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Vom Ziel und Ende des Menschen
 
 
 
Ich war noch jung an Jahren,
als mich der Heiland fand.
Verirrt und in Gefahren,
ergriff ich seine Hand.
 
Er suchte mich schon lange,
doch ich wollt folgen nicht.
Dem Herzen war so bange,
mir fehlte wahres Licht.
 
Traurig und unzufrieden,
so irrte ich umher.
Mir war kein Glück beschieden,
das Leben fiel mir schwer.
 
Ich wollte Freud und Frieden
einst finden in der Welt.
Ich war von Gott geschieden,
dem Teufel unterstellt.
 
Der Sünden war´n  so viele,
sie wurden mir zur Last.
Wo war der Weg zum Ziele,
Vergebung, Ruh und Rast?
 
Da hörte ich ganz leise,
ein Mahnen, sanft und lieb,
dass mich in selt´ner  Weise,
dann in die Stille trieb.
 
Ich fiel auf meine Knie,
in tiefer Scham und Reu.
Der Heiland sagte: "Siehe,
ich mache alles neu!"
 
Ich nahm ihn an im Glauben,
er nahm hinweg die Sünd.
Nichts kann das Heil mir rauben,
ich bin ein Gotteskind.
 
 
Sobald der Mensch zum Gebrauche der Vernunft gekommen ist und er sich selbst und die ihn umgebenden Dinge erkennt, wirft er in seinem Geiste die Frage auf: warum bin ich hier auf Erden und warum die Dinge, welche ich hier auf Erden durch meine Sinne wahrnehme? Schon im Kinde regt sich das Verlangen, den Zweck der Dinge zu erkennen, es fragt den Vater oder die Mutter: was tust du mit diesem Messer, mit dieser Schere, warum säest du den Samen in das Erdreich, warum verrichtest du diese und jene Arbeit? Immer tritt das "warum" hervor; und das Bestreben, den Zweck aller Dinge kennen zu lernen, ist weit größer und weit früher vorhanden, als das Bestreben, den Urgrund der Dinge zu erforschen. Je mehr Vernunft des Menschen sich entwickelt, um so größer wird auch das Verlangen, den Zweck der Dinge kennen zu lernen. Wichtiger als die Kenntnis des Zweckes der außer uns vorfindlichen Dinge ist aber die Kenntnis der Bestimmung unser selbst. Wozu bin ich auf Erden? Welches ist meine Bestimmung? Welches ist die Aufgabe, die ich hier auf Erden zu erfüllen habe?
Diese Frage hat seit den ältesten Zeiten die Gelehrten des Heidentums beschäftigt und wenn auch einzelne der richtigen Lösung derselben nahe gekommen sind, so ist es ihnen doch nicht gelungen, den wahren und eigentlichen Zweck des Menschen zu ergründen. Der hl. Augustin sagt, dass bei der Beantwortung dieser Frage über die Bestimmung des Menschen die Philosophen sich in 288 Parteien zersplitterten. Erst durch die Offenbarung ist diese Frage hinreichend gelöst worden. Wie übereinstimmend aber die Offenbarung bei Lösung dieser Frage mit der Vernunft des Menschen ist, wird sich aus Nachstehenden ergeben.
Die Bestimmung des Menschen ist, nach diesem Leben ein ewiges, glückseliges Leben zu genießen, ein Leben, in welchem seine Wünsche, sein Verlangen vollkommen befriedigt werden und zwar durch die größtmöglichste Vereinigung mit dem höchsten, vollkommenen Gute, mit der Gottheit selbst.
Wir wissen, dass der Mensch aus Leib und Seele besteht, und wenn der Leib mit allen anderen irdischen Dingen das Los teilt, vergänglich zu sein und in seine einzelnen Grundstoffe aufgelöst zu werden, so hat doch die Seele, als geistige Substanz, eine höhere Bestimmung; sie soll nicht und kann nicht, wie der Leib, aufgelöst werden, sie ist unsterblich und wird leben, wenn auch der Leib gestorben ist. Es ist das Verlangen nach dieser ewigen Bestimmung, welches in der Seele des Menschen lebt, denn da sie unsterblich ist, kann das Vergängliche und Sterbliche ihr keine volle Befriedigung geben. Wir sagen daher, dass der Mensch für die Glückseligkeit, d.h. vollkommene Befriedigung findet aber nur dann statt, wenn dem Menschen kein Gut mehr fehlt, wenn er alles Gute besitzt. Der Besitz alles Guten bildet aber die vollkommene Glückseligkeit, folglich ist der Mensch für diese bestimmt.
Dasselbe lehrt uns die Erfahrung. Seitdem wir das Dasein besaßen, suchten wir, was uns zusagte, flohen wir, was uns lästig war. Schon das Kind strebt nach Befriedigung und gibt bei jeder Entbehrung seinen Unwillen kund. Wie die Vernunft sich entwickelt, will es jenes Verlangen nach Glückseligkeit mehr und mehr stillen, gleichviel ob die Mittel zweckdienlich oder ungeeignet sind. Und was ist das ganze Treiben der Menschen anders, als ein Streben nach Glückseligkeit, ein Kampf gegen Entbehrung? Mit einem Worte: wir ALLE wollen glückselig sein und es ist nicht einmal möglich, das Gegenteil zu wollen. Aber diese Glückseligkeit, worin kann sie anders bestehen, als in dem Mangel jeglichen Übels und dem Besitze alles Guten? Und zwar des Guten, das ewig bleibt und nicht verloren gehen kann?
Noch deutlicher lehrt uns dieses die Offenbarung. Sie berichtet uns, dass die Sterblichen nach dem Tode in einen Zustand versetzt werden sollen, wo jedes Leid, jede Trauer, jedes Ungemach aufhört. "Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen; der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Klage, noch Schmerz wird mehr sein." (Offenb. 20,4)
Sodann wird die jenseitige Bestimmung unter Bildern dargestellt, welche alle auf einen Zustand der Glückseligkeit deuten. Sie wird bezeichnet als "ein herrliches Reich und eine zierliche Krone" (Weisheit 5,17), als die "Herrlichkeit" (Luk. 26,26), als "die Freude des Herrn" (Matth 25,23), als das "ewige Leben" (Matth 19,29) oder der Inbegriff alles dessen, was den Wünschen des Menschen entspricht. Ja, es wird eine Glückseligkeit in Aussicht gestellt, die jeden Begriff übersteigt: "Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr gehört, kein Herz geahnet, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben." (1. Kor. 2,9)
Um aber zu diesem Ziele zu gelangen, müssen wir hier auf Erden Gott erkennen, lieben und ihm dienen. Dies fordert Gott von uns
1. weil dieses der Natur Gottes und des Menschen an und für sich entspricht, denn Gott ist die ewige Wahrheit und der Mensch ist mit Verstand begabt, d.h. er vermag die Wahrheit zu erkennen: Ist der ganze Mensch für Gott erschaffen, so sind es auch alle seine Fähigkeiten, und auch diese müssen auf Gott bezogen werden. Der Verstand erreicht Gott dadurch, dass er ihn erkennt, wenn auch einstweilen noch unvollkommen. - Gott ist das höchste, liebenswürdigste Gut, und der Mensch besitzt ein Herz, fähig das Gute zu lieben. Das Herz mit seiner Tätigkeit hat Gott zum Ziele und muss nach diesem streben. Das aber geschieht nur dann, wenn es das höchste Gut liebt. - Gott ist der höchste Herr und der Mensch besitzt Freiheit, vermöge welcher er über seine Handlungen verfügt. Da ihm selbst aber kein anderes Ziel vorgesteckt ist, als Gott, so müssen auch alle seine Handlungen auf dieses bezogen und dem höchsten Herrn dargebracht werden. Wesen ohne Vernunft und Freiheit erfüllen den Willen Gottes ohne Selbstbewußtsein und Wahl. Da nun Gott dem Menschen höhere Fähigkeiten verlieh, so hat er ihn dadurch nicht von der Pflicht, ihm zu dienen, entbunden, sondern vielmehr gewollt, dass er auf eine edlere Weise, selbstbewußt und frei, den Willen des Schöpfers vollziehe, also ihm diene. Lieben wir Gott, so lieben wir auch seinen heiligen Willen und erfüllen also seine Gebote.
Der Mensch muss Gott erkennen, ihn lieben und ihm dienen
2. damit er fähig werde, sein letztes Ziel zu erreichen. -  Da die ewige Seligkeit in der Verbindung mit Gott besteht, muss der Mensch zu einer gewissen Ähnlichkeit mit Gott gelangen. Denn nur Ähnliches, nicht Widerstrebendes verbindet sich. Gottes Tätigkeit besteht aber darin, dass er sich erkennt, sich liebt, alle Handlungen nach Außen auf sich als das höchste Gut bezieht. Folglich muss auch der Mensch, um Gott ähnlich zu werden, ihn erkennen, lieben und Alles auf ihn beziehen, oder ihm dienen. - Die ewige Seligkeit ist ein Lohn guter Handlungen. So hat es Gott, der höchste Gesetzgeber, selbst an vielen Stellen der heiligen Schrift erklärt. Also muss der Mensch diese Seligkeit verdienen, er kann sie aber nur verdienen durch gute Handlungen und daraus folgt, dass der Mensch, will er seine Bestimmung erreichen, gute Handlungen verrichten also Gott dienen muss. Deshalb sagt der göttliche Heiland: "Das ist das ewige Leben, dass sie (die Menschen) dich, den allein wahren Gott erkennen und den du gesandt hast, Jesum Christum" (Joh 13,3). "Willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote" (Matth 19,17). Als erstes und alle anderen umfassendes Gebot aber wurde vom Heiland die Liebe aufgestellt: "Du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus deinem Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Gemüte. Das ist das erste und größte Gebot." (Matth 22,37)
 
 
 
 
Alles, was Gott außer dem Menschen in der sichtbaren Welt erschaffen hat, ist um des Menschen willen erschaffen worden. Gott hat deshalb die vernunftlose Schöpfung dem Menschen unterworfen: "Erfüllet die Erde und machet sie euch untertan, und herrschet über die Fische des Meeres und über die Geflügel des Himmels und über alle Tiere, die sich regen auf der Erde. Siehe, ich habe euch gegeben alles Kraut und alle Bäume." (Gen 1,28,29). Wenn alle Geschöpfe dem Menschen unterworfen sind, der Mensch aber zum Dienste Gottes erschaffen ist, so folgt daraus, dass diese Geschöpfe ihm ein Mittel sein sollen, um sein Ziel zu erreichen. Er darf sie also nicht so gebrauchen, dass sie seinem letzten Ziele hinderlich sind, nein, vielmehr muss er den Nutzen, den ihm die Geschöpfe gewähren, zu diesem Ziele verwenden. Dann sind diese Geschöpfe auch ein Hilfsmittel, um die Seligkeit leichter erringen zu können nach dem Worte: "Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten gereichen." (Röm 8,28) -
 
 
Wahrer Trost in Gott
(Nach Thomas von Kempen)
 
Was wir immer zu unserem Troste wünschen können, haben wir nicht hier, sondern in der Ewigkeit zu erwarten. Hätten wir auch alle Tröstungen der Welt und könnten alle ihre Freuden genießen, so ist doch so viel gewiß, dass dies nicht lange dauern kann.
Deshalb können wir keinen vollkommenen Trost und keine wahre Freude finden, als nur in Gott, dem Tröster der Armen und dem Beschützer der Demütigen. Harre nur eine kleine Weile, auf die göttliche Verheißung, so wirst du die Fülle aller Güter besitzen - im Himmel.
Wer aber nach den Gütern dieser Erde strebt, wird die ewigen und himmlischen Güter verlieren. Er kann zwar die zeitlichen Güter mit Weisheit und im Guten anwenden, aber auf die ewigen muss sein Verlangen gerichtet sein:
Kein zeitliches Gut kann uns sättigen, denn zum Genusse vergänglicher Güter sind wir nicht erschaffen. Hätten wir auch alle erschaffenen Güter, wir würden durch sie nicht glücklich und selig werden können; denn in Gott allein, der Alles erschuf, beruht all unser Glück und unsere Seligkeit. Diese Seligkeit ist nun aber keine solche, wie sie von den törichten Liebhabern dieser Welt gerühmt und gesucht wird, sondern wie die frommen Christgläubigen sie erwarten und wie diejenigen sie hier schon fühlen, die da reinen Herzens sind und deren Wandel nach dem Himmel strebt. "Wehe der Seele", schreibt der hl. Augustin, "die da hofft, etwas Besseres zu erlangen, wenn sie sich von Gott abwendet. Wohin sie sich auch wenden mag, überall trifft sie Beschwerden und findet nur Ruhe in Ihm. Die Würde des Menschen ist so groß, dass kein Gut, außer dem höchsten Gute, ihm genügen und das Verlangen seines Herzens erfüllen kann."
Darum ist jeder menschliche Trost eitel und von kurzer Dauer; wahrer und seliger Trost ist nur der, den man in seinem Innern aus der Wahrheit schöpft.
Ein gottesfürchtiger Mensch trägt seinen Tröster, Jesus, überall mit sich und spricht zu Ihm: "Jesus, mein Herr, bleibe bei mir zu jeder Zeit und an jedem Ort. Dies sei mein Trost, dass ich jeden menschlichen Trost gern entbehren will. Wenn aber auch dein Trost mir mangelt, so sei den Wille und deine gerechte Prüfung mir der größte Trost. Denn nicht immer wirst du zürnen und nicht ewiglich drohen."
 
 
 
 
Bitten des hl. Augustin
 
Herr Jesu, gib mir die Gnade, recht zu erkennen, wer ich bin und wer Du bist; verleihe, dass ich außer Dir nichts begehre; Dich liebe und Alles tue, um Dir zu gefallen; dass ich mich erniedrige, Dich erhöhe und an nichts, als an Dich denke; dass ich mich abtöte, um in Dir zu leben und Alles, was mir begegnet, von Dir annehme; dass ich mich fliehe, zu Dir flüchte, damit ich verdiene, von Dir beschützt zu werden. Verleihe mir, dass ich für mich besorgt sei, Dich fürchte und zu Deinem Auserwählten gehöre; dass ich mir misstraue, Dir aber vertraue und aus Liebe zu Dir immer gehorchen wolle; dass all mein Verlangen nur auf Dich hingehe und dass ich um Deinetwillen arm im Geiste sei. Siehe gnädig auf mich, damit ich Dich liebe; rufe mich, damit ich Dich sehe und in Ewigkeit Deiner genieße. Amen.
(Auszug aus: Der Pilgerstab des katholischen Christen, von Aegidius Müller, 1898)
 
 

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