszierenden Kreuzchen hervor, den sie ihm zur ersten heiligen Kommunion geschenkt hatte. Sie streckte ihn Johannes entgegen und sagte: “Ich habe viel gebetet für deinen Vater, für dich und Anna mit diesem Rosenkranz, und wenn du eines Tages den Glauben wieder findest, so bete für mich und für alle, die du liebst und nicht liebst und bitte Gott um die Gnade, ein gerechter und gütiger Mann zu sein, um glücklich zu werden und deinen Nächsten beglücken zu können.”
Ehrfürchtig ergriff Johannes den Rosenkranz und legte ihn wie eine Reliquie in seine Tasche. Darauf kniete er nieder vor dem Bett, nahm die Hände seiner Mutter, küßte sie und sagte: “Mutter, nie werde ich vergessen, was du für mich getan hast, für mich, meine Schwester und den Vater. Ich habe dich und deine Religion stets hochgeschätzt und ich verspreche dir, Männer und Frauen, die denken wie du, hochzuschätzen.”
Darauf erhob er sein Haupt und blickte auf seine Mutter. Mit Schrecken sah er ihr blutleeres Gesicht, das sich auf die Seite drehte, und er schrie: “Mutter!” Zu spät! Maria hatte ihre Seele Gott zurückgegeben. Wie ein Kind drückte Johannes seinen Kopf auf die Hände seiner Mutter und weinte.
Maria wurde neben ihrem Gatten auf dem kleinen Dorffriedhof beerdigt. Anna übernahm das Elternhaus und überließ die übrige geringe Erbschaft ihrem Bruder. Johannes war verheiratet und Familienvater. Er führte sein Leben als Arbeiter und tätiges Parteimitglied weiter. Es war aber nicht so sehr der Tod der Mutter, der ihn belastete, sondern vielmehr der Rosenkranz, den sie ihm gegeben hatte. Er befürchtete, dass die “Reliquie” in seiner Tasche einmal entdeckt werden könnte und dass dieser religiöse Gegenstand ihn vor seinen Genossen entlarve. So beschloss er, das Zeichen seiner frommen Jugend zu verbergen: aber wo und wie?
Er wollte ihn weder wegwerfen noch zuhause aufbewahren, wo seine Frau Angela ihn finden könnte, denn auch Angela glaubte nicht an Gott und an derartige Devotionalien. So vergrub er anlässlich eines Ausflugs in die Berge von Verona den Rosenkranz zwischen den Wurzeln eines mächtigen Baumes in der Hoffnung, dass er mit der Zeit verfallen werde. Er fühlte sich sogleich freier und entlastet von der Bürde. Es schien ihm, sein Gewissen sei erleichtert, und er habe keinen religiösen Grundsatz seiner verstorbenen Mutter verletzt.
Paul war ein junger Student an der medizinischen Fakultät der Universität von Padua. Jedes Jahr besuchte er eine seiner Tanten in Verona, um sich in den nahen Bergen zu erholen. Er liebte den Bergsport und machte weite Ausflüge in die Höhen. Als gebildeter Biologe sammelte er oft Pflanzen, vor allem Heilpflanzen, um ihre Heilkräfte zu analysieren.
So legte er sich einmal nach dreistündigem Aufstieg ermüdet, im Schatten eines mächtigen Baumes nieder. Die Sonne hatte eben den Zenith erreicht. Da schmerzte ihn ein harter Gegenstand. Er erhob sich und tastete im Moos der Baumwurzeln. Er entdeckte einen Rosenkranz mit Olivenholzkügelchen, der völlig intakt zu sein schien. Paul nahm ihn auf und dachte, dass er aus der Tasche eines Alpinisten gefallen sei, der sich kurz vor ihm zu Füßen des herrlichen Baumes niedergelassen hatte.
Paul war der Religion gegenüber eher gleichgültig. Nur selten wohnte er einer heiligen Messe bei und den Empfang der kirchlichen Sakramente hatte er aufgegeben. Immerhin war jetzt sein erster Gedanke, den Rosenkranz auf einen Marienaltar in einer Kirche in Verona niederzulegen. So könnte eine fromme Seele ihn finden und würde einen besseren Gebrauch mit diesem Gebetshilfsmittel machen als er selbst. So dachte und so getan nach seiner Rückkehr in Verona: Er legte den Rosenkranz, den wenigen Betern gut sichtbar, auf den Marienaltar.
Paul war ein guter Kenner der hochbarocken Kunst. Er verweilte einige Augenblicke voller Bewunderung vor dem Bilde über dem Altar, das die allerseligste Jungfrau Maria mit dem Jesuskind darstellte: Die Farben und die edlen Gesichtszüge der Gestalten zogen den künftigen Arzt in ihren Bann, der nachzudenken begann über die Größe Gottes und die Herrlichkeit Marias, deren beeindruckenden Züge im Bild alle Seiten einer unermesslichen Barmherzigkeit zum Ausdruck brachten. Versunken in diese Betrachtung, vergaß er den Rosenkranz und verließ die Kirche, um zu seiner Tante zurückzukehren.
An diesem Abend sah er von neuem das Antlitz der Madonna, das unendliche Barmherzigkeit ausstrahlte, und die überirdische Schönheit des Gotteskindes. Und er sagte zu sich selbst, dass die Künstler der vergangenen Jahrhunderte einen überaus tiefen Glauben haben mussten, um so herrliche Meisterwerke hervorbringen zu können. So kam ihm sein Rosenkranz wieder in den Sinn und er fragte sich, ob er noch auf dem Altar Mariens liege.
Einige Tage später drängte ihn die Neugierde wieder hin zur Kirche, in der er sich sogleich zum Marienaltar begab. Sein Rosenkranz hing noch an einem Kerzenstock unter dem Gemälde der Madonna. Paul nahm ihn in die Hand und prüfte ihn genau. Er versuchte zu beten, wie er es von seiner Mutter gelernt hatte, und furchtsam begann er zu sprechen: “Gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnade; der Herr ist mit dir; du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus.”
Er war selbst überrascht, dieses Gebet im Gedächtnis zu haben, das er seit Jahren nicht mehr wiederholt, das aber sein Gedächtnis wie einen Schatz bewahrt hatte, um ihn der Madonna unter solch banalen, aber doch eigenartigen Umständen darzubieten. Darauf ballte er seine Hand um den Rosenkranz, blickte noch eine Weile in das Antlitz der Gottesmutter und schob ihn in seine Tasche. Er grüßte Maria und Jesus mit einem Kreuzzeichen und entfernte sich eilig.
Diesen Rosenkranz unter dem Marienbild begann er als ein Geschenk der Madonna, das nun ihm, Paul, gehörte zu betrachten: All dies schien ihm sehr geheimnisvoll zu sein. Er fragte sich, wer den Rosenkranz so gut sichtbar an den Kerzenstock gehängt hatte und warum? Er fand keine Antwort auf diese Fragen, begriff jedoch, was für den Menschen Geheimnis ist, ist Klarheit vor Gott, der in seiner unendlichen Güte das geringste Mittel nicht übersieht, das uns hilfreich sein kann, seine väterliche Liebe nicht zu vergessen und uns auf den Weg zum Himmel zu geleiten.
Paul war ein intelligenter junger Mann, etwas grüblerisch veranlagt, mit scharfem Verstand. Er wollte Beweise haben für alle Behauptungen: Er hatte den Rosenkranz gefunden, und die Ehrfurcht, ihn Maria anzuvertrauen. Und die allerseligste Jungfrau hatte ihm denselben auf geheimnisvolle Weise zurückgegeben. Und wie früher als Kind, hatte er ein “Ave Maria” gebetet. Das alles musste für ihn doch eine Bedeutung haben, denn Gott veranlasst nichts für nichts, sagte er zu sich selbst.
Nach seiner Rückkehr nach Padua fand er bei seiner Mutter ein Meditationsbüchlein über die Mysterien des Rosenkranzes. Die Mutter war nicht wenig erstaunt vom wiedererwachten Interesse ihres Sohnes für religiöse Dinge, denn seit Jahren hatte er keine Kirche mehr betreten.
Vorerst aber entsprach Paul seinem wiedererwachten religiösen Bedürfnis nur in der Stille seines Zimmers vor einem Bild Unserer Lieben Frau, wo er oft einen Zehner des Rosenkranzes betete in der Betrachtung des biblischen Mysteriums. Langsam entdeckt er den Reichtum dieses Gebetes und seine übernatürliche Kraft und begann, täglich die freudenreichen Geheimnisse und schließlich die schmerzvollen und die glorreichen Mysterien zu beten. Dieses betrachtende Beten zwang ihn sozusagen, sich in das Neue Testament zu vertiefen, das in ihm noch nicht ausgelöscht war, sondern unter der Asche gleichsam noch glühte.
So begann Paul mit einem wieder gefundenen Leben des Glaubens und des Betens, zum Erstaunen der ganzen Familie und der zahlreichen Studienkameraden. Aus seinen Betrachtungen schöpfte er die Kraft, seinen Studien rasch zu vollenden und schon in jungen Jahren war er den Kranken, die sich ihm anvertrauten, ein sorgfältiger, pflichtbewusster und väterlicher Arzt.
Erschüttert durch den Tod eines Kindes, das er mit voller Hingabe betreut hatte, begriff er die Grenzen seiner Kunst und lange hörte er die Worte des kleinen Antonio in den Ohren: “Doktor, diese Nacht ist gewiss die letzte für mich, und morgen bin ich im Himmel dank ihres Rosenkranzes.” Ergriffen von dieser Aussage, begann Paul zu überlegen und kam zu dem Schluss, dass seine Aufgabe nicht nur darin liege, den Leib zu heilen oder Leiden zu erleichtern: seine Berufung bestehe in der Rettung der Seele.
Am folgenden Tag wohnte er in der Spitalkapelle der heiligen Messe bei. Er fühlte sich von Gott berufen, ihm sein Leben zu schenken und Priester zu werden. Er sprach mit seiner Familie, die glücklich war über den Aufsehen erregenden Entschluss Pauls. Darauf trat er in das Priesterseminar ein, um Theologie zu studieren, blieb stets seinem täglichen Rosenkranz treu und wurde nach vier Jahren zum Priester geweiht.
Nach kurzer Tätigkeit als Pfarrvikar wurde er zum Pfarrer einer Dorfgemeinde ernannt, wo ihm zugleich die Seelsorge in einem größeren Spital anvertraut war. Er verstand es, die kranken Männer, Frauen und Kinder geduldig anzuhören und sie mit priesterlicher Väterlichkeit und eifrigem Gebet zu betreuen.
Johannes hatte den Rosenkranz seiner Mutter längst vergessen. Er war von der Partei ausgezeichnet worden und vertrat nun die Gewerkschaft in der kleinen Fabrik. Maßlos hatte er sich eingesetzt bei der Organisation von Streiks, bis das Unternehmen den Betrieb schließen musste. Die Arbeiter waren aufgebracht, und Johannes wurde zum Sündenbock für die Arbeitslosigkeit abgestempelt. Man warf ihm Unfähigkeit für die Verhandlungen vor, es fehle ihm am Verantwortungsbewusstsein und er sei mitschuldig für den Konkurs ihres Arbeitgebers.
Johannes wurde krank. Vorerst wurde er gepflegt wegen seiner Depressionen und später wegen Magengeschwüren. Schließlich musste er sich einem chirurgischen Eingriff unterziehen. Schon lange siechte er nun im Spital dahin, ohne Lebenskraft und Lebensmut, von allen verlassen. Durch körperliche und seelische Leiden ans Bett gekettet, dachte er nach über sein bisheriges Leben. Wie auf einem Film sah er jedes Bild seines traurigen Daseins: die unglückliche Kindheit, den Tod des Vaters, den Kummer und die Sorgen seiner Mutter und ihres Tod, den Eintritt in die Partei, die Begegnung mit Angela, die armselige Ehe und ihre Zerrüttung, sein Versagen in der Gewerkschaft und seinen Austritt aus der Partei und heute: sein Elend auf seinem Spitalbett!
Johannes war dem Weinen nahe und er erinnerte sich der Worte seiner Mutter: “Es war mein sehnlichster Wunsch, dich einmal als Priester am Altar zu sehen!” Die arme Frau hatte alles für ihn getan, ihm dazu die Mittel zu verschaffen und hatte ihm sogar ihren Rosenkranz geschenkt. Doch Johannes war einen anderen Weg gegangen: Er hatte das Beten aufgegeben und sich vom Glauben und von Gott entfernt. Er wollte sein Glück unter den Menschen suchen und dachte aufrichtig, dass die Partei ein gutes und sicheres Mittel sei, ihr materialistisches Heil zu verwirklichen.
Auf seinem Spitalbett erkannte Johannes nun, dass die eingeschlagene Richtung ausweglos und es jetzt zu spät sei, zu einem neuen Leben umzukehren. Da trat Gott in seiner unendlichen Liebe ein weteres Mal in sein Leben, um ihn einzuladen, seinem barmherzigen Anruf zu entsprechen. Es klopft an die Zimmertür, und Johannes erwiderte mit matter Stimme: “Ja, treten Sie ein!”
Johannes erwartete den Besuch eines Arztes, eines Krankenpflegers oder einer Ordensfrau mit einer weißer Flügelhaube, sah aber im Türrahmen einen schwarz gekleideten Mann mit weißem Kragen: einen Pfarrherrn, einen echten Pfarrer, dessen Ideen er bekämpft hatte. Einer seiner schlimmsten Feinde besuchte ihn in seiner tiefsten Verzweiflung und Verlassenheit. Johannes wollte ihm mit allen ihm noch verbleibenden Kräften zurufen: “Nein, nicht Sie! Lassen Sie mich in Frieden! Treten Sie nicht in mein Zimmer!” Doch, wie wunderbar, er brachte kein Wort über die Lippen und war selbst überrascht durch den Gruß des Priesters, der ihn mit seinem Vornamen nannte, wie wenn er ihn seit langem gekannt hätte. “Grüß Gott, Johannes! Ich bin der Priester und heiße Paul.”
Immerhin, so dachte Johannes, es scheint ein aufrichtiger Mann zu sein, voller Mut und Einfachheit. Johannes hatte seinerzeit der Mutter versprochen, die Priester und die Gläubigen zu respektieren, er hielt sich an sein Versprechen und erwiderte: “Guten Tag, Herr Pfarrer! Darf ich erfahren, warum Sie mich besuchen? Ich bin doch Atheist und Kommunist!”
Paul antwortete freundlich: “Pater Alexander, der Spitalseelsorger, ist für drei Wochen vereist zur Erholung in seiner Familie in Rom, und ich vertrete ihn für diese Zeit. Ich wusste nicht, dass Sie Atheist und Marxist sind. Wenn meine Anwesenheit Sie ärgert, will ich mich zurückziehen.”
Johannes hatte nichts gegen diesen Mann. Er war Pfarrer, und nur der Glaube ärgerte ihn. Er war ein Mann wie viele andere und schien eher sympathisch zu sein. Und da er sich sehr einsam fühlte, blickte er ihn an und sagte wie so nebenbei: “Oh, Sie können bleiben, wenn Sie es wünschen. Ich aber habe ihnen nichts zu sagen!”
Paul dankte mit einem Lächeln und fragte freundlich: “Ärgert es Sie, wenn ich schweigend neben ihnen bete?”
Der Kranke schien von dieser Frage überrascht zu sein und antwortete: “Das ist mir gleichgültig. Tun Sie, was Sie wollen!”
Paul nahm sein Brevier aus der Tasche und begann für diese Seele zu beten, die wohl viel gelitten hatte und die Gott allein zur Umkehr bewegen konnte. Nach einer guten halben Stunde innerlichen Betens klopfte es an der Tür: “Herein, bitte” rief Johannes. Zwei Caritas-Schwestern betraten das Zimmer, um Johannes zu pflegen. Paul erhob sich, dankte dem Kranken für seinen Empfang, nahm Abschied von ihm und den beiden Krankenschwestern und versprach, wiederzukommen.
Nach dem Abendessen begab sich Paul in die Kapelle des Spitals, um zu beten und zu meditieren, als einen Krankenschwester eintrat, um ihm zu sagen, dass der Patient im Zimmer 17 in ein Delirium gefallen sei. Paul machte eine ehrfürchtige Kniebeuge und stieg hinauf in den zweiten Stock. Ohne anzuklopfen öffnet er die Tür von Zimmer 17 und sieht Johannes fahl und wie sterbend. Mit röchelnder Stimme ruft er: “Ich will Pfarrer Paul sehen! Ich will Pfarrer Paul sehen!” Paul beschwichtigte den Kranken: “Ich bin da, Johannes! Ich bin da, mein Freund!”
Der Sterbende beruhigte sich und hörte auf zu röcheln. Eine leichte Beruhigung trat ein und schien die heftige Krise, die Johannes erlebte, zu dämpfen. Paul schwieg, nahm den Rosenkranz aus der Tasche und flehte zu Maria um Hilfe für den Sterbenden: “Heilige Maria, Muttergottes, stehe dem armen Sünder bei in der Stunde seines Todes! Möge es der Wille deines Sohnes sein!
Indessen war Johannes eingeschlafen und schlief eine gute Stunde. Die Ruhe ließ ihn nach der fürchterlichen Krise wieder etwas zu Kräften kommen. Der Mann hatte sein Leben lang viel getrunken und in seinem Leben viel geraucht. Sein dunkelroter Teint und seine gelblichen Finger hatten Paul, den ehemaligen Mediziner, nicht getäuscht. Er rechnete jeden Augenblick mit einem Lungenödem.
Johannes drehte sich zu dem Priester hin, und im Halbdunkel der Nachtbeleuchtung sah er etwas in seinen Händen glänzen. Es war weiß und fluoreszierend. Da fragte er ihn: “Was machen Sie da, Herr Pfarrer?” Paul erwiderte: “Ich bete meinen Rosenkranz für Sie.” Und der alte Mann horchte auf und sagte ihm: “Meine Mutter betete auch jeden Abend mit diesem frommen Gegenstand.”
Paul ging darauf ein und fragte: “Ihre Mutter war also katholisch?” Johannes erwiderte: “Ja, und sie hat mich sogar die Rosenkranzgebete gelehrt, aber ich habe sie ganz vergessen.” Bei diesen Worten legte er den Kopf auf das Kissen und rief mit trockenen Mund: “Ich habe Durst! Ich habe Durst! Bitte, zu trinken! Bitte, zu trinken!”
Paul legte seinen Rosenkranz auf den Nachttisch und füllte ein Glas mit Mineralwasser, um es Johannes hinzuhalten. Dieser setzte sich in seinem Bett auf, wandte sich etwas zur Seite, um das Glas zu nehmen und bemerkte den Rosenkranz aus Olivenholz mit dem fluoreszierenden Kreuz, den seine Mutter ihm vor 40 Jahren gegeben hatte. Da vergaß er zu trinken und rief plötzlich aus: “Aber das ist ja der Rosenkranz meiner Mutter!” Paul war zutiefst überrascht und sagte ihm, dass er den Rosenkranz vor etwa 35 bis 40 Jahren unter einem Baum im Gebirge gefunden habe.
Johannes erzählte ihm nun seine Geschichte: das Vermächtnis seiner Mutter, nämlich dieser Rosenkranz, den Wunsch seiner Mutter, ihren Sohn als Priester zu sehen; seine Abneigung, diesen kompromittierenden religiösen Gegenstand zu behalten, und wie er sich bei einem Spaziergang in den Bergen seiner erledigt hatte. Dabei rief Johannes aus:
“Von da an fühlte ich mich freier, aber nicht glücklicher. Mein Leben war tatsächlich nichts als Elend, Bloßstellung und Leid. Ich glaubte an das Marxistische Ideal und dachte ernsthaft, es könne Gerechtigkeit und Loyalität unter den Menschen sicherstellen. Ich habe es bis zum Schluss verteidigt und glaubte immer an seine Wirksamkeit.
Ich wollte Gott und seine Kirche bekämpfen, denn ich glaubte, die Religion sei Opium für das Volk, wie der Genosse Karl Marx verkündet hatte. Heute aber weiß ich, Herr Pfarrer, dass das besagte Opium eine Lüge ist, die das Gewissen einschläfern und ein schönes Leben vortäuschen soll, das nie Wirklichkeit werden kann, außer in einem Leben der Wahrheit, der Menschenwürde, der Furcht Gottes und der Liebe des Nächsten.
Sie sind gewiss erstaunt, Herr Pfarrer, mich so sprechen zu hören. Ach, aber ich sehe immer wieder meine Mutter mit dem Rosenkranz in der Hand, den sie sooft gebetet hat. Mit eindringlicher Stimme sagte sie einmal zu mir: “Mein Johannes, du darfst nie vergessen, dass die Grundlage der Gerechtigkeit das Gebet ist. Wenn wir nicht beten, bleiben wir böse und ungerecht untereinander!” Das ist jetzt auch meine Überzeugung. Meine Mutter hatte recht!”
Paul hörte ihm in einem ehrfurchtsvollen, ja heiligen Schweigen zu, und als er zu sprechen aufgehört hatte, antwortete er ihm: “Johannes, ich muss dir zutiefst dankbar sein, denn ohne dich hätte ich vielleicht mein Leben verfehlt. Ich wäre Arzt geblieben und hätte versucht, die Kranken so gut wie möglich zu pflegen. Ich hätte es zu einem ordentlichen Wohlstand gebracht und einen guten Ruf erworben als Mediziner, doch wahrscheinlich meinen Glauben verloren. Ich hätte für die materiellen Belange gelebt, statt für meine Seele und die Seelen Dank deinem Rosenkranz habe ich meinen Glauben wieder gefunden und während des Studiums der Medizin meine wahre Berufung erkannt und bin Priester geworden: der Priester, der du, Johannes, nach dem tiefsten Wunsch deiner Mutter hättest werden sollen…”
Auf diese Worte füllten sich die Augen des greisen Johannes mit Tränen, und schluchzend antwortete er: “Sie haben also meiner Mutter das “Ja” gesagt, das sie von mir erwartet hatte, indem sie ihren Rosenkranz benützt haben. Und ihr Leben ist völlig geglückt, während das meine, weil ich den Rosenkranz vergraben habe und von Gott und der Gottesmutter nichts mehr wissen wollte, verpfuscht blieb. Was kann ich noch tun? Ich kann es nicht mehr von neuem beginnen. Ich werde übrigens bald sterben und als völliger Versager enden!”
Paul blickte ihn voller Erbarmen an und antwortete: “Johannes, nur Gott allein kennt den Wert ihres irdischen Lebens, vielleicht ist es schöner und wertvoller als das meine. Der Herr wird uns richten nach unserem Sterben gemäß unserer Liebe und unseren guten Absichten. Ihr Leben war ein Kampf für Gerechtigkeit und die Menschenwürde auch unserer Ärmsten. Sie haben versucht, auf ihre Weise zu lieben, und selbst wenn die Menschen Sie getäuscht haben bezüglich der anzuwendenden Mitteln und der gesteckten Ziele, wird Gott Sie richten und belohnen nach ihren Verdiensten.
In dieser Nacht ist mir bewusst geworden, dass ich Priester geworden bin für Sie, um ihnen zu sagen, dass Jesus Christus auch für Sie gestorben und auferstanden ist, dass er Sie mit unendlicher Liebe liebt, dass er in seiner grenzenlosen Barmherzigkeit wünscht, seine Herrlichkeit im Himmel mit ihnen zu teilen, wenn Sie nur einverstanden sind, an ihn zu glauben und ebenso an seine Liebe für Sie. Ihr irdisches Leben kann in nichts verglichen werden mit dem Leben, das Sie in der Ewigkeit erwartet, und es ist noch nicht zu spät, Johannes, den Rosenkranz ihrer Mutter zurücknehmen und beten zu lernen zu Gott und seiner Mutter.”
Der Greis genährt von diesen Worten und der Gnade Gottes, die ihm die ganze Fülle des ewigen Lebens geoffenbart hatte, erwiderte: “Paul! Ich kann nicht mehr beten, Herr Pfarrer. Beten Sie an meiner Stelle.” Der Priester war beglückt von dieser Antwort und begann das Vaterunser zu beten und Johannes, der den Rosenkranz seiner Mutter in der Hand hielt, bemühte sich, jedes Wort aus ganzem Herzen zu wiederholen. Als sie zur Bitte gelangten: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern! Rief Johannes aus: “Mein Gott, mein Gott, vergib mir alles Böse, das ich Dir angetan, und ich vergebe allen, die mir in meinem Leben wehgetan haben!” Kaum hatte er diese Worte gesprochen, begann eine heftige Krise ihn zu schütteln. Der Priester-Arzt verabreichte ihm eine Spritze, und die Spasmen wurden schwächer.
Der Geistliche wachte bei ihm während der ganzen Nacht. Er betete zu Gott und Maria, und bat um ihren Beistand für Johannes. Er wurde erhört. Gegen sechs Uhr morgens öffnete Johannes die Augen und sah den Priester, müde, doch lächelnd an seiner Seite und mit ruhiger Stimme sagte er zu ihm: “Ich danke ihnen, Herr Pfarrer Paul! Ich hatte Angst vor dem Sterben, doch jetzt beginne ich zu hoffen. Ich weiß, dass ein anderes Leben mich erwartet, das ich nicht verfehlen möchte. Auf Wiedersehen, Paul! Oben werde ich Sie wieder sehen!”
Das waren seine letzten Worte. Sein Haupt fiel schwer auf das Kissen. Johannes war eingegangen in sein höheres, ewiges Leben, wo seine Mutter ihn erwartete. Paul legte den Rosenkranz um seine gefalteten Hände.
Da traten zwei Caritas-Schwestern in das Zimmer Nummer 17 ein, um Johannes zu versorgen. Der Priester kniete am Bett, erhob sich und sagte: “Johannes ist soeben gestorben.” Eine Schwester ruft aus: “Wußten Sie, Hochwürden, dass er Atheist und Kommunist war?” Paul antwortete freundlich: “Heute weiß ich, Schwester, dass Johannes als Seliger im Hause des Vaters weilt und dass ich ihm mein Priestertum verdanke.”
Darauf verabschiedete er sich von den Ordensfrauen, begab sich in die Kapelle, um die heilige Messe zu feiern und Gott und seiner heiligen Mutter zu danken für die Rettung dieser Seele.
(Aus: “Mater Nostra”)
"Die Madonna wird ihn retten"
Don Cafasso, der heilige Pfarrer von Turin und Beichtvater Don Boscos, hatte den Mörder Carlo Demichelis zum Galgen zu begleiten:
Es war am Morgen des 13. März 1856. Der Verurteilte hatte stets geflucht und die Sakramente verweigert. Don Cafasso nahm auf dem Arm-Sünder-Karren neben ihm Platz. Der Verbrecher saß teilnahmslos da. Beim Vorbeiziehen an der Kirche Al Carmine gab man nach altem Brauch dem Vorbeiziehenden den Segen mit dem heiligsten Sakrament. Der Mörder rührte sich nicht. Als der Karren durch die Via del Carmine fuhr, machte der Gefesselte beim Haus Nummer 8 eine tiefe Kopfverneigung. Dort war an der Wand ein Muttergottesbild angebracht, die sogenannte "Consolata". Von seiner Mutter war er im Bubenalter angehalten worden, vor dem Bild immer die Mütze abzunehmen. Der Verurteilte war willig wie ein Kind, und ehe der Karren an der Richtstätte angekommen war, war seine Seele mit Gott versöhnt.
(Sträter, Maria im Christenleben, Paderborn 1951)
Er konnte den Satz nicht mehr vollenden
Es war am 8. Juni 1975. Im Führergehäuse der 2000-PS-Lokomotive hatte sich der zitternde Zeiger des Geschwindigkeitsmessers auf die Zahl 70 eingependelt. Die Bahnstrecke zwischen den oberbayerischen Orten Schaftlach und Warngau glich mit ihren Schienen und Schwellen einer liegenden Riesenleiter.
Nach einer Reihe von tristen Regentagen hatten die Wetterfrösche, sowohl grünhäutige Tierchen als auch gelehrte Meteorologen, recht behalten: Mit einem kräftigen Hoch waren östliche Winde gekommen. Sie hatten den wolkenverhangenen Himmel blankblau gefegt.
Jetzt, da die Sonne mit ihrem Purpurgepränge sich dem westlichen Horizont allmählich näherte, waren gutgelaunte Menschen auf der Heimfahrt von Besuchen und Ausflügen. Die Reisenden hatten den Tag voll Licht und Glast genutzt, den Häuserschluchten Münchens zu entrinnen. Sie gedachten zufrieden der erholsamen Stunden, die ihnen geschenkt gewesen. Oder die Gedanken des einen oder anderen eilten schon den beruflichen Aufgaben der kommenden Woche voraus.
Solcherweise an Vergangenes oder Zukünftiges denkend erahnte niemand im mindesten, dass sein irdisches Dasein von einer zur anderen Sekunde zerrann wie die rieselnden Körner einer Sanduhr. Denn dieser und jener Reisende fuhr auf rollenden Rädern in den Tod.
Die Schiebetür eines Waggons wurde geöffnet. Ein rotglänzendes, breites Bandelier quer auf der Brust und mit einem barocken Bäuchlein behaftet, erschien der Schaffner. Er ging, in der Hand eine Kneifzange, durch den schmalen Mittelgang zwischen den beiden Bankreihen und wiederholte sein Sprüchlein: "Die Fahrkarte bitte."
Ein junger Mann hob den Blick von den noch nicht bekritzelten Feldern eines großen Kreuzworträtsels und zeigte seine Fahrkarte her. Sein blonder Bart und sein schulterlanges, gekräuseltes Haar ließen an das berühmte Selbstbildnis von Albrecht Dürer denken, das irgendwie von Nürnberg in den Madrider Prado gelangt war. "Wo hab ich mein Billet hingetan?" fragte sich selbst eine alte Frau, die dem Dürer-Doppelgänger gegenüber saß. Sie begann in einer Handtasche herumzukramen.
"Lassen Sie sich nur Zeit", sagte gemütlich der Schaffner. Allerlei Dinge kamen zum Vorschein: Taschentuch, Augengläser, Schlüsselbund, Personalausweis und endlich der Geldbeutel mit der Fahrkarte. Zugleich fiel ein Rosenkranz auf den Boden. An der Perlenkette hing ein Kreuz aus dunklem Ebenholz. Aus feinem Silberfiligran waren die Kugeln für die Vaterunser, die anderen aus bläulich-weißem Perlmutt.
Der junge Mann bückte sich und hielt den Rosenkranz in seinen Händen. "Als Kind hab ich auch ein solches Maskottchen gehabt", zog er einen spöttischen Vergleich mit albernen Amuletten, Glücksbringern und anderem Firlefanz, mit dem abergläubische Leute sich behängen. "Aber wer hat heut noch einen Ro..."
Das Wort kann nicht vollendet werden, denn in diesem Augenblick prallt der Zug in voller Fahrt mit einem anderen zusammen. Ein jäher Ruck reißt den jungen Mann von seinem Sitz. Das schreckliche Geschehen verwandelt das Innere des Waggons in eine Stätte der Zerstörung. Es tobt ein ohrenbetäubender Aufruhr von Geräuschen, ein Poltern, Bersten, Krachen, ein Klirren von zerbrochenen Fenstern. Der ganze Waggon wird von heftigen Stößen durchgerüttelt. Gepäckträger und Stützstangen verkeilen sich ineinander. Es ist, als sollte alles zertrümmert und zermalmt werden.
Da und dort sind stumme Gestalten. Ihnen kann nicht mehr geholfen werden. Sie sind auf eine weite Reise geschickt worden, von der es keine Rückkehr gibt.
Aus kurzer Bewusstlosigkeit erwachend, verspürt der junge Mann einen stechenden Schmerz in der Brust. Blut quillt aus einer klaffenden Platzwunde im Gesicht. Er hört die verzweifelten Hilferufe der Verletzten. Auch er kann sich einer wilden Angst nicht erwehren. Es ist die Furcht, sterben zu müssen. Noch umkrampfen seine Finger den Rosenkranz der alten Frau. Vor wenigen Minuten hat er ihn als lächerliches Maskottchen verspotten wollen. Jetzt aber beginnt er in seiner Not zu beten. Neununddreißig Menschen fielen jenem Eisenbahnunglück am Sonntag, dem 8. Juni 1975, zum Opfer.
Der junge Mann war nicht unter ihnen. Vier Wochen später wurde der Verunglückte, von einer Gehirnerschütterung und von inneren Verletzungen geheilt, aus einem Krankenhaus entlassen. Nicht wissend, ob sie noch am Leben war, begann er nach der alten Frau zu fragen und zu suchen. Seine Bemühungen hatten Erfolg. Er fand sie in einer Münchner Klinik. Innerlich gewandelt, gab er ihr mit Worten des Dankes den Rosenkranz zurück.
Ein weltberühmtes Marienwunder
Zu Saragossa befindet sich nahe der Basilika "Unserer Lieben Frau vor der Säule" eine Straße, genannt "Calle del Milagro", als Andenken an ein einzig schönes Marienwunder, worüber 20 Ikonographien und reichhaltige Dokumente bestehen als Folge der entsprechenden kanonischen Untersuchungen.
Es handelt sich hier um ein amputiertes Bein, das nach Jahren auf die Fürbitte Marias durch Engelshand neu aufgepfropft, neues Leben gewann, eine klare Antwort der Mutter Gottes an all die Ungläubigen, die behaupten: "Man hat noch nie eine echte und wahre Wundertat gesehen, z.B. ein abgeschnittenes Bein, das zu neuem Leben wiedererstand."
Das oben erwähnte Wunder belehrt uns eines Besseren. Miguel Juan Pellieer heißt der glückliche Auserwählte, der diese Wundertat Mariens am eigenen Körper erlebte. Es war um das Jahr 1636, als sich der 17jährige entschied, das Landgut seiner Eltern zu verlassen und nach Casteleon-de-la-Planta (Valencia) zu wandern, um bei seinem Oheim Jaime Polaseo Arbeit zu finden.
Mitte 1637 hatte er das Unglück, unter die Räder eines schwerbeladenen Fuhrwerkes zu kommen und sich das rechte Bein zu brechen. Sofort brachte man ihn in das Spital von Casteleon-de-la-Planta und später in das Krankenhaus von Saragossa, um Linderung und Heilung zu finden, denn das Bein schmerzte ihn sehr und eiterte beständig. Da aber keine Besserung eintrat, musste man ihm Ende Oktober 1637 das Bein amputieren. Der Arzt, Prof. Diego Millaruelo, kannte kein anderes Mittel mehr, um ihm das Leben zu retten, und so entschloß er sich zu dieser Beinabnahme. Das amputierte Bein wurde von seinem ersten Assistenten Juan Lorenzo Gareia und in Gegenwart mehrerer Zeugen auf dem Hospitalfriedhof beerdigt.
Nach einigen Monaten war die Beinwunde soweit verheilt, dass der arme Invalide auf Krücken das Spital verlassen durfte. Da er jedoch mittellos und auf sich allein angewiesen war, beschloß er, in Saragossa zu bleiben. Hier konnte er täglich zu Unserer Lieben Frau vor der Säule pilgern, die er so sehr verehrte, und hier konnte er auch bettelnd sein Brot verdienen. Man nannte ihn bald den hinkenden Bettler Unserer Lieben Frau del Pilar.
Jeden Morgen sah man ihn bei der wundertätigen Madonna, wo er innig betete, und seine Wunde mit Öl der ewigen Lampe bestrich. Eine dürftige Ruhestätte diente ihm als Nachtquartier in dem Hause eines mitleidigen Menschen, H. Domingo Martin. Dort entdeckten ihn später zwei Priester und einige Bekannte aus seiner Heimat. Sie überredeten ihn, wieder nach Hause zu fahren, und zwar auf einem Maulesel, den sie ihm zur Verfügung stellten. Betend und stets Maria seine Leiden aufopfernd fuhr er dann heimwärts über Fluentas de Ebro, Quinto und Samber de Calando. Es war im Jahre 1640. Die Seinen empfingen ihn mit großer Freude. Um ihnen jedoch nicht zur Last zu fallen, fuhr der arme Invalide jeden Tag bettelnd hinaus und brachte abends genügend Proviant mit nach Hause. Sein Hauptziel war aber stets die Madonna del Pilar, deren Bild er überall aufsuchte und wo er dann stundenlang verweilte.
Am 26. März des gleichen Jahres kehrte er tief ermüdet von seiner Bettelreise nach Hause zurück. Ganz erschöpft nahm er gegen 10 Uhr abends sein hölzernes Bein ab und legte sich mit Hilfe seiner Mutter auf ein improvisiertes Bett, denn sein Bett war von einem einquartierten Soldaten belegt. Nachdem er sein Abendgebet verrichtet und Maria mit einer Sonderbitte angefleht hatte, schlief er endlich todmüde ein.
Da jedoch die Mutter etwas unruhig war wegen ihres so ganz erschöpften Sohnes, ging sie noch um 11 Uhr schauen, ob der Mantel des Vaters, den man ihm als Decke gegeben hatte, ihn gut einhüllte. Da bemerkte sie zu ihrem größten Schrecken, dass zwei Füße sichtbar waren. Voller Angst und im Glauben, ein Soldat habe sich dort versteckt, reif sie ihren Mann herbei. Dieser versuchte die schreiende Mutter zu beruhigen, hob ganz bestürzt den Mantel empor. Er versuchte nun den Sohn zu wecken, was ihm erst nach vieler Mühe gelang. Nur langsam konnte er ihm beibringen, dass er wieder zwei Beine hätte.
Auf die verschiedenen Fragen antwortete der Sohn nur, er habe am Abend ganz innig Maria um die Gnade seiner Heilung angefleht und sei dann eingeschlafen. Während der Nacht habe er eine Art Schauung gehabt. Er sei in der Gnadenkapelle von Unserer Lieben Frau del Pillar von Saragossa gewesen und habe den Beinstumpf mit dem wunderbaren Öl der Marienlampe eingerieben. (Der Geschichtsschreiber Petrus Newrath, der das Wunder untersuchte, fügte noch hinzu: "Der Vater hat sofort ausgerufen: 'O mein Sohn, danke dem lieben Gott und Maria, denn die Himmelsmutter hat dir dein Bein wiedergeschenkt.'")
Das großartige Wunder verbreitete sich sofort von Mund zu Mund. Alles eilte herbei, um die Wundertat Marias anzuschauen. Prozessionsweise gingen sie dann mit dem noch hinkenden Miguel Juan Pellieer zur Kirche, um dort Gott und Maria für diese Gnade zu danken. Der Geheilte hatte nach drei Jahren sein altes Bein mit allerlei Wundmalen früherer Zeiten und dem neuen rötlichen Kreis des Zusammenheilens wiedererlangt. Die perfekte Gehfähigkeit kehrte jedoch erst nach und nach zurück. Eine kleine Zeitspanne war notwendig, bis er nach allerlei Übungen wieder wie früher gehen und laufen konnte. Es war jedoch wunderbar, wie das geheilte Bein in allen Teilen dem amputierten glich, das drei Jahre lang in der Totengruft gelegen hatte. Alle Ärzte, die es früher gesehen hatten, erkannten in ihm das frühere abgeschnittene Bein mit den gleichen Narben und Farben.
24 Zeugen meldeten sich zur Bejahung des wunderbaren Geschehens. Der Bischof Msgr. Apaolaza ordnete eine kanonische Untersuchung an, die bis April 1641 tagte. Sämtliche Ärzte äußerten dort ihre diesbezügliche Meinung. Der Erzbischof von Saragossa bestätigte das Ganze und proklamierte am 27. April 1641 die Echtheit des Wunders. Der Kardinal Retz und der Arzt Roger taten ein Gleiches. In den Archiven von Saragossa findet man sämtliche diesbezüglichen Dokumente, die als Kopie in der Dorfkirche von Calanda aufbewahrt werden.
Unter den 24 Gemälden, die das wunderbare Ereignis bildlich darstellen, befindet sich eines, das die Engel zeigt, wie sie das abgeschnittene Bein aus dem Grab erheben und es wieder an den Oberschenkel des Invaliden aufpfropfen. Ein weiteres Gemälde zeigt, wie König Philipp IV. in seinem Schloß zu Madrid in Gegenwart aller Hofherren und Hofdamen das geheilte Bein Miguels kniefällig betrachtet und die Wunde küßt.
Denkt man ernstlich nach über das Geschehen, so muss man gestehen: Hier sind drei Wunder zu verzeichnen:
1. die Konservierung des amputierten, unverwesten Beines,
2. dessen Wiederbelebung, und
3. das Aufpfropfen desselben auf den Beinstumpf.
Maria hatte großzügig und allseitig geholfen. Ihr sei Ruhm und Dank in Ewigkeit!
(Dr. Schons, OSB)
Beim Betrachten einer Kreuzwegstation wurde eine Mutter auf ihr Leid vorbereitet
Von einer mir befreundeten Familie möchte ich ein Ereignis berichten, das mich sehr bewegte:
Der einzige Sohn einer wohlhabenden Familie verunglückte vor einigen Jahren tödlich. Es war ein Sekundentod. Der Vater verkraftete diesen Schicksalsschlag gelassen, doch die Mutter war davon sehr getroffen. Wir alle rechneten damit, dass sie an diesem Leid zerbrechen würde, aber sie trug es mit einer bewundernswerten Stärke. Sie ist eine große Marienverehrerin, die sich aus dem Gebet und dem heiligen Messopfer ihre Kraft für den harten Alltag holt.
Einige Monate nach dem Unfall erzählte sie mir folgendes: "Ich war an dem schicksalsschweren Tag im Kloster in der Frühmesse. Ich kniete neben der Wand, an der die Kreuzwegstationen befestigt sind. Mein Platz war genau neben der vierten Station: Jesus begegnet seiner betrübten Mutter. Mein Blick fällt auf das Bildnis der Gottesmutter. Die Augen Mariens drückten einen so erschütternden Schmerz aus, wie ich es zuvor in meinem Leben noch nie empfunden hatte. In meinen Herzen konnte ich den Schmerz der Muttergottes fühlen. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich war von diesem Vorfall so ergriffen, dass ich den ganzen Tag immer wieder darüber nachdenken musste. Als dann am gleichen Abend die Polizei mit der Todesnachricht meines Sohnes kam, wusste ich sofort, dass ich jetzt den gleichen Weg wie Maria gehen musste. Ich wusste, das ist mein Kreuzweg, auf dem ich nicht allein bin. Die Gottesmutter ging damals den gleichen Weg und ich gehe ihn jetzt mit ihr!"
Zu der mir befreundeten Dame sagte ich dann: "Ich möchte mir das Kreuzwegbild einmal genau anschauen!" Auf meinen Vorschlag gab sie mir eine klare Antwort: "Sie werden sicherlich nichts sehen! Nach dem Begräbnis meines Sohnes bin ich einige Tage später nochmals in der Klosterkirche gewesen, um in die Augen der Gottesmutter zu schauen. Dieses Etwas, das mich so erschüttert hatte, war nicht mehr zu sehen. Es war ein ganz normales Bildnis geworden, wie jedes andere auch. Diesen Vorgang kann ich mir nicht erklären. Ich kann nur eines von mir ehrlich sagen, dass ich die Gottesmutter seit meiner frühesten Kindheit herzlich verehre."
Meine klare aber nachdenkliche Antwort war: "Sie sind sicherlich ein echtes Marienkind!" Ich habe diesen Bericht deshalb verfasst, dass alle, die die Muttergottes herzlich verehren, wissen sollen, dass sie in ihren Nöten nie allein gelassen werden. Der Kreuzweg ist immer voller Schmerzen, aber die Kraft ihn zu gehen, wird die gläubige Seele immer bekommen. So habe ich es auch bei meiner Bekannten erlebt.
(Oktober 1993)
Ich habe eine Mutter gefunden
Nennen wir ihn Horst Waßner. Er glaubte nicht an Wunder. Sein Skeptizismus gegenüber Dingen, die mit Vernunft nicht mehr zu erklären waren, paarte sich mit einer Abneigung gegen jede Art von Glauben schlechthin.
Mit 17 Jahren war er als Kriegsfreiwilliger bei einer Panzertruppe eingetreten. Kaum 19 Jahre alt, war er bereits Leutnant und galt als einer der besten Offiziere seiner Einheit. Eines Tages waren wir von einem Fliegerangriff überrascht worden, als wir gerade in der Garnisonsstadt neue Waffen abholen wollten. Der Angriff kam so schnell und unerwartet, dass wir uns nur noch in die Krypta einer Kirche retten konnten. Der Leutnant rannte durch den Raum, nervös, hastig, wie gejagt. Nur vor einer kleinen Pietá, dem einzigen Schmuck der in nüchternem Weiß gehaltenen Unterkapelle, blieb er mehrmals kurz stehen und betrachtete starr die Gruppe - die Mutter Gottes, die den Leichnam ihres Sohnes umfangen hielt.
Das Dröhnen der Motoren draußen war immer lauter geworden. Die Feindverbände schienen genau über uns zu sein. Plötzlich brach das Inferno herein. - Wir hatten uns alle auf den Boden geworfen; es ließ sich fast ausrechnen, wann wir unter den Trümmern begraben würden.
Plötzlich verebbte der Lärm und in die unheimliche Stille hinein sprach der Leutnant: "Komisch, die Statue sieht mich dauernd an!" Dann lachte er jäh und gellend auf: "Merkt ihr was, Kameraden? Ich werde durchgedreht, ich bekomme Angst!"
Dann begann der Angriff draußen von neuem. Wir kauerten uns in eine Ecke zusammen, nur der Leutnant lief wiederum rastlos auf und ab. "Wirklich, sie sieht mich dauernd an!" Er starrte auf die Marienstatue, lief in die linke Ecke, in die rechte Ecke. "Sie verfolgt mich mit ihren Blicken!" Dann griff er auf einmal zu und nahm die Statue von ihrem Platz. Wir vernahmen seinen wehen Ruf: "Mutter, hilf mir doch! Nimm die Qual von meiner Seele...!" -
Die letzten Worte gingen in den Krachen der einstürzenden Kirche unter. Steine lösten sich von der rissigen Decke, beißender Rauch nahm uns den Atem. Mit Mühe, zum Teil verletzt und blutend, retteten wir uns ins Freie, auch der Leutnant, den es schwer am Kopf erwischt hatte. Wir sahen erstaunt, dass er noch immer die Statue fest in seinen Armen umschlungen hielt.
"Jetzt glaube ich doch an Wunder", sagte er mir später. "Ich bin geheilt worden, sofort, nicht mit Vernunft erklärbar." - "Aber du warst doch verwundet!" - "Das macht nichts. Aber ich habe eine Mutter gefunden und durch sie meinen Glauben an Gott. Das ist ein Wunder, das größte Wunder, das es gibt." Ich blieb seinen Worten gegenüber etwas skeptisch. Ob sein Glaube wirklich standhielt?
Zehn Jahre sind seit dieser Zeit vergangen. Vor kurzem besuchte ich einen Marienwallfahrtsort. Beschauliche Mönche betreuten ihn. Vor dem Gnadenbild las gerade ein Pater die heilige Messe. Es gab keinen Zweifel, der Pater war der ehemalige Panzerleutnant Horst Waßner.
(Aus: "Maria erobert die Welt", Leutesdorf)
Ohne ihn könnt ich nicht
Das Kind im zweiten Bett vom Fenster war zehn Jahre alt, ein Mädchen, Anna hieß sie, viel zu ernst und nachdenklich für ihr Alter; aber daran war ihre Krankheit schuld, die Schmerzen, die wir nur lindern konnten, nicht heilen. Anna wurde für eine Operation vorbereitet, und ich versuchte ein paarmal, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Annas Schulkollegen schickten ihr Briefe und Bücher ins Spital, sie las viel, und so fragte ich sie nach ihren Lieblingsgeschichten aus. "Tierbücher", sagte sie. "Abenteuerbücher." - "Ich habe eine Tochter, die fängt auch schon an, eine Leseratte zu werden", erzählte ich. "Früher hab ich ihr jeden Abend vorlesen müssen. Aber jetzt schafft sie es schon allein. Sie geht in die zweite Klasse."
"Oh, da geht sie ja dieses Jahr zur Erstkommunion", sagt Anna. "Welche Bücher mag sie denn? Lustige, nicht?" Ich nannte ein paar Bücher, die ich fast schon auswendig kannte, weil ich sie so oft vorlesen musste. Anna lächelte ein wenig.
Einmal, als ich Nachtdienst hatte, schaute ich noch am Abend bei Anna vorbei. Die anderen Patienten in ihrem Zimmer waren Erwachsene. Ich ging von Bett zu Bett und sprach mit jeder Patientin. Ich sah, dass Anna irgend etwas in der Hand hielt, das sie unter der Decke verschwinden ließ, als ich näher kam. Ein kleines Stofftier, dachte ich. Irgendein kleiner Glücksbringer, den ihr ein Schulfreund geschenkt hat. Ich hoffte, sie würde ihn mir zeigen, dann wusste ich wieder, worüber ich mich mit ihr unterhalten konnte. Im Gespräch mit Kindern tat ich mich oft schwer, ich weiß nicht, warum.
Ich sagte zu Anna: "Na, was versteckst du denn da vor mir?" Sie schaute mich an, dann zog sie etwas unter der Decke hervor und hielt es mir hin. Es war ein kleiner Rosenkranz. Ich verwünschte mich im Stillen, dass ich sie gefragt hatte. Wenn sie beten wollte, so ging das niemand etwas an. "Ach so", sagte ich. "Na, ich wollte dich nicht stören, wirklich nicht." Sie lächelte über meine Verlegenheit. Sie sagte: "Im Oktober haben wir von unserem Religionslehrer jeder einen Rosenkranz bekommen. Jedem Kind in der Klasse hat er einen geschenkt. Viele haben gesagt: Was soll ich damit? Aber sie haben ihn doch eingesteckt, um den Lehrer nicht zu kränken." - "Das verstehe ich", sagte ich. "Der Lehrer hat uns auch erklärt, wie man den Rosenkranz betet", sagte Anna. "Ich habe mich daran gewöhnt, und jetzt bin ich froh, dass ich es weiß. Ohne ihn könnt ich nicht..." Sie stockte. Ich setzte mich auf ihr Bett und fragte leise: "Was könntest du nicht?" - "Das alles hier aushalten", flüsterte Anna und wurde rot. "Und wenn es so weh tut."
Ich sagte: "Ich überlege, ob ich dir stärkere Schmerztabletten geben soll. Wenn es zu arg wird, gebe ich dir eine Spritze." - "Gibt es auch Spritzen gegen die Angst?" fragte sie. Vor der Operation bekommst du eine Beruhigungsspritze", sagte ich. "Ja", sagte sie. "Aber alles übrige. Die Untersuchungen und alles. Ich weiß nie, was kommt." - "Ab jetzt fragst du mich alles, was du nicht verstehst", sagte ich. "Man hat Angst, wenn man nicht weiß, wozu etwas soll, wozu das gut ist. Ab jetzt erkläre ich dir alles!"
"Ich habe auch Angst, wie es nachher weitergehen wird", sagte Anna. "Wie lange ich hier sein werde. Wann ich wieder in die Schule gehen kann. Ob überhaupt." - "Das werden wir nach der Operation genau sehen", antwortete ich. Es war ein schwacher Trost, aber wenigstens keine Lüge. "Ich will dir nicht etwas versprechen, was wir dann nicht halten können." Ich streichelte ihre Hand, der kleine Rosenkranz rieselte über die Decke. Ich legte den Rosenkranz in ihre Hand zurück. Ich versuchte, mich zu erinnern, ob ich als Kind einen Rosenkranz gehabt hatte. Ich glaube nicht. Und jetzt, als Erwachsener, konnte ich mit solchen Dingen überhaupt nichts anfangen. "Na, also dann", sagte ich. "Versuch zu schlafen, und wenn die Schmerzen zu arg werden, läutest du."
In den nächsten Tagen bemerkte ich öfter, dass Anna mit ihrem Rosenkranz beschäftigt war. Sie gab sich keine Mühe, ihn vor mir zu verstecken. Einmal fragte ich sie, ob sie nette Lehrer habe. Sie erzählte vor allem von ihrem Religionslehrer. "Mit dem kann man reden, über alles. - Hat ihr Kind nette Lehrer?" Ich erzählte von einer Handarbeitslehrerin, die so schrecklich war, dass das Ganze schon wieder komisch war. Anna lächelte: "Und wen hat ihre Tochter in Religion?" - "Auch-auch einen ganz netten", sagte ich. Ich wollte ihr nicht sagen, dass ich meine Tochter überhaupt nicht für den Religionsunterricht angemeldet hatte, denn Anna schienen diese Dinge wichtig zu sein. "Den Rosenkranz wird sie erst später lernen", sagte Anna. "Jetzt lernt sie alles für die Erstkommunion. Dass Jesus unser Freund ist. Wie man etwas wieder gut machen kann. Dass man immer Vertrauen haben kann, egal, was kommt. Das lernt sie jetzt alles." - "Mm", sagte ich. Mir wurde schwer ums Herz. Ich sah, dass Anna bei ihren Rosenkranzgebeten immer wieder neue Kraft fand. Das konnte ich nicht leugnen, ich sah es!
Eines Tages erzählte ich meiner Frau von Anna. "Ja", sagte sie, "und unserem Kind gönnst du diese Chance nicht..." - "Welche Chance?" fragte ich, obwohl ich genau wusste, was sie meinte. "Dass es im Beten und Glauben Quellen für Kraft und Trost geben kann, auch wenn du nichts davon verstehst - verstehen willst", fügte sie hinzu. "Wie soll unser Kind einmal draufkommen? Jetzt könnte sie mit den anderen Kindern zum Erstkommunionunterricht gehen. Wenigstens wissen sollte sie, dass es das gibt: miteinander beten und feiern und eine Gemeinschaft haben - alles das nimmst du ihr weg! Aber deine kleine Anna im Spital bewunderst du! Ich wünsche mir, dass diese Anna recht oft mit dir redet..." Ich war sehr betroffen über das Gespräch. Ich dachte viel darüber nach. Jedesmal, wenn ich Anna blaß und matt in ihrem Bett liegen sah, fiel mir meine Tochter ein.
"Aber", sagte sie nach einiger Zeit zu meiner Frau, "aber wenn wir unsere Lori jetzt noch anmelden würden, müsste ich ja zum Pfarrer gehen und ihm alles erklären!" - "Das könnte ich dir abnehmen, dieses unangenehme Gespräch!" sagte meine Frau und lächelte. "Das kommt überhaupt nicht in Frage!" rief ich. "Du hältst mich für einen Drückeberger, nicht? Wenn überhaupt einer hingeht, dann bin ich es!"
Als Anna operiert war und wir Aussicht hatten, sie durchzubringen, ging ich und meldete Lori zur Erstkommunion an. "Meine Frau wird alles mit der Lori nachlernen, denn ich verstehe nichts davon", sagte ich zum Pfarrer. Und dann, weil er mich so nachdenklich anblickte, erzählte ich ihm von Anna.
"Wann werde ich wieder in die Schule gehen können?" fragte mich Anna, als sie von Schwestern gestützt vorsichtig die ersten Schritte versuchte. Das war im Februar. Ich schluckte, nahm meinen Mut zusammen und sagte mit fröhlicher Stimme: "Ganz bestimmt im nächsten Herbst." - "Da verliere ich ja ein ganzes Jahr!" sagte Anna erschrocken. "Du kannst, wenn es dir jetzt besser geht, im Spital lernen und die Prüfungen nachmachen", sagte ich. "Sowas ist möglich. Das habe ich mit klugen Kindern schon oft erlebt." Ich lachte sie an. "Aber fit musst du schon vorher sein. Schon im Mai, Anna. Da hat meine Tochter Erstkommunion, und wir möchten dich dazu einladen!" - "Mich? Zur Erstkommunion von Lori?" Anna staunte. Die beiden Schwestern sahen mich von der Seite an und staunten auch, aber das war mir jetzt gleich. "Ich werde dir erzählen, wieso wir dich so gern dabeihätten", sagte ich. "Aber jetzt nicht. Ich muss mir erst überlegen, wie ich dir das erzählen soll." Die Schwestern spitzten die Ohren, Anna merkte es und lächelte. "Wenn Sie wieder Nachtdienst haben", sagte sie. "Gut", sagte ich. - Mit Anna konnte ich reden, als wäre sie eine alte Freundin von uns. Jetzt war mir leichter.
(nacherzählt von Lene Mayer-Skumanz)
Die Wirkung des "Ave Maria"
Ein berühmter Sänger, als großer Star angehimmelt und vergöttert, wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Es war hoffnungslos. Er dämmerte meist dahin, was nicht ansprechbar und reagierte auch nicht auf die behutsame Annäherung des Kaplans, der dort als Krankenhausseelsorger tätig war. Bekümmert musste der Kaplan immer wieder seine Versuche, mit ihm ins Gespräch zu kommen, aufgeben.
Auch die Schwestern hatten keinen Erfolg. Sie seufzten: "Was hat der arme Mensch jetzt von seinem ganzen Ruhm, wenn er ohne Versöhnung mit Gott aus dem Leben gehen muss. Man weiß ja, wie solche Herren leben, sie machen sich die Moralgesetze selbst!"
Der Chefarzt, der sich sehr um seine Patienten kümmerte, ging spätabends noch einmal in das Zimmer dieses Mannes. In langen Berufsjahren hatte er die Erfahrung gemacht, dass manche Sterbende kurz vor dem Tode noch einmal klar zu Bewusstsein kommen. Daran dachte er jetzt, als er an das Bett trat, dem Sänger die Hand auf die Stirne legte und leise fragte: "Wie geht es Ihnen denn heute?" Da schlug dieser die Augen auf und flüsterte: "Ich glaube, es ist bald aus mit mir. Sie brauchen mir nichts vorzumachen, Herr Doktor!" "Das habe ich auch nicht in Sinn", sagte der Arzt. "Ich wollte nur fragen, ob ich Ihnen nicht den Kaplan schicken soll, damit Sie mit Gott ins reine kommen können."
Ja ja, schicken Sie ihn nur. Aber bald, sonst..." Der Chefarzt ging, und der Kaplan kam und fragte: "Sie wollen also schon die hl. Sakramente empfangen?" "Ja ja, wenn Sie glauben, dass Gott mich noch annimmt. Ich war kein Guter, und Gott soll so streng sein." "O nein, lieber Herr, Gott ist unendlich barmherzig, ganz besonders reumütige Sündern gegenüber." "Herr Pater, bei der Beichte müssen Sie mir helfen. Seit der ersten Beichte in meiner Kindheit war ich nie mehr im Beichtstuhl." "Keine Sorge, das machen wir zusammen."
Als die hl. Handlung vorüber war, lag der Sänger erschöpft, aber zufrieden in den Kissen. Der Kaplan sagte: "Sie haben Ihre Sache gut gemacht. Im Himmel herrscht nun große Freude ihretwegen. Nun sagen Sie mir noch eines, haben Sie all die Zeit Ihres Lebens wirklich nie gebetet? Zur Mutter Gottes auch nicht?"
"Gebetet? Nein. Nur einmal, bei einem Wohltätigkeitskonzert, habe ich ein 'Ave Maria' gesungen, ohne Honorar, und da habe ich wirkliche Verehrung gefühlt für die Madonna. Ja, ich bat sie sogar, für mich armen Sünder zu bitten - in der Stunde des Todes." "Daher also das Gnadenwunder Ihrer Bekehrung", sagte der Kaplan. Beim Ave-Läuten starb der Sänger.
(M.L. im 'Lieb-Frauen-Bote" (Südtirol) 1/1992)
Der Rosenkranz einer alten Afrikanerin
Auf einer Missionsstation gibt es viele Enttäuschungen, aber auch viele freudige Überraschungen. Die meisten Freuden, so scheint es mir, erlebt eine Krankenschwester.
Eines Nachmittags bekam ich eine Botschaft übermittelt: "Ich, Maria Vesa, Ihr Kind, bin krank. Kommen Sie doch, um mich zu sehen." Da ich gerade Zeit hatte und meine Patientin im Krankenhaus sich besser fühlten, setzte ich mich aufs Rad und fuhr mit einer afrikanischen Kollegin, einer einheimischen Schwester, nach Bango zu Maria Vesa.
Zuerst muss ich aber erzählen, wer Maria Vesa war. Als ich ihr das erste Mal begegnete, war sie schwerkrank. Mein Weg führte mich zufällig an ihrer Hütte vorbei. Da ich sie jammern und stöhnen hörte, ging ich in ihre Hütte hinein und schaute, ob ich ihr helfen könnte. Da sah ich eine alte, arme Afrikanerin neben dem Feuer liegen. Es war sehr kalt, und sie hatte keine Wolldecke. Nur ein paar Lumpen hatte sie um ihren Leib gebunden. Ihr 35 jähriger Sohn Matero kauerte in einer Ecke der Hütte. Welch eine Armut überall! Matero hatte Lungentuberkulose und war so abgemagert, dass man alle Rippen zählen konnte. Vesa hatte eine Lungenentzündung.
Da ich in meiner Medizintasche einige alte, warme Kleider hatte, gab ich Vesa einen Rock und eine Bluse. Die Freude der Frau war unbeschreiblich. Da sie scheinbar nicht mehr lange zu leben hatte, bereitete ich sie auf die Taufe vor. Sie wollte auf den Namen Maria getauft werden. Als ich nach dem Grund fragte, antwortete mir die alte Frau: weil Maria die Mutter eines so wunderbaren Sohnes gewesen sei. Das gefalle ihr. Also wurde sie auf den Namen Maria Vesa getauft. Mich nannte sie von da an ihre Mutter, dabei war sie ungefähr vierzig Jahre älter als ich. Täglich ging ich mein "Kind" besuchen und brachte ihr und Matero Medizin. Als Maria Vesa wieder gesund war, besuchte sie am Sonntag die hl. Messe. Da fünf Kilometer ein weiter Weg sind und ermüdend für alte Beine, kam sie alle vier Wochen. Nur ein Gebet konnte sie lernen: "Mein Gott, ich liebe Dich!" Das genügte. "Mein Kopf ist schwer und alt", meinte sie.
Monate vergingen. Da kam die Nachricht, Matero liege im Sterben. Pater L. Bockenhoff SJ, unser Stationsmissionar, besuchte ihn und bereitete ihn auf die Reise in die Ewigkeit vor. Auch ich ging öfters zu Matero. Einmal brachte ich ihm ein weißes Hemd mit. Er freute sich, zog es aber nicht an. "Das muss man mir anziehen, wenn ich sterbe, damit ich sauber vor Gott hintreten kann." Ich fragte ihn, ob er beten könne, und schon begann er:
"Mein Gott, ich bin ausgegangen von Dir. Lass mich wieder mit reinem Herzen zu Dir zurückkehren."
Erstaunt fragte ich ihn, wer ihn dieses Gebet gelehrt habe. "Das habe ich von mir selber gelernt, als ich so lange krank war. Das macht nachdenklich." Zwei Tage später starb Matero Augustino. Natürlich besuchte ich sein altes Mütterchen Maria Vesa, um ihr mein Beileid auszusprechen. Am Eingang des Dorfes stieg ich vom Rad und ging langsam auf ihre Hütte zu. Sie tanzte vor der Hütte und schrie immer wieder: "Jetzt sind alle meine Kinder tot! Kommt doch und schaut, ob ihr einen Schmerz findet gleich meinem Schmerz!" Ergriffen von ihrem Leid blieb ich stehen. Aber schon hatte sie mich erblickt, eilte auf mich zu und sang: "Mein Herz ist wieder froh, meine Mutter ist da!" Ganz unbeholfen sagte ich ihr einige Trostworte. Ich schenkte ihr einen Rosenkranz und erklärte ihr, dass ihr Schwager - ein alter Mann, der kurz vorher getauft worden war - ihr diesen beibringen solle.
Maria Vesa ließ mich eines Nachmittags wieder rufen. Als ich bei ihr ankam, saß sie draußen vor der Hütte. Freudestrahlend kam sie auf mich zu. Sie schien kerngesund zu sein. Überrascht fragte ich, warum sie mich denn habe rufen lassen. Ganz unschuldig antwortete sie: "Ich habe Heimweh nach meiner Mutter gehabt, das ist doch auch eine Krankheit." Ich erkundigte mich, wie es ihr mit dem Rosenkranzgebet gehe. Da wurde sie verlegen und meinte etwas kleinlaut, sie lerne es. Sie nahm den Rosenkranz, fing mit der richtigen Perle an und ließ eine nach der anderen durch die Finger gleiten, bis sie fertig war. Das dauerte eine ganze Minute. "Ja, aber was sagst du denn, wenn du die Perlen hältst?" fragte ich sie. Sie erwiderte: "Mein Schwager kommt jeden Abend, setzt sich zu mir ans Feuer und lehrt mich das Gebet. Aber mein Kopf ist zu alt. Er lernt nicht mehr. Zwei Worte jedoch weiß ich. Die sage ich dann immer!" - "Wie heißen die Worte?" forschte ich nach. "Maria, Jesus! Maria, Jesus!" sagte sie. "Wer ist Maria und wer ist Jesus?" fragte ich weiter. Sie wusste es. "Das ist die Mutter und ihr berühmter Sohn!" Das also war der Rosenkranz der alten Afrikanerin.
Ich dachte einen Augenblick nach. Mir gefiel dieser Rosenkranz, doch man sollte ihn etwas ergänzen. "Schau her, Maria, das ist schon recht. Sage immer: "Maria, Jesus. Und wenn du zur großen Perle kommst, dann sage nur: Ndi no Kudayi - Ich liebe euch!" Sie probierte es, und es gelang ihr. Und so beteten wir den Rosenkranz auf ihre Weise zusammen. Dann fragte sie: "Komm ich trotzdem in den Himmel, auch wenn ich den anderen, langen nicht beten kann?" - "Aber sicher! Die Mutter Gottes und ihr berühmter Sohn wissen schon, dass dein Kopf alt ist." Da kniete sie hin, nahm meine beiden Hände in die ihren, schaute mir in die Augen und sagte: "Wirklich, meine Mutter, wenn heutzutage Menschen sterben und kommen nicht in den Himmel, dann sind sie dumm. Es ist doch so leicht."
Weisheit einer alten Afrikanerin.
(Sr.M.Kiliana OP)
Der Rosenkranz eines Kommunisten
“Johannes, es geht dem Ende zu, man kann nichts mehr unternehmen. Ihre Mutter ist zu sehr erschöpft von der Arbeit, den Sorgen und der Übermüdung. Das Herz kann von einem Augenblick zum anderen stillstehen. Sie müssen lieb sein mit ihr während der letzten Minuten, die ihr verbleiben auf dieser Erde.”
Der Arzt nimmt seine Tasche, grüßt Johannes und seine Schwester Anna und verabschiedet sich von der Familie. Er steigt in sein Auto, um einen anderen Patienten aufzusuchen.
Maria fühlte ihren nahen Tod, rief Johannes und sagte: “Mein Sohn, höre gut zu, was ich dir noch sagen will, morgen ist es vielleicht nicht mehr möglich! Du weißt, wie viel ich für dich gearbeitet habe. Mein tiefster Wunsch war, dich einmal als Priester am Altar zu sehen. Du aber hast dich, wie dein Vater, voll und ganz der Parteipolitik ergeben, bist Kommunist geworden und glaubst nicht mehr an Gott. Du bekämpst seine Kirche und kämpfst für Gerechtigkeit nach deinen Ideen. Vergiß aber nicht, mein Sohn, dass Gott mächtiger ist als du und allein weiß, was gerecht und wahr ist. Er kennt die Bedürfnisse der Menschen, die er erschaffen hat.”
Seit langem glaubte Johannes nicht mehr an Gott, aber er liebte und achtete seine Mutter, die Frau aus dem Volke, die ihr ganzes Leben den ärmlichen Hof bearbeitet hatte, damit er, Johannes, Schulen besuchen und Feinmechaniker werden konnte. Alles verdankte er seiner Mutter, die ihr Leben hingeopfert hatte, um ihn und seine Schwester Anna aus der eigenen, tiefen Armut herauszuführen. Ihr Mann war bald nach dem Krieg nach einem Unglücksfall gestorben, und Maria war Witwe geblieben.
Maria gab ihren Sohn einen Wink, näher zu ihr zu kommen. Johannes trat an ihr Bett. Sie rang nach Atem, um ihm noch zu sagen: “Mein Sohn, ich hinterlasse euch nichts, denn ich bin arm. Ihr könnt mein Haus und den großen Garten verkaufen, wenn ihr Geld benötigt, aber dir, Johannes, vermache ich ein Erbe, das keinen Preis hat, und ich möchte, dass du es stets bei dir trägst.”
Sie griff unter ihr Kissen und zog einen Rosenkranz aus Olivenholz mit einem fluoreszierenden Kreuzchen hervor, den sie ihm zur ersten heiligen Kommunion geschenkt hatte. Sie streckte ihn Johannes entgegen und sagte: “Ich habe viel gebetet für deinen Vater, für dich und Anna mit diesem Rosenkranz, und wenn du eines Tages den Glauben wieder findest, so bete für mich und für alle, die du liebst und nicht liebst und bitte Gott um die Gnade, ein gerechter und gütiger Mann zu sein, um glücklich zu werden und deinen Nächsten beglücken zu können.”
Ehrfürchtig ergriff Johannes den Rosenkranz und legte ihn wie eine Reliquie in seine Tasche. Darauf kniete er nieder vor dem Bett, nahm die Hände seiner Mutter, küßte sie und sagte: “Mutter, nie werde ich vergessen, was du für mich getan hast, für mich, meine Schwester und den Vater. Ich habe dich und deine Religion stets hochgeschätzt und ich verspreche dir, Männer und Frauen, die denken wie du, hochzuschätzen.”
Darauf erhob er sein Haupt und blickte auf seine Mutter. Mit Schrecken sah er ihr blutleeres Gesicht, das sich auf die Seite drehte, und er schrie: “Mutter!” Zu spät! Maria hatte ihre Seele Gott zurückgegeben. Wie ein Kind drückte Johannes seinen Kopf auf die Hände seiner Mutter und weinte.
Maria wurde neben ihrem Gatten auf dem kleinen Dorffriedhof beerdigt. Anna übernahm das Elternhaus und überließ die übrige geringe Erbschaft ihrem Bruder. Johannes war verheiratet und Familienvater. Er führte sein Leben als Arbeiter und tätiges Parteimitglied weiter. Es war aber nicht so sehr der Tod der Mutter, der ihn belastete, sondern vielmehr der Rosenkranz, den sie ihm gegeben hatte. Er befürchtete, dass die “Reliquie” in seiner Tasche einmal entdeckt werden könnte und dass dieser religiöse Gegenstand ihn vor seinen Genossen entlarve. So beschloss er, das Zeichen seiner frommen Jugend zu verbergen: aber wo und wie?
Er wollte ihn weder wegwerfen noch zuhause aufbewahren, wo seine Frau Angela ihn finden könnte, denn auch Angela glaubte nicht an Gott und an derartige Devotionalien. So vergrub er anlässlich eines Ausflugs in die Berge von Verona den Rosenkranz zwischen den Wurzeln eines mächtigen Baumes in der Hoffnung, dass er mit der Zeit verfallen werde. Er fühlte sich sogleich freier und entlastet von der Bürde. Es schien ihm, sein Gewissen sei erleichtert, und er habe keinen religiösen Grundsatz seiner verstorbenen Mutter verletzt.
Paul war ein junger Student an der medizinischen Fakultät der Universität von Padua. Jedes Jahr besuchte er eine seiner Tanten in Verona, um sich in den nahen Bergen zu erholen. Er liebte den Bergsport und machte weite Ausflüge in die Höhen. Als gebildeter Biologe sammelte er oft Pflanzen, vor allem Heilpflanzen, um ihre Heilkräfte zu analysieren.
So legte er sich einmal nach dreistündigem Aufstieg ermüdet, im Schatten eines mächtigen Baumes nieder. Die Sonne hatte eben den Zenith erreicht. Da schmerzte ihn ein harter Gegenstand. Er erhob sich und tastete im Moos der Baumwurzeln. Er entdeckte einen Rosenkranz mit Olivenholzkügelchen, der völlig intakt zu sein schien. Paul nahm ihn auf und dachte, dass er aus der Tasche eines Alpinisten gefallen sei, der sich kurz vor ihm zu Füßen des herrlichen Baumes niedergelassen hatte.
Paul war der Religion gegenüber eher gleichgültig. Nur selten wohnte er einer heiligen Messe bei und den Empfang der kirchlichen Sakramente hatte er aufgegeben. Immerhin war jetzt sein erster Gedanke, den Rosenkranz auf einen Marienaltar in einer Kirche in Verona niederzulegen. So könnte eine fromme Seele ihn finden und würde einen besseren Gebrauch mit diesem Gebetshilfsmittel machen als er selbst. So dachte und so getan nach seiner Rückkehr in Verona: Er legte den Rosenkranz, den wenigen Betern gut sichtbar, auf den Marienaltar.
Paul war ein guter Kenner der hochbarocken Kunst. Er verweilte einige Augenblicke voller Bewunderung vor dem Bilde über dem Altar, das die allerseligste Jungfrau Maria mit dem Jesuskind darstellte: Die Farben und die edlen Gesichtszüge der Gestalten zogen den künftigen Arzt in ihren Bann, der nachzudenken begann über die Größe Gottes und die Herrlichkeit Marias, deren beeindruckenden Züge im Bild alle Seiten einer unermesslichen Barmherzigkeit zum Ausdruck brachten. Versunken in diese Betrachtung, vergaß er den Rosenkranz und verließ die Kirche, um zu seiner Tante zurückzukehren.
An diesem Abend sah er von neuem das Antlitz der Madonna, das unendliche Barmherzigkeit ausstrahlte, und die überirdische Schönheit des Gotteskindes. Und er sagte zu sich selbst, dass die Künstler der vergangenen Jahrhunderte einen überaus tiefen Glauben haben mussten, um so herrliche Meisterwerke hervorbringen zu können. So kam ihm sein Rosenkranz wieder in den Sinn und er fragte sich, ob er noch auf dem Altar Mariens liege.
Einige Tage später drängte ihn die Neugierde wieder hin zur Kirche, in der er sich sogleich zum Marienaltar begab. Sein Rosenkranz hing noch an einem Kerzenstock unter dem Gemälde der Madonna. Paul nahm ihn in die Hand und prüfte ihn genau. Er versuchte zu beten, wie er es von seiner Mutter gelernt hatte, und furchtsam begann er zu sprechen: “Gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnade; der Herr ist mit dir; du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus.”
Er war selbst überrascht, dieses Gebet im Gedächtnis zu haben, das er seit Jahren nicht mehr wiederholt, das aber sein Gedächtnis wie einen Schatz bewahrt hatte, um ihn der Madonna unter solch banalen, aber doch eigenartigen Umständen darzubieten. Darauf ballte er seine Hand um den Rosenkranz, blickte noch eine Weile in das Antlitz der Gottesmutter und schob ihn in seine Tasche. Er grüßte Maria und Jesus mit einem Kreuzzeichen und entfernte sich eilig.
Diesen Rosenkranz unter dem Marienbild begann er als ein Geschenk der Madonna, das nun ihm, Paul, gehörte zu betrachten: All dies schien ihm sehr geheimnisvoll zu sein. Er fragte sich, wer den Rosenkranz so gut sichtbar an den Kerzenstock gehängt hatte und warum? Er fand keine Antwort auf diese Fragen, begriff jedoch, was für den Menschen Geheimnis ist, ist Klarheit vor Gott, der in seiner unendlichen Güte das geringste Mittel nicht übersieht, das uns hilfreich sein kann, seine väterliche Liebe nicht zu vergessen und uns auf den Weg zum Himmel zu geleiten.
Paul war ein intelligenter junger Mann, etwas grüblerisch veranlagt, mit scharfem Verstand. Er wollte Beweise haben für alle Behauptungen: Er hatte den Rosenkranz gefunden, und die Ehrfurcht, ihn Maria anzuvertrauen. Und die allerseligste Jungfrau hatte ihm denselben auf geheimnisvolle Weise zurückgegeben. Und wie früher als Kind, hatte er ein “Ave Maria” gebetet. Das alles musste für ihn doch eine Bedeutung haben, denn Gott veranlasst nichts für nichts, sagte er zu sich selbst.
Nach seiner Rückkehr nach Padua fand er bei seiner Mutter ein Meditationsbüchlein über die Mysterien des Rosenkranzes. Die Mutter war nicht wenig erstaunt vom wiedererwachten Interesse ihres Sohnes für religiöse Dinge, denn seit Jahren hatte er keine Kirche mehr betreten.
Vorerst aber entsprach Paul seinem wiedererwachten religiösen Bedürfnis nur in der Stille seines Zimmers vor einem Bild Unserer Lieben Frau, wo er oft einen Zehner des Rosenkranzes betete in der Betrachtung des biblischen Mysteriums. Langsam entdeckt er den Reichtum dieses Gebetes und seine übernatürliche Kraft und begann, täglich die freudenreichen Geheimnisse und schließlich die schmerzvollen und die glorreichen Mysterien zu beten. Dieses betrachtende Beten zwang ihn sozusagen, sich in das Neue Testament zu vertiefen, das in ihm noch nicht ausgelöscht war, sondern unter der Asche gleichsam noch glühte.
So begann Paul mit einem wieder gefundenen Leben des Glaubens und des Betens, zum Erstaunen der ganzen Familie und der zahlreichen Studienkameraden. Aus seinen Betrachtungen schöpfte er die Kraft, seinen Studien rasch zu vollenden und schon in jungen Jahren war er den Kranken, die sich ihm anvertrauten, ein sorgfältiger, pflichtbewusster und väterlicher Arzt.
Erschüttert durch den Tod eines Kindes, das er mit voller Hingabe betreut hatte, begriff er die Grenzen seiner Kunst und lange hörte er die Worte des kleinen Antonio in den Ohren: “Doktor, diese Nacht ist gewiss die letzte für mich, und morgen bin ich im Himmel dank ihres Rosenkranzes.” Ergriffen von dieser Aussage, begann Paul zu überlegen und kam zu dem Schluss, dass seine Aufgabe nicht nur darin liege, den Leib zu heilen oder Leiden zu erleichtern: seine Berufung bestehe in der Rettung der Seele.
Am folgenden Tag wohnte er in der Spitalkapelle der heiligen Messe bei. Er fühlte sich von Gott berufen, ihm sein Leben zu schenken und Priester zu werden. Er sprach mit seiner Familie, die glücklich war über den Aufsehen erregenden Entschluss Pauls. Darauf trat er in das Priesterseminar ein, um Theologie zu studieren, blieb stets seinem täglichen Rosenkranz treu und wurde nach vier Jahren zum Priester geweiht.
Nach kurzer Tätigkeit als Pfarrvikar wurde er zum Pfarrer einer Dorfgemeinde ernannt, wo ihm zugleich die Seelsorge in einem größeren Spital anvertraut war. Er verstand es, die kranken Männer, Frauen und Kinder geduldig anzuhören und sie mit priesterlicher Väterlichkeit und eifrigem Gebet zu betreuen.
Johannes hatte den Rosenkranz seiner Mutter längst vergessen. Er war von der Partei ausgezeichnet worden und vertrat nun die Gewerkschaft in der kleinen Fabrik. Maßlos hatte er sich eingesetzt bei der Organisation von Streiks, bis das Unternehmen den Betrieb schließen musste. Die Arbeiter waren aufgebracht, und Johannes wurde zum Sündenbock für die Arbeitslosigkeit abgestempelt. Man warf ihm Unfähigkeit für die Verhandlungen vor, es fehle ihm am Verantwortungsbewusstsein und er sei mitschuldig für den Konkurs ihres Arbeitgebers.
Johannes wurde krank. Vorerst wurde er gepflegt wegen seiner Depressionen und später wegen Magengeschwüren. Schließlich musste er sich einem chirurgischen Eingriff unterziehen. Schon lange siechte er nun im Spital dahin, ohne Lebenskraft und Lebensmut, von allen verlassen. Durch körperliche und seelische Leiden ans Bett gekettet, dachte er nach über sein bisheriges Leben. Wie auf einem Film sah er jedes Bild seines traurigen Daseins: die unglückliche Kindheit, den Tod des Vaters, den Kummer und die Sorgen seiner Mutter und ihres Tod, den Eintritt in die Partei, die Begegnung mit Angela, die armselige Ehe und ihre Zerrüttung, sein Versagen in der Gewerkschaft und seinen Austritt aus der Partei und heute: sein Elend auf seinem Spitalbett!
Johannes war dem Weinen nahe und er erinnerte sich der Worte seiner Mutter: “Es war mein sehnlichster Wunsch, dich einmal als Priester am Altar zu sehen!” Die arme Frau hatte alles für ihn getan, ihm dazu die Mittel zu verschaffen und hatte ihm sogar ihren Rosenkranz geschenkt. Doch Johannes war einen anderen Weg gegangen: Er hatte das Beten aufgegeben und sich vom Glauben und von Gott entfernt. Er wollte sein Glück unter den Menschen suchen und dachte aufrichtig, dass die Partei ein gutes und sicheres Mittel sei, ihr materialistisches Heil zu verwirklichen.
Auf seinem Spitalbett erkannte Johannes nun, dass die eingeschlagene Richtung ausweglos und es jetzt zu spät sei, zu einem neuen Leben umzukehren. Da trat Gott in seiner unendlichen Liebe ein weteres Mal in sein Leben, um ihn einzuladen, seinem barmherzigen Anruf zu entsprechen. Es klopft an die Zimmertür, und Johannes erwiderte mit matter Stimme: “Ja, treten Sie ein!”
Johannes erwartete den Besuch eines Arztes, eines Krankenpflegers oder einer Ordensfrau mit einer weißer Flügelhaube, sah aber im Türrahmen einen schwarz gekleideten Mann mit weißem Kragen: einen Pfarrherrn, einen echten Pfarrer, dessen Ideen er bekämpft hatte. Einer seiner schlimmsten Feinde besuchte ihn in seiner tiefsten Verzweiflung und Verlassenheit. Johannes wollte ihm mit allen ihm noch verbleibenden Kräften zurufen: “Nein, nicht Sie! Lassen Sie mich in Frieden! Treten Sie nicht in mein Zimmer!” Doch, wie wunderbar, er brachte kein Wort über die Lippen und war selbst überrascht durch den Gruß des Priesters, der ihn mit seinem Vornamen nannte, wie wenn er ihn seit langem gekannt hätte. “Grüß Gott, Johannes! Ich bin der Priester und heiße Paul.”
Immerhin, so dachte Johannes, es scheint ein aufrichtiger Mann zu sein, voller Mut und Einfachheit. Johannes hatte seinerzeit der Mutter versprochen, die Priester und die Gläubigen zu respektieren, er hielt sich an sein Versprechen und erwiderte: “Guten Tag, Herr Pfarrer! Darf ich erfahren, warum Sie mich besuchen? Ich bin doch Atheist und Kommunist!”
Paul antwortete freundlich: “Pater Alexander, der Spitalseelsorger, ist für drei Wochen vereist zur Erholung in seiner Familie in Rom, und ich vertrete ihn für diese Zeit. Ich wusste nicht, dass Sie Atheist und Marxist sind. Wenn meine Anwesenheit Sie ärgert, will ich mich zurückziehen.”
Johannes hatte nichts gegen diesen Mann. Er war Pfarrer, und nur der Glaube ärgerte ihn. Er war ein Mann wie viele andere und schien eher sympathisch zu sein. Und da er sich sehr einsam fühlte, blickte er ihn an und sagte wie so nebenbei: “Oh, Sie können bleiben, wenn Sie es wünschen. Ich aber habe ihnen nichts zu sagen!”
Paul dankte mit einem Lächeln und fragte freundlich: “Ärgert es Sie, wenn ich schweigend neben ihnen bete?”
Der Kranke schien von dieser Frage überrascht zu sein und antwortete: “Das ist mir gleichgültig. Tun Sie, was Sie wollen!”
Paul nahm sein Brevier aus der Tasche und begann für diese Seele zu beten, die wohl viel gelitten hatte und die Gott allein zur Umkehr bewegen konnte. Nach einer guten halben Stunde innerlichen Betens klopfte es an der Tür: “Herein, bitte” rief Johannes. Zwei Caritas-Schwestern betraten das Zimmer, um Johannes zu pflegen. Paul erhob sich, dankte dem Kranken für seinen Empfang, nahm Abschied von ihm und den beiden Krankenschwestern und versprach, wiederzukommen.
Nach dem Abendessen begab sich Paul in die Kapelle des Spitals, um zu beten und zu meditieren, als einen Krankenschwester eintrat, um ihm zu sagen, dass der Patient im Zimmer 17 in ein Delirium gefallen sei. Paul machte eine ehrfürchtige Kniebeuge und stieg hinauf in den zweiten Stock. Ohne anzuklopfen öffnet er die Tür von Zimmer 17 und sieht Johannes fahl und wie sterbend. Mit röchelnder Stimme ruft er: “Ich will Pfarrer Paul sehen! Ich will Pfarrer Paul sehen!” Paul beschwichtigte den Kranken: “Ich bin da, Johannes! Ich bin da, mein Freund!”
Der Sterbende beruhigte sich und hörte auf zu röcheln. Eine leichte Beruhigung trat ein und schien die heftige Krise, die Johannes erlebte, zu dämpfen. Paul schwieg, nahm den Rosenkranz aus der Tasche und flehte zu Maria um Hilfe für den Sterbenden: “Heilige Maria, Muttergottes, stehe dem armen Sünder bei in der Stunde seines Todes! Möge es der Wille deines Sohnes sein!
Indessen war Johannes eingeschlafen und schlief eine gute Stunde. Die Ruhe ließ ihn nach der fürchterlichen Krise wieder etwas zu Kräften kommen. Der Mann hatte sein Leben lang viel getrunken und in seinem Leben viel geraucht. Sein dunkelroter Teint und seine gelblichen Finger hatten Paul, den ehemaligen Mediziner, nicht getäuscht. Er rechnete jeden Augenblick mit einem Lungenödem.
Johannes drehte sich zu dem Priester hin, und im Halbdunkel der Nachtbeleuchtung sah er etwas in seinen Händen glänzen. Es war weiß und fluoreszierend. Da fragte er ihn: “Was machen Sie da, Herr Pfarrer?” Paul erwiderte: “Ich bete meinen Rosenkranz für Sie.” Und der alte Mann horchte auf und sagte ihm: “Meine Mutter betete auch jeden Abend mit diesem frommen Gegenstand.”
Paul ging darauf ein und fragte: “Ihre Mutter war also katholisch?” Johannes erwiderte: “Ja, und sie hat mich sogar die Rosenkranzgebete gelehrt, aber ich habe sie ganz vergessen.” Bei diesen Worten legte er den Kopf auf das Kissen und rief mit trockenen Mund: “Ich habe Durst! Ich habe Durst! Bitte, zu trinken! Bitte, zu trinken!”
Paul legte seinen Rosenkranz auf den Nachttisch und füllte ein Glas mit Mineralwasser, um es Johannes hinzuhalten. Dieser setzte sich in seinem Bett auf, wandte sich etwas zur Seite, um das Glas zu nehmen und bemerkte den Rosenkranz aus Olivenholz mit dem fluoreszierenden Kreuz, den seine Mutter ihm vor 40 Jahren gegeben hatte. Da vergaß er zu trinken und rief plötzlich aus: “Aber das ist ja der Rosenkranz meiner Mutter!” Paul war zutiefst überrascht und sagte ihm, dass er den Rosenkranz vor etwa 35 bis 40 Jahren unter einem Baum im Gebirge gefunden habe.
Johannes erzählte ihm nun seine Geschichte: das Vermächtnis seiner Mutter, nämlich dieser Rosenkranz, den Wunsch seiner Mutter, ihren Sohn als Priester zu sehen; seine Abneigung, diesen kompromittierenden religiösen Gegenstand zu behalten, und wie er sich bei einem Spaziergang in den Bergen seiner erledigt hatte. Dabei rief Johannes aus:
“Von da an fühlte ich mich freier, aber nicht glücklicher. Mein Leben war tatsächlich nichts als Elend, Bloßstellung und Leid. Ich glaubte an das Marxistische Ideal und dachte ernsthaft, es könne Gerechtigkeit und Loyalität unter den Menschen sicherstellen. Ich habe es bis zum Schluss verteidigt und glaubte immer an seine Wirksamkeit.
Ich wollte Gott und seine Kirche bekämpfen, denn ich glaubte, die Religion sei Opium für das Volk, wie der Genosse Karl Marx verkündet hatte. Heute aber weiß ich, Herr Pfarrer, dass das besagte Opium eine Lüge ist, die das Gewissen einschläfern und ein schönes Leben vortäuschen soll, das nie Wirklichkeit werden kann, außer in einem Leben der Wahrheit, der Menschenwürde, der Furcht Gottes und der Liebe des Nächsten.
Sie sind gewiss erstaunt, Herr Pfarrer, mich so sprechen zu hören. Ach, aber ich sehe immer wieder meine Mutter mit dem Rosenkranz in der Hand, den sie sooft gebetet hat. Mit eindringlicher Stimme sagte sie einmal zu mir: “Mein Johannes, du darfst nie vergessen, dass die Grundlage der Gerechtigkeit das Gebet ist. Wenn wir nicht beten, bleiben wir böse und ungerecht untereinander!” Das ist jetzt auch meine Überzeugung. Meine Mutter hatte recht!”
Paul hörte ihm in einem ehrfurchtsvollen, ja heiligen Schweigen zu, und als er zu sprechen aufgehört hatte, antwortete er ihm: “Johannes, ich muss dir zutiefst dankbar sein, denn ohne dich hätte ich vielleicht mein Leben verfehlt. Ich wäre Arzt geblieben und hätte versucht, die Kranken so gut wie möglich zu pflegen. Ich hätte es zu einem ordentlichen Wohlstand gebracht und einen guten Ruf erworben als Mediziner, doch wahrscheinlich meinen Glauben verloren. Ich hätte für die materiellen Belange gelebt, statt für meine Seele und die Seelen Dank deinem Rosenkranz habe ich meinen Glauben wieder gefunden und während des Studiums der Medizin meine wahre Berufung erkannt und bin Priester geworden: der Priester, der du, Johannes, nach dem tiefsten Wunsch deiner Mutter hättest werden sollen…”
Auf diese Worte füllten sich die Augen des greisen Johannes mit Tränen, und schluchzend antwortete er: “Sie haben also meiner Mutter das “Ja” gesagt, das sie von mir erwartet hatte, indem sie ihren Rosenkranz benützt haben. Und ihr Leben ist völlig geglückt, während das meine, weil ich den Rosenkranz vergraben habe und von Gott und der Gottesmutter nichts mehr wissen wollte, verpfuscht blieb. Was kann ich noch tun? Ich kann es nicht mehr von neuem beginnen. Ich werde übrigens bald sterben und als völliger Versager enden!”
Paul blickte ihn voller Erbarmen an und antwortete: “Johannes, nur Gott allein kennt den Wert ihres irdischen Lebens, vielleicht ist es schöner und wertvoller als das meine. Der Herr wird uns richten nach unserem Sterben gemäß unserer Liebe und unseren guten Absichten. Ihr Leben war ein Kampf für Gerechtigkeit und die Menschenwürde auch unserer Ärmsten. Sie haben versucht, auf ihre Weise zu lieben, und selbst wenn die Menschen Sie getäuscht haben bezüglich der anzuwendenden Mitteln und der gesteckten Ziele, wird Gott Sie richten und belohnen nach ihren Verdiensten.
In dieser Nacht ist mir bewusst geworden, dass ich Priester geworden bin für Sie, um ihnen zu sagen, dass Jesus Christus auch für Sie gestorben und auferstanden ist, dass er Sie mit unendlicher Liebe liebt, dass er in seiner grenzenlosen Barmherzigkeit wünscht, seine Herrlichkeit im Himmel mit ihnen zu teilen, wenn Sie nur einverstanden sind, an ihn zu glauben und ebenso an seine Liebe für Sie. Ihr irdisches Leben kann in nichts verglichen werden mit dem Leben, das Sie in der Ewigkeit erwartet, und es ist noch nicht zu spät, Johannes, den Rosenkranz ihrer Mutter zurücknehmen und beten zu lernen zu Gott und seiner Mutter.”
Der Greis genährt von diesen Worten und der Gnade Gottes, die ihm die ganze Fülle des ewigen Lebens geoffenbart hatte, erwiderte: “Paul! Ich kann nicht mehr beten, Herr Pfarrer. Beten Sie an meiner Stelle.” Der Priester war beglückt von dieser Antwort und begann das Vaterunser zu beten und Johannes, der den Rosenkranz seiner Mutter in der Hand hielt, bemühte sich, jedes Wort aus ganzem Herzen zu wiederholen. Als sie zur Bitte gelangten: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern! Rief Johannes aus: “Mein Gott, mein Gott, vergib mir alles Böse, das ich Dir angetan, und ich vergebe allen, die mir in meinem Leben wehgetan haben!” Kaum hatte er diese Worte gesprochen, begann eine heftige Krise ihn zu schütteln. Der Priester-Arzt verabreichte ihm eine Spritze, und die Spasmen wurden schwächer.
Der Geistliche wachte bei ihm während der ganzen Nacht. Er betete zu Gott und Maria, und bat um ihren Beistand für Johannes. Er wurde erhört. Gegen sechs Uhr morgens öffnete Johannes die Augen und sah den Priester, müde, doch lächelnd an seiner Seite und mit ruhiger Stimme sagte er zu ihm: “Ich danke ihnen, Herr Pfarrer Paul! Ich hatte Angst vor dem Sterben, doch jetzt beginne ich zu hoffen. Ich weiß, dass ein anderes Leben mich erwartet, das ich nicht verfehlen möchte. Auf Wiedersehen, Paul! Oben werde ich Sie wieder sehen!”
Das waren seine letzten Worte. Sein Haupt fiel schwer auf das Kissen. Johannes war eingegangen in sein höheres, ewiges Leben, wo seine Mutter ihn erwartete. Paul legte den Rosenkranz um seine gefalteten Hände.
Da traten zwei Caritas-Schwestern in das Zimmer Nummer 17 ein, um Johannes zu versorgen. Der Priester kniete am Bett, erhob sich und sagte: “Johannes ist soeben gestorben.” Eine Schwester ruft aus: “Wußten Sie, Hochwürden, dass er Atheist und Kommunist war?” Paul antwortete freundlich: “Heute weiß ich, Schwester, dass Johannes als Seliger im Hause des Vaters weilt und dass ich ihm mein Priestertum verdanke.”
Darauf verabschiedete er sich von den Ordensfrauen, begab sich in die Kapelle, um die heilige Messe zu feiern und Gott und seiner heiligen Mutter zu danken für die Rettung dieser Seele.
(Aus: “Mater Nostra”)
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